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Jun 2015

The Unborn - Meister Bankei, Rudolf Steiner und die Ungeborenheit

Bankei

Bestimmt habe ich schon mal über ihn berichtet, den Zen- Meister Bankei, der im 17. Jahrhundert lebte, vollständig aus der Zeit und auch aus den Traditionen des Zen fiel, aber eben deshalb zum Erneuerer und Impulsator des Zen wurde. Um es einfach auszudrücken, war Zen damals in Traditionen, Riten und Gewohnheiten erstickt. Dagegen setzte Bankei den Begriff der Ungeborenheit - ein Zustand unmittelbarer geistiger Selbsterfahrung- einfach indem alles, was „geboren“ - tradiert, angelernt, angemaßt, Denkgewohnheiten, Geschlecht, soziale Schicht, usw - ist, im meditativen Akt abgelegt wird. Bankei forderte also von den Zen- Mönchen (nicht unähnlich den zahlreichen diesbezüglichen Aufforderungen Georg Kühlewinds gegenüber seinen anthroposophischen Zuhörern) inneres, aktives Arbeiten statt sinnentleerter Rituale.

Der Vater Bankeis (mit 8 Geschwistern) war von seinem Amt als Ritter zurück getreten und war jetzt „a masterless samurai or ronin“. Der Junge Bankei fiel als besonders intelligent, aber auch als extrem unruhig, unfügsam und willensstark auf. In früher Jugend führte er Banden an, beruhigte sich aber, als er mit 11 endlich in eine Schule durfte. Fast erwartungsgemäß machte ihm das Schreiben - also das endlose kalligrafische Kopieren von Schriften- Schwierigkeiten. Um nicht jede Anekdote zu wiederholen: Der ganze Junge war eine Schwierigkeit. Er hat z.B. etwa in dem Alter eine Hand voll giftiger Spinnen geschluckt, um sich nach einem Streit umzubringen. Dazu schloss er sich in einem buddhistischen Schrein ein- lag Stunden vielleicht sterbend in einem Sarkophag. Seine Lehrer, die reine Repetitoren waren, nervte er mit endlosen Fragen nach dem Sinn ihrer Gebete: „the awakening of religious doubt in his consciousness“.

Bankei hat diese jugendlichen Jahre damit verbracht, jede Religion, jeden Kult und jede Tradition in seiner weiteren Umgebung „nach Gehalt“ zu erkunden. Er fand leider nichts und „wandered about like a stray mountain lamb, aimlessly and alone“. Endlich fand er in einem Zen- Kloster einen Lehrer - Umpo-, der ihm auf seine Fragen antwortete: „practice zazen“. Bankei wurde augenblicklich Mönch, und lernte drei Jahre bei Umpo. Mit 19 verließ er das Kloster und streifte durch das ganze Land. Es war offenbar ein tiefer Abstieg. Nach den Klöstern und dem Wandern folgte ein Leben als Nichtsesshafter und Bettler, unter Brücken schlafend- und dennoch ständig Zazen praktizierend. Die Zweifel blieben, auch als er mit 23 zu Umpo zurück kehrte. Es folgten Jahre des Hungerns, des Lebens in einer nackten Zelle, des ständigen Meditierens. Bankei wird davon schwer krank, stirbt beinah- und erlebt an der Schwelle des Todes das Einssein aller Dinge in der Ungeborenheit: „I realized what it was that had escaped me until now: All things are perfectly resolved in the Unborn“. Nach Jahren weiteren Studiums bei einem chinesischen Meister wird Bankei der Erbe und Nachfolger Umpos. Er, der zunächst stark umstritten in der Priesterschaft gewesen war, fand nun so viel Anerkennung, dass er eine eigene Schule innerhalb des Zen begründete. Bankei lehrte die nächsten 36 Jahre jeden, der vorbei kam und eine Frage stellte. Diese wunderbaren, geistreichen Gespräche zur Ungeborenheit gehören zum Weltkultur- Erbe. Wenigstens sind sie in einer englischen Übersetzung und mit einer detaillierten Einführung von Norman Waddell - auf die ich mich hier bezogen habe- versehen hier und da erhältlich*

Aber auch Rudolf Steiner hat sich zwar auch zur Ungeborenheit als besonderer Qualität geäußert, wusste aber offensichtlich nicht von Meister Bankei:

Man darf überhaupt nicht unterschätzen die Bedeutung, welche im Worte liegt. In dem Augenblicke, wo sich der Gedanke umprägt zum Worte, selbst wenn das Wort als solches nur gedacht wird, wie in der Wortmeditation, in demselben Moment prägt sich das Wort ein in den Äther der Welt.

