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Jun 2012

Sommer- und Winterschlaf

Sie werden aus dem, was ich gesagt habe, entnehmen, dass eigentlich das Schlafen im Sommer etwas ganz anderes heißt als im Winter (..). In älteren Zeiten unterschieden die Menschen durch ihre Empfindungen sehr genau zwischen dem Winterschlaf und dem Sommerschlaf. (…)

Während des Sommers, da sind ganz ausgeprägte Imaginationen - in mannigfaltigsten Formen -, innerhalb welcher wir während unseres Schlafes mit unserer Ich- Wesenheit und unserer astralischen Wesenheit leben. Während des Winters sind weitmaschige Figuren um die Erde herum, und das hat zur Folge, dass jedes Mal, wenn der Herbst beginnt, das, was in unserer Ich- Wesenheit und in unserem astralischen Leibe lebt, zur Nachtzeit weit in die Welt hinaus getragen wird.

Während der heissen Sommerszeit bleibt dasjenige, was in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe lebt, sozusagen mehr in der geistig- seelischen Atmosphäre der Menschen. Während der Winterszeit wird dasjenige, was in unserer Ich- Wesenheit und in unserer astralischen Wesenheit lebt, hinaus getragen in die Weltenweiten.

Man kann schon sagen, ohne dass man irgend etwas nur Bildliches, sondern indem man etwas ganz Wirkliches sagt: Das, was der Mensch seelisch in sich ausbildet und was er hinaus tragen kann zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durch seine Ich- Wesenheit und durch seine astralische Wesenheit aus seinem physischen und aus seinem Ätherleibe, das speichert sich auf während der Sommerszeit und strömt während der Winterszeit in die Weiten des Kosmos hinaus.


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Rudolf Steiner, Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, 1.12.1922, S. 34f
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Wenn man es nicht so mit der Devotion hat


Man findet - unabhängig von der spirituellen, kulturellen oder weltanschaulichen Richtung, in der man sich zu befinden meint, häufig wie bei Sogyal Rinpoche (der inzwischen nicht mehr hoch angesehen ist ) meditative Anweisungen, gerade zu Beginn von Übungen in eine bestimmte devotionale Haltung hinein zu gehen:

"Rufen Sie im Raum vor sich die Verkörperung der Wahrheit an, so, wie Sie sie sich vorstellen, in Form von strahlendem Licht. Wählen Sie als Gestalt ein erleuchtetes Wesen oder einen Heiligen, zu dem Sie eine enge Verbindung spüren. Wenn Sie ein praktizierender Christ sind, spüren Sie von ganzem Herzen die lebendige, unmittelbare Gegenwart Christi, des Heiligen Geistes oder der Jungfrau Maria. Wenn Sie sich von keiner bestimmten spirituellen Gestalt angezogen fühlen, stellen Sie sich einfach reines goldenes Licht im Raum vor Ihnen vor. Wesentlich ist, dass Sie in das Wesen, das Sie visualisieren oder dessen Präsenz Sie spüren, die Verkörperung der Wahrheit, der Weisheit und des Mitgefühls aller Buddhas, Heiligen Meister und erleuchteten Wesen erkennen. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihre Visualisierung nicht besonders klar ist. Lassen Sie einfach Ihr Herz sich mit dieser Präsenz füllen und vertrauen Sie darauf, dass sie da ist." (Sogyal Rinpoche, Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben, Bern/München/Wien 1994/8. Auflage, S. 258)

