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Mar 2012

Stein im Weg

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Eigentlich ist es doch merkwürdig, wie viele Steine wir uns selbst in den Weg legen- angesichts der Erkenntnis, dass wir ein jeder für sich Ausdruck seiner selbst ist. Wir sind in eine Form geprägt- aber keineswegs erstarrt und in toter Endgültigkeit, sondern eigentlich unentwegt sich aktiv ausdrückend. So wie wir in Form - in einem biologischen Rahmen- uns als wir selbst artikulieren, sind wir auch noch fähig, sprachlich zum Ausdruck kommen zu können. Es ist eine paradoxe Situation, denn die sich selbst wahrnehmende Form unserer selbst hat sich verselbständigt und sich in der ununterbrochenen Wahrnehmung einer umgebenden Erscheinungswelt, in Selbstgefühl und nackter Reflexion verloren- sie hat ihre eigene Lebendigkeit nicht mehr im Blick, obwohl sie sich daraus speist.

Noch merkwürdiger wird es, wenn die Form, die wir sind, sich immer weiter in gefühligen Manien verliert - etwa durch Ehrgeiz gespeist - oder sich in intellektuellen und ideologischen Gedankenkaskaden abschottet- gebannt in eine Attitüde ständiger Selbstrechtfertigung und -verteidigung.

Vollends bizarr wird die Selbstvergessenheit in religiösen oder spirituellen Exzessen, in denen eine Selbstvergottung zelebriert wird, die Einsetzung einer omnipotenten, aber egomanischen Entität, der es von Anfang bis Ende an jeder Wirklichkeit mangelt. Das Hängen an dem, was wir als unsere "Persönlichkeit" empfinden, hat suchtartigen Charakter. Im Kern ist das der Stein, der uns vor allem im Weg liegt.
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Sister Sue und das verzweigte Ich

Natürlich kann es an einen Punkt kommen, an dem das alles zu einem Ende kommt. Es fühlt sich an wie ein Scherbenhaufen, und es handelt sich unverkennbar um Steinchen aus der eigenen Biografie. Es kann bis zu einem Punkt kommen, an dem man das alles, was man da aufgefahren, was man geleistet, aber auch in idealisierter Art und Weise vor das eigene Auge gestellt hat, auf einmal klar und unverkennbar im Raum steht. Man hat sich so weit entfaltet, so weit ausgebreitet:

"Sister Sue she's short and stout
She didn't grow up, she grew out
" (1)

Manchmal sehe ich einen vielleicht erfolgreichen Menschen an und kann nicht anders denken, als wie anstrengend es sein muss, dauernd Derjenige zu sein- nicht nur im Laufe der Entfaltung bis zum Stadium dieses Menschen, sondern aktuell und in jedem wachen Augenblick. Es kostet uns alle unendliche Energien, dieses Stadium, diese Persona aufrecht zu erhalten, über Jahre, Jahrzehnte, ein Leben hindurch. Es ist de facto aufzehrend. Wenn es nur gelänge, einen Augenblick lang all diese verschwendeten Energien zu bündeln und ohne Absichten und Wünsche, ohne Inhalte und Vorstellungen einfach im Raum stehen zu lassen, wüssten wir, was Meditation bedeuten kann. Wir sind einfach zu absorbiert vom Anspruch, Derjenige zu sein, um zu bemerken, über welches Potential wir eigentlich verfügen: Ganz direkt, ohne ein vermittelndes leibliches Medium präsent zu sein.

Am Ende ist es vielleicht so, dass einem nichts bleibt, was man so Bleibendes zu nennen gewohnt war: "Du bist sehr verzweigt, und nur die grössten Drohungen können dich zusammen fassen.“ (2)

Dieses ist es, das besteht: Der klare Blick, die aufrechte Gestalt (selbst wenn es eng wird), die Haltung und mit alledem: die geistige Authentizität, die keinerlei Spiegelung, Brechung oder gar gedankliche Fassung benötigt. Es ist dieser Blick, in dem man sich offenbart, nicht nur nach Außen, sondern auch dann, wenn man nach Innen, auf sich selbst schaut.