Der Gedanke prägt sich als solcher nicht in den Äther der Welt ein, sonst könnten wir niemals im reinen Denken freie Wesen werden. Wir sind ja in dem Augenblicke gebunden, wo sich etwas einprägt. Für die Initiations - Wissenschaft liegt ja heute einfach die Tatsache vor, dass im ganzen Erden- Äther dadurch, dass die zivilisierten Sprachen kein gangbares Wort für
Ungeborenheit haben, dieses für die Menschheit wichtige Ungeborensein überhaupt nicht dem Weltenäther eingeprägt wird.

Alles das aber, was an wichtigen Worten eingeprägt wird in den Welten- Äther vom Entstehen, von alldem was den Menschen betrifft in seiner Kindheit, in seiner Jugend, all das bedeutet einen furchtbaren Schrecken für die ahrimanischen Mächte. Unsterblichkeit im Welten- Äther eingeschrieben, das vertragen die ahrimanischen Mächte eigentlich sehr gut, denn Unsterblichkeit bedeutet, dass sie mit dem Menschen eine neue Schöpfung beginnen und mit dem Menschen hinauswandern wollen. Das irritiert die ahrimanischen Mächte nicht, wenn sie immer wieder den Äther durchsausen, um mit dem Menschen ihr Spiel zu treiben, wenn da so und so viel von den Kanzeln von Unsterblichkeit verkündet wird und in den Weltenäther eingeschrieben wird. Das tut den ahrimanischen Wesen sehr wohl.

Aber ein furchtbarer Schrecken für sie ist es, wenn sie das Wort «
Ungeborenheit» in den Weltenäther eingeschrieben finden. Da löscht für sie überhaupt das Licht aus, in dem sie sich bewegen, da verlieren sie die Richtung, da fühlen sie sich wie in einem Abgrund, wie im Bodenlosen.“ **



*„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“. San Francisco 1984
** Rudolf Steiner, GA 203, S. 275f
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Ron Hubbard (Scientology) in der Lehre der Schwarzmagier


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Ron Hubbard, der Begründer der Scientology- Bewegung, hatte zweifellos ein Leben, bevor er „Dianetics“ schrieb. Nicht das, was er beschrieb oder später als Autobiografie ausgab- denn schon früh war dem einfachen Jungen vom Land die Fantasie, ja das Fantastische bis hin zur völligen Erfindung ganzer fiktiver Welten vertraut. Als er 1934 erstmals in den New Yorker Club der Pulp- Autoren (Schundliteratur wie Western, Fantasy, Krimi, Groschenromane) aufgenommen wurde, beeindruckte er einen später ebenfalls berühmten Science- Fiction- Autoren, Robert Heinlein, mit seiner angeblichen Vergangenheit als Kriegsheld: „Heinlein tried to avoid asking Ron to walk down the street as Ron had said that both his feet had been broken when his last ship was bombed. ‘Ron had had a busy war – sunk four times and wounded again and again,’ Heinlein explained sympathetically.“* Daran war so gut wie nichts wahr - außer dass sich Hubbard gerade um eine staatliche Pension als Invalide bemühte- vergeblich.

Aber es ging Hubbard, der bereits eine Familie hatte und keinen Cent verdiente, ja um die Geheimnisse des Lebens. Hubbard sollte in den nächsten Jahren mit seiner überbordenden Fantasie zum erfolgreichen Pulp- Autor werden- einer, der bei seinen Aufschneidereien dennoch unzufrieden blieb, denn, wie er immer wieder äußerte, müsse man einen Kult gründen, um ans ganz große Geld heran zu kommen.

