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Feb 2015

Als ich gestorben war

kingsson
An diesem Tag gleich ins Tal hoch gefahren, im immer dichter werdenden Nebel. Es war Anfang Dezember, wir hatten nichts anderes erwartet. Gegenüber vom Kloster Sankt Trudpert in der ehemaligen Mühle der großen Klosteranlage eingecheckt. Dann ein Spaziergang, bevor es ganz dunkel wurde, steil hinauf und einmal um die ganze alte Anlage herum. Eine Pause an der Quelle, die der Einsiedler und Gründer im 6. Jahrhundert frei gelegt hatte und die bis heute gepflegt wird und in einem überdachten kleinen Bau sprudelt. So viele Orte wie diese in Europa gehen ja auf einen solchen Einsiedler und auf ein entspringendes Gewässer zurück- meist sind sie ja noch viel älter als das Christentum selbst.

Danach etwas essen und sich frisch machen. Es war eine lange, unangenehme Fahrt gewesen. Irgend etwas stimmt nicht mit mir, die Wand kommt mir plötzlich ungewohnt entgegen, der Boden wallt auf, ich lege mich lieber hin. Auf das Bett zu klettern hat etwas von einer Bootsbesteigung, kaum auf den Rücken gedreht kommt der Nebel an mich heran und hüllt mich ein. Ich bin ganz klar, aber etwas stimmt nicht. Ich bin nur Bewusstsein, nur ich, nur lose verbunden, ohne jegliche Schwere. Noch nehme ich es nicht ganz ernst- ein Schwindel, vielleicht. Aber dann wird mir klar, dass ich nur noch durch einen silbernen Faden mit dem Leben im Körper verbunden bin.

Undeutlich vor mir, gestaltlos, aber präsent, ein strenges Etwas. Wieder mache ich Scherze im Geist, sage sogar erheitert: Oh, der Abt ist da. Und wirklich scheint es mir so, offensichtlich angeregt durch die vertraute Klosterumgebung, als schaute mich ein eiserner Abt an- kühl, mit einem Blick, der alles und alle gesehen hat, eine lange Ahnenreihe von Sündern, die er neutral betrachtet. Ein letzter Scherz: Och, bitte nicht katholisch sterben!
Aber dann wird mir klar, das es ernst ist. Ich kann nicht einfach zurück. Und ich war schon mehrmals hier, an dieser Stelle, ohne das damals zu wissen, lose verbunden, einen winzigen Schritt entfernt vom reinen Bewusstsein, das keinen Spiegel mehr in einem Leib hat:

(Damals, mit 18, in Amsterdam, zwischen all den Hippies, Blumenkindern und Hare- Krishna- Sängern. Jemand hatte mir etwas ins Getränk getan, das viel zu stark für mich war- so stark, dass ich das Königreich der Schmerzen kennen lernte, aus der Bahn geworfen wurde, die silberne Schnur verwickelt, in der Hand von Notfallmedizinern. Damals, mit 35, geschwächt durch eine schwere Infektion, in der Krypta der florentinischen San Miniato del Monte, als ein Geist voller Güte vor stand und mit mir sprach - von Mensch zu Mensch, aber völlig entkörpert. Wie immer bei solchen Gelegenheiten zwischen Leben und Tod streng sachlich, das Leben und seine Möglichkeiten konkret betrachtend.)

Nun, wieder solch eine Gelegenheit. Der Abt allerdings kennt keine Güte. Ich sehe mit seinen eisernen Augen auf mein Leben. Ich weiß jetzt, dass es sehr knapp werden wird. Ich beginne mit ihm zu argumentieren. Habe ich es nicht verdient, zu leben? Habe ich nicht Güte bewiesen und mich zumindest bemüht? Und wieder beginne ich mit den eisernen Augen des Abtes durch mein ganzes Leben zu wandern, als wäre es eine Landschaft. Meine Intentionen, meine geheimen Leidenschaften, meine Verbohrtheit und die vollkommene Illusion eines Jedermann, der sich selbst für wichtig hält, wie jedermann. Ich wandere mit diesen Augen durch das Leben und erkenne, dass ich meine tiefsten Anliegen verfehlt, dass ich versagt, verzagt und nichts verdient habe. Wieder stehe ich vor dem Abt. Ich fühle, dass er mich mit sich nehmen wird. Es ist vorbei, ich habe nichts, was ich auf die Waagschale werfen könnte. Ich bin ohne Gewicht, mitten im Abgrund, eine Feder im Wind.