Offenbar ist damit beabsichtigt, der Seele eine gewisse "Hochstimmung" und "Fokussierung-auf-das-Wesentliche" durch die Art visuellen Vergegenwärtigens zu geben. Lange Jahre des Umgangs mit Übenden aller möglichen Ausrichtungen haben mich gelehrt, dass die Meisten damit aber nicht unbedingt aus der Ebene der Selbstbespiegelung heraus kommen. Auf den Hochgefühlsebenen der herbei gesehnten Bilder lauern die spezifischen Gefahren der Gefühligkeit- bis dahin, dass diese Übenden unvermittelt das zu "sehen" vermeinen, was man aus der Literatur eben so kennt- sagen wir mal Lichterscheinungen, Devas, Visionäres aller Art, barttragende Männer mit heiliger Ausstrahlung, Elementarwesen, usw. Die Illusion kann das alles produzieren, was man sich aus der Stimmung heraus wünscht- es sind aber immer noch Projektionen, aus der Wunschnatur heraus, oder, um es härter zu sagen, vielleicht auch aus dem spirituellen Ehrgeiz oder der Sehnsucht heraus.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich einer Generation entstamme, die zu viel emotionale Korruption erlebt und erfahren hat, und in dieser Hinsicht auch eine grundsätzliche Skepsis sich selbst gegenüber hegt. Das ist ja auch die Generation, die nicht nur mit der medialen Expansion aufgewachsen ist, sondern auch mit ganz konkretem Umgang mit Psychoanalyse, Encountergruppen, gruppendynamischen Prozessen, sektiererischen Entgleisungen und Supervision. Ich würde nicht auf Devotion und Visualisierungen am Anfang eines meditativen Prozesses setzen, um der Gefahr der Selbstsuggestion nicht zu unterliegen. Am Anfang steht für mich die intensive Schulung intellektueller und seelischer Fokussierung, bis hin zu dem Punkt, verlässlich und unabhängig von der Situation Nicht-Inhaltlich, aber bewusst bestehen zu können, gelassen der Leere zu begegnen, ohne dabei einzuschlafen, zu träumen, zu assoziieren oder eben Gefühle oder Bilder zu produzieren. Mit der Zeit und bei geeigneter Situation gelingt es, den Willen "weich" und geschmeidig zu machen und in der Leere in einen Strom einzugehen, dessen Quelle zunächst nicht bekannt, der aber in sich völlig transparent und wach ist; man ist sich im Strömenden seiner selbst bewusst, man erlebt sich als bewusstes, aber nicht im Dualismus zersplitterter, einiges Strömen, das sich in den vor einem liegenden geistigen Raum ergießt.

Man kann der Quelle im zweiten Schritt nachgehen und bemerken, dass dazu ein Ebenenwechsel nötig ist. Der "kühle Wind" des reinen Bewusstseins ist nicht alles- er wird getragen von Quellen, die vor allem warm sind. Die konstruktive Mitte aller geistigen Aktivität ist eine Quelle, die sich unentwegt selbst verschenken möchte. In dieser Geste ist etwas Naturhaftes- etwas, was mit dem Schöpferischen an sich zu tun hat, vor jeder Form, vor jeder Gestaltung. Erfährt man davon auch nur eine Spur, hat man zugleich den Grund der wirklichen Devotion erfasst. Es ist der Quell des Bewusstseins (des Denkens im weiteren Sinne), des Gefühls (nicht der ich-haften Selbstgefühligkeit), des Lebens und Erschaffens zugleich. Die Devotion ist auf dieser Ebene ein unmittelbares, naturhaftes Erleben, das zutiefst mit der eigenen Wesenheit zu tun hat: Daraus sind wir gestrickt, hier liegt der Ursprungspunkt dessen, was wir wirklich sind. Aber begründet und verifiziert wird dieses Erleben doch durch die bewusste Schulung des Denkens und Wollens, durch das Überwinden des Assoziativen und Gefühligen, der Nebel, mit denen wir unsere Bedürftigkeiten, Sehnsüchte und Projektionen kaschieren. Hier wird die Devotion so konkret und unmittelbar wie ein glasklarer Bach, nur dass dieser unserem eigenen Innersten entspringt und uns darin mit allem Lebenden verbindet.

Die Heiligen, die großen Gefühle können warten. Rationale Spiritualität kann warten, bis die Devotion in der Mitte erwacht.
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Der aufgerissene Himmel


Es gibt natürlich alle möglichen Typen, die rücksichtsvollen, die im Notfall begangenen, die leidenschaftlichen Lügen. Die der Lust am Tratsch Entsprungenen, der unheilvollen Lust am Drama. Die, die ohne Worte auskommen, die, die etwas verschwiegen halten, was hätte gesagt werden sollen und müssen. Die, die einen schützen und bewahren, die einen in der Deckung halten. Die Lebenslügen, die wir uns selbst gegenüber begehen. Der Mechanismus der glanzvollen Persönlichkeit, mit wir uns selbst und Andere betrügen. Die Lügen, die wie Gift das Seelenleben durchwabern und unseren Hormonen entspringen, ein Träufeln und Säuseln. Die, mit denen wir, ohne es zu merken, etwas darstellen, was uns begehrenswert macht- exakt kalkulierend, was der Andere erwartet, braucht, erhofft. Der Deckel, den wir aus uns schmieden, damit er auf den Topf des Anderen passt. Die Fata Morgana, die wir selber sind. Das gleißende Kalkül unserer Attraktivität.