1939 legte Hubbard - vor allem Erfolg- eine Lehrstunde in Pasadena ein- bei Jack Parson, dem Vertreter Aleister Crowleys in Amerika. Crowley selbst war bei seinem Versuch, seinen Erfolg als enfant terrible in den USA fort zu setzen, gescheitert. Parson mietete sich in einer Vorstadtsiedlung an, um mittels ritueller schwarzmagischer Handlungen ein „Moonchild“ auf dem Altar zu zeugen. Da seine eigene Frau, Helen, Parson davon gelaufen war, bot sich die 18jährige Ausreißerin Betty an: „For Jack Parsons led an extraordinary double life: respected scientist by day, dedicated occultist by night. He believed, passionately, in the power of black magic, the existence of Satan, demons and evil spirits, and the efficacy of spells to deal with his enemies. (..) In 1939, Parsons and his young wife, Helen, joined the OTO, Ordo Templi Orientis, an international organization founded by Crowley to practise sexual magic.“

Die Anwesenden waren vor allem von dem glänzenden Hubbard angetan, der einen hervorragenden Stand bei den anwesenden Damen hatte: „He was very sharp and quick, a fascinating story-teller, and he could charm the shit out of anybody. He talked interminably about his war experiences and seemed to have been everywhere. (..) Then Hubbard comes along and starts having affairs with one girl after another in the house and finally fastens on to Betty. I couldn’t believe it was happening.“ Es scheint ein früher Probelauf für einen Kult gewesen zu sein. Auch bei dieser Gelegenheit schwärmte Hubbard, durch die Gründung einer Religion reich werden zu wollen: „Whenever he was talking about being hard up he often used to say that he thought the easiest way to make money would be to start a religion.“

Selbstverständlich stellte sich Hubbard als absoluter Fachmann in Sachen Sex- Magic und Okkultismus vor und wurde auch so akzeptiert: „Although he has no formal training in Magick, he has an extraordinary amount of experience and understanding in the field. From some of his experiences I deduced that he is in direct touch with some higher intelligence, possibly his Guardian Angel. He describes his Angel as a beautiful winged woman with red hair whom he calls the Empress and who has guided him through his life and saved him many times.“- so der naive Parson Die von Hubbard und Parson avisierte Zeugung des „Moonchilds“ - die rituelle Vorbereitung des Antichrists - sollte eine neue Ära im Okkultismus dieser Richtung eröffnen- so hoffte auch Crowley zunächst noch im fernen Europa: „Aleister Crowley professed ‘the great idea of magicians of all times’ was to bring into being an Anti-Christ, a ‘living being in form resembling man, and possessing those qualities of man which distinguish him from beasts, namely intellect and power of speech, but neither begotten in the manner of human generation, nor inhabited by a human soul’“.

Anfang 1946 startet das Projekt- zunächst mit Schwierigkeiten: „Another magician [Hubbard] who had been staying at the house and studying with me, was carrying a candle across the kitchen when he was struck strongly on the right shoulder, and the candle knocked out of his hand. He called me, and we observed a brownish yellow light about seven feet high in the kitchen. I brandished a magical sword and it disappeared. His right arm was paralyzed for the rest of the night.’“ Derlei Wunder - auch das Erscheinen einer Frau mit scharlachroten Haaren - geschahen in diesen Tagen, als Ron und Jack in die Wüste torkelten, um rituelle Texte zu empfangen und aufzuschreiben. Tagsüber eröffneten sie - mit Parsons Geld- ein Geschäft, um mit Jachten zu handeln und diese zu überführen. Parsons, Hubbard und ihre Priesterin Betty führten die „Handlungen“ über mehrere Tage durch. Im fernen Europa war Guru Crowley (heroin- süchtig und pleite) schon lange nicht mehr angetan und schrieb einige Tage später „‘It seems to me on the information of our brethren in California that Parsons has got an illumination in which he has lost all his personal independence. From our brother’s account he has given away both his girl and his money. Apparently it is the ordinary confidence trick.’“

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In der Tat. Der Trickster bei der ganzen Sache war Ron Hubbard. Hubbard war auf und davon, nicht nur mit dem Schiff und damit Parsons Vermögen, sondern auch mit dessen junger Freundin Betty (eigentlich Sara Northrup). Wenige Monate später heirateten Hubbard und Northrup. Das Ziel aber blieb für Ron Hubbard bestehen, trotz der folgenden großen Karriere als Pulp- Autor: „He was really quite a character. I always knew he was exceedingly anxious to hit big money – he used to say he thought the best way to do it would be to start a cult.

