Archives for Jun 2014 | EgoBlog | Die Egoisten
Jun 2014

Rudolf Steiners letzte Inkarnation

thomas2
Rudolf Steiner hat sich zwar selbst nicht expressis verbis zu eigenen früheren Inkarnationen geäußert, aber doch Wilhelm Raths Untersuchung* über das Verhältnis von Steiner und Thomas von Aquin kurz vor seinem Tod gelesen und mit den etwas galligen Worten gelobt „Wenn mehr solches in unserer Gesellschaft geschrieben würde, brauchte ich nicht krank zu sein.“* Die Bemerkung war zuerst gegenüber Ita Wegman gefallen und ist Rath dann sofort hinterbracht worden. Dass Rudolf Steiner damit auch zum Ausdruck brachte, dass er das anthroposophische Gesellschaftsexperiment als krank machend - und damit als nicht tragfähig - erachtete, kommt mit dieser Bemerkung ebenso zum Ausdruck wie der von Rath nahe gelegte karmische Zusammenhang zwischen Thomas von Aquin und Steiner.

Rath hatte alle Bemerkungen Rudolf Steiners - vor allem in Rahmen von dessen karmischen Betrachtungen - gesammelt und im Kontext untersucht. Steiner hatte z.B. intensiv über die scholastischen Denker in der Auseinandersetzung mit Averroes - den Vertreter eines „arabischen“ Aristotelismus gesprochen - intensiv auch im Ausdruck: „Ja, so konnte man sitzen in der damaligen Zeit und die Lehre von der individuellen Unsterblichkeit mit allen scharf einschneidenden Gedanken verteidigen, polemisch werden gegen Averroes (..) Da saß man und versuchte, den Individualismus zu begründen..“ Averroes hatte fünfzig Jahre vor von Aquin die Lehre von der universellen, einen Intelligenz für alle Menschen formuliert - eine Intelligenz, in die der Mensch nach dem Tod aufging, und die somit keinen persönlichen Charakter hatte. Die sehr lebendige Auseinandersetzung des 13. Jahrhunderts wurde von Rudolf Steiner wieder aufgenommen- so dass man insbesondere in der ausformulierten Reinkarnationslehre eine Fortsetzung des Thomismus sehen kann. Dass Steiner so viel über diese Zeit - über das Wirken der Zisterzienser und Dominikaner im Besonderen - berichtet hat, führt er auf eine Begegnung mit einem Zisterzienser- Ordenspriester zurück - Pater Wilhelm Neumann, Professor an der Theologischen Fakultät der Wiener Universität, mit dem er sich in den 1880er Jahren traf, und der Steiner ins Gesicht gesagt habe: Die Keime zu diesem Vortrage, den Sie heute uns gehalten haben, die liegen schon bei Thomas von Aquino!“ (Rath, S. 35) Diese Bemerkung muss Steiner so tief berührt haben, dass er 40 Jahre später berichtete, er hätte (ohne den Namen Neumanns zu erwähnen) damals etwas gesagt bekommen, „in dem gelegen war seine Erinnerung an ein Zusammensein von ihm mit mir in einem früheren Erdenleben“ (Rath. S. 41). Dies ist die einzige konkrete Situation, in der sich Rudolf Steiner öffentlich über sein persönliches Karma geäußert haben soll.

Betrachtet man die Fülle von Äußerungen Rudolf Steiners über Thomas, darf man sie doch - mit aller Vorsicht- wohl auch als Selbstbeschreibungen betrachten. So beschreibt Steiner von Aquins sicheres "Urteil und Überzeugung“, was daran gelegen habe, dass Thomas in seinem eigenen Astralleib „denjenigen des Christus einverwoben bekommen hatte“ - mithin dauerhaft inspiriert gewesen sei. (GA 109,71). Thomas habe auch noch von den Ursprüngen des Schicksals gewusst- das „gelenkt (sei) von den Sternenintelligenzen“ (GA 199, 244). Thomas habe „frei von Irrtum..göttliche Gedanken“ wahrnehmen können, nicht als Mystiker, sondern als denkender Scholastiker: „Auf diese Weise finden wir in Thomas aufs neue gedacht die vorschöpflichen göttlichen Gedanken, frei von Irrtum und Täuschung, wie sie nur gedacht werden konnten in einer Klosterzelle, weit entfernt von dem Lärm der Welt. Der Mensch der Welt beeilt sich zu verstehen, sich schnell eine Auffassung zu eigen zu machen und alles zu vereinfachen. Aber die Gottheit ist nicht so einfach! Mit Thomas von Aquino erhebt sich der menschliche Gedanke. Er ist nicht weniger Mystiker als Scholastiker. Er konnte nämlich solche Beschreibungen geben, weil er die geistigen Hierarchien sah, so wie sie der Seher Dionysius der Areopagite uns gegeben hat, und in seinen langen nächtlichen Meditationen vor dem Altar konnte er die schwersten Probleme lösen. So finden sich in ihm vereinigt der Mystiker und ein Denker so hell wie ein Diamant und nicht von den Sinnen beeinträchtigt.“ (GA 109, 71f)