Fast bewundernd habe ich stets die unleidlichen professionellen Blender betrachtet, die sich selbst gegenüber so naiv und unvoreingenommen sind, dass sie die eigenen Lügen, kaum von ihnen ausgesprochen, auch schon glauben. Allein die Tatsache,dass sie die Lüge ausgesprochen hatten, machte den falschen Sachverhalt für sie zu einer Realität. Sie sind völlig unerschütterlich, ja empört, wenn man ihnen die Sache auseinander legt. Sie sind entrüstet, werfen sich in die Brust und geben sich als Opfer einer infamen Beschuldigung. Sie sehen sich so sehr im Recht, sind derartig gepolt auf die Nutzung ihres jeweiligen Vorteils, dass sie nie zu überzeugen sein werden, auch wenn der bloße Augenschein sie widerlegt. Es macht kaum Sinn, zu argumentieren- sie leben in der von ihnen selbst geschaffenen Welt. Das ist ein Debakel für den Lügner selbst, auch wenn er es nicht merkt. Andere und sich selbst zu blenden treibt in eine seelische Korrumpierung, die das ganze Gebäude dieser Persönlichkeiten zu untergraben droht, auch wenn sie vordergründig damit Erfolg haben sollten.

Es gibt ganz exquisite Exemplare, die durchaus nicht nur furchtbar erscheinen, sondern ganz und gar als Gutmenschen. Die Verstellung ist zugleich Selbsttäuschung; die Intentionen aber sind nicht nur selbstsüchtig, sondern erodierend, kompromittierend, affektiv giftig wie die Nesseln einer gefährlichen Quallenart. Man merkt es erst später, dass das Gift sich ausbreitet, und es ist zersetzend für jede menschliche Gemeinschaft. Aber das ist, zweifellos, etwas, was nicht bewusst geschieht- oder nur ein wenig. Die Giftstachel sitzen im Dunkel und werden überdeckt von einem glimmerndem Charme, einer gütigen Attitüde oder einer betörenden Direktheit. Es hält nur selten lange vor- es gibt viele Anhänger, aber auf lange Sicht nicht einen einzigen Freund. Die vordergründige Beliebtheit weicht über kurz oder lang. Nicht selten können die großen Blender viel bewirken und finden sich an Schaltstellen der Macht wieder- gehen sie doch raffiniert mit den Schwächen ihrer Mitmenschen um. Sie wittern Schwachstellen Anderer mit unsichtbaren, empfindlichen Sensoren.

In gewissen dunklen Augenblicken schauen wir uns selber an und bemerken diesen Abgrund in uns- manchmal mit aller Härte und Konsequenz. Wir sind nicht darin verloren, und wir geben den Schwächen vielleicht nur in erträglicher Weise nach. Es gibt da alle Nuancen. In diesen Augenblicken steht man dennoch vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. Es ist ja gerade immer das, was man so gerne hoch hielt, was einen beflügelte, das zugleich die grösste Betäubung darstellt. Die sakrosankten, elementaren, Leitlinien gebenden Elemente der eigenen Persönlichkeit entpuppen sich als das, was elementar verlogen ist. Man hat es wie eine Monstranz vor sich hergetragen, herauf und herunter gebetet, und jetzt sieht man, dass es eine Leere verdeckt, einen lumpigen Haufen von Schwächen oder gar ein stetig ausströmendes Gift. Es war mehr ein aufgestauter Schutz als ein wirklich menschlicher Zug. Man steht einen Augenblick lang nackt vor dem weiten Nachthimmel, in vollkommener Ratlosigkeit. Einen winzigen Augenblick lang reißt der Himmel auf, einen Augenblick lang spürt man die Güte, die in der nackten Wirklichkeit liegt. Dann kann man weiter machen.
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"Innerlich trägt man die Nacht in sich"- Anfänge des Initiatenbewusstseins

Am Ende seines wichtigen Vortragsbandes "Das Initiatenbewusstsein" (1924, GA 243) äußert sich Rudolf Steiner im 10. Vortrag ziemlich kryptisch über „Das lebendige Erfassen der Mondensphäre als Ausgangspunkt eines Initiatenweges“. Es ist merkwürdig, dass gerade nach dem ungemein weitgehenden, hoch geistigen Inhalt des Buches erst am Ende etwas - und dann noch recht knapp gehalten- über den Einstieg in den tatsächlichen Meditationsweg zu finden ist, denn Anfänger waren seine Zuhörer doch in den überwiegenden Fällen; Anfänger sind wir auch noch heute.