Das vorliegende Buch war das erste, das sich bereits 1987 erstmalig mit den Untiefen des Scientology- Gründers beschäftigt hat. In letzter Zeit sind aktuelle und entlarvende Bücher, Dokumentationen und TV- Berichte ("Going Clear - Scientology and the Prison of Belief") erschienen. Mir war es aber wichtig, die geschilderte Episode in dieser Perspektive festzuhalten. Die Darstellung der entsprechenden Crowley- Biografie** ist entscheidend knapper gehalten: „In August of 1945, L. Ron Hubbard appeared on the scene. He had not yet written on Scientology, for which he is best known; at this time he was known simply as a science fiction writer and naval lieutenant. Lafayette Ronald Hubbard (1911–1986) was born in Tilden, Nebraska, to a military family and moved around a lot as a child. He attended George Washington University but, more interested in contributing to the school newspaper and literary journals, he left after two years without taking a degree. During the 1930s he published several novels and dozens of short stories in pulp magazines like Astounding Science Fiction and Unknown Worlds, becoming well-known in the science fiction and fantasy communities.“ Dafür wird genau dargestellt, wie der düpierte Jack das fliehende Pärchen (sie wollten sich nach Südamerika absetzen) verfluchte und durch die Polizei in Florida festsetzen konnte. Es kam zu einem gerichtlichen Vergleich. Parson hätte es wissen müssen. Schließlich hatte er schon zu Beginn des Eklats resigniert an Aleister Crowley geschrieben: „About three months ago I met Ron … a writer and explorer of whom I had known for some time.… He is a gentleman; he has red hair, green eyes, is honest and intelligent, and we have become great friends. He moved in with me about two months ago, and although Betty and I are still friendly, she has transferred her sexual affections to Ron.“

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*Russell Miller: Bare-Faced Messiah: The True Story of L. Ron Hubbard
**Richard Kaczynski: Perdurabo, Revised and Expanded Edition: The Life of Aleister Crowley
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Where the heart beats- über John Cage

john cage
Wer gern über Musik - moderne Musik-, Kunst, Kultur des 20. Jahrhunderts und insbesondere über den Komponisten John Cage informiert sein möchte, sollte vielleicht „Where the Heart Beats: John Cage, Zen Buddhism, and the Inner Life of Artists“ von Kay Larson lesen. Es handelt sich tatsächlich um eine minutiöse Biografie dieses Hyper- Musikers, der in der zweiten Hälfte seines Lebens zu seinem persönlichen Glück das meditative Leben entdeckte. Dieses gewann er im Rahmen des Zen - oder zumindest im Rahmen dessen, was er aus Zen, Buddhismus im weiteren Sinne, und der persönlichen Bekanntschaft mit D.T. Suzuki und anderen.

Auf diese innere Wandlung war Cage sicherlich vorbereitet. Sein schon früh geschriebenes, vollkommen lautloses Stück 4´33 ist, wie er kurz vor seinem Tod gestand, sein liebstes- da er täglich, ja dauernd mit ihm lebe und tief in diese Stille eindringen würde: „CAGE SAID THAT he regarded 4′33″—his “silent piece”—with utmost seriousness. For him it was a statement of essence. Three years before he died, he told an interviewer: “No day goes by without my making use of that piece in my life and in my work. I listen to it every day.…I don’t sit down to do it; I turn my attention toward it. I realize that it’s going on continuously. So, more and more, my attention, as now, is on it. More than anything else, it’s the source of my enjoyment of life.

Die Stille als Quelle der Lebensfreude - gepaart mit einem sehr kontaktfreudigen, in alle möglichen Künstler- und Schwulenszenen integrierten Komponisten. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Cage mit Freunden wie Allan Ginsberg herum gezogen war, dessen erleuchteter Zustand auf Cage gewirkt haben muss: „He felt “a sudden awakening into a totally deeper real universe” where an immense cosmic consciousness was at work. He saw it everywhere: in the gargoyles on the Harlem cornices, the workmen who made them, the sky that framed them. He walked into the Columbia University bookstore and saw in everyone’s faces that they knew they all had the consciousness—“it was like a great unconsciousness that was running between all of us that everybody was completely conscious….” Everyone was in the ridiculous position of denying it so they could sell books, wrap them in paper, and collect money. They were hiding this knowledge of the shining self from each other, Ginsberg felt, even though they “knew completely everything.” They were hiding it because of self-hatred and rejection—the twistedness born of the suffering self.“

Künstlerisch war mit den Wandlungen ebenfalls eine Neu- Fokussierung nötig, die vielen Künstlern begegnet: Die Zeit der Selbst- Zentrierheit ist vorbei. Das ganze bunte Allerlei kommt an ein Ende. Cage erlebte das so: „Cage’s deliberate turning away from self-expression begins here. The seed of a new idea was being watered by suffering.“ Ich denke, Cage´s Methoden - z.B. das I Ging als Zufallsgenerator für Musik zu nutzen- mögen nicht jedem Komponisten gefallen. Zu seiner Zeit, in dieser Szene war es sensationell.