Die unmittelbare Inspiration - im Denken, fern von jeglicher Mystik - Thomas von Aquins führt Rudolf Steiner auch noch in anderen Worten aus: „Man kann zum Beispiel bei Thomas von Aquino im 13. Jahrhundert nicht sagen, was in seinen Büchern steht, sei auf eine solche Art gewonnen, wie heute Begriffe und Vorstellungen gewonnen werden. Das wäre falsch vorgestellt. Sondern was in seinen Büchern steht, müssen Sie sich so vorstellen, dass ihn fortwährend ein Geist aus der Hierarchie der Angeloi dazu inspiriert, und dass er dasjenige niederschreibt, was aus dem Bewußtsein eines höheren Geistes kommt. Nur auf diese Weise kann man alles Entstehende, alles Werdende begreifen. Nur auf die Weise, dass man zuhört, geistig, wie das einen inspiriert oder Imaginationen spendet, kann man über Werden, über Entstehen reden.“ (GA 176, S. 319)

Steiner sieht Thomas klar in der Reihe der Denker der spirituellen Intelligenz („Man sieht in dem, was Thomas von Aquino und seine Schüler, was andere Scholastiker geltend machen, die irdische Ausprägung dessen, was dazumal Michael- Strömung war: Verwaltung der lichtvollen, der spirituellen Intelligenz“.GA 237, 114), und zwar als den Bedeutendsten dieser Denker: „Erst die Auffassung Thomas’ von Aquino, des bedeutendsten christlichen Denkers, sucht die aristotelischen Gedanken in einer tief gehenden Art in die christliche Ideenentwickelung so weit einzuweben, als es in der Zeit dieses Denkers möglich war.“ ( GA 6.34f)

Da Rudolf Steiner, wie oben ausgeführt, nach der Begegnung mit dem „besonders ausgezeichneten Menschen“ (Rath, 41) Pater Wilhelm Neumann nach eigenem Bekunden früh klar war, dass „er sich als ein Fortsetzer des Thomas von Aquino in der Gegenwart fühlen durfte“ (Rath, S. 35), mögen die Äußerungen Steiners über Thomas als Selbstbeschreibungen betrachtet werden dürfen, aber andererseits als Erklärung dafür dienen, dass er selbst auf Wilhelm Raths direkte Frage danach nie eindeutig geantwortet hat.

___
*Quelle Wilhelm Rath, Rudolf Steiner und Thomas von Aquino, Basel 2010/ 2
Comments

Die Entfaltung der Lotosblumen

.
buddhayell
...Diese Befreiung gelingt schrittweise und ist spürbar in der Aktivierung der wesentlichen Chakren, vom Stirnbereich über den Kehlkopf, vom Herz bis hin zum Nabel. Mit der Aktivierung des Herzchakras beginnt das Erleben ungeteilter Aufmerksamkeit und existentiell strömender Energien. Die Loslösung von den Rückmeldungen der Körpergrenzen gelingt wohl erst ganz auf der Ebene der Nabelkraft. Erst dann kommen wir zur Erfahrung des "unberührbaren Wesens" oder der Reinheit des „Spiegels“: „Die Selbst- Natur ist wie ein klarer, glänzender Spiegel, der Bilder widerspiegelt. Wenn der Spiegel dies tut, leidet dadurch in irgendeiner Weise seine Klarheit? Nein, keineswegs. Leidet sie dann vielleicht, wenn keine Bilder widergespiegelt werden? Nein, keineswegs. Weshalb nicht? Weil die Verwendung des klaren Spiegels keinen Einwirkungen ausgesetzt ist und seine Spiegelfläche dadurch nie verdunkelt wird. Ob Bilder widergespiegelt werden oder nicht, ändert nichts an seiner Klarheit. Weshalb nicht? Weil dasjenige, das keinen Einwirkungen ausgesetzt ist, inmitten der Bedingtheiten keinen Wechsel kennt.“

Der Prozess der damit angedeuteten spirituellen Metamorphose vollzieht sich in mehreren um der Systematik willen einzeln dargestellten Schritten zur Entfaltung der Chakren, der in der Praxis aber durchaus diskontinuierlich verlaufen mag – manchmal auch chaotisch- und mit schmerzlichen Selbsteinsichten verbunden sein muss, wie später noch dargestellt werden soll.

