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Jul 2010

Nebukadnezar

Octavio Paz beschreibt den inneren Zustand Mexikos vor der Revolution von 1910:
„Mexiko blieb, was es gewesen war, aber ohne jeden Glauben mehr an sich selbst. Die alten Werte waren nichtig geworden, nicht aber die alten Wirklichkeiten. Schnell haben neue progressistische und liberale Werte sie überlagert.

Die maskierte Wirklichkeit war der Anfang der Unechtheit und der Lüge- endemische Übel der lateinamerikanischen Länder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren wir höchst pseudomodern. Wir hatten Eisenbahnen, aber auch Großgrundbesitz, eine demokratische Verfassung, aber auch einen Caudillo aus bester hispano- arabischer Tradition, positivistische Philosophen, aber auch präkolumbianische Kaziken, eine symbolistische Dichtung, aber auch den Analphabetismus.

Die Übernahme des nordamerikanischen Vorbildes trug zur Auflösung der traditionellen Werte zwar bei, aber die politischen und wirtschaftlichen Aktionen des nordamerikanischen Imperialismus stärkten zugleich die archaischen sozialen und politischen Strukturen. Dieser Widerspruch zeigt deutlich, dass die Ambivalenz dieses Giganten nicht imaginärer, sondern realer Natur war. Die Heimat Thoreaus war auch die Heimat Roosevelt- Nebukadnezars.“ (O.P., „Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971-1980, S. 57, Frankfurt 1981)

Die zerfallenen „alten Werte“ kann man schwer beurteilen, die Analyse einer moralisch- geistigen Ambivalenz und Indifferenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts dagegen schon. Sie trifft sicherlich nicht nur auf Mexiko zu. Wie aber sieht die Lage heute aus, 100 Jahre später und 12 Jahre nach Octavio Pazs Tod?
Politik, Kultur und Gesellschaft werden von der krankhaften Überspitzung der kapitalistischen Geschäftsidee, den Drogenkartellen, determiniert. Die „alten Werte“, die Paz beschreibt, sind nicht nur nicht mehr existent- selbst die „liberalen Werte“ sind gleichsam implodiert. Das ist eine politische und gesellschaftliche Degeneration, die anscheinend ständig wechselnde Länder befällt und von innen her zerstört: „Mehrere Drogenkartelle liefern sich in Mexiko eine blutige Auseinandersetzung um die lukrativen Schmuggelrouten in die USA. Seit 2006 fielen dem Drogenkrieg fast 23'000 Menschen zum Opfer. Die mexikanische Regierung setzt mehr als 50'000 Polizisten und Soldaten im Kampf gegen die Drogenbanden ein. Der Urnengang galt auch als inoffizielle Abstimmung über die Politik von Präsident Calderón im Kampf gegen den Drogenkrieg.“ (Quelle)

So werden Wahlen zur lebensgefährlichen Angelegenheit; Politik wird zum Spielball zersetzender Machtkämpfe von Kartellen. Natürlich schwingen im geschichtlichen Hintergrund religiöse Motive mit- nicht zuletzt das Ringen um politisch- geistigen Einfluss zwischen Franziskanern und Jesuiten. Letztere wurden getreu ihrer damaligen Strategie zum „Sprachrohr der Beschwerden, Hoffnungen und Bestrebungen der Kreolen, aus Neuspanien das andere Spanien zu machen“ (Paz, S. 26) und postulierten zu diesem Zweck die „Identität Quetzalcoatls mit dem Apostel Thomas“. Gleichzeitig erodierte jeder Zusammenhalt der Bevölkerungsgruppen. Die religiöse „Identität“ lag ohnehin mehr im „Hass gegen die Spanier“, denen man mit schwarzmagischen Ritualen Zu Leibe rücken wollte: „Bei der Reinigung eines Kanals von Mexiko- Stadt.. (fand man) eine riesige Anzahl von kleinen Zaubergegenständen..., Figürchen und Lehmpuppen..., die Spanier darstellten, die alle von Messern und Lanzen aus demselben Material durchstochen...“ gewesen seien (Paz, S. 33).
Auch Carlos Castaneda, zwielichtiger und umstrittener Fürsprecher neo- magischer Rituale, berichtete verschiedentlich in seinen Büchern, die aztekische Religion hätte in der Form überlebt, dass sich deren Hohepriester vornehmlich durch das Gewand des katholischen Priesters getarnt hätten („Und die geschichtliche Wirklichkeit kennt viele Arten, sich zu verbergen. Eine der wirksamsten ist die, sich dem Blick aller auszusetzen.“ -Paz, S. 22).

