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Jul 2011

Radiologische Mysterien

Die weißhaarige Frau war nicht sehr groß, aber flink. Alleine von diesem einen Wartezimmer gingen zwei Flure und elf Türen ab, wovon neun mit den Ziffern 1 bis 9 beschriftet waren. Sie ging, obwohl sie immer wieder sanft von dem Personal aus den Räumen entfernt wurde, durch jede einzelne dieser Türen, aber auch auf die Toiletten und in die als „Privat“ gekennzeichneten Zimmer. „Ich suche doch nur meine Tasche,“ seufzte sie. „Du hattest doch gar keine Tasche dabei“, entgegnete ihr Mann, der ebenso alt schien wie sie, aber sich geradezu grotesk verkrümmt hielt- seine Wirbelsäule sollte offenbar, sicherlich nicht zum ersten Mal, untersucht werden. „Sie hat Alzheimer, wissen Sie,“ sagte er in den Raum. „Ich suche doch nur meine Tasche.“

Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“

Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.

Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
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Die entspringende Welt

Relikt & Imagination

Imaginationen hat man in Form von Knospen. Sollte man lieber von Gedankenpaketen oder von einem keimhaft Brütenden sprechen? Das kommt wie alles jenseits der Hügel ganz auf den Standpunkt an. Ich für meinen Teil fand das Wirbeln der Wolken über mir anschaulich, konzentrierte mich aber auf eines dieser Pakete. Ich kannte es, es war ein Fetzen gewesen, eine Anregung, eine Denkbewegung, etwas Recherche. Das Thema war damit angeschnitten. Dann wurde es im Inneren bewegt- es wurde mitgenommen in die Gegend jenseits der Hügel. Nun nahm ich es wieder entgegen als ein belebtes Paket. Man konnte es darin pulsieren fühlen.


Entblätterung

Ich nahm Keimblatt für Keimblatt ab und schrieb auf, was darauf geschrieben stand, weil ich es las. Es entblätterte sich, ich schrieb so schnell ich konnte, aber ich weiß, ich vergaß viel im Schreibprozess. Es ist zu groß für meine Zeit und meine beschränkten Möglichkeiten.
Das Wenige aber soll bestehen bleiben.

Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Sehr wohl aber auf das Erleben des Gedankens in Status Nascendi, auf das Keimhafte in ihm. Man hat den Ton angeschlagen, nun entfaltet sich eine Melodie. Rhythmisch bannt man es auf Papier.


Wenn Fassaden wie Blätter fallen

Es ist ohnehin wenig, was besteht. Nehmen wir die Selbstbilder, die wie alte Fassaden von uns abfallen, sobald die Zeit gekommen ist. Die Arroganz der Jugend muss zerfallen, oder sie wird zu einer manieristischen Marotte, die immer absurdere Anstrengungen erfordert. Die Magie der Schönheit wird uns genommen, der Zauber des Geschlechts wird schal. Um unsere Kompetenzen, auf die wir stolz waren, müssen wir kämpfen; die Nachfolgenden haben alles, in das wir mühsam an Kraft hinein gesteckt haben, schon in ihrem Einführungssemester abgehandelt. Alles, worauf wir stolz sind, auf das wir bauen, was wir als unser Recht, unser Eigentum, unseren Anspruch ansehen, hat eine gewisse Halbwertzeit. Am Ende müssen wir es einlagern und verbuchen unter “Erfahrung”. Es hat so viel Bestand wie römische Statuen; man muss es archäologisch betrachten, man muss ein Museum darum bauen, es vor Wind und Wetter bewahren.


Die entspringende Welt

Am Ende fallen die Selbstbilder wie Blätter im Herbst. Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Was aber ist an uns tatsächlich “keimhaft”? Was nur ein archäologisches Relikt? Was verflattert im aufkommenden Wind, was verpuppt sich und wird tatsächlich, sich entfaltend, durch die Zeit getragen? Letztlich sind unsere Relikte gespenstisch.