Viele – vor allem junge Menschen- empfinden eine gewisse Loslösung im Bereich des Kopfes, sind sich aber nicht bewusst, dass es sich um eine beginnende innere Bewegung im Bereich des Stirnchakras handelt. Meist fließen die gewonnenen Möglichkeiten in soziale Tätigkeiten, in das Wahrnehmen und Entfalten kommunikativer und systemischer Prozesse. Es wird leichter, intuitiv festzustellen, in welche Richtung sich soziale Dynamiken entwickeln, ihnen zu folgen und sie formulierbar zu machen. Das Internet mit seinen Möglichkeiten zur permanenten Abstimmung, aber auch die wachsende Evaluationskultur in Wirtschaft, Politik und Bildung sind mögliche technische Grundlagen für das sich entwickelnde lebendige Denken im Rahmen sozialer Verantwortung. Nicht zuletzt beginnt an diesem Punkt auch eine Kultur der Selbst-Evaluation im Sinne von Supervision- einer Betrachtung persönlicher, intimer Entwicklungsschritte- im Spiegel des Teams, in dem sich der Einzelne befindet.

Wenn die Ausweitung auf das Kehlkopfchakra gelingt, wird diese frei schweifende Potentialität allmählich weiter konzentriert und fokussiert. An diesem Punkt kommt ein deutliches Willenselement in die Entwicklung hinein. Das meditative Leben vertieft sich, da nun auch eine Gerichtetheit der freien Kräfte möglich wird. Die erste echte Loslösung von Rückmeldungen der Körperlichkeit wird erlebbar, indem man sich in einem meditativen Strom mitgenommen fühlt; die bislang eher punktuelle Konzentration wird zuerst im Rahmen der meditativen Arbeit dauerhaft. Allmählich wird die Empfindung, am Rande dieses Kraftstroms zu leben, zunehmend den ganzen Alltag durchziehen und ständig als Hintergrund- Strömen bemerkbar sein. In schwierigen Situationen, in Konflikten oder in scheinbar ausweglosen Konstellationen lässt man etwas los, so dass ein Agieren aus der geistigen Präsenz heraus möglich wird. Die eigenen Intentionen stehen hinter der intuitiven Wahrnehmung des Willens aller Beteiligten zurück. Man kann aus „moralischer Phantasie“ heraus handeln- in konzentrierter Improvisation. ..

Zum ganzen Text

Comments

Das Erwecken des inneren Lichtorgans

E
chakra
ines der älteren Bücher (1966), die sich vor anthroposophischem Hintergrund mit Chakras beschäftigen- Werner Bohms „Die Wurzeln der Kraft“- hat mich zeitweilig etwas ratlos zurück gelassen. Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau schreibt im Vorwort, dass dieses Buch in einer Sprache abgefasst sei, die nicht Berufenen unverständlich bleiben müsse- dies ergebe sich von selbst. Das sei der „diesen Dingen eigene Selbstschutz vor Unberufenen“. Zudem wendet sich Veltheim-Ostrau heftig gegen die „Geheimnis- und Wichtigtuerei westlicher Pseudo-Okkultisten“, bringt aber der sorgfältigen Arbeit vieler indologischer und sinologischer Übersetzer Sympathie entgegen. Meine Ratlosigkeit entspringt der überquellenden Fülle von Bohms Mixtur aus allen möglichen Kulturbausteinen- vor allem solchen der indischen und asiatischen Welt. Konkret bezieht er sich stark auf tantrische Literatur und orientiert sich am Yogasutra des Patanjali- eine Yogi- Schulung, die immerhin zwischen 400 vor bis 400 nach Christus entstand und aufgrund ihrer Sprachform starker Interpretation bedarf. Bohm nimmt eine Strukturierung der Schulung vor, ohne diese als seine Interpretation kenntlich zu machen, bedient sich aber zugleich der darin (und anderswo) vorherrschenden Bilderwelt. Seine Zusammenschau z.B. zwischen Stufen dieses Yoga und Phasen des christlichen Einweihungsweges erscheint mir z.T. doch etwas erzwungen. Zudem interpretiert Bohm immer wieder anthroposophisch- problematisch, Tausende von Jahren alte okkulte Bilderfolgen ohne Übergang auf die Seelenwelt des modernen Menschen zu beziehen. Zudem leitet Bohm Anweisungen ab, die stimmen mögen - oder auch nicht; sie haben für mich dennoch dogmatischen Charakter. So dürfe man auf keinen Fall im Liegen meditieren, da dies die Haltung des Tieres sei. Andererseits solle die Sitzhaltung nicht nur artistisch im Sinne des artifiziell aufgefassten Yoga sein. Der westliche Mensch habe eine andere „Konstitution“ als der östliche. Zeitgebunden sind auch Bohms ständige Abgrenzungen gegenüber einer technisierten Zivilisation, die vor der Katastrophe stehe und sich in völligem moralischem Verfall befinde. Im Vergleich dazu bekommt die östliche Zivilisation bei Bohm einen schwärmerisch vorgetragenen, idealisierenden Anstrich. Im Nachwort der Buchauflage aus dem Jahre 1974 stellt Bohm allerdings resignierend fest, dass selbst in Indien die junge Generation Tradition und Bhagavad Gita beiseite gelegt und sich den Aufgaben „dieser Welt“ zugewandt habe.

