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Jan 2015

Flötentöne & Sehnsucht

Das ist immer dieselbe Sehnsucht, lebenslänglich, unerklärlich für den, der sie nicht kennt.

Es ist die Sehnsucht des Seglers nach offenem Meer, nach Wind und Gischt,dem Rollen des Bootes. Aber die Sehnsucht, die ich meine, verbirgt sich nicht in Wasser, unter Steinen, in Höhlen oder im weiten gebirgigem Blick. Die Sehnsucht weht uns an, wie anderen etwas zustößt. Sie spielt Flötentöne auf unseren Knochen. Sie erhebt uns, aber lässt uns zugleich Blicke werfen ins eigene Unauslotbare, das tiefer ist als die See und an manchen Stellen so dunkel und kalt, dass der Atem gefrieren kann.
Nun, rüste Dein Boot, setz die Segel und befestige die offene Takelage. Wir brechen ständig auf, schauen ins Nichts und lassen vom Boden der Stille die erste Brise aufkommen. Unser Blick, der in die Weite schaut, ohne zu schauen, unser Denken, das bis zu einem einzigen Punkt fokussiert, sich von Innen öffnet wie die Romantische Blume- exakt und offen, flüssig geworden wie das Wasser unter dem Kiel: Aufbruch.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, // Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, // Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat, // Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet, // Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.”


Odyssee
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Neues aus dem anthroposophischen Minenfeld

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Wirre Leute mit rechtem Brett vor dem Kopf treffen nicht ungern auf anthroposophische Esoteriker, die, mehr oder weniger abgedreht, in Kernhaltungen wie dem offenen Anti- Amerikanismus und der weniger offen geäußerten wahnhaften Sorge vor allerlei Geheimgesellschaften, einander in die Arme fallen. Die geistigen Gartenzwerge entdecken gemeinsame Schnittmengen- gleichgültig übrigens, ob die rechts oder links oder einfach nur bekloppt sind.
Natürlich berichten manche Medien mit Wonne darüber- so gerade die selten zimperliche VICE, die "merkwürdige Geschichten" bei den Waldorfschulen ausmacht: Wenn der notorische Ken Jepsen, selber Ex-Waldorfschüler, in der Waldorfschule in Überlingen zum Vortrag eingeladen wird (und später wieder ausgeladen, was Vice verschweigt), wenn der Ex- Nazi und Ex- Waldorflehrer Andreas Molau einfach gar nichts macht, wenn der Ex- Waldorflehrer Bernhard Schaub sich im Holocaust- Leugner- Seminar Collegium Humanum zeigte, dann schließt VICE daraus: "Offensichtlich hat man in Waldorfschulen ein Problem damit, sich eindeutig von abseitigen Ideologien abzugrenzen."

So ganz offensichtlich ist das nicht, da die angesprochenen Figuren ja aus ihren Ämtern entfernt worden sind. Allerdings gibt es, wie auch Anfragen aus dem Ausland zeigen, Versuche, nach Entlassungen dieser Art anderswo erneut Fuß zu fassen, aber auch weiter und mit erheblichem Nachdruck mitteleuropäische anthroposophische Institutionen zu unterwandern. Daher folgt nun eine klare Stellungnahme des Bundes der freien Waldorfschulen, die insbesondere vor den sich so bezeichnenden "Reichsbürgern" warnt: "Weniger bekannt ist, dass die alternative Szene, zu der auch viele anthroposophisch inspirierte Initiativen in der Landwirtschaft, Medizin und Pädagogik gehören, eine große Anziehungskraft auf Reichsbürger hat. Da diese sich nicht immer als »Reichsbürger« zu erkennen geben, oft aber eng mit der rechten Szene verflochten sind und rassistische und rechtsextreme Positionen vertreten, ist Aufklärung geboten." Die ganze Broschüre ist frei herunter zu laden.

Die "Reichsbürger" definiert genannte Broschüre so: "Selbsternannte „Reichsbürger“, die meist aus einem nationalen bis rechtsradikalen Spektrum kommen, halten die Bundesrepublik Deutschland für völkerrechtlich illegal bzw. für juristisch nicht existent, im Gegensatz zu einem fiktiven „Deutschen Reich“, womit mal Nazideutschland, mal das Kaiserreich oder ein beliebiger Phantasiestaat gemeint sein kann. Deutschland, wie sie es sich vorstellen, sei nach wie vor im Kriegszustand mit den Alliierten bzw. von den USA „besetzt“. Doch das sei nur die Spitze des Eisbergs: Je nachdem, welchen „Reichsbürgern“ man glaubt, stecken hinter der Misere entweder das angeblich jüdische „Finanzkapital“, oder „die Zionisten“, irgendwelche Geheimbünde, außerirdische Mächte wie das „Plutonium-Imperium“ oder sie alle zusammen, die angeblich planen, uns fernzusteuern. Nicht zum ersten Mal gehen hier esoterische Vorstellungen und Rechtsradikalismus Hand in Hand."
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Mind- Tuning, neue chemische Drogen und der Umgang damit



Vielleicht gehört es zu einer notwendig- rationalen Liberalität gegenüber so genannten Drogen, daran zu erinnern, dass der Mensch schon immer in seinen bio- chemischen Haushalt eingegriffen hat, dass unser Konzept von „Nahrung“ schon - in der Würze, Zubereitung und Substanz - immer auch auf das Seelische wirkt. Beginnt die Droge bei der Schokolade, die direkt auf passende Transmitter einwirkt, bis hin zum Liebhaber des „First Flush“ Tees- bestehend aus den ersten sprossenden Blättern des Jahres, die von Stimulantien strotzen. Und der Alkohol, natürlich, die niederschmetterndste und heimtückischste aller Drogen.