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1) Randy Newman in "My old Kentucky Home".
2) Elias Canetti, Die Fliegenpein. Aufzeichnungen, S. 49
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Nächtliche Krisengespräche vor dem Ouzo

Vielleicht liegt es ja an den Ärzten im Kreis der Freunde, an den Hospizmitarbeitern, oder einfach daran, dass wir alle langsam in ein etwas fortgeschritteneres Alter kommen- genauer gesagt, in ein Alter, das man bei unserer Geburt noch für "Alter" gehalten hat. In der Zeitung, die auf dem Tisch liegt, werden zwei hundertjährige Damen interviewt, die nicht im geringsten als dement erscheinen, ganz im Gegenteil. Deren Lebenserwartung lag bei ihrer Geburt noch bei fünfzig Jahren. Wen man heute als alt empfindet, hängt von der Perspektive ab. Natürlich finden Jugendliche alle über Dreißig ziemlich alt. Bei denen, die gerade Fünfzig werden, klingelt die innere Alarmglocke. Was ist alt?

Am Abend kommt die Rede auf den Freitod. Ab welcher Grenze würde man zu diesem Mittel greifen? Es kommt auf die Perspektive an. Die, die gesund sind, sehen die Grenze bei einer entwürdigenden Entstellung- etwa einem Krebs, dessen Geschwür nach außen aufbricht. Aber der Stand der heutigen palliativen Medizin macht ein bewusstes, schmerzfreies Leben selbst unter solchen extremen Bedingungen durchaus lebenswert. In den Schrecken eines Wegbrechens der körperlichen Integrität kann man sich durchaus auch einrichten- mit Einschränkungen, gewiß, aber nicht unter dem Zwang, diesen Zustand beenden zu wollen. Wenn das Flämmchen kleiner wird, hütet man es mehr denn je. Der Überschwang derer, die im Saft stehen und aus dem Überfluss leben, ist eine Sache. Aber die, die näher rücken an das Unvermeidliche, kosten doch im überwiegenden Maße die verbleibenden Tage bis an den Rand aus.

Und wie ist es mit den Dementen? Wenn das Gehirn sich mit Eiweiß- Verklumpungen verstockt und vernebelt: Welches Bewusstsein hat man da noch? Weiß man um die missliche Lage? Gibt es ein Bewusstsein, wenn es sich körperlich gar nicht mehr artikulieren kann? Jemand sagt, die Buddhisten hätten auch Flugangst, und was der Steiner sage, sei doch sehr theoretisch. Aber im Hirnscan von Meditierenden, die so weit entrückt seien, wären doch signifikante Wellen- und Aktivitätsmuster, die auf ein Bewusstsein deuteten, das für sich und aus sich bestünde und vermutlich wenig vergleichbar sei mit dem körpergebundenen Alltagsdenken. Vermutlich. Man ist sich einig, dass das die Fragen sind, die die Menschen seit Tausenden von Jahren begleiten. Es ist nicht so, dass man die Fragen unbedingt sucht, aber sie finden einen: Da ist ein Partner, der stirbt, da ist ein Junge im Wachkoma, da begleitet jemand Krebskranke im Endstadium, und eine sucht als Notärztin die Selbstmörder dieser Stadt auf, einer ist krank, und einer kommt nicht gut klar damit, jetzt über Fünfzig zu sein. Gut, jetzt haben wir das mal besprochen. Horst holt endlich den Ouzo aus dem Eisfach, und gegen drei Uhr morgens verrutscht die Diskussion vom Alter ins Nirgendwo, jedenfalls irgendwo jenseits der Eiweß- Verklumpungen.
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Rudolf Steiner: Die Kraft der Meditation und das Alltagsleben

Dazu ist eigentlich noch etwas notwendig, was berücksichtigt werden muss. Der Meditierende wird ja oft wiederum in den Schlendrian des gewöhnlichen Lebens zurück fallen; er muss das ja auch, da er zwischen Geburt und Tod ein Erdenmensch ist. Das gewöhnliche Bewusstsein muss sich immer wieder finden. Aber wir können ja so sein im Leben, so zum Beispiel: wenn wir - ich meine jetzt, im negativen Sinne können wir es -, wenn wir irgendeinen Schmerz, der habituell bleibt, der chronisch wird, wenn wir den haben, wir empfinden ihn immer; wir können manchmal ihn übersehen, aber wir empfinden ihn. So sollten wir auch erleben, wenn wir einmal erfasst worden sind von der Kraft der Meditation. Wir sollten uns eigentlich immer so fühlen, dass wir uns sagen: dieses gewöhnliche Bewusstsein hat ja einmal meditiert, es ist ja einmal erfasst worden von der es durchsetzenden Kraft der Meditation.

