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Jan 2014

Von der Fruchtbarkeitsgöttin bis zur Sophia

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Natürlich denkt man, wenn man in der Ritman- Bibliothek* über die Rosenkreuzer liest, nicht an die mittelalterliche Verehrung der Göttin Natura, sondern auch an Artemis, Demeter, aber auch an die in einem anderen Beitrag** ausgeführte alteuropäische Kultur ab 6000 bC, die eine durch zahlreiche Figurinen dokumentierte Natur- Göttin verehrte. Die in der Donau- Region verortbare grundlegende Kultur, in der der sesshaft werdende Mensch die Natur (vor allem Getreide und Nutzvieh) ja auch kultivierte und damit die Grundlagen für die späteren Hochkulturen schuf, stand, wie die weltweit auftretenden Figurinen zeigen, keineswegs isoliert da. Das Phänomen tauchte als kultureller, religiöser und technologischer Fortschritt - einschließlich erster symbolischer Grapheme und Schriftsysteme- rund um den Globus verteilt auf, wenn auch stets gefährdet, zeitlich versetzt, und immer wieder überrollt durch archaische Impulse, wie sie etwa von wandernden Reitervölkern ausgingen: "Einerseits entdeckt man in den Zeiträumen zwischen 6000 und 3000 bC herausragende Kunsterzeugnisse, die vielfach an noch wesentlich ältere (oft in Höhlen hinterbliebene) künstlerische Traditionen anknüpfen, andererseits ist die Parallelität der Ausdrucksformen in weit entfernten Kulturkreisen verblüffend.“***

Ein besonderer Entwicklungsschritt der alteuropäischen Kultur lag auch in dem Übergang von einer atavistisch-schamanistische Naturverehrung zu einem symbolisch- religiösen Kult, bei dem in der Gestalt der weiblichen Gottheit die Sonne, die sich in Fruchtbarkeit, Korn und Erde widerspiegelte, verehrt wurde. Die Megalith- Kultur mit ihrer astronomischen Orientierung und der direkten Verehrung der Sonne folgte erst einige Tausend Jahre später.

Auswirkungen hatte die Verehrung der Natura bis hin zu den Rosenkreuzern*: „..many readers, like the authors of the Rosicrucian Manifestoes, were disappointed in the Lutheran and Calvinist reformations, the Catholic Counter-reformation, being deeply convinced that Christianity should be about living a true Christian life, in daily practice. The Rosicrucian Manifestoes also advocated actual practice and innovative research into nature as part of an authentic exploration of nature as the work of God – the Fama fraternitatis explicitly referred for that reason to the ‘Vocabulario’ of Theophrastus Paracelsus of Hohenheim. Physicians who valued experimental experience above the authority of Aristotle or Galen, were also among the enthusiastic readers of the Rosicrucian Manifestoes.“

Aber natürlich gab es bis dieser christlich- rosenkreuzerischen Naturbeziehung Übergänge- etwa in den klassischen Mysterien Griechenlands. Rudolf Steiner hat die Göttin Artemis, in der sich das Vorbild der mittelalterlichen Natura zeigt, sprechen**** lassen:

..Ich bin der Keim und der Quell deiner sichtbaren Welt,
Ich bin die Summe des Lichtes, in dem du seelisch lebest,
Ich bin des Raumes Beherrscherin,
Ich bin der Zeitenzyklen Erzeugerin,
Mir gehorchen Feuer, Luft, Licht, Wasser und Erde.
Empfinde mich als alles Stoffes unstofflichen Ursprung…


Denn, wie Rudolf Steiner betonte, es reicht nicht, wieder und wieder von „Geist“ zu sprechen, sondern „es ist da nötig, dass wir uns der wahrhaftig geistigen Beziehungen bewusst werden, die wir zu den Dingen um uns herum haben.“ (GA 223, S. 111) Diese „Beziehungen“ zu den Naturreichen wurden, wie er an anderer Stelle sagt (GA 126, S. 60, „Okkulte Geschichte“), so vordringlich in den griechischen Mysterien gepflegt. Nur dadurch war es möglich, „jene Empfindungen, jene Impulse“ zu erregen, die „geeignet waren, von Grund auf allen Egoismus auszurotten aus der Seele.“ Damit ist kein moralistischer Standpunkt gepredigt, sondern die Möglichkeit gemeint, sich geistig- seelisch das „Allgemein- Menschliche und Kosmische“ anzueignen- also aus dem Verhaftetsein an das Ego heraus zu finden. Nur so konnte und kann „aus den höheren Welten das wahrhafte Mitgefühl für alles Lebendige und alles Seiende“ (dito) herunter getragen werden.