Dann, mit aller Demut, bitte ich, noch ein wenig verweilen zu dürfen. Ich sehe meine Schuld, die Verstrickung. Ich sehe, dass ich bin wie sieben Milliarden mit mir, sich Mühende, Bemühte, sich Verlierende, ihre Herkunft Vergessende, sich selbst entfremdete menschliche Wesen. Mein Körper ist weit unter mir. Ich bin einverstanden, wie es auch sei, was auch geschehe. Ich bin ganz ruhig, ich bin demütige Erwartung. Aber so gerne würde ich noch einen Tag lang, eine Woche lang den Wind auf der Wange fühlen und den Geruch des Frühlings wahrnehmen. Und zu meinem Erstaunen schwindet die Präsenz des Eisernen. Die Sehnsucht, ein wenig körperlich zu empfinden, wenn man es nicht mehr kann! Da, ein Stück Haut, da, ein wenig Arm. Das Körpergefühl kehrt unendlich langsam und tastend zurück. Ich bin wieder im Körper, im Bett, im Zimmer, und denke: Der Abt war sehr streng mit mir. Aber ich darf noch eine wenig hier verweilen-
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Carlos Castaneda, Hexer, Magier und Trickster

castaneda
In den letzten hundert Jahren sind - wie zuvor in anderer Gestalt- viele Magier und Trickster aufgetreten- Gurus wie z.B. Gurdjieff, Baghwan, Hubbard, Crowley, Castaneda und andere windige Gestalten, deren Fähigkeiten vor allem darin bestanden, tief greifende Persönlichkeitsstörungen und Sehnsüchte Anderer erkennen und zu nutzen, um ihre Anhänger in eine konstruierte Ersatz- Wirklichkeit hinein zu ziehen und damit einen Kult zu konstruieren, der erhebliche destruktive Energie, aber auch erstaunliche Verbreitung entwickeln konnte und kann. Abkömmlinge solcher moderner Magier finden sich überall auch in politischen, weltanschaulichen oder religiösen Zusammenhängen. Die autoritäre und selbstbezügliche Struktur solcher Gruppierungen ist aufgrund des ungebremsten Hungers nach immer Mehr der unreifen Schar der Gläubigen einerseits, und aufgrund der nackten Macht-, Sex- und Geldgier der Gurus stets fragil- sie neigt dazu, irgendwann zu implodieren.

In dem Alexander Knorrs Buch "METATRICKSTER. BURTON, TAXIL, GURDJIEFF, BACKHOUSE, CROWLEY, CASTANEDA“ (2004 erschienen, inzwischen im Internet frei verfügbar) geht dieser auf die genannten Trickster und ihre Methoden ein. Dabei möchte ich, als erste Ergänzung, auf Richard Kascynskis Crowley- Biografie „Perdurabo - The Life of Aleister Crowley“ verweisen. Das ist nämlich die andere Seite der Trickster: Wie beim am Ende tief traurigen Crowley, der heroinabhängig, verarmt, verbittert und um sein verstorbenes einziges Kind trauernd eine schillernde Karriere beendete, wendet sich der Mythos nicht selten gegen den Trickster selbst. Dies auch darum, weil mancher der magischen Grenzgänger schließlich seinen eigenen Geschichten verfällt: "Es ist schwer zu sagen, wie weit Gurdjieff selbst an den modernen Mythos glaubte, den er ersonnen hatte. – dasselbe gilt für (..) CASTANEDA: „Du schreibst von der Tricksterfigur, die sich selbst hereinlegt. Das trifft sicherlich auf Castaneda zu. Er hat fast bis zum Ende geglaubt, er könne sich in pure Energie verwandeln und mit Guccisandalen und Armanianzug verschwinden. In Wahrheit (haha) können wir nur spekulieren, was Castaneda dachte, tat und fühlte.“ Dies ist eine Anspielung auf das Auftreten und Leben von Castaneda und seinen „Hexen“, die keinesfalls in der mexikanischen Wüste dem Don- Juan- Mythos huldigten, sondern kalifornische Luxus- Restaurants, millionenschwere Konten und entsprechende Kleidung bevorzugten. Man kann das in dem an anderer Stelle zu besprechenden Enthüllungsbuch einer jahrzehntelangen Freundin und Partnerin Amy Wallace entnehmen („Sorcerer´s Apprentice. My life with Carlos Castaneda, 2007/2). Danach waren Castanedas „Hexen“ über Jahrzehnte hinweg eine eifersüchtige Bande von seinen Ex- Frauen, denen er einredete, ihm ständig neue, junge Anhängerinnen zuführen zu müssen- ein Sex- Kult mit esoterischem Schmieröl.

