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Jan 2013

Medien unserer Präsenz

Die Präsenz, die wir zeigen:

In elektronischen Medien sozialer Art wie Flickr, Facebook und Twitter, in denen wir Präsenz zeigen, fällt besonders auf, dass wir präsent im Medium sind, solange wir aktiv sind. Auch in Bezug auf Blogs und deren Timeline ist das deutlich zu beobachten: Man generiert Kontakte, weniger Zeilen oder Daten. Man generiert im Netz eine Art virtueller Verleiblichung: Das ist das Ich im Netz. Es ist reine Aktivität, es lebt aus der Aktualität der Präsenz. Es kommen zudem ständig neue Medien hinzu, die soziale Strukturen ermöglichen- wie etwa der Musik- Streaming- Dienst Spotify. Die Signatur, die man als Ganzes hinterlässt - wenn man die Produkte, die man online gekauft hat, hinzu rechnet-, wird zu Werbezwecken ausgelesen und en gros weiter verkauft- unsere Profile, die Spuren, die das Online- Ich hinterließ, sind auch eine Ware.

Dieses Spuren hinterlassen durch eine direkte, unvermittelte und doch mediale Präsenz auch andere Gegebenheiten des Lebens. Vielleicht können wir auch in einem Berufsleben aufgehen, uns später einrichten und uns für unersetzlich halten. Wir werden aber immer erfahren, dass unsere zeitliche Präsenz viel begrenzter ist, als wir glauben. Wir werden zwangsläufig erfahren, dass das Schiff ganz gut weiter rollt ohne uns. Und die Mannschaft an Bord ist mit der Aufgabe beschäftigt, denn sie alle gehen ja darin auf- genau wie wir selbst gearbeitet haben. Wir werden daher fast augenblicklich ersetzt und vergessen.

So denke ich auch an meinen sehr alten Vater, der zäh an Gewohnheiten, seinen Regeln und Gebräuchen hing. Aber in einer Situation, in der die Lebensfreude daran zerbricht, dass die eigene Lebensgestaltung illusorisch wird, verfällt der Körper schnell durch eine innere Verweigerung. Die Gewohnheiten spielen im Detail plötzlich keine Rolle mehr. Der Geist verweigert die Erfüllung existentieller Bedürfnisse. Auch dieser Körper lebt von unserer ununterbrochenen Präsenz. Wenden wir uns ab, zerbricht er. Wir sind auch in dieser Hinsicht immer nur Aktivität, Spuren hinterlassend, die schnell verwehen.

Wir sollten die Präsenz nicht mit dem Medium verwechseln.
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Jiddu Krishnamurtis rückhaltloser Weg zur Selbsterkenntnis

In den zwei langen Lectures aus dem Jahr 1985, den „Washington Talks“, möchte Krishnamurti sicher alles, aber keinen traditionellen Vortrag halten. Er möchte die Zuhörer - mit strengen Worten, Haltung und Worten - anhalten, gefälligst selbst zu denken und nicht ihm einfach zu folgen. Andererseits erinnert er die Zuhörer daran, dass sie in geistigem Sinne jetzt nicht nur als sie selbst da sitzen, sondern als Repräsentanten der Menschheit. Er hält im ersten Teil dieser Menschheit quasi einen Spiegel vor, als einer parasitären Plage auf diesem Planeten. Im zweiten Teil führt er den Zuhörer durch eine Art Ausschlußverfahren all dessen, was an uns dinghaft und vergangen ist, bis zu dem Punkt, an dem er sich als geistiges Selbst (und gleichzeitig Nicht- Selbst) selbst erfahren kann.

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Der anthroposophische Eselskarren

Natürlich findet man auch in Büchern und bei Autoren, bei denen sich die Nackenhaare sträuben, nicht selten Fundstücke aus der esoterischen Kiste, die ganz dem eigenen seelischen Geschmack und der Art der geistigen Aktivität entsprechen, d.h. man fühlt sich durch Fundstücke, Bruchstücke, Metaphern innerlich beflügelt und inspiriert. Wohl dem, der trotz der rigorosen Eigenständigkeit seines Denkens dennoch eine Anmutung erfahren kann, wo er so etwas wie eine Spur von geistiger Heimat finden kann. Nicht eine simple Selbstbeschränkung, sondern ein Gefühl für die innere Orientierung, die der eigenen Objektivität nichts nimmt, aber doch das Empfinden für ein inneres Lot.