Die Verbindung besteht heute in einer solchen Vertiefung des Denkens, dass das Bewusstsein sich in den Strukturen des Lebendigen - im inneren Lebensquell- erhalten kann, ohne einzuschlafen oder herab gedämmt zu werden. Denn im Quellenden entspringt das Leben und das Bewusstsein- das eine Mal geronnen in Gestalt und Natur, das andere Mal als Bewusstsein frei, sich selbst zu erkennen. Aber Selbsterkenntnis ist in dieser Hinsicht Naturerkenntnis zugleich. So wie in den Mysterien von Ephesos gelehrt wurde, „ist damit ein Schulungsweg gemeint, welcher das verborgene Wirken des schaffenden Gottes, des Logos auf Erden zu ergründen versuchte.“ *****

Der Name und die Gestalt des Logos, der Natur und Geist gemein ist, wechselte - von der archaischen Fruchtbarkeitgöttin bis hin zur Natura- Sophia, hat aber die Kultur- und Mysteriengeschichte der Menschheit von Anfang bis heute begleitet.
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*http://www.ritmanlibrary.com/collection/rosicrucians/
**http://www.egoisten.de/files/goettinnen.html
***http://egoistenblog.blogspot.de/2013/09/unbekannte-kulturen-herausragende-kunst.html
****Rudolf Steiner, GA 264, S. 227
*****Zeylmans van Emmichoven, wer war Ita Wegmann Band 2, S. 103
Bildquelle: Pinterest, aus Malta, ca 3200 bC
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Wolken. Die Töchter von Erde, Wind und Wasser

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"‘I am the daughter of Earth and Water, And the nursling of the Sky; I pass through the pores of the ocean and shores; I change, but I cannot die“, heißt es von den Wolken, und tatsächlich sind sie das formbare Element, das Medium zwischen Schwere und Licht, das in jedem Augenblick an jedem Ort auf der Erde neue Gestalt annimmt. In der japanischen Gartenbaukunst spielen die Wolken - so erfährt man in Tan Twan Engs großartigem Roman "The Garden of Evening Mists“ - eine wichtige Rolle, da der Garten nicht nur die umgebende Landschaft, sondern - durch Wasseroberflächen- auch das Geschehen vor dem Blau des Himmels spiegelt: "Water flooded into the pond, gathering up the puddles already waiting there. As the swirls and ripples died away, a fragment of the sky was slowly recreated on earth, the clouds captured in water.“ In dieser Hinsicht ist der Garten auch ein Sinnbild des Menschen selbst, denn so wie dieser sich in seinem Leben ein wenig Zeit „leiht“, so „leiht“ sich der Garten von Himmel, Erde und Umgebung: "‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly“.

Die Töchter von Erde, Wind und Wasser entspringen einem irdischen Drama, das Walther Bühler in „Nordlicht Blitz und Regenbogen“ so beschrieb: „Bald ist das blaue Lichtgewölbe ganz verschwunden und uns bedrängen an seiner Stelle dunkle, graue, wogende Wolkenmassen. Mächtig stemmen sich die Zentralkräfte der Erde dem Kosmos entgegen und bringen ihre zentripetalen Eigenschaften in dem zur Wolke kondensierten Wasserdunst und in dem fallenden, der Schwere folgenden Tropfenstrom zum Ausdruck.“ Die Strukturkräfte können dabei bis zum Hagelkorn verdichten - als bis zu einem kristallinen Festen. Daher sieht Bühler im Spiel der Wolken strukturelle Prinzipien der Erdgeschichte gespiegelt: „Die dabei zutage tretenden Verdichtungsstufen im meteorologischen Bereich wiederholen zugleich in abgekürzter Form den Werdegang der Erde durch die Jahrmillionen.“