Jedenfalls besteht dieser Beginn in den Augen Steiners darin, „das sonst träumende Bewusstsein zu einem Werkzeug der Auffassung der Realität zu machen.“ Er meint dabei nicht den Traum der Nacht, sondern „das sonst chaotische Traumbewusstsein“, das wir unter dem Tagesbewusstsein in uns tragen, das mit dem mittleren Menschen und dem Atmen zu tun hat und in das alle möglichen Empfindungen und Impulse hinein schwappen. Es ist das halbbewusste Assoziative, das knapp unter dem klaren Gedankenablauf des Alltags liegt, aber auch immer wieder Anstösse und bildhafte Verbindungen ins Bewusstsein hinein trägt. Erst durch eine geeignete Schulung kommt dieses einem Meer gleichende schwappende Traumbewusstsein zu einer gewissen Ordnung- wenn es gelungen ist, die Fokussierung so weit zu treiben (und gleichzeitig wieder etwas loszulassen), dass eine willentliche Regelung in das Branden und Schwappen hinein gekommen ist- zumindest in Zeiten der aktiven meditativen Arbeit und sicherlich auch nicht nur im Sinne des „harten Willens“, sondern weich, sich zurück nehmend, anschmiegsam, warm.

Dann aber geschieht etwas, was wie die Schaffung eines freien inneren Raums erscheint, eines inneren Raums, an dessen Rändern und in dessen Mitte bei weiterem Fortschreiten Bild- und Gestalthaftes aufleuchten kann. Diesen inneren Raum, den man erst in meditativen Ausnahmesituationen und mit der Zeit als etwas stetig Begleitendes wahrnehmen kann, benennt Steiner als etwas, bei man sich fühle „wie von einem zweiten Menschen durchdrungen." Das ist das erste Bild, das Steiner dafür benutzt. Das zweite ist, dass man gewahr werde, „wie der im Wachzustande in seinem Ich bewahrte Mond dadrinnen ist". Dieser meditativ erschaffene innere Raum oder „zweite Mensch" ist etwas, was man im „beginnenden Initiatenbewusstsein" wie „in einer Hülle in mir trage". Diese Hülle ist in der Tat deutlich spürbar. Die Ursprünge ihrer Entfaltung liegen in den drei Chakrenpunkten von Stirn, Kehlkopf und Brust bzw. den Innenflächen der Hände. Die Chakren sind die Knoten, die Wurzeln des Entspringens dieser mondenhaften inneren Hüllenkraft.

Steiner macht in diesem Zusammenhang sehr deutlich, dass diese hell gewordene Traumebene bei zu geringer seelischer Haltung entgleiten kann. Es ist Disziplin und Übung nötig, „innere Festigkeit und Haltung, damit dasjenige, was heraus will, in einem drinnenbleibt und man es verbunden erhält mit dem ganz gewöhnlichen, nüchternen Bewusstsein, das man in seinem physischen Leibe hat." Ansonsten wären ekstatische Entgleitungen oder somnabules Abgleiten in „Stoffwechselwirkungen" möglich. Worum es geht, ist der feste Halt im Strömenden, d.h. ein bewusster und vom Ich kontrollierter Weg „durch die Ausgestaltung der Traumeswelt, durch die Realisierung, durch die Verwirklichung der Traumeswelt". Das ist die michaelische Komponente, im Natürlichen, Lebendigen, Traumhaften ein „intellektuelles“ - hellwaches- Moment weiter zu entfalten. Dann wird Denken (im Sinne von Bewusstsein) und Leben eins- oder, wie Steiner es ausdrückt: „es erwacht mitten im Tag etwas wie eine innerliche Nacht."
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Das Tibetanische Totenbuch in Romanform