Jenseits der Hügel helfen weder Selbstbilder noch Fähigkeiten weiter, sondern letztlich nur konkrete Improvisation. Man muss den Wind nehmen, wie er kommt, denn man kann ihn nicht aus dem Vergangenen, aus dem Eigenen, aus dem Archäologischen heraus pressen. Man kann ihn nicht wollen, aber man muss die Segel setzen, wenn man ihn spürt. Der Wind, den man hier erlebt, entspringt aus der Dynamik des Keimhaften. Es ist erstaunlich, was Knospen und Keime vermögen. Aus ihnen entspringt die Welt.
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Widersprüchlichkeit

Die Logik geht darauf aus, wenn sie irgendwo einen Widerspruch findet, ihn zu beseitigen. Aber die Logik weiß heute noch nicht, was sie damit tut:
Die Logik selber tötet für das menschliche Auffassen mit dem Hinwegräumen des Widerspruches das Leben.
Deswegen kommt der Mensch nur zu einer Auffassung des Lebendigen, wenn er über die Logik hinaufsteigen will zu Imagination, Inspiration und Intuition.


Rudolf Steiner, GA 188, Seite 105

Das Leben selbst ist allerdings auch widersprüchlich, unser Leben, wir. So zum Beispiel stehen uns unsere Fähigkeiten häufig im Weg, eben weil wir uns auf sie verlassen. Man macht sie gern zu einem „Persönlichkeitsmerkmal“, in unserem konstruktivistischen Eigenheimbau, den wir „Ich“ nennen.
Etwas ganz anderes ist das, was man an Reife entwickelt. Dazu gehört auch, dass man sich der eigenen Gespaltenheit und Widersprüchlichkeit bewusst ist. Der innere Widerspruch ist ja durchaus auch ein in vieler Hinsicht antreibendes und kreatives Moment. Es produziert nur immer wieder Chaos im Leben.

Der Übergang zu „Imagination, Inspiration und Intuition“ mag vieles erhellen und verändern- die Widersprüche bleiben. Sie stecken bei uns bis in die Wurzeln hinein fest. Man kann das nicht extrahieren und womöglich auch nicht befrieden. Man muss den „Widerspruch des Lebens“ vielleicht auch annehmen lernen- als etwas, was dazu gehört.
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Woher der Wind weht

Kontur 1

Das Denken, wenn es denn meditativ in seiner Innenseite in den Blick gerät, bekommt eine quasi- räumliche Form- ein elliptisches, bewegtes Gebilde, das die gewohnten Körpergrenzen durchfährt und überragt. Es ist möglich, wenn man sich mit dem wandernden Blick dort hinwendet, eine innere Dynamik des lebendigen Terrains zu bemerken; an der Körpergrenze finden sich inmitten des Gebildes Knotenpunkte. Am leichtesten und frühesten erschliesst sich der Knotenpunkt vor der Stirn. Hier dreht sich das umgebende Terrain ins Innere hinein. Ein Adler erhebt sich vor einem weiten Panorama.
Ein weiterer Knotenpunkt wird bemerkbar vor dem Kehlkopf. Stierähnlich wölbt sich ein dynamisches Inneres vor den Sprechorganen.
Der dritte Knoten erscheint weniger punktförmig- er ergießt sich eher strahlenartig in den Oberkörper bis in die Mitte der Hände hinein. Die Energie, die dabei entsteht, strahlt weiter nach außen und erfüllt das Terrain, das man erschaffen hat. Der sonnenhafte, ruhig atmende Duktus hat etwas Löwenartiges.

Kontur 2

An dieser Stelle gibt es ein Geheimnis. Hier, an dieser Stelle gibt es ein Ritual. Ich halte eigentlich nicht viel vom Rituellen, aber an dieser Stelle hat es seinen Ort. Es ist die Suche nach der Quelle. Es ist nicht so, als würde man durch die Landschaft streifen und suchen. Es ist mehr so, dass man die Suche beginnt, aber es nimmt wie ein Warten. Wenn, dann wird die Quelle vor den Augen entspringen. Wo denn sonst? Es gibt hier keine „Orte“. Tatsächlich ist sie plötzlich einfach da. Sie ist klein, unbedeutend, aber sie sprudelt sanft. Es ist ganz klar, dass das ein wunderbares Geschehen ist. Denn diese Quelle haben wir nicht aus eigener Kraft geschaffen. Diese Quelle ist etwas, was aus eigener Kraft bewegt wird. Es ist, als ob ein lieblicher Schimmer ihrem Kern entspringt und diese innere Landschaft - belebt, beseelt.

