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Jun 2011

Blor: Youngster setzt BND weiter unter Druck

Es ist Sonntag – der letzte Konferenztag der „International Intelligence History Association“.

Seit Freitag setzte sich die Konferenz mit der „German Intelligence from Bismarck to Present“ auseinander.

Wolfgang Krieger, führender Kopf der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des BND und zugleich Vorstandvorsitzender des „Arbeitskreises Geschichte der Nachrichtendienste“ hatte bereits vor Monaten das Who-is-Who der internationalen Geheimdienst-Elite ins oberhessische Marburg geladen: Spezialisten aus Israel, Slowenien, Deutschland und den USA sind seinem Ruf gefolgt – darunter unter anderem Michael Herman (Oxford), Shpiro Shlomo (Bar Ilan University), Kristie Macrakis (Atlanta) oder Matitiahu Mayzel (Cummings Center for Russian and Eurasian Studies, Tel Aviv University)

Unter den heutigen Referenten ist auch der erst 24 jährige Mainzer Student Peter Hammerschmidt, der im vergangenen Jahr im Rahmen seinen Recherchen erstmals im Archiv des Bundesnachrichtendienstes Akten zu Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, einsehen durfte.
Seine exklusiven Recherchen belegten: Barbie war Agent des BND von Mai bis Dezember 1966. Für seine Arbeit erhielt der Kriegsverbrecher insgesamt 5300 DM aus dem Topf bundesdeutscher Steuergelder.

Und Hammerschmidt? Der Youngster, der in wenigen Wochen sein erstes Staatsexamen ablegen wird, rückte innerhalb weniger Wochen ins mediale und fachwissenschaftliche Rampenlicht, trieb mit seinen Forschungen gar die Bundesregierung vor sich her (Internationale Medien berichteten).

Es verwundert daher nicht, dass sein Vortrag mit dem Thema „The Butcher of Lyon on BND and CIC/CIA Payroll“ mit Spannung erwartet wurde.

Nach Hammerschmidts Recherchen steht nunmehr fest: Die Waffenhandelsfirma „MEREX“ vertrieb 1966 überschüssiges Bundeswehrmaterial an lateinamerikanische Staaten. Unterstützt wurde das Unternehmen direkt vom BND, der dabei half, die Waffendeals an südamerikanische Militärdiktaturen mit dem Verteidigungsministerium abzuwickeln. Brisant ist, dass die MEREX – mit Unterstützung des BND - in Lateinamerika auf ein etabliertes Netzwerk ehemaliger SS-Kameraden zurückgriff: Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hatten Barbie, Friedrich Schwend (während des Krieges: Unternehmen Bernhard) und das Flieger-Ass Hans-Ulrich Rudel „La Estrella“ (Der Stern“ gegründet – ein Netzwerk, mit Hilfe dessen sich ehemalige NS-Verbrecher unterstützten. Die Merex trat an Rudel heran, wurde daraufhin an Schwend und von diesem dann an Barbie vermittelt. Auf der Merex-Tour durch Lateinamerika, wo die Firma nach verlässlichen Repräsentanten des Unternehmens suchte, kam man auch mit anderen Mitgliedern von La Estrella in Kontakt: Willem Sassen und Otto Skorzeny. Beide wurden als Repräsentanten für die MEREX geworben und fanden anschließend, so Hammerschmidts These, ebenso wie Barbie, Schwend und Rudel, den Weg auf die Soldliste des westdeutschen Geheimdienstes. (vgl. Taz)

Die Analysen, die Hammerschmidt auf einer Power-Point beeindruckend zusammenfasst, scheinen in Konkurrenz zu dem offiziellen Forschungsvorhaben der UHK zu stehen – enthüllt der Junghistoriker mit seinen mühevoll aus US-amerikanischen Archiven doch Ergebnisse, mit denen er den Forschungen der Kommission vorausgreift.

Dabei scheint klar: Sollte die Kommission einen der Forschungsschwerpunkte auf das Beziehungsgeflecht des BND mit den in Südamerika untergetauchten NS-Eliten legen, wird sie ohne Hammerschmidts Vorarbeit nicht auskommen. Längst ist der Mainzer in diesem Sujet zum Experten avanciert.

