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Mar 2015

Die Reisen des Christian Rosenkreutz

Nun habe ich Jostein Saethers neues Buch über die Reisen des Christian Rosenkreutz durch die islamische Welt des 14. Jahrhunderts vorliegen. Hier, im Egoistenblog, ein Textausschnitt. Saether bezieht sich im Buch vorrangig auf die Fama Fraternitatis- eine der berühmten Rosenkreuzer- Schriften, in denen der beschriebene Reisende mit dem Kürzel C.R. auftritt. Auch Rudolf Steiner hat in einer Anmerkung bestätigt*, dass „Christian Rosenkreutz“ ein Kunst- Name sei- die damit beschriebene Person bleibe anonym, sei aber gleichwohl authentisch. Saether geht ebenfalls von der Authentizität dieser legendären Person aus- sein Anliegen ist es, im Buch dem Einfluss nach zu gehen, den die kulturellen Einflüsse dieser frühen, einzigartigen Orientreise um das Jahr 1400 auf das Denken von Rosenkreutz gehabt haben mögen.

saether
Rudolf Steiners Betrachtungen nach war CR ein besonders herausragender Repräsentant des esoterischen Christentums, ein Eingeweihter, der in dicht aufeinander folgenden Inkarnationen bis hin zu direkten politischen Interventionen (im Vorfeld der französischen Revolution) erheblichen Einfluss gehabt hatte und hat. Für Rudolf Steiner war der naturwissenschaftliche Ansatz der rosenkreuzerischen Schulung von erheblicher Bedeutung, da dieser seinem eigenen entsprach: „Und so stellte sich für die Rosenkreuzerei das Merkwürdige heraus, dass wie in einem Übergangsstadium diese Rosenkreuzer sich bekannt machten mit allem, was über die Natur in der Zeitepoche erforscht werden konnte. Das nahmen sie in sich auf, verarbeiteten es. Sie hatten wirklich dasjenige, was die anderen nur zur Wissenschaft machten, bis zur Weisheit getrieben. (..)
So dass in der Tat gerade von den Rosenkreuzern eingesehen wurde, dass dasjenige, was man zunächst in der modernen Erkenntnis erhält, erst gewissermaßen den Göttern entgegengetragen werden muss, damit sie es in ihre Sprache umsetzen und es den Menschen wiedergeben. Dass das sein kann, ist ja bis in die Gegenwart geblieben. Studieren Sie heute, indem Sie von dem hier gemeinten rosenkreuzerischen Initiationsprinzip berührt worden sind, den Haeckelismus mit all seinem Materialismus, lernen Sie alles dasjenige darüber, was man durch äußere Naturwissenschaft lernen kann, und tragen Sie das dann den Göttern entgegen, und sie bekommen dasjenige, was in meinem Buche «Geheimwissenschaft» über die Evolution erzählt ist.“**

Dass ein solches naturwissenschaftliches Denken dem jungen Rosenkreutz in Form der Hochblüte islamischer Wissenschaft entgegen kam- ebenso wie die verbreitete Mystik des Orients- erscheint ganz selbstverständlich. Er ist, wie am Ende der Fama zu lesen ist, schon damals mit einer solchen Einstellung und solchen Interessen im Westen - erwähnt ist das christliche Spanien- auf Ignoranz und Ablehnung gestossen.

Saether bezieht aufgrund der dünnen Quellenlage - etwa was die adlige Herkunft Rosenkreutz´, seine kindliche Erziehung in einem Kloster eventuell am Rhein betrifft- einiges mit ein, was einer strengen historischen Betrachtung als etwas gewagt erscheinen muss. Er sammelt Hinweise und breitet ein mögliches Umfeld aus. Saether schildert ein religiöses, politisches, soziales und kulturelles Milieu. Dies unternimmt er quer durch die ganze Reise hindurch- wodurch ein stimmiges Bild des Umfeldes entsteht. Die Details- ob Rosenkreutz ein genuesisches oder anderes Handelsschiff zur Überfahrt benutzt haben mag- bleiben nachrangig. Umstürze, Kriege, Schlachten- das alles waren Szenarien, denen Rosenkreutz nicht selbst ausgesetzt war, die aber gleichwohl während seiner langen Reise im seinem Umkreis stattfanden und die er höchstwahrscheinlich wahrnahm. Saether führt die Details der historischen Umstände daher aus. So entstehen beim Leser Bilder der inneren Spannungen des osmanischen Reiches, das Rosenkreutz in dieser Zeit bereiste. Saether geht dabei bis dahin, die übliche Kleidung, die Mühsale der Seereisen, die Schiffskonstruktionen und das damals verfügbare Karten- Material zu betrachten. Bei der Betrachtung der Handelswege kommt er zu der Vermutung, dass Rosenkreutz bis in die Stadt Petra - die über Handelsposten der Templer verfügt hatte- gekommen ist, und quer durch den heutigen Jemen gereist sein muss. Die in der Fama genannten Orte wie „Damcar“ kann man nicht eindeutig zuordnen. Daher ist die Untersuchung und Verfolgung der damals üblichen Handelsrouten - etwa die Weihrauchstrasse nach Südarabien- stimmig. So bildet Saether den wahrscheinlichen Reiseweg von Rosenkreutz bis über Marokko nach Spanien nach- immer wieder auch unterlegt von Aussagen Rudolf Steiners. Auch der Sufismus und die Mystik des ganzen bereisten Raums sind ein Schwerpunkt- Thema.