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Eines meiner ersten Bücher auf dem elektronischen Kindle- Lesegerät, dessen Nutzen und Nachteile ich bereits angesprochen habe, war „This Flawless Place Between“ von Bruno Portier. Ich wäre wohl nicht darauf gekommen, wenn es nicht im Kindle- Blog besprochen worden und an einem Tag zu einem Preis von etwa einem Euro angeboten worden wäre. Es gibt das Buch aber auch, in digitaler wie in konventioneller Form, in deutscher Übersetzung. Die Beschreibung für den Kunden lautet ziemlich euphorisch (ebenso wie auch der Titel in deutscher Übersetzung merkwürdig daher kommt): „Evan und Anne sind mit ihrem Motorrad in Tibet unterwegs. Beim Versuch, einem plötzlich auftauchenden Bauern auszuweichen, kommt es zum Unfall, Anne kommt ums Leben. Der tibetische Bauer kümmert sich um das Paar und praktiziert Übergangsrituale für die sterbende Anne. Getragen von ihrem Karma durchlebt sie einzelne Stationen ihres Lebens noch einmal. Beim „Bardo“, dem in der tibetischen Tradition so bezeichneten Zustand zwischen Leben und Tod, entscheidet sich Anne dafür, wiedergeboren zu werden. Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Thematik des tibetischen Totenbuchs in Romanform zum Leben zu erwecken.“

„Meisterhaft“ ist wirklich stark übertrieben. Man sollte keine große Literatur erwarten. Aber das Thema ist mutig gegriffen, und die Art der Darstellung berührt wirklich sehr. Das junge Paar auf seiner Tour durch abgelegene Wege im Himalaya verunglückt schwer, stürzt in einen Abgrund. Es hat ein Kind bei den Eltern der Frau zurück gelassen. Der Mann ist schwer verletzt und nicht in der Lage, Hilfe zu holen. Ein obskurer tibetischer Heiler vollzieht die Rituale des Tibetanischen Totenbuchs an der toten Frau, die als Verstorbene am Ort des Unfalls herum irrt und nicht realisiert, dass sie tot ist. Sie beginnt erst zu verstehen, was geschehen ist, als sie ihren eigenen Leichnam entdeckt. Sie ist in einem Zwischenreich gefangen. Alle Bemühungen des Heilers gehen darum, ihr den Übergang zu erleichtern. Dazu muss sie die verworrenen, ungeklärten Tatsachen ihrer Liebesbeziehungen aufarbeiten. Mit der Zeit, den Stunden der Durchführung des Rituals, wird sie losgelöst vom direkten Umkreis und gelangt innerlich zu ihrem Kind daheim. Auch die Beziehung zu ihrem jetzigen, verletzten Partner steht ihr vor Augen. Sie entscheidet sich nach meinem Verständnis nicht dafür, wieder geboren zu werden, sondern diesen Zwischenzustand zwischen Leben und Tod mit den direkten intensiven quasi-leiblichen Verbindungen zu den Liebsten aufzugeben. Es handelt sich darum, die Tatsache des Verstorbenseins anzunehmen, zu akzeptieren und in eine Verwandlung hinein zu gehen. Der Heiler sieht dabei Eile geboten. Er befürchtet eindringlich, es sei nur eine begrenzte Zeit für den Schritt vorhanden, da sonst Gefahren des dauerhaften Klammerns und Haftens bestünden. Das Ganze ist von ihrer Sicht aus geschildert und daher sehr bewegend und nachvollziehbar. Es gibt dabei keine seltsame „spirituelle“ Sprache, sondern ein nüchternes, sachliches, kühles Umgehen mit einer sehr verständlichen Problematik.

Der Autor schildert seine Intentionen auch ganz unprätentiös: „This Flawless Place Between was born of a desire to make The Tibetan Book of the Dead accessible to a wider readership, and, to inspire readers to turn to translations and studies of the original text. The novel follows, as scrupulously as possible, the different stages of the book and transcribes the key moments into a narrative rooted in a world more familiar to Western readers.“ Den ominösen Heiler gibt es übrigens nicht, wie sich am Ende des Buches heraus stellt- man kann ihn sich vielleicht als Projektion oder als übersinnlichen Helfer beim Übergang vorstellen. Aber das bleibt offen. Evan, der verletzte Mann, kehrt nach Hause zurück, kümmert sich um das Kind und um die Probleme, die Anne zurück gelassen hat. Es ist, wie gesagt, nichts Mystisches dabei. Es ist ein pragmatisches Buch aus der Sicht einer Sterbenden, ja, einer Toten- eine zweifellos merkwürdige Perspektive. Aber es ist doch ein Buch, das man nicht schnell vergisst.




