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Mar 2011

Die Sphinxnatur des Zeitgenossen

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„Der Mensch ist ja auch kein Erdenwesen in Wirklichkeit, der Mensch ist in Wirklichkeit ein kosmisches Wesen, ein Wesen, das dem ganzen Weltenall angehört. Auf der einen Seite wird der Mensch erdgebunden sein, auf der anderen Seite wird er sich als kosmisches Wesen fühlen. Und dieses Gefühl wird sich in ihm ablagern.

Wenn das einmal nicht mehr Theorie ist, sondern gefühlt wird von einzelnen Menschen, die durch ihr entsprechendes Karma heraus wachsen aus dem, was heute triviales Gefühl ist, wenn die Menschheit sich angeekelt fühlt und dadurch zu einer Umkehr kommt über das Fühlen der bloß vererbten Eigenschaften, über das Fühlen des Chauvinismus, nur dann wird eine Art Reversion eintreten. Der Mensch wird sich als kosmisches Wesen fühlen.

Er wird verlangen wie mit ausgestreckten Armen nach einer Enträtselung seines kosmischen Wesens. Das ist, was in den nächsten Jahrzehnten kommt, dass der Mensch wie - ich meine das jetzt natürlich symbolisch- wie mit ausgestreckten Armen fragt: wer enträtselt mir mein Wesen als ein kosmisches Wesen? Alles, was ich auf der Erde ergründen kann, was mir die Erde geben kann, alles, was ich aus der modernen Wissenschaft, die heute so geschätzt wird, entnehmen kann, enträtselt mich nur als Erdenwesen, lässt mir gerade das eigentliche Wesen des Menschen als ein ungelöstes Rätsel erscheinen.
Ich weiss, ich bin ein kosmisches, ich bin ein überirdisches Wesen; wer enträtselt mir mein überirdisches Wesen?“
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R. Steiner, 31, Oktober 1920
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Generationsvertrag

Das geht so seit Jahren: Wenn die Arbeit gut läuft, sind meine Partner im Team mindestens 20 Jahre jünger- wenn möglich mehr. Es hat übrigens überhaupt nichts mit eingebildeter Dominanz zu tun oder anderen verqueren Emotionen meinerseits. Ich sehe es so an, dass die nächste Generation das, worum ich so hart gekämpft habe, einfach zur Verfügung hat: Effizienz, Hören auf Zwischentöne, Sich-zurück-nehmen-Können. „Flow“ in der Kooperation, im Team, in der kurzen Verständigung haben zu können- es miteinander zu teilen, ohne dass irgend ein Gewese darum gemacht würde.

Meine Generation ist meistens schwierig, mich selbst inbegriffen. Ich habe Eisen, Steine, Eiterbeulen fressen müssen, bis ich über meine Eigenheiten halbwegs hinweg kam. Zu wissen: Wenn man nichts ist, ist man ganz präsent. Meine Generation ernennt eine Kommission und tagt, lange und teilweise inquisitorisch, rechthaberisch und eigensinnig. Der gemeinsame Nenner, der dabei heraus kommt, nützt niemandem, aber alle fühlen sich düpiert. Überall werden die Grenzen des individuellen Status Quo berührt. Diese Grenzen werden wortreich begründet, ideologisch untermauert und verteidigt. Jeder hat vollkommen recht. Es ist ein anstrengender Haufen. Eigentlich steht man in einem leicht giftig- galligen Becken, in dem die guten Absichten Aller schwimmen, aber das Wasser ist ohne jeden Sauerstoff.
Mit den Jungen kann man schweigen. Gerede ist wenig geschätzt, auch nicht das private. Dafür hat man Facebook und eine gute Freundin.

Ich habe lange Anlauf genommen, um endlich ohne Ambition und Groll zu sein. Es war das Schwerste, was ich in Angriff genommen habe. Du wirst vielleicht sagen, dass das keine besondere Leistung sei, und das ist richtig. Ich fühle es dennoch so, als sei mir in langen Anstrengungen eine getrübte Glaslinse poliert worden.

Ich kündige meine Generation.
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Dieses Leben das wir haben

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Lionel Shrivers Buch „Dieses Leben, das wir haben“ ist eine Zumutung für den Leser- eine Zumutung der bestmöglichen Art.

