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Feb 2013

Tauchen unter dem Eis

Es gibt - jedenfalls in einer Existenz- Situationen, in denen sich der Körper seiner Benutzung weitgehend entzieht, vor allem, was die sensorische Verarbeitung betrifft, trotz aller Einschränkungen die Möglichkeit geistiger Präsenz. Das ist zum Beispiel bei einem Migräne- Anfall oder anderen chronischen Schmerzen der Fall. Stoffwechsel, Verdauung, Möglichkeiten, überhaupt motorisch, intellektuell oder sozial tätig zu sein, entfallen dann oder erscheinen doch sehr gestört. Tag und Nacht gehen ineinander über wie Schemen. Ein solches temporäres Schattendasein betreibt man in einer Nische der Welt, in der Rumpelkammer der Biografie. Medizinische Mittel gibt es gegen diese Art von Schmerz nicht; im Gegenteil, eine Reihe von Schmerzmitteln bewirken durch Anreicherung von Histamin den gegenteiligen Effekt und verlängern den extraterritorialen Zustand immer weiter. Mit anderen Worten: Man kann es nur ertragen.

Trotz des Mangels an geistiger Fokussierung ist es aber möglich, unter dem Eis zu tauchen. Zumindest in gewissen Ausnahmezuständen kann man eine geistige Kraft nutzen, die unter der intellektuellen Verarbeitungsaktivität gelegen ist- bemerkbar an einer Energie, die merklich mit der Aktivität der Chakren zusammen hängt. Man muss lauschen, ohne zu suchen, man muss die Welle nutzen und sich mit ihr auf offene Meer bewegen. Es ist offenkundig ein Bewusstsein möglich, das aus reiner Kraft besteht und das das momentan nicht nutzbare Instrument des Gehirns buchstäblich unterläuft.
Denn es gibt eine zweite (und dritte? und vierte?) Ebene des Bewusstseins, in der man aber wesentlich willenhafter, aktiver tätig ist als beim eher passiv- hinnehmenden intellektuellen Betrachten. Wenn der Intellekt durch ein schmerzhaftes Einfrieren praktisch unbrauchbar geworden ist, wenn der Körper ein toxisch zeitweilig überspülter fremder Mikrokosmos ist, dann bleibt gar nichts anderes übrig, als rein aus innerer Aktivität zu schöpfen. Es geht, tatsächlich, zumindest, wenn man in guten Tagen etwas Übung gefunden hat. Und man bewegt sich dann in einem nicht vom allgegenwärtigen Schmerz berührten Bereich.

Die reine Präsenz, die man aufbaut, leuchtet einen inneren Raum aus, der von jeder denkbaren und unvorstellbaren Tiefe sein kann. Es ist immer offen, was bei einem solchen Besuch geschehen kann, wobei doch bestimmte Regeln gelten. Die reine, sich selbst bewusste Geistesgegenwart kann z.B. an etwas rühren. Das gelingt nicht immer, hängt von dem Grad der Befreiung und der Stille ab. Wenn alles stimmt, dann kann dieser innere Raum, den man rein geistig schafft, an seiner Innenseite erhellt und belebt werden. Plötzlich werden imaginativ dynamische Kräfte erlebbar- manchmal farbig, in jedem Fall auf ganz typische Art und Weise belebt, ähnlich intensiven, dichten Wellen- und Wolkenformen, die aus ihrer eigenen Mitte entspringen und die Tendenz haben, sich von vorne spiralig auf das eigene Zentrum zuzubewegen.

An diesem Punkt der Erfahrung solcher Dynamik bin ich im Leben verschiedentlich gewesen. Früher war es so gewesen, wie auf eine Lichtung im tiefen Wald zu treten, in der plötzlich Licht und Himmel in den Blick treten. Man hat keine Ahnung, wie man da hin geraten ist und wüsste beim nächsten Mal den Weg dorthin nicht zu finden. Aber mit den Jahren wird diese Lichtung unter dem Eis eine Art Konstante, ein Orientierungspunkt. Und es vertieft sich.

Diese reine und unerschöpfliche Energie ist etwas, was man selbst nicht einfach hervor bringt. Es ist keine Vision. Diese Dynamik ist ein Teil der Lebenskräfte selbst, ein universelles ununterbrochenes Schaffen, dem man in diesem Augenblicke nahe kommt. Und man hat deutlich die Empfindung, dass diese Kraft mit dem Denken selbst zu tun hat - es ist die Lebens- Bewusstseinskraft schlechthin. Die auf einen selbst zielende Kraft begreift man in den heiligen, kostbaren Momenten auch als Wesensberührung, denn diese Dynamik ist Willen, in dem man etwas Wesenhaftes ahnen kann. Die Berührung ist zart.