Ich selbst habe dergleichen nicht an einem bestimmten Ort gefunden - auch nicht in Dornach - aber seit bald vierzig Jahren in kleinen Texten über die Person des Christian Rosenkreutz. Solche Texte und Zitate Rudolf Steiners findet man z. B. auch im unten angesprochenen Buch von Sergej O. Prokofieff, auch wenn seine Kontextualisierung mir im einzelnen nicht gefallen mag. Aber die Textstücke alleine bewirken, dass mir warm ums Herz wird - sie sprechen manchmal etwas an, was zu einer spezifischen Intimität gehört, die nur der kennt, der wirkliches inneres Gespräch, Meditation oder tatsächliches rückhaltloses Beten aus der Erfahrung kennt. Umgekehrt sind Menschen, die dergleichen kennen, ohne Umschweife dazu in der Lage, solche Intimität anzusprechen, egal, aus welcher ideologischen oder mystischen Lage, aus welcher Weltgegend oder Kultur sie entstammen.

So geht es mir, wie schon öfter erwähnt, mit dem aus Saudi- Arabien stammenden, in der Mystik der Sufis aufgewachsenen A.H. Almaas, etwa in "Luminous Night' s Journey", auch wenn seine imaginative Bildwelt einem Westeuropäer nicht immer nahe steht. Almaas' Imaginationen wurzeln im genannten Buch z.B. stark in Materialien wie Metallen, Perlen oder bestimmten Gesteinsarten. Darauf kommt man so nicht, wenn man aus dem verregneten feuchten Klima der gemäßigten Nordhalbkugel stammt. Die Imaginationen sind offensichtlich gesättigt von kulturellen Einflüssen und spezifischen Einflüssen aus Kindheit und Umgebung. Manches klingt bei Almaas auch seiner Wahlheimat Kalifornien verwandt - kein Wunder, da er seit etwa vierzig Jahren dort lehrt, arbeitet und mit engen Freunden ein Studienseminar aufgebaut hat. Es ist eher die intuitive Ebene, auf der ich seine rationale Mystik als real und verlässlich empfinde, etwa wenn er über ein tiefes Stadium der Versenkung schreibt (S. 61): "The peace is itself the presence, which is complete stillness of mind and consciousness. Total transparancy, complete purity, and absolute absence of obstruction. The feeling is an indescribable intimacy."

Ja, wer diese spezifische unbeschreibliche Intimität kennt, weiß eben, dass dieser Mann wahrhaftig spricht. Diese Intimität, dieses einzigartige Empfinden ist eben ein notwendiger Teil des Herzdenkens. Es ist die tiefe Freude, ein geradezu sprudelndes Inneres Glück, jenseits des Nur- Persönlichen in einen inneren Strom einzutauchen, der mit dem Innersten zusammen hängt, und also dennoch immer persönliche Züge annimmt. Das Glück des Sich- Verschenkens, das zugleich ein Sich- Finden bedeutet, aber auch eine aktive, präsente, ungebrochene Zuwendungsfähigkeit. In dieser Phase des Erlebens ist die Unmittelbarkeit und Intimität so groß, dass man weiß, an den Wurzeln der Existenz zu stehen, zu atmen und zu schauen.

Es gibt die innere Orientierung wie zu Christian Rosenkreutz, aber auch die zu Denkern wie Almaas, trotz aller kulturellen und religiösen Differenzen, ja trotz seiner ganz anderen inneren Dynamik und der Art seiner Metaphern und Imaginationen.

Man muss sich das, "woher der Wind weht" heute aus aller Herren Länder zusammen suchen. Der anthroposophische Zusammenhang hat, solange er die Intimität des Erlebens nicht kennt (wie etwa bei Prokofieff), etwas von einem Eselskarren, der treu und mit Scheuklappen behaftet, seiner Wege geht. Wer aber hinten auf den Karren aufspringt und tatsächlich mitfährt, ist eine andere Frage. Das ist eine ganz bunte Gesellschaft.
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Ich kam mit Herrn Prokofieff nur bis Seite 21

Im neuen Jahr wollte ich mich benehmen. Wirklich, es sollte still und beschaulich sein, so wie sich Anthroposophen lehrreiches Beisammensein und soziales Wirken, Studium der „Geisteswissenschaft“ usw meist vorstellen: Konfliktfrei und duldsam, leise und zurück haltend, und wenn einem das Fell über die Ohren gezogen wird, dann verbucht man das gefälligst als Lehrstunden fürs Karma. Aber in meinem Fall, leider, sehen die karmischen Perspektiven nicht gut aus.