Sei´s drum. Bohm ist sicherlich kein esoterischer Theoretiker, und man kann vor allem in der zweiten Hälfte des Buches einige konkrete Entdeckungen machen. Es geht immer mehr im engeren Sinne um die Chakren- ihre Lage, Entwicklung, Beziehung zu physischen Organen, Zusammenhänge mit dem natürlichen und kosmischen Umfeld. Bohm ordnet jedes Chakra planetarischen Sphären (im antiken Sinne) zu. So sieht er den 4blättrigen Lotos „innermenschlich“ im Zusammenhang mit dem Mond, den 6blättrigen mit Merkur, den 10blättrigen mit Venus, den 12blättrigen mit der Sonne, den 16blättrigen mit dem Mars, den 2blättrigen mit Jupiter und schließlich den 1000blättrigen mit Saturn. Das ist meditativ nachvollziehbar. Im letzten - umfangreichsten- Teil des Buches stellt er jedes einzelne Chakra in seinen Charakteristika vor, wobei ein Schwergewicht auf symbolisch- vedischen, kulturhistorischen, sakralen und lautlich- mantrischen Bezügen liegt. An anderen Stellen fließen zweifellos eigene meditative Erfahrungen des Autors ein. Bohm geht auch auf einige Neben- Chakren ein- so etwa auf das für das Herzdenken so elementare 8blättrige: „Unter dem 12blättrigen ist auch noch ein kleiner 8blättriger roter Lotos, der zur Herzregion gehört und auch innerhalb derselben erschaut werden kann. Er ist ein Nebenorgan. In ihm ist der juwelengeschmückte Altar mit dem Schutzdach, einem Baldachin, darüber. Hier stehen die „heiligen Bäume“ des heiligen Hains. Es ist der innere Ort einer geistigen Gottesverehrung. Im Herzen soll sie erfolgen.“ Im Vergleich dazu erscheint in der 12blättrigen Blüte einerseits die seelische Wärme, andererseits die „Stimme der Stille“; eine Region, „wo die Sonnen- und Sphärenharmonie erlebt wird“. Das Beispiel mag zeigen, wie konkret, persönlich und imaginativ Bohm an einigen Punkten auch wird. Daraus kann man viel Gewinn ziehen. Einen Satz wie „Das Herzorgan ist jener Ort, wo der Mensch von außen das geistige Lichtorgan entfacht“ kann man tatsächlich in sich bewegen. Es wird durchaus auch noch konkreter, worauf ich in weiteren Beiträgen noch eingehen werde.