Shep, der Ehemann in diesem Buch, ist ein moderner Hiob. Seine Frau Glynis, mit ihrer unausstehlichen, allzu offenen Art, hat die Diagnose Krebs gerade dann erhalten, als Shep, auf die Fünfzig zugehend, sich endlich entschieden hat, sein bisheriges Leben aufzugeben und auszuwandern. Shep wollte nun seinen lang gehegten Traum verwirklichen. Aber- so zeigt sich- ein Träumer ist er nicht. Er stellt sich dem, was nötig ist. Das ist keinesfalls nur die letztlich tödliche Krankheit seiner Frau, die angesichts der Diagnose auf Rache an allen sinnt, die sie überleben werden. Sheps Vater wird zugleich pflegebedürftig, ein Freundin ist schwer erkrankt, die Schwester erweist sich als extrem egozentrisch, der beste Freund ist ein Bankrotteur, der die merkwürdigsten Dinge unternimmt, um sich und seine Ehe zu ruinieren. Und auch die Freunde, das ganze soziale Netzwerk und Umfeld schrumpft:

„“Eine Zeitlang“, sagte Shep, als die Besuche immer weniger wurden, hat sie noch relativ viele E-Mails bekommen. Wir drücken dir die Daumen, wir denken an dich, solche Sachen. Ich persönlich halte das Internet für ein Medium für Feiglinge. Aber diese Zweizeiler waren immer noch besser als gar nichts.“

Shep wächst angesichts der niederschmetternden Umstände. Er begleitet all diese Menschen, die da mit ihm verbunden sind- selbst als es ihn finanziell ruiniert, als die hoch bezahlten Therapeuten sich als Scharlatane erweisen, die nicht nur um Geld, sondern auch um Lebensqualität betrügen. Trotz des nahenden Todes, der Unausweichlichkeiten und Nackenschläge gelingt es Shep am Ende, dem Leben ein radikale Wende zu geben.

In diesem Buch wird sicher nichts beschönigt. Für Jeden, der Ehrlichkeit zu schätzen weiss und den Fragen des Lebens und Sterbens nicht ausweichen mag, wird dieses Buch ein Gewinn sein.
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Wer mehr davon erfahren möchte, sollte die Rezension von Felicitas von Lovenberg lesen.
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Der verpackte Zorn

brotwein

Wenn man dem Klopfen der Herztöne zu folgen beginnt, dem Wimpernschlag der Pappeln an einem schönen Frühlingstag wie heute, wenn man den Quellen nötigen Respekt erweist und ein Lufthauch vom Meer einen gastfreundlichen Nachmittag bereitet, dann überblickt man erstmals das Ausmaß der eigenen Kollateralschäden. („Der militärische Fachbegriff Begleitschaden oder Kollateralschaden (von englisch collateral damage; aus dem Lateinischen collateralis für seitlich oder benachbart) bezeichnet in der räumlichen Umgebung eines Ziels entstehende Schäden aller Art durch ungenauen oder überdimensionierten Waffeneinsatz bei nicht-zivilen Aktionen.“)

Das und das und das, man riecht förmlich an den sich stapelnden Paketen um einen herum, wie sich in ihnen der Schmerz sammelt. Man ist im untersten Stockwerk angekommen, beim zurück gelassenen Gepäck, in Haus des Schmerzes.

Der Schmerz ist lebendig, er bebt von innen, aus sich heraus, wir haben ihn mit Leben gefüllt, ein Berg von Abbildern, Zerrbildern unserer selbst, als wären es Voodoo- Püppchen. Zweifellos geht von diesem bebenden, bewegten und vielfältigen Schmerz ein Zauber aus.

Hier bin ich gebannt und gefangen, fühlt man. Hier endet vorerst meine Kraft. Ich bin das nicht, das sind die abgelegten Bilder meines Lebens, Schuppen, Häute, Panzer. Aber wirksam sind sie doch.

Den besten und einzigen Ausblick auf den abgelegten Zorn hat man, wenn man im Haus der Liebe steht. Vielleicht steht man da, für einen Augenblick. Man isst das Brot, man trinkt den Wein. Man weiß, der Wind, der weht, er ist größer als ich, aber er ist mit mir verwandt.
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Bewusstseinstrübung

Man kann Steiners Äußerungen, selbst wenn sie für Außenstehende zunächst befremdliche Beschreibungen irrealer Wirkungen darstellen, auch ganz konkret als Mechanismen der Macht, der Agitation, der Manipulation lesen- ob auf politischer oder auf persönlicher Ebene:

Ahriman treibt im Unterbewusstsein sein Wesen, zaubert Urteile heraus aus diesem Unterbewussten. Die Menschen glauben dann, dass sie aus ihrem Bewusstsein urteilen, während sie nur aus ihren unterbewussten Trieben und aus ihren unterbewussten, raffinierten Impulsen oftmals das Urteil herauf zaubern, oder sich herauf zaubern lassen eben durch die ahrimanischen Kräfte. Alles, was mit Herrschaftsgelüsten des Menschen über andere Menschen zusammen hängt, alles, was einem gesunden sozialen Wollen widerstrebt, ist ahrimanischer Natur. Derjenige Mensch, der von Ahriman besessen ist, möchte möglichst viele Menschen beherrschen, geht dann darauf aus, wenn er klug ist, die menschliche Schwäche zu benützen, um gerade durch diese die Menschen zu beherrschen.“ (Rudolf Steiner, GA 184, S. 205f)

Das ist nun einmal auch die politische Ebene, die machiavellische Intention. Im übertragenen, aber ganz realen Sinne sind uns diese Mechanismen aber auch in der Liebe, im Berufsleben, in Konkurrenzsituationen gut vertraut. Schwächen Anderer zu wittern und sie zu nutzen ist ein Allerweltsvorkommnis. Man möchte sagen, es ist ein zentrales Anliegen des Ego- schon um sich zu behaupten und zu verteidigen. Der Versuch des Dominierens, des Durchsetzens von Intentionen beginnt in Diskussionen und ended in sexuellen Obsessionen.

Die Schwächen, die man aber auch betrachten kann, sind die gesellschaftlichen. Nehmen wir z.B. mal unseren kaum stillbaren Hunger nach Energie. Eine globalisierte Informationsgesellschaft lebt davon. Daher ziehen wohl die Argumente, bei uns „gingen die Lichter aus“, wenn man auf Kernenergie verzichten würde, offenbar immer noch. Selbst dann, wenn ganze Landstriche zum „Sarkophag“ (so nennt man die Ruine von Tschernobyl) werden. Wir werden aus Hunger nach Energie wie ein Bär mit Nasenring durch die Manege gezogen. Wir werden dadurch beherrscht.

Ahriman hat ja im heutigen Zeitalter auf die Menschen nur dann einen starken Einfluss, wenn in irgendeiner Weise eine Bewusstseinsablenkung vorhanden ist. Die radikalste Erscheinung ist die, sagen wir einer Ohnmacht oder einer Bewusstseinstrübung, die länger dauert.“ (Rudolf Steiner, GA 237, S.141)

Richtig. Das ganze atomare Zeitalter ist so eine „Bewusstseinstrübung“.
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Burghard Schildt: Selbsterkenntnis und Universalität

Der Leiter des "Spiegel" – Hauptstadtbüros, der Journalist Dirk Kurbjuweit, er sieht, der Journalismus, der scheitert an seinen eigenen Kriterien: Denen der Belegbarkeit. Dasjenige, das hinter der „Maske“ sich ereignet, das lässt sich nicht belegen. Das will durch Mitgefühl erlebt werden. Daher schreibt er zudem Romane.
Das steht beispielhaft dafür, wie heute kosmisches Menschengeschehen sich spaltet in einen Verstand an sich und in eine künstlerisch bildende Phantasie für sich.

Als eine der Anleitungen, wie man sich orientieren lernen kann innerhalb so eines Entwicklungsvorganges, dafür schrieb Steiner seine Leitsätze. Daraus das Folgende.

In der allerersten Zeit der Bewusstseinsseelen- Entwicklung erfühlt der Mensch, wie ihm das vorher imaginativ gegebene Bild der Menschheit, seiner eigenen Wesenheit, verloren gegangen ist. Ohnmächtig, es in der Bewusstseinsseele schon zu finden, sucht er es auf naturwissenschaftlichem oder historischem Wege. - Man gelangt dadurch nicht zu einem wirklichen Erfülltsein mit der menschlichen Wesenheit, sondern nur zu Illusionen. Aber man bemerkt es nicht; und sieht darin etwas die Menschheit Tragendes. (Auszug aus: Leitsätze 134, 135 )

Jeder anthroposophisch orientierte Leser kann zudem „wissen“, der Mensch, er leitet sein „Handeln“ nicht von der Erde aus. Er leitet es universell.
Das dazugehörige „Organ“ ist das Denken. Das Denken des Menschen. Der Mensch erzeugt denkend seine Universalität. Also seine Selbsterkenntnis als Welterkenntnis.