Aber auch er geriet dabei zwischen seinen Rollen ebenso wie Crowley immer wieder durcheinander: "So hatte CROWLEY einen kleinen Rosenkranz, der ihm half, in seine verschiedenen Persönlichkeiten zu schlüpfen. Je nach dem, ob er ihn trug oder nicht, erinnerte er ihn daran, wer er gerade war und wie er sich benehmen musste. Das erinnert an eine Kreuzung aus Schauspieltechnik und spirituell-meditativer Übung.“ (Knorr) Zu Castanedas Techniken des Herrschers gehörte die Verstossung aus dem Kult (und regelmäßige Wieder- Aufnahme der demütigen Novizin) ebenso wie andere sadistische und demütigende Methoden unbedingt dazu- die Gewissenlosigkeit kennen wir von Crowley, dessen Lebensweg gespickt war von psychisch kranken, alkoholkranken und suizidalen weiblichen „Medien“: "Auf der Meta-Ebene zeigt uns der Trickster den Weg, um die eigenen Kategorien- und Wertesysteme zu überwinden. Dass CROWLEY eine eigene Religion konstruieren konnte, die heute noch Anhänger hat, zeigt uns die Konstruiertheit der etablierten Religionen auf. Um so mehr, als Leuten wie HUBBARD und CASTANEDA, die von CROWLEY gelernt haben, das gleiche gelungen ist.“ (Knorr)

Im Gegensatz zu Crowley funktionierte aber Castaneda Geschäftssinn stets verlässlich: „Ich traf zwei Castanedas. Der erste ist der, den ich mir vorgestellt habe, als mir seine früheren Bücher so viel gaben. Der zweite, der auf Profit ausgelegte Unternehmen gründet, der selbsternannte Nagual, der Rechtsstreite führt, um seine Geschäfte zu schützen, der vorgibt, eine einzigartige Chance auf Freiheit für den ganzen Planeten zu sein, der von „Fliegenden“ spricht – das ist derjenige, mit dem ich in keiner Weise auch nur irgendetwas zu tun haben will.“ (nach Knorr) Mit diesen Methoden - ebenso wie mit den Inhalten der späten Don- Juan- Bücher - fügte sich Castaneda ein in eine dunkle Tradition südamerikanischer Schwarzmagie, auch wenn seine Bücher, wie Amy Wallace ausführt, hauptsächlich von Lektoren seines Verlags geschrieben worden sind, denen lediglich wirre, unter Drogeneinfluss hingeworfene Notizbücher vorlagen: "Am 3. Dezember 1994 läßt sich CASTANEDA seit langem zum ersten Mal wieder in der Öffentlichkeit sehen. In Sunnyvale in Kalifornien hält er vor etwa 100 Menschen eine Art Vortrag, d.h. mehr eine Frage-und-Antwort Stunde. Beides, Fragen wie Antworten, könnten aus einem seiner Bücher entnommen sein. ... Oder aus denen anderer: Seine Aussagen über die „linke Seite der zweiten Aufmerksamkeit“ hören sich gleichermaßen nach CROWLEYs „left hand path“ und nach der „dunklen Seite der Macht“ an (..) FLORINDA knüpft dann auch noch an ein mythisches Motiv an, das wir vom Golden Dawn her schon kennen: „Die Energie öffnete sich für Castaneda, als er in den Abgrund [abyss] sprang.“ (Knorr) So stellt sich auch Castaneda als Täter und Opfer seines eigenen Kults dar: "Wahrscheinlich beginnt CASTANEDA die Arbeit an seiner großen Illusion (..) getrieben von des Tricksters Lust am Streichespielen. Durch die Veröffentlichungen und sein Auftreten (..) tritt er Entwicklungen los, die ihn irgendwann in einen Strudel reißen. Es kommt zur Firmengründung und zur Vermarktung, er beginnt seine ersten Werke wieder aufzugießen (..) Ab diesem Zeitpunkt kann man ihm den moralischen Vorwurf der Geldgier machen, doch das reicht bei weitem nicht als Erklärung des Gesamtphänomens aus. Es ist nur ein Aspekt des Tricksterprinzips, (..) Die Entwicklung hin zum, von materiellen Gelüsten getriebenen, Betrüger ist ein diachroner Strang seiner Biographie als Trickstergestalt.“ Nach Amy Wallace hatte Castaneda lange an Diabetes gelitten, behauptete aber, sich auf magische Weise davon geheilt zu haben. Zwei Jahre später, am 19. 6. 1998, war er tot.