Das Zusammenspiel zwischen Formendem, entstehender Gestalt und Entgrenzung kann aber auch auf den Menschen übertragen werden, der einerseits verbunden ist „mit dem schöpferischen Prinzip der Welt“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, Stuttgart 1992, S. 55), andererseits selbst aber auch Gestalt (in physischer, seelischer, intellektueller Form), ist- sowohl auf Vergangenheit wie auf Zukunft ausgerichtet, auf Gewordenes wie Werdendes: „Dem entspricht eine Wandlung im Menschen, in der die Lenkung, die Orientierung seines Lebens von dem natürlichen Menschen - seinen Leibern, vom physischen bis zum Seelenleib- auf den oberen, geistigen Menschen übergeht, der aus freien Kräften um das wahre Ichzentrum besteht. Diese Kräfte haben in dem natürlichen Menschen Formen angenommen, das Geformtsein erlitten; nun wird der nous pathetikos des Aristoteles vom nous poietikos, dem poetischen, schaffenden Menschen beherrscht und aus den Händen der Schöpfermächte übernommen.“ (Kühlewind S 55f)

In der Himmelfahrt wird Christus durch eine Wolke aufgenommen, die sicherlich ebenso wenig natürlich ist wie die Wolke, mit der Jesus in der Verklärungsszene verhüllt wird. Und am Jüngsten Tag wird der Herr „auf Wolken des Himmels, mit großer Kraft und Herrlichkeit“ erwartet. Diese „Wolke“ hat also Charakteristika des Vatergottes, in die Christus sowohl eingeht, der er aber auch entspringt. Es ist, wie Kühlewind betont, kein „Aufgehen im Vater“ (Joh 1,1- 2), sondern ein Hingehen in ein Einssein und ein Erscheinen aus dem Einssein: „Die Erscheinung und das Hinschwinden des menschlich gestalteten Logoswesens in die mehr gestaltlose, ungegliederte Wolke, die den Hintergrund der Gestalt bildet, sich von ihr abhebt und sie doch wieder aufnimmt oder gebiert, ist das imaginative Bild für das Verhältnis und den Zusammenhang des Vaters und Sohnes.“ (Kühlewind, S. 36) Aus diesem Eingehen-in-das-Gestaltlose wird dann zu Pfingsten das „Brausen des Himmels wie eines gewaltigen Windes“.
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Das Zeitalter der Göttinnen

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Angesichts der vielen Figurinen wie Muttergottheiten, die man in der Vorzeit vor der Zeitenwende bis weit ins Neolithische hinein findet, gab es doch offenbar Kulturen, die einen besonderen Wert auf dieses weibliche Element legten, obwohl es zeitversetzt über die ganze Welt hinweg auftrat und ursprünglich sicherlich etwas mit dem Sesshaft- Werden schlechthin zu tun hatte- mit dem Element, was später als Demeter verehrt wurde, und wovon sich möglicherweise, in verwandelter Form, Elemente in die Muttergottes und in die Sophia entwickelten. Die Kultur, von der hier vorrangig die Rede sein soll, war im gesamten Gebiet der Donau ansässig, ab etwa 6500 vor Christus. Einige der Figurinen sind in einer Bildersammlung „BC“ bei Pinterest einsehbar.

In „Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas“ schreibt Harald Haarmann über den Ursprung dieser kulturellen Strömung, in der anatolische Hirtenvölker mit thessalischen Ackerbauern zusammen fanden und nach Norden weiter zogen: „Die Besiedlung Thessaliens durch sesshafte Ackerbauern markiert den Beginn einer Ära, die man als Inkubationszeit der Donauzivilisation bezeichnen kann. Hier manifestieren sich die Kontakte zwischen mesolithischen Jägern und Sammlern und neolithischen Ackerbauern in Familienbindungen und Kohabitaten. Als einige Generationen später Nachkommen der Erstsiedler die Region weiter nördlich (bis an die mittlere Donau) erkundeten, waren dies keine reinen Anatolier mehr, ihre Gene waren gemischt.“ Hier wurde das Töpferhandwerk entwickelt und entfaltet, Tiere wurden domestiziert, Saaten verfeinert, Niederlassungen gebaut. Das war auch deshalb nötig, weil um 6200 bC eine „kleine Eiszeit“ eingesetzt hatte, die eine ungewohnte Versorgung (und Vorratshaltung) erforderlich machte: „Offenbar war die Kunde von Pflanzenkultivation und Viehhaltung bereits im 7. Jahrtausend v. Chr. zu den Alteuropäern gedrungen, und zwar als Ideentransfer. Denn als die Thessalier mit den Einheimischen weiter im Norden Kontakt aufnahmen, hatten diese bereits den Hund domestiziert, sie hatten außerdem begonnen, Haselnusssträucher anzubauen und Wildschweine an bestimmten Plätzen als Fleischreserve zu halten.“