Ich lese ja, um mein bisheriges Urteil eventuell zu revidieren, immerhin bestimmte Autoren, die ich besonders hohl, blöd oder nichtssagend fand, regelmäßig neu. Etwas heraus picken, ein Buch, einen Aufsatz und sich selbst auf Wohlwollend- Neutral stellen. So zumindest die gute Absicht. Und so nahm ich mir Sergej O. Prokofieffs "Die okkulte Bedeutung des Verzeihens" - ein bemerkenswertes Thema - wieder vor. Und siehe, schon auf Seite 21 liege ich da wie ein gestrandeter Wal. Hätte sich Prokofieff bislang darauf beschränkt, kunstvoll Zeile für Zeile des Vaterunsers mit den anthroposophischen Vorstellungen von sieben Kulturepochen zu verflechten (was hübsch anzusehen ist, aber auch beliebig wirkt), so geht es dort, wo ich bislang gestrandet bin, um das Eingemachte, nämlich um Christus, dem Herr Prokofieff offenbar irgendwie nahe steht:

"So ist (...) der Hauptunterschied zwischen den "Knechten" des Christus und seinen "Freunden", daß erstere auch heute noch von den ihnen von außen gegebenen "Gesetzen" und "Geboten" geleitet werden, während für die zweiten vor allem ihr Wissen davon charakteristisch ist, was der Christus in jeder Epoche der Erdenentwicklung von uns erwartet, und das bedeutet heute, in der gegenwärtigen fünften nachatlantischen Kulturepoche." („Wissen“ im Original kursiv gesetzt)

Woher, zum Teufel, weiß Herr Prokofieff davon, was Christus denkt, fühlt oder gar "von uns erwartet"? Christus, der, der nicht ganz zufällig am Kreuz gestorben ist, ist nun nicht gerade der Prototyp dessen, der irgend etwas erwartet. Er ist kein Feldherr, der zum letzten Gefecht aufruft, kein Rächer und kein Richter. Ganz im Gegenteil. Er ist die Verwirklichung der Barmherzigkeit, selbst gegenüber geisteswissenschaftlichen Überfliegern. Er erwartet nichts, das macht ihn gerade aus. Also von wem Herr Prokofieff da eigentlich spricht, weiß ich leider nicht. Es ist aber wohl nicht Der, den ich meine.

Und dann weiter im Text. Ja ja, die Knechte sind immer die Anderen. Die Nullitäten. Die aus der Evolution Fallenden. Wir, wir sind die Freunde des Herrn, wir stehen ihm nahe, und vor allem, meint Herr Prokofieff, wegen unseres kursiv geschriebenen „Wissens".
Wissen? Im Sinne von enzyklopädischem Okkultismus? Im Sammelbottich der frömmelnden Gelehrsamkeit? Wie viele evangelische Pastoren haben sich schon vorgemacht, dass Wissen (und Predigen) einen in dem Himmel bringt? Wie viele brave Anthroposophen lesen Steiner en gros, um durch das krampfhafte Steiner- Lesen irgendwie an dessen Genie zu partizipieren? Jeder einfache buddhistische Pilger würde sich ausschütten vor Lachen. Dieses exquisite angebliche oder tatsächliche "Wissen" ist doch eine Anmaßung, eine sich selbst fühlende und alles Greifbare verzehrende Larve. Die behauptete Nähe - im Sinne einer Gleichberechtigung im Verhältnis zu Christus- genießt die schöne Wärme, die sie selbst erzeugt. Nein, ich denke nicht, dass man durch Wissen allein Freunde gewinnt. Ich denke auch nicht, dass man durch angehäuftes esoterische Informationen irgendeine innere Wandlung erfährt- eher im Gegenteil. Das schlichte kombinatorische Denken, das Herr Prokofieff bis Seite 21 praktiziert, genügt sich zwar selbst, gefällt sich und beklatscht sich. Es ist, mit anderen Worten, eine Seuche. Man möchte Christus vor dem Zugriff dieser Art von "Wissenden" am liebsten in Schutz nehmen, vor diesem strohdürrem Zeug. Aber gut, es ist, da Herr Prokofieff im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft vorsteht, ja nicht etwas Exotisches, was er vertritt. Es ist eine offizielle Nullität.

Und wir, wir werden mutig sein. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann werden wir es wagen und weiter lesen, über Seite 21 hinaus.
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