Ob seine Betrachtungen zum so genannten Voynich- Manuskript, das er als Hinterlassenschaft von Rosenkreutz interpretiert, stichhaltig sind, kann ich nicht beurteilen. Auch die Frage, ob Rosenkreutz die nach ihm benannte Geheimgesellschaft im Verborgenen hielt, um dem wachsenden Druck der Inquisition zu entgehen, mag etwas spekulativ sein. Dennoch bieten Saethers umfassende Recherchen ein ungemein eindrückliches Stimmungsbild der von Rosenkreutz bereisten Gegenden und seiner Lebensumstände. Es ist ein lesenswertes Buch auch für die, die sich nicht im Speziellen für die Rosenkreuzer interessieren, sondern für eine Epoche in heftiger Bewegung und in zahlreichen Umbrüchen.

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Jostein Saether: Christian Rosenkreutz und die islamische Welt. 400 Jahre Fama Fraternitatis, Hamburg 2015

*R. Steiner, GA 55, S. 176
**R. Steiner, GA 233a. S. 87f
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Der Mann, der lächelte. Eine kleine Geschichte der Internet- Spionage

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Gehen wir mal ein ganzes Stück zurück - sagen wir bis ins Jahr 1989-, um zu verstehen, wo die Grundlagen liegen für heute aktuelle Problemfelder wie Total- Überwachung der Netze durch die NSA, Drohnenkriege, russische Desinformationstaktiken, chinesische Digital- Mauer gegen westliche Aufklärung, usw. Es liegt seit einigen Jahren ein aufschlussreiches Buch des Insiders Gordon Thomas vor - Gideon´s Spies: The Inside Story of Israel´s Legendary Secret Service - der darauf doch ein deutliches Licht werfen kann.

1989, als die Intifada und damit Israels Kampf gegen die PLO sich wieder einmal auf einem Höhepunkt befanden, erfolgte die Arbeit der Geheimdienste noch auf der Grundlage von klassischer Einschleusung von Agenten. Ein finanziell enttäuschter Programmierer, Earl Brian, hatte ein Telefon- und Computer- Überwachungs- Tool namens „Promis“ entwickelt, das er vermarkten wollte. US- Dienste hatten seine Idee zwar aufgegriffen - und, aber ohne ihn zu berücksichtigen, eigene Varianten entwickelt. Brian wandte sich enttäuscht an einen leitenden Führungsoffizier des Mossad, Rafi Eitan. Dieser erkannte intuitiv, dass ein solches Überwachungstool die gesamte Arbeit der Nachrichtendienste verändern würde. Konkret würde es dem Mossad bessere Möglichkeiten bieten, den Palästinenser- Führer Yassir Arafat zu überwachen: „No longer, for instance, would it be necessary to rely solely on human intelligence to understand the mind-set of a terrorist.“ Es würde eine „Brave New World“ entstehen, von der Israel profitieren konnte: „Rafi Eitan realized that Promis could then have an impact on the Intifada. For a start, the system could lock on to computers in the PLO’s seventeen offices scattered around the world to see where Arafat was going and what he could be planning. Rafi Eitan put aside his foraging for scrap metal and focused on how to exploit the brave new world Promis offered.