Selbsterkenntnis ist der Weltengrund, der das selbstbestimmte Handeln eines jeden Menschen begründet.

Heute ist Selbsterkenntnis zugleich Selbstbewusstsein. Also ein Vorgang in der Bewusstseinsseele. Die Bewusstseinsseele selbst ist ein in Entwicklung sich Findendes.

In seiner Bewusstseinsseelen- Entwicklung findet sich der Mensch in der Herausforderung, das Denken so zu ergreifen, dass er denkend sich als denjenigen gewahrt, der, in Aufrechterhaltung des Selbstbewusstseins, wiederum imaginativ in solchen Empfindungen leben kann, die ihn sein Wesen, als das lebendige Wesen des Universums selbst, erkennen lassen.
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Wesentlich

Auch wenn Beuys gesagt haben soll, er kenne die Gegend, kann ich das nicht behaupten. Ich war allerdings früher dort zu Besuch, gar nicht so selten, aber es waren immer Besuche in der Zonengrenze, mit wenig Gepäck und ohne Proviant. Du bist dort, wie Du weißt, wohin der Mensch gehört, hast aber schon wieder vergessen, wo in der ganzen Ortlosigkeit das wohl war.

Du hast Anläufe genommen, später, viele Anläufe. Du hattest Motten im Kopf und Ameisen unter der Haut.

Aber du hattest auch Bleiplatten unter den Füßen, Tonnen voller Teer ums Herz gestellt, du hattest den Kehlkopf voll von ungesagten Worten.

Es gibt hier keine Orientierung, die man kennen könnte, keinen Lageplan, keinen Kompass. Aber es gibt den Wind, der aus der Zone strömt. Neulich, nach einer Zeit wie mit dem Kopf unter einem Sauerstoffzelt, hast du den Strom wieder gefunden. Du spürtest ihn unter den Füßen.

Sein Strömen, seine Kraft, seine Lieblichkeit. Du warst bemüht, ganz in ihn einzutauchen. Das Geheimnis ist, ihn nicht zu suchen. Man muss ihn nicht suchen, sondern ihn zulassen. Man glaubt, er sei unter den Füßen, außerhalb des Blickfeldes, aber er fliesst nicht irgendwo anders, sondern mitten durch dich hindurch.

Der Goldene, der Strom des Menschseins. Er entspringt unserer Mitte. In ihm sind wir „wesentlich“. Es ist der Strom, der einst in der Sonne verehrt wurde- in Form sakraler Erwartung. In den alten Mysterien wurde er verortet, war noch „dort“ und „das“ und „dann“. Heute ist er der Geist der Erde. Die Mysterien finden dann statt, wenn wir uns entscheiden, sie zu betreten. Es gibt kein Irgendwas, Irgendwo oder Irgendwann. Es gibt nicht einmal die Zone.
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Noch mehr Märzbechertage

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Noch ein Bild aus der Serie, groß.
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Düsseldorf, Hetjens- Museum

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Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil"

Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ ist schon deshalb ein Phänomen, weil sonst kaum je ein Buch mit dem Thema Alzheimer bis in die Top Ten des deutschen Buchhandels vorgerückt ist. Da es das Schicksal des Vaters von Arno Geiger betrifft, handelt es sich auch um biografischer Material, vielleicht aber auch um ein Sachbuch? Einigen Kritikern macht die Einteilung Schwierigkeiten, andere sind berührt und überaus angetan, die Leser aber kaufen.

Arno Geiger bringt es fertig, liebevoll, aber kühl betrachtend, warmherzig und analysierend zugleich zu schreiben. Er blendet sich nie aus, auch nicht in seinem (allzu verständlichen) Versagen, jahrelang die Demenz nicht erkannt zu haben. Zu dieser Zeit wurde der Vater zu einem Sonderling, vor allem nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Dass er litt und sich zunehmend verwirrte, wurde erst nach und nach deutlich. Die Alzheimererkrankung schritt dann langsam weit über ein Jahrzehnt voran, bis hin zu Zuständen, in denen der Vater selbst einen Baum nicht mehr als solchen erkannte. Er sah ihn, aber hatte dafür keinen Begriff, keinerlei Vorstellung, was für ein Ding das war. Zwischendurch gab es immer wieder helle Augenblicke, in denen der Vater sich nicht nur in Selbstkenntnis seines Zustandes äußerte, sondern dies auch in ungewollt poetischer, ja imaginativer Art äußerte. Diese Momente berührten den Dichter Arno Geiger, und er protokollierte sie mit. Mit der Entdeckung dieser Poesie hat Geiger die Alzheimer- Erkrankung gewissermaßen geadelt, hat ihr und seinem Vater die Würde zurück gegeben. Inmitten dieser Verwüstung gedeihen die schönen und weisen Worte- manchmal gerade aus der Not geboren, auf den „richtigen“ Begriff zu kommen. Der Vater begründet eine Art Bildsprache, in der er seinen Zustand auch umschreibt und definiert.