Heute ist das Opfern von Menschen anscheinend profanisiert- es dient nicht mehr quasi- religiösen und magischen Machtstrukturen, sondern der Gewinnmaximierung der Kartelle.
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Hans-Peter Dieckmann: Lasse tragen deine Seele von meiner starken Kraft

Wenn ich Achtsamkeit zu meinem Meditationsthema mache, weiß ich eigenständig vorweg, was Achtsamkeit bedeutet. Ich verstehe Achtsamkeit ja als Idee, um von dieser Idee ausgehend, Achtsamkeit als meine Bewusstseinshaltung zu erzeugen. Immer wieder erschließen sich mir allerdings neue Grade von Achtsamkeit, manchmal (bildhaft ausgedrückt) mit “an ihren Rändern“ erspürten Bewusstseinsgrenzen, die ich dann aber deutlich als vorläufig erfahre. Vor den “Rändern stehend“ erscheinen sie wie Schwellen, die es zu überschreiten gilt: jedoch als mein Aufklaren für sie, womit sie einfach fortfallen; nicht als das Zurücklegen einer räumlichen Strecke. Bei voller Einstiegskonzentration vergesse ich meinen Körper in diesem Prozess und werde zu meinem jeweiligen Achtsamkeitslevel, aber wenn ich darin gefestigt bin, kann ich gut zugleich meinen Körper und genauso gut auch eventuell auftretende Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein nehmen. Dank meiner Achtsamkeitswarte beobachte ich sie nun weniger verflochten und Lösungen und Entspannungen entstehen wohltuend aus jedem Durchschauen bis über die Meditationszeiten hinaus.


weiter zur Meditation..
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Das Ergreifen des Moments des Aufwachens

„Würde die Geistesgegenwart in ausgiebigerem Sinne bei den Menschen heran erzogen, so würden heute schon alle Menschen reden können von geistig-übersinnlichen Impressionen, denn sie drängen sich eigentlich im eminentesten Maße auf beim Einschlafen und Aufwachen, insbesondere beim Aufwachen. Nur weil so wenig heran erzogen wird, was Geistesgegenwart ist, deshalb bemerken die Menschen das nicht.

Im Momente des Aufwachens tritt ja vor der Seele eine ganze Welt auf. Aber im Entstehen vergeht sie schon wiederum, und ehe sich die Menschen darauf besinnen, sie zu erfassen, ist sie fort. Was sich da abspielt im Momente des Aufwachens, das sind nicht Lebensreminiszenzen. Sie sind sehr gut zu unterscheiden von Lebensreminiszenzen, diese flutenden Gedanken.

Die Gedanken, die ich jetzt meine, sie stellen sich wie ganz objektiv dar gegenüber dem eindringenden Ich und dem astralischen Menschen, und man merkt ganz genau:
man muss passieren den Ätherleib; denn solange man den Ätherleib passiert, bleibt alles traumhaft. Man muss aber auch passieren den Abgrund, den Zwischenraum – möchte ich sagen, wenn ich mich recht uneigentlich, aber dadurch vielleicht deutlicher ausdrücke –, den Zwischenraum zwischen Ätherleib und physischem Leib, und schlüpft dann in das volle Ätherisch-Physische hinein, indem man aufwacht und die äußeren physischen Eindrücke der Sinne da sind.

Man kommt auf dem Wege einer solchen Beobachtung zu der Erkenntnis, dass sich zwischen unserem physischen Leib und Ätherleib, gleichgültig ob wir wachen, ob wir schlafen, immerzu Vorgänge abspielen, die eigentlich im webenden Gedankensein bestehen. Dieses webende Gedankenleben kommt eigentlich so, wie es ist, im Wachzustande nicht zu unserem Bewusstsein. Wenn wir nämlich aufgewacht sind, schlüpfen wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib in unseren physischen Leib hinein. Sie werden, indem Sie das Sinneswahrnehmungsleben in sich haben, mit den äußeren Weltengedanken, die Sie sich bilden können an den Sinneswahrnehmungen, durchdrungen und haben dann die Stärke, dieses objektive Gedankenweben zu übertönen.

An der Stelle, wo sonst die objektiven Gedanken weben, bilden wir also gewissermaßen aus der Substanz dieses Gedankenwebens heraus unsere alltäglichen Gedanken, die wir uns im Verkehre mit der Sinneswelt auf die eben angedeutete Weise ausbilden. Gewissermaßen in derselben Region unseres menschlichen Wesens ist beides vorhanden: das objektive Gedankenweben und das subjektive Gedankenweben. Das objektive Gedankenweben, wenn es wahrgenommen wird, wenn wirklich eintritt, was ich geschildert habe als das geistesgegenwärtige Ergreifen des Momentes des Aufwachens, dieses objektive Gedankenweben wird nicht als bloß Gedankliches erfasst, sondern es wird erfasst als dasjenige, was in uns lebt als die Kräfte des Wachstums, als die Kräfte des Lebens überhaupt.

Diese Kräfte des Lebens sind verbunden mit dem Gedankenweben. Sie durchsetzen dann den Ätherleib nach innen; sie konfigurieren nach außen den physischen Leib. Was in dieser Art in uns ist, wir nehmen es als ein innerliches Weben wahr, das aber durchaus ein Lebendiges darstellt. Das Denken verliert gewissermaßen seine Bildhaftigkeit und Abstraktheit. Es verliert auch alles das, was scharfe Konturen sind. Das Weltendenken webt in uns.

Wir erfahren wie wir mit unserem subjektiven Denken untertauchen in dieses Weltendenken.“

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Rudolf Steiner, GA 207, Seite 51ff
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