_______
Werner Bohm, Die Wurzeln der Kraft. Chakras- die Kraft der Lotosblumen. Wilhelm Barth 1982
Comments

Die Welle, die bricht

Wenn hier im Blog die Rede von Chakra- Arbeit ist, dann verstehe ich darunter eine Kontinuität in gedanklicher Arbeit, in Fokussierungsübungen und in immer wieder - über Jahrzehnte - verfolgter Teilnahme an der Menschenweihehandlung. Persönlich war für mich die konzentrierte Arbeitshaltung etwas, was praktisch von Kinderzeit an in Fleisch und Blut übergegangen war, weil ich durch eine Aufmerksamkeitsstörung im Sinne eines ADS behindert war. Das forderte den Willen früh heraus, als faktisch existentielle Herausforderung. Das innere emotionale Chaos, die blank liegende Gefühlsebene, aber auch die Zeitumstände führten früh zu einer spirituellen Suche, die mit Zen und Sri Aurobindo, aber auch mit Timothy Leary begann. Das Erleben der Aktivität des Stirn- Chakras war eine Selbstverständlichkeit, aber es blieb das Problem, dies zu einer kontinuierlichen Erfahrung zu machen, trotz der andauernden, vor allem anthroposophischen Arbeitspraxis. Dagegen sprachen emotionale Auf und Abs, familiäre und berufliche Herausforderungen und eine im Laufe der Jahre kränkelnde Konstitution. Hinderlich waren auch Ernährungsgewohnheiten - vor allem der Konsum von Alkohol und Zucker -, die übliche Ego- Fixierung gerade als „spiritueller Mensch“ und die Subsumierung aller Kräfte durch die Anforderungen, den Alltag zu bestehen. Die Vertiefung konnte nur durch eine umfassende Krise gelingen, durch den Nullpunkt, in dem die Spiegelbilder zerschellen. Das ist einfach der Fels, an dem die selbstbezogene Welle bricht. Vorher sind die noch so spirituellen Bemühungen nicht frei von Selbstliebe.

Danach erst, nach dem sich selbst Aufrichten, gewinnt das seelische Meer zumindest überwiegend die Stille, die bis zum existentiellen Grund vordringt. Nun erst kann der Stier sich in seiner Reinheit erheben, die Marskräfte des reinen Wortes im Kehlkopf erweckend. Nun erst dringt die Reinheit des Willens in die Sonnenregion des Brustraums. Die großen Empfindungen, jenseits aller Selbstfühligkeit, klingen in der Seele auf. Die spirituelle Arbeit hat nichts Aufgesetztes, sondern erscheint als Kraft, die eine Kontinuität des klaren Denkens darstellt. Es beginnt ein tiefes Vertrauen darin, dass die weitere Entwicklung einem inneren Curriculum folgt und folgen wird. Wer einmal die Lebenskraft des Geistes gespürt hat, dem wird sie sich entfalten, auch über dieses Leben hinweg. „Rudolf Steiner betonte in Hinblick auf das Michael- Fest die Notwendigkeit, dass ein tragendes Vertrauen zu den Gedanken des Geistigen in erster Linie entwickelt werden müsse- ein wirkliches Erleben des Geistigen an Ideen, an „bloßen Gedanken“. Die klaren Ideen des Menschen- und nicht eine diffuse, übersinnliche Wahrnehmungswelt im Sinne verzerrter Esoterik- müssen verstärkt und als solche in ihrer Lebenskraft erfahren werden; der Mensch müsse die Fähigkeit entwickeln, von den Gedanken über das Geistige so erfasst zu werden wie durch physische Gegebenheiten; Ideelles muss in seiner Geistrealität, Lebens- und Wirkungskraft in den Bereich der menschlichen Erfahrung treten.“

Peter Selg, Der Wille zur Zukunft, Arlesheim 2011, S. 70
Comments

Das Ende der Welt. Inquisitorische Stereotypen und Verschwörungstheorien

Anzumerken ist hier noch, dass die Vorwürfe einer angeblichen Verschwörung mit den Sarazenen bereits im Prozess gegen die Templer erhoben worden waren. Nach einer Periode gewisser Ruhe, in der viel jüdische Kaufleute und Familien zurückgekehrt waren – in der trügerischen Hoffnung, der Wahnsinn sei vorbei -, wurden die Judenverfolgungen ab 1347 wieder virulent, da in diesem Jahr – nach sechshundert Jahren "Ruhe", aus den genuesischen Häfen und aus Sizilien kommend, eine große Pestepidemie Europa durchzog. In Südfrankreich starb daran etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Für die Epidemie wurden die Juden verantwortlich gemacht, wiederum anhand der "Brunnentheorie". Aber auch die anderen Theorien, etwa die des rituellen Mordes durch Juden, wurden neu angefacht. Im Laufe des Jahrhunderts kamen allerdings wieder Gegenstimmen auf, die inmitten der Massaker feststellten, dass ja auch die Juden an der Pest starben. Die Verschwörungsobsession ebbte allmählich, im Laufe von dreissig Jahren, ab; zumindest vorerst. Sie sollte im letzten Jahrtausend wieder und wieder aufflammen.