An diesem Buch stimmt einfach alles- es ist mitfühlend und beglückend, nie larmoyant, nie „klinisch“, nie bloß tröstlich. Dennoch erlebt man den Zerfall sehr deutlich mit. Aber, so lehrt das Buch, es ist eben nicht nur Zerfall. Es ist, selbst in den späten Aufenthalten im Pflegeheim, nie so, dass die Person, die da die Kontinuität ihres Bewusstseins verliert, doch ganz verloren wäre. Inmitten des Zerbröckelns der Person besteht ein Charakter fort, der sich nur noch ab und zu aus dem Dickicht der Demenz erheben und sich äußern kann. Es ist nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern auch eine des Bestehens.

Deshalb und weil es so un-ambitioniert, so scheinbar anstrengungslos geschrieben ist, muss man das Buch mögen. Auch dann, wenn es gegen Ende etwas verflacht. Die Stringenz des Erzählens dieser Biografie und dieser Beziehung verebbt etwas- es wird fragmentarischer, stichwortartiger- so, wie das Leben des Vaters auch monotoner zu werden scheint.

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Als Gegenpol und Kontrast sei hier noch einmal auf das Buch von Judith von Halle zu diesem Thema in diesem Blog verwiesen.
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Ein Steinervortrag in Kurzformat

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Helmut Zanders Psychogramm von Rudolf Steiner

Helmut Zanders Psychogramm von Rudolf Steiner betrachtet letzteren aus einem einzigen Blickwinkel heraus: Dem der Autorität. Dieser rote Faden zieht sich vom Verhältnis zu Steiners Vater bis hin zu seiner Philosophie der "Selbsterlösung". Fragt Zander "Tritt der autoritätsbewusste Sohn in die Fussstapfen des autoritätsbewussten Vaters? – Ist es Küchenpsychologie, diese Linie zu ziehen?"- dann möchte man letzteres bejahen.
Ansosnten reichert Zander seine schlichte Hypothese durch allerlei Klatsch an, um das dröge Material etwas aufzusexen. Steiner war, neben seiner Suche nach Autonomie und seinen Rückfällen in autoritäre Strukturen, in Zanders Augen vor allem ein begnadeter Womanizer:

"Mein Liebling! Meine liebe Maus! Meine liebste Mysa-Ita! Es gibt auch den Mann im Anthroposophen, den Charmeur, der in Liebesbriefen an Marie von Sivers und Ita Wegman ganz zärtlich sein konnte. Es gibt auch die grossen Gefühle, es gibt Erotik und Sexualität in Steiners Leben. Der Mensch Steiner war nicht nur der Kopffüssler, zu dem ihn manche Verehrer gemacht haben. Rudolf Steiner hatte eine unerreichbare Jugendliebe, Radegunde Fehr; er war zweimal verheiratet, mit der acht Jahre älteren Anna Eunike, einer Mutter von fünf Kindern, und mit der sechs Jahre jüngeren Schauspielerin Marie von Sivers. Aber er hat in seinen wilden Zeiten vor 1900 auch mit käuflicher Liebe zu tun gehabt, wie seine Freundin, die Wiener Schriftstellerin Rosa Mayreder (die sich wohl eine enge Beziehung zu Steiner hatte vorstellen können), dezent andeutete – und er hat immer wieder innige Zuneigung zu «anderen» Frauen gefasst. Die Beziehung zu seiner letzten grossen Liebe, zu der Ärztin Ita Wegman, hat Marie Steiner als das empfunden, was sie war: als Ehebruch."

Offenbar sollen diese Tratschgeschichten den an anderer Stelle ironisierten "gottgleiche(n) Eingeweihte(n)" auf den Teppich holen. Das wirkt in der Machart schon als recht preiswertes Propagandamaterial, was Zander hier bietet.
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