Bleibt abzuwarten, inwiefern sich die Kommission auch der Kollaboration des BND mit NS-Eliten in Südamerika widmen – dass dieser Schwerpunkt ein besonders düsteres Kapitel der BND-Geschichte offenbart ist nunmehr von Hammerschmidt deutlich belegt worden.

Blor

Hinweis: Weiterer Beitrag zum Thema bei der TAZ
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Nach dem Sommerregen

sommerregen
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Verlust, Verdauung und sprachliche Überlagerung

Die einstige Erfahrung ist keine Erfahrung mehr, nachdem sie es einmal gewesen ist. Sie ist kontextualisiert, tausendmal durchdacht, an einen Ort in meinem privaten Kosmos abgestellt, sprachlich durchdrungen und „verarbeitet“. Das betrifft natürlich alle Erinnerungen. Vielleicht stechen einige besonders tragische oder freudige Elemente heraus. Es kann ja ein Trauma sein, eine bestimmte Erfahrung wieder und wieder machen zu müssen, so wie sie war. Ja, es sind gerade die traumatischen Erlebnisse, die so da stehen blieben, unverdaut, unverdaulich. Es steht einem vor Augen. Bei anderen Erfahrungen bin ich nicht so sicher, schon weil ich öfter daran gedacht habe. Jedes Mal habe ich sprachlich daran gedacht, ich habe es in Worte gefasst. Ich habe es so oft gedreht und gewendet, bis ich nicht mehr wusste, wie viel davon ist meine Kontextualisierung, wie viel davon sind meine Worte, wie viel davon ist so, wie es war. Das Verdaulichmachen bedeutet auch, es zu interpretieren. In der Erinnerung bleibt ein Konstrukt, ein Produkt der Bemühungen, das so weit weg ist von der Erfahrung, wie - sagen wir - ein Apfel von dem, was im Darm davon übrig geblieben ist.

Dies gilt um so mehr für frühe „geistige“ Erfahrungen, die sich mit etwas Glück gerade in der ersten Lebenshälfte einstellen, wie Geschenke- etwas Unverdientes. Kann Bemühung auf „Verdiensten“ beruhen, die Bemühung, durch ein Nadelöhr zu klettern? Ja, weil immer ganz persönliche Wandlungen damit verbunden sind. Wir befinden uns hier als moralische Wesen auf einem moralischen Feld.

Aber erinnern kann man diese Erfahrungen kaum, sie bleiben an sich nebelhaft, und dazu hat man sie so oft durchdacht, dass sie sich untrennbar mit dem Denken über sie verbunden haben. Sie sind teils Konstrukt, vielleicht sogar eine Legende im inneren Kontext, aber teils bleiben sie auch schlechthin ungreifbar, vage. Man kommt mit dem eigenen Gegenwartsdenken nicht richtig an die Unmittelbarkeit der Erfahrung heran. Man müsste sich erst wieder auf das Niveau geistiger Intimität heben können, um dem frühen Erlebnis zu entsprechen. Das aber ist oft gar nicht möglich. Die frühen Geschenke sind Wegmarken, die unsere Fähigkeiten übersteigen. Sie weisen auf eine Möglichkeit der Erfahrung und des Denkens hin. Das Gefühl dagegen ist sich ganz sicher. Es gibt ein helles Fühlen, das nicht selbstbezüglich ist, sondern wie ein moralisches Schneckenhorn fungiert: Man tastet den moralischen Geschmack einer Erfahrung. Das Gefühl sagt: Ja, das ist wahr. Aber erinnern kann ich es nicht.
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Unauslotbar

Du schaust in die Sonne, das Licht tut dir weh.
Du bist Ikarus ohne Flügel. Bei dir ist schon lange geschmolzen, was dich zusammen hielt, du bist flugunfähig.

Du bist wie ein zusammen gebackenes Zimtmännlein, da ein Kopf,
da ein Rumpf, und da die ausladenden Apparate.
Du bist ein zusammen gepapptes Seelenmännchen, eine Sirene:
Du fühlst so, du denkst so, und du tust etwas anderes. Zumindest manchmal, in den helleren und den dunkleren Momenten.

Keine Kreatur auf diesem Planeten als diese kann zu sich sagen: Ich verstehe mich selbst nicht. Wir können das.
Keine kann, im kleinen oder großen Schwunge, von sich sagen: Ich missbillige, was ich tue.