Wir sollen fühlen, dass die Meditation da war, dass wir einmal in ihr waren. Wir sollen ein anderer Mensch geworden sein dadurch, dass wir fühlen, die Meditation macht uns zu etwas anderem. Dadurch, dass wir einmal mit ihr begonnen haben, können wir gar nicht mehr im Leben vergessen - auch nicht für Augenblicke vergessen, meine lieben Schwestern und Brüder -, dass wir Meditierende sind. Dann ist dies die rechte Stimmung des Meditierenden.

Wir sollen so uns hineinleben in das Meditieren - wenn wir natürlich auch selbstverständlich das Meditieren nur kurz treiben, ohne dass es uns das übrige Leben stört -, dass wir eigentlich immer uns fühlen als Meditierende und dass wir, wenn wir einmal vergessen, dass wir Meditanten sind, und nachher darauf kommen, wir haben das vergessen, es hat Momente im Leben gegeben, wo wir das vergessen haben: da sollten wir uns das Gefühl aneignen, uns so zu schämen, wie wir uns schämen würden, wenn es uns passierte, dass wir ohne Kleider nackt durch eine ganz mit Menschen besetzte Straße liefen. Das sollten wir uns aneignen. So sollten wir den Übergang vom Nichtmeditieren zum Meditieren auffassen, dass es keinen Moment gibt, der so ist, dass, wenn wir ihn ohne das Bewusstsein, dass wir Meditanten sind, hinterher entdecken, wir uns seiner nicht schämen würden. Das ist dasjenige, worauf viel ankommt.

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Rudolf Steiner, GA 270b
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Das Glück des Verstehens

Das Glück des Verstehens kann man erinnern- im Gegensatz zum frühen Spracherwerb. Letzterer geschieht noch unter dem Mantel der Nacht, indem wir im Schoß der Dinge ruhen und sie träumend bewegen. Die Namen der Dinge sind relativ irrelevant, wir lernen sie in unserem Sprachkorpus, aber vor allem erträumen wir uns die Funktionen der Dinge. Nur im Vergegenwärtigen der Funktion können wir die Erscheinungen, denen wir als Kind begegnen, generalisieren und auf alle möglichen und denkbaren Formen übertragen; ja wir können ganz neuartige Formen erfinden. Stellvertretend für diese Funktion, die nicht zu erklären ist (schon gar nicht einem Kind, das Sprache erst erwirbt), bilden wir zur Vereinfachung Vorstellungen, d.h. bildliche, dingliche Repräsentanzen. Ganz wesentliche Koordinaten unseres sprachlichen Verständnisses sind ja auch nicht mit Vorstellungen belegt; "Das ist ein Tisch": Das Wichtigste an diesem Satz ist nicht das gemeinte Objekt, sondern der Verweis darauf hin: "Das". Es bedeutet Dort, von dir aus gesehen, es bedeutet Ausblenden aller anderen Dinge, es konstituiert ein Ich-Es-Verhältnis, eine Beziehung, eine Relation. Man kann "Das" nicht erklären.

Das Glück des Verstehens aber schimmert später auf und ist bis zum Vorabend der Pubertät ein erinnerbares Glück. Wie sich die Funktionen von Erscheinungen plötzlich erschließen und zusammen fügen! Tatsachen, die lose beieinander lagen, enthüllen sich auf einmal in ihrem Zusammenhang. Wir fühlen uns geradewegs von Glück erfüllt, wenn wir erkennen, dass dieser Prozess weiter und weiter geht und gehen kann und soll- es ist eine Art, sich die Welt der Erscheinungen zu erschließen.

Diese Entdeckungen werden im Erwachsenenalter spärlicher- oder zumindest weniger bemerkt. In der Jugend wurden wir getragen vom Verstehen und Erschließen, waren sicher, dass diese Welt unser ist und dass wir sie verändern werden. Unser In-der-Welt-Sein gründet ja darauf, unsere seelische Integrität ist auf Verstehen und Verstandenwerden gerichtet.