Sicher ist die Verehrung der Muttergöttin, da in jedem Haus neben dem obligatorischen Backofen eine Figurine zu finden war. Offenbar wurde das Backen des Brotes auch als ritueller Akt gesehen. Aber sonst ist trotz vieler archäologischer Funde in den letzten Jahren wenig über diese Donauzivilisation bekannt, obwohl sie zweifellos den Ursprung einer solchen Hochkultur wie der griechischen darstellte: „Wie sich die Alteuropäer nannten, wissen wir ebenso wenig wie den Namen ihrer Sprache oder Sprachen. Soweit die Strukturen des Alteuropäischen aus dem Lehnwortschatz des Altgriechischen aus vorgriechischer Zeit rekonstruiert werden können, war diese Sprachform nicht indoeuropäisch und auch nicht semitisch. Außer dieser negativen Identifizierung gibt es keine Anhaltspunkte für eine positive Zuordnung zu irgendeiner der bekannten Sprachfamilien.“

Viele zentrale kultische Symbole- wie der Zentaur- waren bereits in Alteuropa verbreitet und Teil der Kultur: „Denn die Gestalt des Zentauren ist kein griechisches Original – Darstellungen von Zentauren gibt es bereits in der Kunst Alteuropas.“ Das immer wieder auftauchende sakrale Zeichen („Gott“) aber war ein Rhombus mit Punkt darin: „Wie die Alteuropäer ihre Gottheiten nannten, ist nicht bekannt. Bestimmte logographische Zeichen der Donauschrift sind als Identifikatoren von Gottheiten interpretiert worden. Hierzu gehört unter anderem das rhombische Zeichen mit zentralem Punkt.“ Logografische Schriftzeichen waren in dieser Kultur weit vor den ersten Spuren von Zeichen im ägyptischen oder griechischen Raum verbreitet. Der Unterschied zu den späteren Hochkulturen bestand vor allem darin, dass es eine Verehrung des Weiblichen, keine hierarchische gesellschaftliche Ordnung, und auch keine zentralistische Struktur der Gesellschaft gab. Die gesellschaftliche Ordnung bestand eher in Netzwerken im engeren wie im weiteren Umkreis. Kulturellen und technologischen Austausch gab es, aber kein Dominanzstreben. Innergesellschaftlich gab es keine privilegierte Kaste: „In keiner der Siedlungen der Donauzivilisation sind Privathäuser gefunden worden, die reicher ausgestattet wären als andere Gebäude oder die sich durch eine auffällige Hortung wertvoller Güter von anderen abheben.“

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Die Figurinen und der damit verbundene Kult geht auf sehr alte Motive und auf Mysterien der Venus zurück: „Im Norden vermittelt die Erzähltradition uralischer, insbesondere finnisch-ugrischer Völker alte, im wahrsten Sinn des Wortes «vorsintflutliche» Vorstellungen über das Verhältnis der Menschen zur belebten Natur. Forscher sind sich einig darüber, dass elementare Motive und Stoffe der Mythologie uralischer Völker auf Relikte uralter religiöser Weltanschauung weisen, deren Entstehung auf die Ära gegen Ende der Eiszeit zurückgeht (Hultkrantz 2001). Dazu gehören insbesondere Vorstellungen von weiblichen Schutzgeistern und vom Fruchtbarkeitskult, die sich mit den «Venusstatuetten» der Eiszeit assoziieren.“ Ganz offensichtlich hat es einen Jahrtausende andauernden Übergang von animistisch- schamanistischen Naturgöttinnen und Schutzgeistern zur Kultivierung der Göttin gegeben. Dieser Übergang ist anhand der archäologischen Funde datierbar: „Vom 8. bis zum frühen 6. Jahrtausend v. Chr. wandeln sich die religiösen Vorstellungen bei den Ackerbauern des Südens vom Glauben an weibliche Schutzgeister der Natur zum Kult der Großen Göttin.“
Die Personifikation der Natur, des Wachstums und der Fruchtbarkeit war ein kulturschöpferisches Element, das seine Wege auch in den Islam fand: „Die Erinnerung an Kybele, die Ahnfrau der Artemis, hat sich in Anatolien über die Antike hinaus bis in die islamische Ära erhalten. Die arabischen Muslime blicken in Richtung Mecca, wenn sie beten, und diese Ausrichtung wird im Arabischen qiblah genannt (Glassé 1989: 323f.). Wenn man weiß, dass Kybele eine der drei Großen Göttinnen war, die in Mekka verehrt wurden, bis Mohammed den Polytheismus dort im 7. Jahrhundert v. Chr. abschaffte, dann könnte der Ausdruck qiblah durchaus eine Umdeutung ihres Namens sein. Das türkische Äquivalent von arab. qiblah ist kible.“