Unter der Oberfläche waren aber bereits neue Verdächtigungen aufgeglommen. Man witterte, speziell auf Seiten der Inquisitoren, „neue Sekten und verbotene Riten". Es sah so aus, als sollte sich die Grundlage der Verfolgungen verbreitern; schließlich waren die Personengruppen der Ketzer, Juden und Aussätzigen doch begrenzt. Erst mit dem Vorwurf der Hexerei geriet nahezu jeder ins denunziatorische Sperrfeuer, wenn das Schicksal, der Nachbar oder die kirchliche Obrigkeit es so wollten. So publizierte Papst Alexander V. 1409 eine Bulle, die aussagte, dass viele „Christen und Juden, die Hexerei, Wahrsagerei, Dämonenbeschwörungen, magische Verwünschungen, Aberglauben, böse und verbotene Künste praktizierten", noch aufzufinden seien, um „unschuldige Christen" vor dem Unglück und Verderben zu bewahren.( Ginzburg, S. 83). Damit konnte nun die Christenheit selber in ihrer ganzen Breite, nicht nur überschaubare Randgruppen, "gereinigt" werden.

Zum ganzen Artikel
Comments

Das Buddha- Bewusstsein

buddha2
Die abgebildete Figur, die ich auf der Kunstinsel Hombroich in einem Pavillon fotografiert habe, hat eine außergewöhnliche Kraft. Das ist einer der Buddhas, die man verstehen möchte - d.h. ihr sich so annähern, dass man die dargestellte innere Gesamt- Gebärde wenigstens im Ansatz mit vollziehen kann. Ein ähnliches Bedürfnis, wie es, auf andere Art, in der Begegnung mit vielen Mariendarstellungen aufkommen kann- oder auch mit Darstellungen des Letzten Abendmahls.
Allerdings ist die Visualisierung der Kundalini- Kraft im Rücken des Buddha etwas, der man sich nicht unmittelbar aussetzen möchte; es ist ein korrumpierter Bereich. Magier und fragwürdige Meister wie Baghwan- Osho wirkten darüber, indem sie Einfluss auf den Schüler nahmen; daher die ursprüngliche Verbindung mit sexuellen Energien, die Osho später allerdings zurück gedrängt hat - spätestens nachdem er mit seinem Expansionsdrang in den Westen innerlich und äußerlich gescheitert war. Dass er nicht einmal davor zurück geschreckt ist, mit biologischen Kampfstoffen zu operieren, ist in einem Artikel in The Atlantic nach zu lesen.

Auf selbstbestimmte, transparente Art und Weise gehen wir, das Denken meditativ belebend, vom Stirn- Chakra aus. Im Laufe von Jahren der Übung werden Kehlkopf- und Herz- Bereich angeregt, so dass eine Kraftsammlung im Zusammenwirken dieser drei Bereiche erreicht wird. dadurch wird eine neue Qualität der Versenkung erreicht- offenbar indem die achtblättrige Lotosblume in der Nähe des Herzens ihre Aktivierung erlangt. Möglicherweise beginnt auch ein zartes Regen der Kräfte aus der Region der Zirbeldrüse. Es ist schwer zu sagen, da eine generelle Kraft mit einer Fülle von Erfahrungen erweckt wird. Schließlich sind sowohl imaginative als auch energetische und wesenhafte Erfahrungen berührt, ohne im geringsten irrational zu wirken. Es ist alles voll bewusst- eine willenhaft, wesenhaft durchzogenes Denken, das aber losgelöst von der nur physisch vermittelten, gespiegelten Hirntätigkeit erscheint. Schließlich erweitern sich die energetisch erlebten Felder des empfangenden hellen Willens, indem sie in die Hände und schließlich in die Füße fliessen. Man tritt in die Ungeborenheit, in das Buddha- Bewusstsein ein. Nun ist es möglich, eine innere Linie durch die Leiblichkeit zu erleben, an deren Spitze die tausendblättrige Lotosblüte spürbar wird. Man kann sie mitunter tatsächlich im Hirnstamm festmachen. Dadurch wird ein anfängliches Miterleben und Verstehen dessen möglich, was der abgebildete Buddha aussagt. Allerdings ist für den Menschen des 21. Jahrhunderts ein bewusster Weg unabdingbar, der seine Autonomie sichert, und der daher in der Linie der Chakras von oben nach unten - in stetiger Transparenz - vor geht. Die überwältigende Wucht der Kundalini- Energien wird dabei nicht berührt; diese bleiben im Hintergrund.
Der Denkpol kann sich gleichwohl, auf moderne Art, der Buddha- Sphäre öffnen.
Comments