Zu dem (damals noch nicht erschienenen) Buch von Amy Wallace schreibt Knorz noch:

Eine Frau aus dem inneren Castaneda-Kreis hat sich entschlossen ’auszupacken’, schreibt gerade an einem Buch, das Simon & Schuster (..) im nächsten Frühjahr publizieren wird. Ihr Name is Amy Wallace, sie ist die Tochter von Irving Wallace, mit welchem sie mehrere Bücher zusammen autorisiert hat. Ihre Beziehung zu Castaneda streckt sich über 30 Jahre (als Freund ihres Vaters), wobei sie in den letzten 10 Jahren eine persönliche Liebesbeziehung mit ihm aufrechterhalten hat. (..)
Die Publizierung ihres Buches wurde mehrfach verschoben, weil der Editor mit dem Gesamteindruck des Buchinhalts nicht zufrieden war. Amy möchte am liebsten den ganzen Dreck auftischen,(..) Der Publisher möchte sich jedoch nicht die alten Carlos Fans vergraulen und will eine mehr ausgewogene Beschreibung haben, mit weniger grotesken Sexdetails und negativer Vermenschlichung des grossen Ikons. Sie war ganz aufgelöst, dass sie ihr ganzes Buch noch einmal überarbeiten musste. Wir haben nur losen persönlichen Kontakt mit ihr, der zwar freundlich ist aber nicht vertrauensvoll. In uns ist immer noch das alte Misstrauen gegen die lügenlistigen Hexer, die keine Skrupel kennen
.“

Fotonachweis: Castaneda mit 36 Jahren, aus dem genannten Buch von Amy Wallace



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Zu schön, um nicht wahr zu sein - wie man zu Intuitionen, Ideen und Erfindungen kommt

seeingwhat
Nein, wir sprechen nicht von Esoterik, Mystik oder Magie, sondern von Wissenschaft im umfassenden Sinn - und beziehen uns dabei auf Gary Kleins Buch „Seeing What Others Don't: The remarkable ways we gain INSIGHTS“. Klein hat über hundert Wissenschafts-, Finanzmarkt-, Militär- und historische verbriefte Geschichten gesammelt- von der Entdeckung des AIDS- Virus bis hin zur Enttarnung des Finanzmarkt- Betrügers Bernie Madoff. Es geht um die Voraussetzungen für plötzliche Einsichten, die Einzelne trotz massiver Widerstände, konkurrierender Forscher, widersprüchlicher Faktenlage, und/ oder scheinbar widersprechender Dogmen haben. Ein seltenes Beispiel für eine solche Intuition (hier im Titel zitiert) stammt von den Erforschern der Struktur der menschlichen DNS, Watson und Crick, die ästhetisch von deren Schönheit berührt waren: „We may even have an aesthetic reaction to the beauty of the insight. Watson and Crick felt that their double helix model was too beautiful not to be true.“

Viele aber, wie Marshall und Warren, mussten über ein Jahrzehnt lang nicht nur Ignoranz, sondern auch Häme der gesamten wissenschaftlichen Welt ertragen, als sie entdeckten, dass die chronische Entzündung der Magenschleimhaut - und in Folge Magenkrebs - auf einen bakteriellen Infekt zurück geht und einfach durch ein Antibiotikum gestoppt werden kann. Dass diese Art von Erkrankung Stress- bedingt und durch schwer wiegende Operationen, spezielle Medikamente und Antidepressiva zu behandeln war, galt nicht nur als Dogma, sondern hatte auch milliardenschwere wirtschaftliche Interessen bedient. Letztlich kamen den Forschern glückliche Umstände als auch ein damals verzweifelter, aber sensationeller Selbstversuch entgegen.

Diese Betrachtungen führen zu der Schlussfolgerung des Historikers Daniel Boorstin „The greatest obstacle to knowledge is not ignorance; it is the illusion of knowledge“- wir kontextualisieren zu viel. Wir bewegen uns im Status Quo des vertrauten Denkens, betten Beobachtungen und Erfahrungen in die bekannten Bezüge ein und verhindern so tatsächlich neue Erkenntnisse- sei es in der Wissenschaft, im privaten Leben oder auch - so dürfen wir folgern- in der meditativen Arbeit.

Andererseits hat es schon seinen Grund, dass wir denkend vorsichtig taktieren. Schließlich ist die Welt voll von Spinnern und Ideologen, und wir alle neigen zu assoziativen Verbindungen, um Zusammenhänge zu verstehen und Verständnismodelle zur eigenen Orientierung zu entwickeln: „We are all attuned to coincidences. We are sensitive to associations. Sometimes we are too sensitive and see connections that aren’t real.“ Der fatale Hang, Zusammenhänge sehen zu wollen, korrumpiert das Denken also ebenso wie die Neigung, an einmal gefundenen Kontextualisierungen fest zu halten.