Ebenso wie in den USA entwickelte der Mossad aus dem ursprünglichen Tool angepasste Varianten - aus dem, was die amerikanischen Dienste daraus letztlich entwickelten, leitet sich heute die Arbeit des NSA ab. Die Bedeutung wuchs immer weiter- im Gleichschritt mit der Ausbreitung digitaler Kommunikation schlechthin. Schon 1989 übertraf das Tempo und die relative Ausbreitung der Überwachungstools alles, was Menschen - d.h. klassische Spionage- hätten leisten können, um ein Vielfaches: „Promis could be programmed to eliminate all superfluous lines of inquiry and amass and correlate data at a speed and scale beyond human capability.“ Es ging aber von Anfang an nicht nur um reine Überwachung, sondern auch um den Einbau von „Trapdoors“- verborgenen Aspekten der Programme, die zur Spionage im Hintergrund dienen konnten, wenn das Tool anderen Diensten zur Verfügung gestellt wurde oder ihnen in die Hände fiel: „Ben-Menashe later claimed he was asked to organize the insertion of a “trapdoor,” a built-in chip that, unknown to any purchaser, would allow Rafi Eitan to know what information was being sought.“ So weit war es aber noch nicht. Vorerst installierte der Mossad Promis im Nachbarland Jordanien und verknüpfte es mit ähnlichen Informationskanälen der französischen Dienste: „Jordan was selected as the site, not only because it bordered on Israel, but because it had become a haven for the leaders of the Intifada. From the desert kingdom, they directed the Arab street mobs on the West Bank and Gaza to launch further attacks inside Israel.“

Es zeigte sich bald, dass Promis auch dazu dienen konnte, bevorstehende Attentate in anderen Ländern - zunächst in Italien - zu verhindern. Aber auch die Überwachung von Arafat gelang trotz dessen geradezu paranoider Vorsicht hervorragend: „Yasser Arafat was selected as the ideal example. The PLO chairman was renowned for being security-conscious; he constantly changed his plans, never slept in the same bed two nights in succession, altered his mealtimes at the last moment. Whenever Arafat moved, the details were entered on a secure PLO computer. But Promis could hack into its defenses to discover what aliases and false passports he was using. Promis could obtain his phone bills and check the numbers called.

Der nächste folgerichtige Schritt war es, die mit der digitalen Trapdoor versehene Software weltweit zu streuen, um die Nachrichtendienste anderer Staaten auf komfortable Art - und ohne Einsatz menschlicher Agenten - zu unterwandern. Zugleich konnte Promis die Kooperation mit Diensten, die damals noch im Interesse Israels lagen, vertiefen. Zu den dunklen Kapiteln dieser Tätigkeit gehörte die damalige Unterstützung des wankenden Apartheid- Regimes Südafrikas. Man benötigte für die unauffällige Vermarktung von Promis einen scheinbar unabhängig, international agierenden Geschäftsmann, der kein Misstrauen erregte.

Dieser Verkäufer war der chronisch klamme Medien- Mogul Robert Maxwell - einer der großen, legendären Zeitungs- Verleger wie Rupert Murdoch und (in Deutschland) Kirch und Springer. Der aus der Ukraine stammende Maxwell, dessen Familie im Holocaust umgebracht worden war, benötigte 1988 Milliarden, um den britischen Verlag Macmillan zu übernehmen. Als langjähriger englischer Parlamentarier war sein Ruf trotz einer gewissen Exzentrizität hervorragend. Offenbar lieh der Mossad Maxwell erhebliche Summen. Im Gegenzug bot Maxwell das mit Trapdoors versehene Promis- Programm auf dem internationalen Markt an: „But there was no doubting Maxwell was a brilliant marketeer of Promis—or, as far as Mossad was concerned, of the effectiveness of the system.“

Nachdem nichts ahnende befreundete Dienste Promis bereits erworben hatten („By 1989, over $500 million worth of Promis programs had been sold to Britain, Australia, South Korea, and Canada.“), biss auch der KGB an. Die zerfallende Sowjetunion entwickelte sich trotz Gorbatschows Öffnung und Reformkurs auf schwer einschätzbare Art und Weise. Das sollte sich durch Promis ändern: „Shortly afterward Robert Maxwell flew to Moscow. Officially he was there to interview Mikhail Gorbachev. In reality he had come to sell Promis to the KGB. Through its secret trapdoor microchip, it gave Israel unique access to Soviet military intelligence, making Mossad one of the best-briefed services on Russian intentions.“