Wie soll man es dagegen bewerten, wenn ein heute typischer überdrehter Mittdreißiger, der in seiner Workaholic- Manie ganz von Ferne das Scheppern eines Burnouts hören könnte, wenn er Zeit hätte, zu hören. Er hat die Redaktion über seine Wahrnehmung und seine Erinnerungen- daher vergisst er einfach alle Gelegenheiten, in denen er deutliche Anzeichen von Überdrehtheit gezeigt hatte. Sie häufen sich- er ist manchmal zu schroff, manchmal zu direkt, manchmal zu erschöpft. Er versucht ein so genanntes Beruhigungsmittel, aber es reizt ihn noch mehr und lässt ihn schlaflos zurück. Als er auf einer Party einer bestimmten Droge begegnet - sei es MDMA oder ein Xstacy- Verwandter, sei es einer der legalen LegalHighs, synthetische Kräutermischung oder psychedelischen Pilzen, die aus den Niederlanden via Internet weltweit gehandelt werden, usw. - ist es sicherlich einmal auch eine Substanz, mit deren Hilfe und unter deren Einfluss der Mittdreissiger plötzlich inne halten, ruhig werden, auf sich schauen kann.

Das Nervös- Werden, die innere Zersplitterung, aber auch Wandlungsfähigkeit, der Bruch im emotionalen Selbstgefühl mit der eigenen Erscheinung, die sich unaufhaltsam entwickelnden inneren Widersprüche- das Alles als notwendige Umstände der Bewusstseinsseelen- Kultur, des selbstkritischen Zeitgenossen. Wer will es ihm verdenken, ein seine sich vereinseitigende Bio- Chemie zu gewissen Gelegenheiten mittels eines Antagonisten in Form einer Droge zu korrigieren? Es geht ihm nicht um Rausch oder Exzess, es geht um die Möglichkeit eines Ausgeglichenseins, das er im Alltag nicht mehr finden kann. Vielleicht hat er auch eine seelische Neigung in sich entdeckt, der er nicht von sich aus entkommen kann- eine Schwäche, eine Einseitigkeit. Es wird in chemischen Baukasten des Mind- Variierens genau die Substanzen entdecken, die zumindest zeitweise seine individuelle Schwäche kompensieren. Die Möglichkeiten sind zahllos, und fast immer ist ein Preis zu zahlen. Und vor allem die neuen synthetischen Drogen - von künstlichem, aber ungemein scharf wirkendem künstlichem Marihuana (teilweise legal zu beziehen) bis hin zu Metylphenidat (Behandlung bei ADS, Konzentrationssteigerung, Gedächtsnisstärkung, vor Prüfungen verbreitet) und Crystal Meth, der ultimativen Glückssteigerung mit dem schnellsten körperlich, seelisch und geistig folgenden Verfall- überschwemmen geradezu die Kontinente. Es klingt befremdlich, Schwärmereien über MDMA (Bestandteil von Xstacy) mit anzuhören, in dessen Verlauf User davon schwärmen, sich unter dem Einfluss der Droge emotional zu kommen und sich wahrhaft zuzuhören. Benötigt man heute dafür einen Ausnahmezustand?

Vielen geht es - heute offenbar Normalfall in deutschen Universitätsstädten - zumindest vor Prüfungen um eine Art Hirn- Tunings mit Hilfe von Ritalin. Es hilft beim Auswendiglernen und der allgemeinen Fokussierung, mit dem Preis möglicher Appetit- und Schlaflosigkeit. Der Übergang zwischen ärztlich verschriebenen Medikamenten und illegalen Drogen ist fliessend. Man darf davon ausgehen, dass es in heutiger Sozialisation nahe irgend einer der Metropolen dazu gehört, einen gewissen ausgeglichenen Umgang mit den Potenzialen legaler, illegaler und kulturell erwünschter (Alkohol) oder gerade wieder verpönter (Nikotin) Substanzen zu erlernen. Eine relativ brave Mittelklasse- Droge wie Marihuana zu ächten, erscheint gegenüber den realen Gefahren von Heroin, Alkohol, Nikotin und dem chemischen Bio- Baukasten, der seit Jahren alle Kontinente überschwemmt, absurd.

Das anthroposophische Standardwerk Ron Dunselmanns über Drogen ist 30 Jahre alt und somit eher Ausläufer der Hippie- Jahre als Betrachtung der ganz anders gearteten heutigen Herausforderungen. Es wird Zeit, darüber wieder mehr zu sprechen, ohne Scham, ohne Moralpredikt, ohne erhobenem Zeigefinger.
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