Das Pfingsterleben in der Belebung des Geistselbst

Man kann sich der anthroposophischen Begrifflichkeit leider nur mit Mühen, einigem Studium und dem Versuch der aktiven inneren Nachvollziehbarkeit annähern. Im Zentrum mancher langwieriger Überlegungen steht vermutlich der Fachbegriff Bewusstseinsseele, der eben das typische und reife Bewusstsein der Menschheit heute über alle Grenzen hinweg beschreiben will. Er charakterisiert einen Zustand der Möglichkeit, von sich selbst weitgehend abzusehen und das eigene Leben sehr weitgehend analytisch anzusehen- alles, was an einem selbst Vergangenheitscharakter hat oder mechanisiert ist.
Dazu gehören biografische Abläufe, emotionale Gestimmtheiten, Bedürftigkeit, Anhaftungen, Neigungen, suchtartige Mechanismen, gedankliche Reflexe, typische Reaktionsmuster, Ängste usw. Die Verästelungen eines gesamten Ich- Konstruktes können einerseits nahezu objektiv mit psychologischem Rüstzeug betrachtet werden, ohne sie allerdings im Einzelnen auch beeinflussen und ändern zu können. Denn dieses Ich wird korrumpiert nicht nur durch die Wucht der emotionalen Reflexe, sondern auch durch die Mechanik der - ein weiterer Fachbegriff - Verstandesseele, die, in ihrer rationalen Ausprägung, stets den Vorteil in den Gegebenheiten sucht, stets im Dienst der Egoität einen Weg aus den ungelösten Dilemmata anstrebt. Daran muss nichts Falsches sein. Nur zu häufig führen die Leitung durch den Egoismus in einer globalisierten und vernetzten Gesellschaft zu allenfalls kurzfristigen Lösungen.

Gleichzeitig ist in der Qualität des Zeugen- des aktiven Betrachters der Bewusstseinsseele, der das Da- Seiende aktiv anschaut - eine Instanz vorhanden, die auch die raffiniertesten Winkelzüge der Egoität (die sich so häufig in Gutmenschentum kleidet) anschauen kann, die, wenn sie sich ihrer selbst gewahr wird, eine Position innehaben kann, die von einem rein menschlichen, über- individuellen Standpunkt aus auf das innere und äußere Drama zu schauen in der Lage ist. Wird diese Präsenz meditativ gestärkt - über das bloße Moralisieren, Besserwisser oder die Selbstverurteilung hinaus- entstehen zumindest zeitweilig innere Freiräume. Die gedankliche Vertiefung - etwa über die Arbeit an den Chakras- führt zu einer inneren Beweglichkeit, die durch die ausgehaltene Leere hindurch zur geistigen Empfänglichkeit führt, zu einer vollkommen befreiten Offenheit. An dieser Stelle kann das Geistselbst als eine Kraft im Menschen erwachen als geistige Präsenz ohne Verwicklung in die Mechanismen und Scheingefechte der Egoität. Es wird erfahren als reiner Wille - oder als eine gedankliche und emotionale Klarheit, die sich als Kraft auslebt- eine Präsenz, die zugleich über dieses eine irdische Leben hinaus verweist, ein Verstehen, das sich nicht als kurze gedankliche Intuition präsentiert, sondern bestehen bleibt.
In diesem Zusammenhang ist eine sonst rätselhaft bleibende Bemerkung Rudolf Steiners verständlich wie "Die Bewusstseinsseele ist mit der Verstandesseele selbstverständlich innerlich immer vermischt, aber das Geistselbst ist mit der Bewusstseinsseele verbunden nicht vermischt.“*

Das Geistselbst ist als aus sich selbst bestehende geistige Entität nicht korrumpiert, nicht mit den Winkelzügen der Egoität „vermischt“.

An diesem Punkt kann man verschiedene Wege der Betrachtung anschließen. Eine Spur der Betrachtung verfolgt die zunehmende Verselbstständigung und Veräusserlichung alles dessen, was mechanisch am menschlichen Intellekt und an der Emotionalität geworden ist und weiter wird- denn all dies ist zum digitalisierten Inhalt geworden. Das Wissen, Erinnerungen, emotionale Reflexe wandern in einer elektronischen Spiegelwelt aus dem menschlichen Inneren heraus in ein Netz und in Medien, die sich seinerseits verselbständigen und immer weiter entwickeln. Die Auswirkungen des digitalen Doppelgängers ziehen in jeden Winkel des Alltags hinein. Entscheidungen, die wie gedankliche Intuitionen, wie Verstehen aussehen, werden durch pure elektronische Rechenkraft simuliert. Der von sich selbst entkleidete Mensch wird immer mehr auf die Frage geworfen, was an ihm originär menschlich ist. Er, der noch immer im eigenen Drama gefangen ist, kann nur sein Verstehen vertiefen, muss sich seiner selbst als nicht- mechanisiertes Geistselbst bewusst werden, um nicht in den elektronischen Spiegelwelten als passiv bespaßtes Reaktionswesen unter zu gehen.