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A.H. Almaas und das esoterische Christentum

Es mag doch auf den ersten Blick etwas verblüffen, dass der in Kuwait geborene und in einer traditionell islamischen Familie aufgewachsene A.H. Almaas (mit echtem Namen A. Hameed Ali) trotz seiner tiefgründigen Darstellungen zu geistiger Schulung am Ende der Darstellung seines „Diamond-Heart“- Weges zu einer umfassenden Darstellung des esoterischen Christentums kommt. In einer autobiografischen Skizze schreibt er über sich : „A. Hameed Ali was born in Kuwait in 1944. At the age of eighteen, he moved to the USA to study at the University of California in Berkeley. Hameed was working on his Ph.D. in physics when he reached a turning point in his life and destiny that led him more and more into inquiring into the psychological and spiritual aspects of human nature.“

In einem Interview auf seiner Website stellt er seine wissenschaftliche Bildung und seine Erziehung noch etwas deutlicher dar: „My mother is religious and comes from a religious family that functioned as leadership for a particular Muslim congregation in the Middle East. Her father and uncle were in this line of religious leadership but had very obvious spiritual orientations and inclinations. Some of their ancestors were intimately linked to some well-known Sufis. They were not Sufis but had developed some true spiritual qualities.“
So erscheint der Sprung ins esoterische Christentum vordergründig erheblich zu sein, wobei wahrscheinlich auch meinerseits mangelnde Kenntnisse bzgl. des Sufismus zu diesem Erstaunen beitragen mögen.

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Beingness


Wenn man bei Rudolf Steiner nachliest, was Ich, Selbst, Ich-Leib, "Höheres Ich" und dergleichen in diesem Kontext bedeuten sollen, muss man zugestehen, dass diese Begriffe nicht den Charakter einer Definition haben. Sie sind bei Steiner meist sogar nur aus dem Zusammenhang der jeweiligen Situation verständlich, da er sie durchaus widersprüchlich verwendet. Diese scheinbare Ungenauigkeit bzw. Uneindeutigkeit erklärt er gelegentlich sogar zum Prinzip, um die innere Aktivität und Aufmerksamkeit seiner Leser und Zuhörer wach zu halten. Nicht selten erscheint es so, als konstruiere er zwischen Ich und Höherem Ich eine Dualität. So zumindest könnte man auch die folgende Textstelle interpretieren:

"Nun kann aber die Seele gar nicht anders, als dieses «Ich» für ihre eigentliche Wesenheit halten, bevor sie die übersinnliche Welt betritt. Sie muss in ihr die wahre menschliche Wesenheit sehen. Sie muss sich sagen: durch dieses mein Ich muss ich mir Vorstellungen über die Welt machen; dieses mein Ich darf ich nicht verlieren, wenn ich mich nicht als Wesenheit selbst verloren geben will. Der stärkste Trieb ist in ihr, das Ich sich überall zu wahren, um nicht allen Boden unter den Füßen zu verlieren. Was so die Seele im gewöhnlichen Leben berechtigt empfinden muss, das darf sie nicht mehr empfinden, sobald sie in die übersinnliche Außenwelt eintritt. Sie muss da eine Schwelle überschreiten, an der sie nicht den einen oder anderen wertvollen Besitz nur, an welcher sie das zurücklassen muss, was sie sich bisher selbst war. Sie muss sich sagen können, was dir bisher als deine stärkste Wahrheit zu gelten hatte, das muss nun jenseits der Schwelle zur übersinnlichen Welt dir als der stärkste Irrtum erscheinen können."*

Steiner spricht das Verhaftetsein in das an, was wir als unser biografisches Ich erleben, das vom Selbstgefühl determiniert ist, vor allem aber von den permanenten nervösen Rückmeldungen, dem Anstoßen an unsere Leiblichkeit. Dieses Ich erlebt sich im Widerspruch zur umgebenden Welt, im Ich-Es-Konstrukt, das ebenfalls als Anstoß zur Konstitution des Selbst zu erleben ist. Dieses Konstrukt des Ich konstituiert die gegenständliche Welt als Gegenpol zur erlebten Subjektivität. Der "wertvolle Besitz", der als stärkster Trieb mit allen Mitteln verteidigt wird, wird in seinem illusionären Charakter an der "Schwelle zur geistigen Welt", d.h., in der realen meditativen Erfahrung erkannt. Aber was erlebt dann da? Gibt es ein anders verortetes, aber ebenso funktionales "höheres Ich", das dann die Beobachtersituation analog zum leiblich gebundenen Ich einnimmt? Sind wir, mit anderen Worten, geistig ein Anderer als im physischen Erleben? Dann würde in der Tat ein Dualismus herrschen, eine beängstigende Diskontinuität unseres Seins.