Mit dem Älterwerden schleicht sich eine Routine im Erklären der Welt ein, eine Patina, manchmal sogar eine müde Mechanik und Automatismen, die womöglich auch dort Verbindungen entdecken wollen, wo bloßer Zufall vorliegt. In das Verstehen schleicht sich hier und da das Gift des Spekulativen ein, vielleicht auch der Hang zum Verabsolutieren und zur ideologischen Verhärtung. Aus der Entdeckerfreude wird womöglich ein fester Standpunkt- auch da, wo es ganz und gar auf genaues Beobachten und zurückhaltendes Urteilen ankäme. Es ist, als würde sich eine Borke bilden, eine schrundige Masse- häufig gerade bei früher glühenden Idealisten, die mit der Zeit müde geworden sind.

Die Bedeutung oder das Verstehen bleiben aber unsere täglichen, dauernden Begleiter, pragmatisch und prinzipiell. In ihnen rühren wir immer wieder an die Nachtseite unseres Seins:
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In jeder Bewegung, in der wir an Bedeutung rühren, wechseln wir von der einen auf die andere Seite der Stille. Und in der Gegenrichtung, wenn wir eine Bedeutung zum Ausdruck bringen."
(Kühlewind, Licht und Leere, S. 79)
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Vernünftige Unvernunft

Der Schritt vom Konstruktivismus zur spirituellen Fragestellung ist nicht so weit, wie er manchmal dargestellt wird. Zunächst wird im Radikalen Konstruktivismus von einer "Kritik des naiven Realismus" ausgegangen: "Er setzt jenem einen Relativismus entgegen, der Objektivität zur Unmöglichkeit erklärt. Vor allem subjektive Beobachterpositionen erscheinen ihm wesentlich." (Quelle Wikipedia).

Der Begriff des Konstrukts kann aber auch auf die Identität des Aussagenden selbst erweitert werden. Das an der eigenen Person zu Beobachtende, selbst die Erinnerungen, Gefühle, Impulse sind keine objektiven Tatsachen; der Schritt zur spirituellen Positionierung gelingt mit der Frage an den Zeugen- an diejenige Instanz, die in der Lage ist, die Relativität und den Kontext des personalen Konstrukts, das wir „Ich“ nennen, zu erkennen. Es ist eine Instanz, die offensichtlich die gegebenen Subjekt- Objekt- Bezüge übersteigt, da sie sonst nicht das eigene Subjekt mit seinen Objektbezügen zum Objekt machen könnte.

Bei Fragestellungen dieser Art bewegen wir uns schon weit im Feld der Paradoxien. Paul Watzlawick, der verstorbene konstruktivistische Philosoph und Therapeut, sprach von einem Gefängnis, von einer Illusion der Alternativen, solange "die Lösung nämlich innerhalb der Dichotomie von z und nicht-z gesucht wird" (1): "Was nämlich sein Dilemma verewigt und es ihm unmöglich macht, die der Vernunft scheinbar widersprechende Lösung zweiter Ordnung zu sehen, ist eben gerade die blinde Annahme, dass man zwischen z und nicht-z zu wählen habe und dass kein anderer Weg aus dem Dilemma führe." (1)

Lösungen zweiter Ordnung entziehen sich dem, was aus dem Kontext der Person und ihrer sozialen Bezüge heraus als "vernünftig" gelten könnte. Watzlawick war ja ein Meister darin, Situationen auch aus dem Alltagsleben zu finden, die nur durch eine paradoxe Reaktion aus dem Teufelskreis ihrer Selbstbezüglichkeit, ihrer Zirkularität (2) in Reaktion und Gegenreaktion, zu lösen sind. Er setzte das auch als therapeutische Methode ein. Den inneren Bezug solchen Handelns sah er in Zen und im Taoismus:
"Dies ist ein uraltes, besonders in der Mystik und den ihr verwandten Geistesströmungen in verschiedenster Form immer wiederkehrendes Motiv. Im Taoismus klingt es im Begriff des wu-wei, der "absichtlichen Absichtslosigkeit" an"; oder ab in einem "Zen koan, dessen Zweck es ist, das menschliche Erleben der Wirklichkeit aus dem Käfig des Denkens in Gegensatzpaaren heraus zu jenem Quantensprung auf die nächsthöhere logische Stufe, dem satori, zu verhelfen. Zum Ausdruck des Verschwindens der Gegensatzpaare stehen unserer Sprache nur paradoxe Formulierungen offen." (1)