(Es ist ein bewegtes und bewegendes Geschehen. In dieser Bewegung zu stehen, wirkt auch zurück in die biologischen Funktionen; es ist, als brächte die Ruhe und Harmonie dieser Kraft auch Stille in das biologische Selbst. Die Stille hat keinen Boden und ist nicht ergründbar. Sie ist nur immer tiefer und tiefer zu begehen.)

Kontur 3

Die dynamische Innenseite des Denkens ergründet seine eigenen Organe. Es sind Formschaffende und Auflösende darunter, Gestaltende und Bewegliche.

Kontur 4

Die innere Natur der Herzkräfte wird zum sonnenhaften Scheinen in die Welt; hier erscheint der innere Mensch und wird real. Er lebt sich aus in reiner Lauterkeit, in einer aufmerksamen Hinwendung, in einem Willen, der einfach ist. Der Wille ohne Eigenschaften strahlt. Das Gefühl wird zum Tastorgan für das Denken; es kostet und schmeckt. Die dynamische Innenseite des Denkens wird zu einem zweiten Leib. Man begibt sich sicher wieder und wieder dort hinein, denn hier ist man zuhause. Es ist ein zeitloser Raum, ein Raum des reinen Seins.
Seine Natur ist das Licht, denn dieser Leib beleuchtet alles, was ihm begegnet. Seine Natur ist das Erhellende selbst. Dort, wo er ist, werden die Dinge klar. Seine innere Natur ist daher die des Logos selbst.

Kontur 5

Dem nachgehen, „woher der Wind weht“. Es gibt immer ein „im Grunde“. Gehe dem Grund nach, den Untergründen, dem Grundsätzlichen.
Am Grunde des Grundsätzlichen steht ein Freund und wartet.
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Logos & individuelles Denken

Das Denken gehört nicht dem Menschen, sondern dem Logos an:
und doch wird es im Menschen individuell, damit der Mensch durch das Denken zum Logos gelangen kann
.“

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Massimo Scaligero, Traktat über das lebende Denken, Stuttgart 1993, S. 48
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Kronzeuge Albert Steffen?

Wie sehr ich es begrüsse, dass Bodo von Plato stellvertretend für den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft auf der diesjährigen Generalversammlung der deutschen Gesellschaft eine Art Paradigmenwechsel in Bezug auf die Aufarbeitung der anthroposophischen Bewegung zum Nationalsozialismus eingeleitet hat, habe ich schon im egoistenblog erläutert. Von Plato hatte übrigens nicht vor, eine innere Verwandtschaft zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus zu behaupten, sondern nur angemerkt, dass teleologische Vorstellungen im Sinne einer Entwicklung des Individuums und der Menschheit auch pervertiert werden können. Bei NNA, der anthroposophischen Nachrichtenagentur, liest sich das so: „Auf dem Podium diskutierten u.a. Bodo von Plato vom Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach und der Historiker Uwe Werner. Von Plato vertrat dabei die These, dass es so etwas wie eine „anthropologische Disposition“ gebe, die zur besonderen Wirkung des Faschismus auf die Menschen in Mitteleuropa beigetragen habe. Diese Disposition basiere auf „einer tiefen Sehnsucht nach dem, was wir verloren haben“ und verlange nach einem mystischen Verstehen der Gegenwart. Sie sei auch in der Anthroposophie zu erkennen, wobei jedoch diese als Gegenbild des Nationalsozialismus und im Wesen damit unverwandt zu sehen sei.