Meditativ ist eine solche Diskontinuität nicht erfahrbar, auch wenn es ungewohnt ist und zunächst ungewohnte Anstrengung zu kosten scheint, von der Welt der Geformtheit in ein fließendes Bewusstsein zu wechseln. Der Übergang bedarf vieler Anläufe, wird aber, wenn er gelingt, ganz natürlich wahrgenommen, als ein helles, freies und spontanes Einschlafen mit erhaltenem, aber nicht fokussiertem Bewusstsein. Wenn man damit eine Weile lebt, ist das Potential immer im Hintergrund, in jeder Situation des Tages. Die Anstrengung fällt weg, man wechselt die Ebene jederzeit, ohne gesonderte und exponierte meditative Situation. Wenn diese Stille als Potential zur Verfügung steht, wächst sich etwas von selbst aus- bestimmte Ruhezonen aus dem Untergrund klingen durch die Leiblichkeit herauf, wodurch ein Wachstum vor sich geht, das das Ungestüme des Seelenleibes allmählich besänftigt- zumindest zu wesentlichen Teilen. Dann klingt das Nonduale doch so stark, dass die Erfahrung aufscheint, dass die Trennung zwischen geistigem und gespiegeltem Ich eben nicht besteht:

"..das ist ja gerade das Bedeutungsvolle, dass wir eine gemeinsame Welt haben, wenn wir im außerirdischen Dasein sind, dass dieselbe Welt, die der eine Mensch hat, die ist, die auch der andere Mensch hat, und dass die Menschen, die sich hier im Erdendasein räumlich auseinander halten dadurch, dass jeder in seiner Haut eingeschlossen ist, sich dann auseinander halten durch die innere Kraft der Seele. Auch im außerirdischen Dasein ist jeder eine Individualität; aber er ist nicht von den anderen Individualitäten getrennt durch den Raum, sondern durch die innere Kraft der Seele, durch die zusammen haltenden Kräfte in seinem Inneren."**

Es gibt also kein Hier und Da des Individuellen, keine Trennung, sondern nur Spezifikationen der Wahrnehmung durch das gespiegelte Leib- Bewusstsein. Wenn wir die leiblich- nervös bedingten Rückmeldungen meditativ abstellen können, gehen wir in das nonduale Flow- Bewusstsein ein, in dem wir uns als geistige Wesen erleben lernen.

Der kluge zeitgenössische Mystiker A.H. Almaas drückt diese Erfahrung so aus***: "As the restricted self — what we call the ego — lets go, its very substance unfolds like a flower. The ego doesn’t die, it transforms. The ego is nothing but the perspective of the surface of the soul, which is the true being. Many spiritual traditions go on about slaying the ego. But you can’t kill the ego. There is no separate thing that is ego. The ego is action, simply an activity that fastens your being, your soul, your psyche, and your self in a particular way."

Die eigentliche Anstrengung ist es, dieses abgegrenzte, abgrenzende Spiegel-Ich aufrecht zu halten. Es macht uns müde, verbraucht uns, läßt uns altern. In der Erfahrung des Seinsgrunds, in dem unsere "Substanz sich wie eine Blüte entfaltet" (Almaas) leben wir in den reinen Lebenskräften- ohne die Anstrengungen der Selbstbehauptung und des Selbsterhalts. Wir erleben uns dann auf der atmenden, pulsierenden Lebensebene dieser Welt***: "To engage the work is to participate in this world, in this magical universe. We don’t work to solve emotional problems. We don’t work to have religious experiences. We work to participate in the real world. The world as it really exists, not the world that we have been conditioned to see. It is mind-blowing to realize the nature and extent of our conditioned beliefs about the world. If you look at the universe objectively, it lives, pulses, and breathes. Everything is alive. The world is one living, huge, infinite, eternal kind of beingness."


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*Steiner, Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen in acht Meditationen
**Steiner, GA 218, 14.10.1922
***A.H. Almaas, Diamond Heart: Book Five: Inexhaustible Mystery
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