Watzlawick bringt ein Beispiel aus dem Zen: "Als Graf Dürckheim im Gespräch mit Altmeister Suzuki diesen "mit Bezug auf das vom Menschen immer wieder gesuchte und ihn doch ja stetig um- und durchflutende Sein fragte, ob es etwa so sei, wie der Fisch, der nach dem Wasser sucht, antwortete er mit leisem Lächeln: "Es ist noch mehr. Es ist so, wie wenn das Wasser nach dem Wasser sucht.""

Der meditative Schulungsweg verschärft die Positionierung auch in Bezug aus existentielle Fragestellungen, da in der Suchbewegung nach einem Selbst ein dualistisches Ich- Konzept nicht mehr funktionieren kann. Das bringt den Suchenden ganz ohne Zweifel an einen existentiellen Nullpunkt, an einen Punkt, an dem man vor dem Nichts steht. Dazu Kühlewind: "Jede Erhöhung der Erfahrungsebene stellt die Seele vor ein Nichts oder einen Abgrund, weil sie im nächst höheren Gebiet zunächst nicht strukturieren, das heißt unterscheiden kann." (3) Das ist das Grundproblem, an dem die meditative Bemühung ohne Zweifel häufig scheitern muss: Hier werden auch die Axiome unseres Selbstkonzepts in Frage gestellt. Wir müssen lernen, uns in der Paradoxie einzurichten.

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1) Watzlawick, Weakland, Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels, Bern 1974, S. 113f
2) „In der Kybernetik bezeichnet man das Resultat von Rückkopplungsprozessen mit dem Begriff der Zirkularität.[1] Zirkularität beschreibt das zentrale Prinzip kybernetischen Denkens[2] oder kybernetischer Prozesse.[3]
Darin wird ein Verhalten einer systemischen Einheit beschrieben, indem die Wirkungen des eigenen Verhaltens (Outputs) rückgekoppelt werden, um das zukünftige Verhalten des Systems direkt und unmittelbar beeinflussen zu können. Zirkularität bildet hier die Grundlage für selbstorganisierende Systeme.“ Wir beziehen diesen Begriff aus der Kybernetik auf soziale Rückkopplungsprozesse, aus denen wir uns als Person konstituieren.
3) Georg Kühlewind, Meditationen über Zen-Buddhismus, Thomas von Aquin und Anthroposophie, Stuttgart 1999, S. 71
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Der Flug einer Schwalbe

Vor dem "reinen" oder meditativen Denken, das mehr einer Kraftentfaltung als einem definierten Begriff ähnelt, kommt das multiperspektivische Denken. Auf der untersten Stufe dieser Hierarchie steht der "feste Standpunkt" oder sonstige ideologische Geschwulste.

Das ideologisch- binäre Denken benötigt, um sich zu erhalten, auch notwendigerweise einen Gegenstandpunkt. Die simplen Schemen und aufgebauschten Gegensätze hatten ihre grosse Zeit in der Ära des Kalten Krieges. Die binäre Struktur in der Politik erzeugt eine von innen her zitternde labile Ordnung- vielleicht sogar hysterisch aufgeheizt. In der Hitze des ideologischen Gefechts erlebt sich das binäre, aber selbstbezügliche Denken selbst. Es ist hier so sehr auf seinem Höhepunkt wie es auf der anderen Seite gelegentlich in den Abgrund des Selbstzweifels kippt.

Das multiperspektivische Denken, um das es hier geht, ist einen Schritt weiter, da es sich den dualistischen Spannungen entzieht. Es kann jederzeit unterschiedliche Standpunkte einnehmen, ohne sich dabei zu verrenken oder selbst untreu zu werden. Daher hat es auch für diverse Standpunkte Anderer Verständnis, weil sein Ziel empathisches Miterleben ist, ein Garant für immer weiter führendes Lernen. Natürlich kommt man irgend wo her, aber ist das relevant? Lebendiger ist das Auffassen von intellektuellen Subsystemen, Landschaften, Planetensystem Anderer allemal. Umgekehrt lässt sich am Grad der Freude am Diskurs ganz gut erkennen, wo einer steht in Bezug auf seine "spirituelle Kompetenz". Dort, wo einer beharrt, klebt und verkündet, lässt sich wenig gewinnen. Dort, wo einer freudlos im Loch verharrt, das er sich selbst gegraben hat, wird man wenig lernen.