Trotz allem gibt es ihn- den Blitz einer Erkenntnis, die Erfahrung einer Idee, das Schauen eines tatsächlichen, aber bisher nie gesehenen Zusammenhangs, „the flash of illumination“. Der Einschlag des Gedankens wird nicht selten von einer Empfindung der Evidenz begleitet- „a feeling of certainty“. Georg Kühlewind, der anthroposophische Forscher, der übrigens auch Wissenschaftler war, hielt dieses Evidenz- Empfinden übrigens für eine innere spirituelle Orientierung. Überhaupt meinte er, dass aktive meditative Arbeit eine Art Verlängerung im Sinne von Andauern des „Flash of illumination“ ist, ein inneres Einleben in das kreativ intuitive geistige Arbeiten als Ich- Erfahrung.

So weit geht Klein nicht. Aber auch er denkt, dass einmal gewonnene reale Ideen auf uns als Person zurück wirken- eine einmal gefundene tatsächliche Einsicht befreit und flügelt uns und ändert unsere Art, Phänomenen zu begegnen, auf nachhaltige Art und Weise: „Our insights transform us in several ways. They change how we understand, act, see, feel, and desire. They change how we understand.“ Dabei sind eine fundierte Grundkenntnis, ein systematisches Arbeiten an einem Problem, zwar häufig Voraussetzung im Sinne einer begründeten Fokussierung auf ein Thema oder eine Fragestellung, führen aber nicht zwangsläufig zur gedanklichen Intuition: „So I don’t think deliberate preparation is necessary or even practical for many insights.“ Er folgt dabei teilweise einem Denk- Modell von Helmholtz, der verschiedene Phasen zur Entstehung von echten Einsichten propagierte. Ihm zufolge kommt der „Blitz“ der Einsicht häufig in einer zweiten Phase zustande, in der der Forschende nicht mehr eigentlich fokussiert ist, sondern losgelassen hat - sich entspannt und eigentlich eher „weich“ in seinem Bewusstsein („in fringe consciousness“) agiert - im Sinne eines „sanften Willens“: „After working hard on a project, Helmholtz explained that “happy ideas come unexpectedly without effort, like an inspiration. So far as I am concerned, they have never come to me when my mind was fatigued, or when I was at my working table. They came particularly readily during the slow ascent of wooded hills on a sunny day.““

Dem war aber der Aufbau des gedanklichen Netzes im Sinne einer Vorbereitung voraus gegangen: „During the preparation stage we investigate a problem, applying ourselves to an analysis that is hard, conscious, systematic, but fruitless. Then we shift to the incubation stage, in which we stop consciously thinking about the problem and let our unconscious mind take over.“ Wie anders als „meditativ“ könnte man diesen Zustand der „Inkubations- Phase“ bezeichnen? In allen meditativen Schulen kennt man diese Phase, die man dort die Erfahrung der Leere nennt- frei vom fokussierten Inhalt, frei vom eigentlichen Thema, offen und bewusst im Sinne eines „weichen“, empfangenden Bewusstseins. Wissenschaftliche Einsichten kommen, so sehen wir, nicht anders zustande als spirituelle. Erst nach der Erkenntnis- Phase („when insight bursts forth with conciseness, suddenness, and immediate certainty.“) folgt die nächste Ebene der Vergewisserung und Verifikation, in der die gewonnene Einsicht wieder und wieder geprüft wird: „Finally, during the verification stage we test whether the idea is valid.“

Klein wendet gegen das Modell von Wallace ein, dass es keine Gewähr geben kann, dass eine Einsicht im Sinne von gedanklicher Intuition tatsächlich erfolgt. Es gibt in dieser Hinsicht keinen Mechanismus, kein Rezept, keine Gewähr, sonst wären wir alle Genies. Auch die vage Theorie von Wallace, dass sich in der Inkubations- Phase im Unterbewussten irgendwie etwas formt und dann aufsteigt, erscheint ihm konstruiert. Dies gilt, wenn wir das wieder übertragen wollen, auch für die meditative Arbeit: Auch das systematische Arbeiten, das gelungene Loslassen, der fokussierte und der weiche Wille, garantieren nicht im geringsten, dass der Flow der aktiv- imaginativen Meditation gelingt. Die Geduld, ja sogar eine gewisse Demut - also emotionale Tugenden - sind zusätzlich erforderlich. Aber letztlich lässt sich auf diesem Gebiet so wenig wie im wissenschaftlichen Feld erzwingen.
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