Die Figurinen dienten bei Reisen in andere Kreise des Umfelds , beim Handel und zur Begrüßung aber auch als Geschenke, die häufig durch Schriftzeichen verziert oder bezeichnet waren. Dadurch verbreitete sich die Schrift insgesamt, aber auch die spezifische Art der Logogramme: „Die Figurinen spielten nicht nur eine zentrale Rolle im Geschenketausch zwischen den Bewohnern der Siedlungen in der Donauregion (s. Kap. 3), diese Artefakte waren auch das kommunikative Medium, über das sich die Kenntnis von Kultursymbolen und Schriftzeichen verbreitete und überregionale Geltung erhielt. Ohne die unzähligen Figurinen wäre die relativ weite Ausstrahlung des Schriftgebrauchs in den Kulturprovinzen Südosteuropas kaum verständlich.“ Die Schrift hatte aber noch keinen praktischen Charakter (wie etwa bei den Sumerern und Ägyptern)- sie verwies noch ganz auf den rituell- religiösen Zusammenhang: „Der rituelle Charakter des Schriftgebrauchs liefert auch eine Erklärung dafür, dass die alteuropäischen Inschriften überwiegend kurz und formelhaft sind. Ihr Zweck war es, die Kommunikation mit dem Übersinnlichen sozusagen auf den Punkt zu bringen, also zu intensivieren und magisch zu verstärken. In ihrer Kürze sind sich die Inschriften Alteuropas und der Indus-Zivilisation ähnlich (...), und aus dieser Ähnlichkeit darf man in beiden Fällen auch auf Ähnlichkeiten der religiösen Funktionen schließen.“ Das „finstere Zeitalter“, das etwa um das Jahr 3000 bC angesetzt wird, bedeutet also keinesfalls die Entdeckung der Schrift, sondern die Säkularisierung der bislang rein kultisch verstandenen Zeichen. Es gab lange Perioden zwischen dem Ausklingen der alteuropäischen Kultur und dem Beginn neuer Hochkulturen, in denen sich gar keine Verwendung von Schrift nachweisen ließ- die kulturelle Entwicklung machte offenbar große Pausen. Etwa um 4000 bC schwand der Einfluss und die Struktur der Donaukultur unter dem dauernden Einfall von Steppen- Reiter- Clans dahin- Ursache waren erneute Verschlechterungen der klimatischen Umstände. So verschwand auch der Gebrauch der Figurinen für ganze Zeiträume, bis sie z.B. in minoischer Form wieder auftauchten: „Als Zeichen für den Umschwung, den die Gesellschaft Alteuropas durchmachte, wird auf das Fehlen eines der charakteristischen Marker der alteuropäischen Kunst und Religion hingewiesen: der Figurinen. Mit dem Beginn der Bronzezeit ist das Vorkommen von Figurinen in den Fundschichten drastisch reduziert und setzt schon bald ganz aus. Diese Tradition muss aber irgendwie im kulturellen Gedächtnis der Alteuropäer bewahrt worden sein, denn wenig später wurden wieder Figurinen hergestellt, erst auf den Kykladeninseln und bald auch im minoischen Kreta.“

Die alteuropäische Kultur ist nicht nur in den Schulbüchern, sondern auch in unserem kulturellen Bewusstsein noch nicht recht angekommen. Sie ist das Bindeglied zwischen einer animistischen Vergangenheit und einer Kulturwelt, die kultivierte Pflanzen, domestizierte Tiere, Schrift und Religion kennt. Die ältesten Symbole, aber auch Techniken und Fertigkeiten, die wir eher den „Hochkulturen“ zuzuordnen geneigt sind, finden sich bereits ein paar Jahrtausende früher in diesem europäischen Mutterboden der Kultur.