Die Selbst- Übersteigung, die im multiperspektivischen Denken erreicht wird, ist die beste Vorraussetzung für das meditative Denken. Denn letzteres übersteigt sich unentwegt und findet sich im Flug einer Schwalbe.

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P.S. Dass das multiperspektivische Denken nicht nur ein demokratisches, sondern im Zweifelsfall auch ein ökologisches ist, lässt sich hier nachlesen:

"Der mehrdimensionale Ansatz wird insbesondere durch die Erkenntnisse der Ökologie gestützt. Das ökologische Denken ist grundsätzlich mehrdimensionales Vernetzungsdenken. Es stellt in Rechnung, dass alle Ökosysteme ihr Gleichgewicht nur durch beständiges Balancieren zwischen vielen Faktoren finden können. Strukturbildung lässt sich nicht auf Paarbildung und -trennung reduzieren."
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Jochen Gerz: Die Zeit der Meisterwerke ist vorbei

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Ich bin

Wir hatten hier im Blog eine kleine Diskussion- eine Leserin und ich - bezüglich der Bedeutung von Gegenstands- Meditationen. Ich schätze sie sehr und finde sie ausgesprochen tief gehend und weit tragend, aber sie klingen nicht danach. Was soll eine Denkübung, die einen Stuhl oder Bleistift im Fokus hat, schon bringen? Auch wenn es zunächst belanglos klingt, entdeckt man überraschend viele Aspekte- materiell und substantiell zunächst. Welche Materialien sind möglich? Welche Vorstellungen mag man bzgl. des Gegenstands bilden, was das Design und das Verhältnis der Teile betrifft? Welche benachbarten oder gegensätzlichen Begriffe gibt es in Bezug auf den Gegenstand? Was genau macht den Unterschied aus? Welche Geschichte hat der Gegenstand, welche historische Bedeutung, usw.?

Man kommt über den Thron fast unweigerlich in den sakralen Bereich hinein. Es führt einen bis in die Jungsteinzeit, in der in den Höhlen erste Spuren eines Ich-bin-Empfindens dadurch manifest wurden, dass Handabdrücke an die Wand gesprüht wurden- erste Zeichen des Selbstgefühls (weit vor der meisterhaften Ära der Höhlenmaler von Lascaux) und Zeichen des Einen, der aus der Gruppe heraus trat, weil er Repräsentant für das sakrale Geschehen war.

An dem Punkt, an dem man diese Repräsentanz, dieses Orthaftwerden, diese Fokussierung und Gerichtetheit des Blicks als solche - leer, ohne Vorstellung und Gedanken - erfasst, spürt man die Dynamik einer Geistesgeschichte, die uns zu dem machte, was wir sind. Die Gegenstände, die sich Menschen schufen, legen Zeugnis davon ab. Sie sind sprechend. Heute sind diese Gegenstände - wie etwa ein Stuhl- so alltäglich wie das Selbstempfinden, die immer weiter zunehmende Individualisierung.
An diesem Punkt des Erlebens fühlen wir, wie wir selbst geistig, seelisch und körperlich in dieser Entwicklung stehen. Wir denken, fühlen und wollen in einer konzentrierten Leere, die immer neue innere Dynamik in Gang setzt. In dieser reinen, kreativen Kraftentfaltung entdecken wir uns neu: Als Wesen jenseits der Form. Die Meditation über einen Alltagsgegenstand führt uns, konsequent fortgeführt, in die reine menschliche Potentialität.

Georg Kühlewind notiert dazu in seinem Buch "Licht und Leere" unter "Erkennendes Fühlen" (S. 68 f):

Sich selbst in das vorgestellte innere Bild vergessen - Identität mit ihm (Qualitäten, Form) oder mit der Idee des menschengemachten Gegenstands = kreativer Wille. Ich bin."
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Nostalghia

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