So weit, so gut. Dass allerdings im selben Bericht und auf derselben Versammlung auch Albert Steffen zum Kronzeugen des Widerstandes gegen Nationalsozialismus stilisiert wurde, stieß mir doch etwas auf: „Hatten Anthroposophen die Situation durchschaut? Erwähnt wurde der Zeitzeuge Albert Steffen, der früh das Geschehen erkannt und es in seinen Dramen künstlerisch verarbeitet habe.“ Das erinnerte mich an einen fünf Jahre alten Beitrag hier bei den Egoisten, in dem dieses Thema behandelt worden war: (Albert Steffen becirct Hitler“) „Immer wieder peinlich: Die Briefe des Vorstands der Anthroposophischen Gesellschaft aus den Jahren 1933- 1935 vor und nach der Auflösung der deutschen Sektion und Einordnung als "staatsfeindlich". Steffen, von Sievers und Wachsmuth beschwören Hitler in einem Brief an "ew. Excellenz", diese "Aufloesung gütigst" rückgängig machen zu wollen und versichern den Diktator "unserer ausgezeichnetesten Hochachtung". Dass zugleich versichert wird, dass die Anthroposophische Gesellschaft nicht "zu irgend welchen freimaurerischen, jüdischen, pazifistischen Kreisen irgend welche Beziehungen oder auch nur Berührungspunkte" gehabt habe, geht aber deutlich über eine reine Anbiederung hinaus.
Wachsmuths an anderem Ort (Ekstrabladet, Kopenhagen, 6.6.1933) geäußerte Sympathie und "Bewunderung" ("es soll kein Geheimnis sein, daß wir mit Sympathie auf das schauen, was z. Zt. in Deutschland geschieht") lässt vermuten, dass es sich nicht nur um strategische Positionierungen der Anthroposophen gehandelt haben kann. Der Höhepunkt ist vielleicht ein Brief Albert Steffens an die Gauleitungen im Deutschen Reich (20.5.1933), in dem selbst Rudolf Steiner persönlich instrumentalisiert wird: Denn Steiner sei "aus katholischer Konfession hervorgegangen und rein arischer Abstammung". Selbst der Totenschein von Steiners Vater wird zitiert, da darin bestätigt wird, es sei "vollkommen ausgeschlossen, daß irgendwie eine jüdische Abstammung möglich ist". Irgendwie.


Mag sein, dass Steffen die nationalsozialistische Katastrophe in Dramen verarbeitet hat. Als Vorstandsvorsitzender hat er offensichtlich eine anbiedernde Haltung eingenommen.
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Meteoriten

Hier eine Reihe von Grafiken, die sich mit der Bearbeitung eines tatsächlichen Meteoriten beschäftigen- im typischen Apple- Design, zumindest was die digitalen Rahmen betrifft. Wer es größer sehen will, sollte klicken.
Ein Textzitat von Steiner zu diesem Thema findet sich auf dem egoistenblog, zusätzlich zu den manchmal kenntnisreichen Kommentaren.

Bildschirmfoto 2011-07-07 um 00.29.35
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Kreisläufe

„Der Kreislauf der Liebe ist: es werde, damit es sei.
Der Kreislauf des Lichtes ist: dass es sich selbst erfahre.
Der Kreislauf der Vergangenheit ist: es ist, weil es ist.“

(Georg Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, 1979, S. 120)

Liebe Schriftgelehrten, Besserwisser, Gelehrten und Angsthasen: Das etwas ist, weil es ist, bleibt eben auf der Ebene der Vergangenheit verhaftet. Da hat es sein gutes Recht. Darauf kann es bestehen. Da ist es sicher.
Alles weitere führt in ein tastendes Bemühen, was einem ein Ringen um Worte abverlangt, was einen als ganze Person involviert, was einen „Positionen“ und Sicherheiten kostet statt sie zu geben.
Aber von da ab rührt man - vielleicht- an das, was ist und was werden will. Es hat keine Gestalt außer der, die wir in der Bemühung erringen. Manches wird flüchtig bleiben.
Und dennoch: Es ist schön, am Lebendigen zu rühren und sich in ihm wieder zu finden.
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