Insgesamt: Eine Biografie für Liebhaber. Sehr detailliert, auch was den Werdegang einzelner kleiner Kompositionen betrifft, dass es für den normalen Leser langatmig wirkt. Man wird entschädigt durch entwaffnende Krisen wie diese: „Caught in the roar of his emotions, Cage was forced to confront a question totally new to him: What is the “self” that is being expressed? The self that hurts so badly it nearly kills you? The self that isn’t seen until it aches?“

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Out-of-body, Meditation und die Forschung des Mind-Life-Instituts


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In der Folge der seit 1987 durch den Dalai Lama voran getriebenen Forschungen des Mind and Life- Institutes in Dharmshala hat es einen dauernden Austausch zwischen buddhistischen Mönchen und Hirnforschern aus aller Welt gegeben- mit Hilfe der neueren bildgebenden Verfahren wurden auch hirnorganische Vorgänge während der Meditation sehr erfahrener Mönche sichtbar. Nebenbei hat der fortlaufende Dialog zwischen Wissenschaftlern und nun ausgerechnet den Vertretern buddhistischer und animistischer Methoden ursprünglich tibetisch- tantrischer Art - also einer sehr alten und traditionsbehafteten spirituellen Richtung- offenbar auch zu dem gewünschten Publicity- Erfolg geführt. Als Zeichen dafür sieht Evan Thompson in „Waking, Dreaming, Being: Self and Consciousness in Neuroscience, Meditation, and Philosophy“, wie schnell -innerhalb von zehn Jahren- sich ein neu geprägter Begriff wie „Mindfulness“ sich in allen gesellschaftlichen Institutionen des Westens durchgesetzt habe- das sei bei Meditationsthemen früher nicht denkbar gewesen: „While it may have taken more than a century for “meditation” to have acquired its current usage, it seems to have taken only ten or fifteen years for the word “mindfulness”“.

Im genannten Buch geht es einerseits um die Geschichte dieser Forschungsrichtung, weiter führend aber generell um die Zusammenhänge zwischen hirnorganisch feststellbaren Prozessen und Bewusstseinszuständen- nicht nur denen in tiefer Mediation, sondern auch beim Tod, im Schlaf, in Träumen- aber auch in „hellen“ Träumen, in denen man weiß, dass man träumt. Die meditierenden Mönche, die jahrelang durchs MRT gejagt wurden, sind durch den Dalai Lama persönlich ausgesucht worden. Sie waren in der Lage, mindestens vier Stunden am Stück im „reinen Licht“ zu verbringen- d.h. in tiefster Meditation, in der keine sensorischen Informationen mehr vermittelt werden. Einer dieser Ausgesuchten ist seit langem der eloquente Autor, Mönch und Forscher Matthieu Ricard, der zum engsten Umkreis des Dalai Lama gehört: „I’m sitting in the audience at the “Investigating the Mind” conference at MIT, listening to the Dalai Lama, neuroscientists, psychologists, and Buddhist scholars talk about mental imagery. Matthieu Ricard, a French Tibetan Buddhist monk, has been talking about the experience of pure awareness, the source from which mental images arise.“

In den Forschungen mit den erfahrenen Mönchen wurde eine Vergleichs- Versuchsgruppe aus lauter Novizen mit untersucht, die die spezifischen Hirnwellen nicht ausbildeten: „Eight long-term Tibetan Buddhist meditators, when they practiced a particular kind of meditation, generated striking EEG brain waves. The same kind of gamma frequency pattern that we’ve seen to be closely associated with reportable conscious experience occurred when the monks practiced their meditation, but didn’t occur in the novice meditators, who served as the experimental control subjects. Most striking, however, the gamma frequency pattern in the monks was especially strong and well organized. Specifically, the size of the gamma brain waves (the amplitudes of the oscillations) was greater than any others previously reported in healthy individuals, and the phases of these fast oscillations were precisely synchronized.

Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung sind bekannt; die in tiefer Meditation befindlichen Mönche zeigen typische „tiefe“ Hirnwellenmuster, die synthetisch wirken; d.h. lokale Hirnwellen lösen sich in dem überlagernden Muster auf. Erlebt wird dabei eine „reine Aufmerksamkeit“: „Pure awareness witnesses these changing states of waking, dreaming, and dreamless sleep without identifying with them or with the self that appears in them.“ Eine Methode dabei ist das Bestehen in einer reinen Aufmerksamkeit, die keine Objekte des Denkens duldet: „In open monitoring meditation—or “open awareness” meditation, as I prefer to call it—you cultivate an “objectless” awareness, which doesn’t focus on any explicit object but remains open and attentive to whatever arises in experience from moment to moment. One way to do this is to relax the focus on an explicit object in focused attention meditation and to emphasize instead the watchful awareness that notices thoughts and feelings as they arise from moment to moment. Eventually, you learn to let go of the object of attention and to rest simply in open awareness without any explicit attentional selection.“

Die einmal eingenommene Position der Meta- Aufmerksamkeit beachtet alles, was im mentalen Feld auftreten mag, lässt sich aber nicht davon fesseln: „Open awareness meditation trains awareness of awareness, or what psychologists call meta-awareness. In open awareness meditation, meta-awareness takes the form of witnessing thoughts, emotions, and sensations as they arise from moment to moment, and observing their qualities. This style of practice leads to an acute sensitivity to implicit aspects of experience, such as the degree of vividness in awareness from moment to moment or the way that transitory thoughts and feelings typically capture attention and provoke more thoughts and habitual emotional reactions. One learns to see how habits of identifying with sensations, thoughts, emotions, and memories—in other words, with specific contents of awareness—create the sense of self.

So sehr meditative Praxis und Erfahrungen sich mit der Forschungsarbeit verzahnen - z.B. dass inzwischen erfahrene Mönche ihr Erleben in tiefster Versenkung rückwirkend gliedern und strukturieren, um signifikante Hirnaktivitäten damit identifizieren zu können- so gibt es doch die offene Frage, ob alle Zustände des Bewusstseins immer mit hirnorganischen Aktivitäten gekoppelt sind. Wie ist es mit Erfahrungen außer- körperlicher Art (out-of-body)? Der Dalai Lama hat sich dazu zwiespältig geäußert- in dem Sinne, dass es Rückwirkungen auf das neurologische System gäbe. Nicht aber stimmt er der Ansicht des Autors zu, dass alle Erfahrungen stets hirnorganischen Ursprungs sind, d.h. dass eine eindeutige kausale Beziehung bestehe.

Dennoch sieht auch Thompson, dass meditative Praxis langfristig Hirnstrukturen nachhaltig verändert: „All these findings together suggest that meditation is a unique kind of mental skill and that long-term meditation practice can bring about long-lasting changes in the brain.“ Neu ist, dass man diese Veränderungen messen und "sehen" kann. Tatsächlich hat sich in der Gruppe der erfahrenen Meditierenden gezeigt, dass diese wenig oder gar keine Zeit benötigten, um sich in einen Zustand reiner innerer Hingabe („compassion“) zu versetzen- einem Zustand, der sich im schon Vorhandensein spezifischer Hirnwellen zeigt. Die stets vorhandene „Hyperstruktur“ wird in der eigentlichen Meditation lediglich vertieft und verlängert. Die „Fachleute“ für meditative Praxis haben faktisch das Aktivitätsschema des Hirns dauerhaft verändert: „So there seems to be some relation between meditative expertise—the ability to generate at will certain inner states of consciousness and sustain them over time—and large-scale patterns of gamma frequency activity in the brain.“

Der anhaltende Dialog zwischen Hirnforschung und Meditation hat ein erhebliches Potential. Das vorliegende Buch ist ein Teil davon. Es wäre vielleicht übersichtlicher und interessanter gewesen, wenn sich Thompson auf das meditative Feld beschränkt hätte. Stattdessen versucht er einen General- Überschlag über alle ihm bekannten Bewusstseins- Zustände - "lucid dreaming" besonders prominent - ohne aber auch nur die Grundwidersprüche wie "Erzeugen diverse Hirnströme Bewusstseinszustände oder umgekehrt?" lösen zu können.
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