Eine andere Spur führt nach Rudolf Steiner auf die Entwicklung, die mit dem Pfingstgeschehen zusammen hängt. Denn es gibt in dem Drama, das zugleich die Geburt des autonomen Geistselbst hervor bringen kann, eine Parallelität zum Geschehen auf Golgatha. Die Verleiblichung des Christus in Jesus hatte eine Art kosmischer Vorbildfunktion für das heute im Menschen stattfindende Drama- das Christus- Wesen war ein kosmisches Geistselbst: "Es ist die Voraussetzung , daß man weiß, wie in der allgemeinen Menschheit das Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseele hineinkommt, um zu verstehen wie die Christus-Natur als ein besonderes kosmisches Geistselbst, Manas in die Bewusstseinsseelennatur des Jesus von Nazareth hineinkam. (..) Man kann das, was er sich als einen Begriff ausbildete, so fassen, wie wenn man heute sagte: Es findet keine Vermischung statt (..) zwischen dem Christus, entsprechend dem Manas, und dem Jesus, entsprechend der Bewußtseinsseele und allem, was an niederen Wesensgliedern dazugehört, keine Vermischung, sondern nur eine Verbindung.“* Diese Reinheit der Einweihung ist das Urbild für das, was heute auf menschlicher Ebene in der Erlangung der wirklich menschlichen Würde in der Selbstgewahrwerdung als Geistselbst möglich ist.
Das Christusgeschehen seinerseits hatte Ähnlichkeit mit dem menschlichen Drama, ohnmächtig auf sich als Egoität zu schauen, denn das göttliche Ich ging durch eben dieses Drama selbst hindurch im "Augenblick der höchsten göttlichen Ohnmacht, um jenen Impuls zu gebären, den wir dann als den Christus-Impuls in der weiteren Evolution der Menschheit kennen.“**

Die Erfahrung des Geistselbst heute hat aber noch eine andere, bislang nicht genannte Dimension. Das innere meditative Leben, das auch mit der Imagination des menschlichen Ideals einher geht, erlaubt ja nicht nur den nüchternen und befreiten Blick auf die eigene Gebrochenheit, sondern auch den auf das Mühen und Ringen der Mitmenschen. Die eigenen Rechtfertigungswälle, der andauernde Reflex, das Ego zu stabilisieren und zu verteidigen, bestehen nicht mehr. So ist man in der Lage der Jünger Christi zu Pfingsten: "Dennoch trat der Zeitpunkt ein, wo es den Aposteln so vorkam, als ob sie eine lange, tagelang dauernde Zeit verlebt hätten wie in einem traumerfüllten Schlafe, aus dem sie nun mit diesem Pfingstereignis erwachten. Schon dieses Erwachen fühlten sie, wie wenn aus dem Weltenall niedergestiegen wäre auf sie etwas, was man nur nennen könnte die Substanz der allwaltenden Liebe. Und den anderen Menschen, die sie beobachten konnten, wie sie nun sprachen, kamen sie ganz fremdartig vor. Jetzt kamen sie den Leuten wie verwandelt vor: wie Menschen, die in der Tat erlangt hatten eine ganz neue Verfassung, eine ganz neue Stimmung der Seele, wie Menschen, die alle Engigkeit des Lebens, alle Eigensüchtigkeit des Lebens verloren hatten, die ein unendlich weites Herz, eine umfassende Toleranz im Inneren gewonnen hatten, ein tiefes Herzensverständnis für alles, was menschlich auf der Erde ist, die sich so ausdrücken konnten, daß jeder, der da war, sie verstand. Man empfand gleichsam, daß sie in eines jeden Herz und Seele schauen konnten und aus dem tiefsten Inneren heraus Geheimnisse der Seele errieten, so daß sie einen jeden trösten konnten, dasjenige sagen konnten, was er gerade brauchte.“***



*Rudolf Steiner, 165, Seite 212f
**Rudolf Steiner, 148, Seite 54
***Rudolf Steiner, 148, Seite 23ff
Comments