Wie aber kann die Kreatur, die am wenigsten von allen von sich weiss, sagen: Du empfindest nicht tief genug?
Man kann es von sich nur sagen, wenn man weiss, dass es Tiefe gibt und dass sie unauslotbar ist.
Der Tiefe des Empfindens folgt stets eine weitere, und am Ende von allen Tiefen wartet Er, der dich liebt.
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Hüter & Gezücht

Ein Hüter bringt es vor allem dazu, er selbst zu sein, indem er für das, was von ihm ausgegangen ist, Verantwortung übernimmt und auf heilvolle oder verhängnisvolle Art damit verbunden ist. Es war daher schon immer klar, dass Hüter keine ungefährliche Mission verfolgen- sie haben es schließlich mit dem unkalkulierbarsten aller Wesens zu tun, dem Menschen. Man muss auch nicht an einen Schutzengel glauben, um zu wissen, was Verantwortung ist. Auch diese Verantwortung wandelt sich bis zur Lebensmitte des Menschen vielleicht eher in eine neutrale Begleitung um - hoffentlich- in einem kontinuierlichen Prozess, erwachsen zu werden. Da stünden Engel ziemlich im Weg.

Unseren Kindern gegenüber können wir uns vielleicht als Hüter sehen- ihre Menschwerdung bedarf schließlich auch des Freiraums; sie sondern sich von uns ab und reifen. Wir tun nicht gut daran, dauerhaft ihr Hüter sein zu wollen- sie würden sich bedanken, sich dann aber entweder von uns trennen oder abhängig von uns bleiben Vielleicht ist es schwerer, nicht die Kinder aufzuziehen, sondern uns von ihnen zum richtigen Zeitpunkt im rechten Maß zurück zu ziehen.

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Gegenüber der Natur als Ganzes haben wir uns als schlechte Hüter erwiesen; sie war stets ein Raum der Domestizierung und Ausbeutung. Selbst wenn wir ihr Hüter werden könnten, bliebe sie doch etwas Eigenständiges, von uns autonom Wirkendes und Geschaffenes. Für das, was wir an Technik, Maschinen, abstraktem und mechanischem Geist von uns absondern, gilt es, dies zu begleiten. Das wird sich aus den katastrophalen Verirrungen ergeben - etwa dem missbräuchlichen Gebrauch der Atomkraft - in die wir technisch schon herein geraten sind. In einer fernen Zukunft aber wird es auch eine zunehmende Autonomie des materiellen, technischen Verstandes geben- ein quasi- kreatürliches Novum von ausgesuchter Hässlichkeit- so eine apokalyptische imaginative Darstellung Steiners für eine ferne Zukunft der Existenz. Unsere Kreaturen werden uns zwingen, Engel zu werden:

"Und aus der Erde wird aufsprießen ein furchtbares Gezücht von Wesenheiten, die in ihrem Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich drinnen stehen als automatenartige Wesen mit einem überreichlichen Verstande. Und der Mensch wird, insofern er nicht seine schattenhaften intellektuellen Begriffe belebt hat, statt sein Wesen mit den Wesen die heruntersteigen wollen seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, zu vereinigen, er wird sein Wesen mit diesen furchtbaren mineralisch-pflanzlichen Spinnentieren vereinigen müssen. Er wird selber zusammen leben mit diesen Spinnentieren, und er wird sein weiteres Fortschreiten im Weltendasein suchen müssen in derjenigen Entwickelung, die dann annimmt dieses Spinnengetier."
R. Steiner, GA 204, Seite 244f

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In der Gegenwart schiebt sich die technische Welt an die Stelle der Natur- deren Ressourcen werden z.B. ausgeschlachtet, um die Energie für die synthetische elektronische Cyberworld zu produzieren. Aber auch in der Beschäftigung des Menschen mit seinen Geräten hat sich eine Wegwendung vom natürlichen Bezug ergeben. Diese „Gegennatur“ wird nicht in der Weise, wie sich das Sciencefiction - Autoren vorgestellt haben, plötzlich etwas wie eigenen Willen entwickeln, Gefühl oder Absichten und Wünsche. Es ist dies aber - wenn man Steiner so verstehen mag - auch nur ein Probelauf für die ferne Zukunft, wenn es etwas wie eine Ausstülpung geistiger Mechanik aus dem Menschen geben wird- ein „Gezücht“. Das allerdings werden wir sehr gut hüten müssen.
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