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Mysterienkapitel

In Zeymans van Emmichovens „Wer war Ita Wegman 1925 bis 1943. Band 2“ - ohne hin eine Fundgrube nicht nur für die schmerzhaften Entwicklungsprozesse innerhalb der Anthroposophischen Bewegung -, wird Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Mysterienkulten aller Zeiten zitiert (S. 113), wobei es in diesem Zusammenhang vor allem um den Artemiskult von Ephesos geht. Aber ich finde, in diesem Zitat wird ein interessanter Zusammenhang bezüglich der Stufen innerer Entwicklung deutlich, der die heutigen, zeitgenössischen Mysterien der Emanzipation des bislang passiven Denkens beleuchtet:

„In dem Vortrag Die Lehren des Auferstandenen vom 13. April 1922 (GA 211) nennt Steiner diese Stufen „Mysterienkapitel“. Die Grundform aller Liturgie besteht aus den vier Teilen: Verkündigung, Opferung, Transsubstantiation (oder Kanon) und Kommunion. Diese Vierteilung entspricht den vier Bewusstseinszuständen, welche in der anthroposophischen Esoterik gewöhnliches Tagesbewusstsein, imaginatives Bewusstsein, inspiratives Bewusstsein und intuitives Bewusstsein genannt werden“.

Beim Studium der Vorträge fiel van Emmichoven noch auf, dass es bei Steiners Darstellung selbst auch eine Zuordnung zu den Jahresfesten gibt- „Man kann in seinen vielfältigen Schilderungen tatsächlich jeweils eine der vier liturgischen Stufen erkennen, und es ist überraschend zu bemerken, dass er zu Weihnachten 1923 mehr das imaginative Element (also die zweite Stufe, mit Übergängen zur dritten Stufe) hervor hebt, zu Ostern 1924 deutlich den inspirativen Charakter betont und im August vornehmlich das vierte, intuitive Element von Ephesos anschaut.“ (S. 114)

Für uns ist an dieser Stelle hervor zu heben, dass die erste, wesentliche Wandlung des Denkens in der Meditation, die Überwindung des Tagesbewusstseins im Sinne des strategischen und kontextualisierenden Intellekts in die pure Präsenz der Imagination der liturgischen Stufe der Opferung entspricht. Auch bei Massimo Scaligero wird diese Grenze (in: Traktat über das lebende Denken. Ein Weg zur Überwindung der abendländischen Philosophien, des Yoga und des Zen, 1993) charakterisiert. Für ihn ist es vor allem die Überwindung zwischen „Denken“ und „Leben“. Das bislang schwache Ich, das sich nicht aus seiner Identifikation mit dem Denken lösen kann - einem Denken, das vom Körper konditioniert wird-, erlebt im erkrafteten reinen (d.h. gegenstandslosen) Denken ein neues Authentisch- Metaphysisches. Damit wird ein unabhängiges Denken erfahrbar, das dann aus seiner Unabhängigkeit etwas zu machen weiß, wenn sie „auf der ihr eigenen Ebene ihr Wesen - die metaphysische Zeitlosigkeit - verwirklicht“ (S. 20).

Das „Opfer“ im Sinne der Liturgie entspricht also einem Übergang in größtmögliche Aktivität - ein aktives Erhalten des Bewusstseins in einen meditativen Denk- Zustand, der zeit- und raumlos zugleich ist, aber eben auch insofern metaphysisch, dass er transparent für das Wesenhafte wird: „Die Logik des Denkens, das denkt, führt - in vollständiger Erfahrung- zur Intuition der Zeitlosigkeit und Körperlosigkeit des Denkens, d.h. zum lebenden Denken: eine Intuition, die jedoch nur ein Aufblitzen des lebenden Denkens ist, noch nicht sein Sein. Denn sein wirkliches Sein ist der Logos selbst. Von ihm geht es aus, ihm ist es im Verborgenen zugewandt: der immer bereit ist, sich dem Denken zu übergeben und in ihm - mit seiner Kraft, seiner Einheit, seiner ewigen Gegenwart- anwesend zu sein.“ (S. 20)

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