Leider zeigte sich im folgenden Jahr, dass Maxwells Imperium aufgrund weiterer Übernahmen finanziell schwankte. Maxwell hatte sich ganz offensichtlich übernommen. Statt seine Schulden zu begleichen, pochte er auf weitere Gelder aus Israel und griff illegal in die Pensionsfonds seiner zahlreichen Angestellten. 1991 war Maxwell - nicht zuletzt aufgrund seiner Launen - zum unkalkulierbaren Risiko geworden. Er wurde liquidiert: „Britain’s Business Age magazine subsequently claimed that a two-man hit team crossed in a dinghy during the night from a motor yacht that had shadowed the Lady Ghislaine. Boarding the yacht, they found Maxwell on the afterdeck. The men overpowered him before he could call for help. Then, “one assassin injected a bubble of air into Maxwell’s neck via his jugular vein. It took just a few moments for Maxwell to die.”

Robert Maxwell wurde durch Henning Mankell in Der Mann, der lächelte ein nicht unbedingt schmeichelhaftes Denkmal gesetzt.

Nach seinem Tod wechselte der Mossad teilweise seine politische Ausrichtung und unterstützte etwa in Südafrika von nun an den ANC Nelson Mandelas mit denselben Mitteln, mit denen er ihn bis dahin bekämpft hatte: „Mossad also increased its ties with Nelson Mandela’s security service, helping it to target white extremists, many of whom it had previously worked with.“ Auch die Verbindungen zur US- Administration waren in den Folgejahren nicht nur freundschaftlich. Nach der skandalösen Bloßstellung der engagierten CIA - Frontfrau Valerie Plame (der Skandal wurde 2010 in dem Spionage- Thriller Fair Game thematisiert) durch die graue US - Eminenz Karl Rove war es wahrscheinlich der Mossad, der die Winkelzüge der Bush- Administration mittels Überwachungs- Software auffliegen ließ: „The saga of how that happened would turn out to be a classic dirty tricks operation culminating in October 2005 with Lewis Libby, Vice President Dick Cheney’s chief of staff, being indicted on perjury charges and Karl Rove, the White House senior adviser to President Bush, facing investigation by a grand jury. Their role centered in the unmasking of a CIA field officer, Valerie Plame, the wife of a former U.S. ambassador to Niger, Joseph Wilson. It is a criminal offense in America to identify an active secret agent. Mossad’s role in the fiasco would remain untold until these pages.“

Bis heute sind die Überwachungstools wie Promis zum Universal- Werkzeug aller großen Nachrichtendienste geworden- es tobt inzwischen ein zurecht so bezeichneter Cyber- War. Insbesondere die chinesischen und russischen Desinformations- Kampagnen greifen massiv in den Datenverkehr ein- selektierend, unterminierend. Die jahrelange Flucht nicht zuletzt von Bin Laden hat mehr als deutlich gemacht, dass diese Arten von Überwachungstools an ihre Grenzen stossen. Zugleich hat die Verknüpfung mit Gesichtserkennungs- Software, Sozialen Netzwerken und Drohnen eine nie geahnte, nahezu totale Überwachung und eine neue Art der Kriegsführung möglich gemacht.
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Bildquelle: ARD/ Degeto Bildschirmfoto von oben verlinkter Website
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Technisches

Leider haben durch technische Veränderungen Auswirkungen auch auf dieses kleine Blog. Durch notwendig gewordene Updates funktionieren einige Funktionen - wie die interne Suchmaschine- nicht länger. Das ist schade, weil auch das Unter- Blog Egoistenblog bei Google- Blogspot einbezogen war- ebenso wie abgelegte Dokumente auf dem Server. Solche Funktionen müssen einzeln implementiert werden und sind meist auch kostenpflichtig. Zusätzlich zu den laufenden, stetig steigenden Kosten des gemieteten Webspace kommen die Updates der Software und der einzelnen Plugins. Viel gravierender ist aber, dass die Implementierung des Sub- Blogs Egoistenblog, das ich zusammen mit Ingrid Haselberger moderiere, hier nun gar nicht mehr möglich ist. Das liegt nicht an Kosten, sondern an den gestiegenen Sicherheitsbedenken von Google. Google sieht inzwischen in einer solchen Implementierung ein Einfallstor für Hacker. Andererseits gibt es hinter den Kulissen technische Bedenken von Google, dass in einer solchen Implementierung eine mögliche Verfälschung von Suchmaschinen- Einträgen liegen könnte. Das ist zwar bei mir nicht der Fall, aber ich kann es einem Robot nicht erklären. Kurz: Die endgültige Trennung der Websites ist nun unausweichlich und hiermit vollzogen. Schade drum.
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