In dem Augenblick, in dem man an Berührung denken kann, verwandelt man sich aber auch selbst. Es geschieht etwas wie das Aufkommen einer tiefen Frömmigkeit, einer hingebenden Aktivität, die es überhaupt erst möglich macht, die sich ständig wandelnden Kräfte in sich hinein zu nehmen. Und noch viel kostbarer kann etwas erlebt werden wie eine Antwort auf die Berührung, die dem Inneren des Innenraums zu entspringen scheint und die Charakteristika einer Naturkraft hat. Es erscheint ähnlich dem Vorgang in der Natur, wenn die Frühlingssonne die ersten Spitzen der Frühblüher aus dem Boden lockt. Man wird berührt, und dann erwacht eine Wachstumskraft, die persönlich ist, aber von einer solchen ursprünglichen Kraft, die wir sonst nie erleben, weil wir "zerstreut" sind in einer komplexen leiblichen Wahrnehmung und Steuerung. Jetzt ist jede "Zerstreutheit" aufgehoben. Die Kraft, die als Antwort aus dem Innersten erwacht, ist zweifellos ein Aspekt des Ich, aber so wesenhaft und ursprünglich, so ungeteilt, unmittelbar und rein, dass sie kaum vergleichbar ist mit der uns bekannten, dreimal gebrochenen, indirekten Art des Selbsterlebens. Wir erleben uns als das ungebrochene, ursprüngliche Selbst, eine geistige Aktivität ohne jede Brechung.

Das ist der Punkt, hier, unter dem Eis, an dem die geistige Arbeit beginnt. Nicht dass man Schmerzen und Krankheit dazu bräuchte. Aber es geht auch trotz des widerständigen körperlichen Systems.

Rudolf Steiner geht auf diese Konstellation von Erfahrungen im rein geistigen Raum ein in „Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst? (S. 94): „ Wenn man nun beginnt, so aus sich selber gleichsam herausströmend zu fühlen Gegengefühle gegenüber der Weisheit, Schamgefühle, Dankbarkeitsgefühle, wenn einem das gleichsam aus dem eigenen Organismus heraus aufstößt, dann macht man dadurch wiederum die erste elementare Bekanntschaft mit etwas, das dann weiter kennengelernt werden muss in der fortschreitenden okkulten Entwicklung. (..) Durch das, was da zurück sich staut, was da aus uns selber heraus dringt in dem Gefühl von Dankbarkeit und Scham, das einen Persönlichkeitscharakter hat, weil es aus uns herauskommt, durch das bekommen wir den ersten elementaren Begriff von dem, was man Archai oder Urkräfte nennt (..).“
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Durch das Jahr

In eigenen Übersetzungen von Textstellen des Neuen Testamentes und sich angliedernden erläuternden Betrachtungen führt Elsbeth Weymann in einem neuen Projekt auf dieser Seite durch das ganze Jahr. Wir beginnen mit dem Prolog aus dem Johannes- Evangelium, wobei es thematisch in der Betrachtung um das „Zelt Aufschlagen“ im Inneren geht.
Dem geneigten Leser wird sich der meditative Charakter der Neuübersetzungen erschließen, wenn er sich auf die Texte einlassen möchte.
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Parzival 2013

"Die geisteswissenschaftliche Entwickelungslehre wird mitgeteilt; sie soll nicht geglaubt werden, sondern die Menschheit soll durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen. Sie wird verkündet denen, die den Keim der Parzival- Natur in sich tragen.“*

Ein bisschen Lehre ist Anthroposophie ja schon, man muss zumindest die Grundvokabeln und Grundstrukturen ihrer Menschen- und Weltsicht kennen; die, die in Listen feilgeboten werden, Leiber auf Leiber und Welten auf Welten. Und Götter auf Götter. Man muss die Vokabeln kennen, um sich überhaupt eine Vorstellung machen zu können, welche Vorstellungswelt, welches Bild von Wirklichkeit und Identität im tiefsten und umfassendsten Maße einem hier angeboten wird. Übrigens meint Steiner ja im unteren Blogbeitrag, dass selbst diese Grundkenntnisse, und vielleicht ein ganz klein wenig Glauben, eine gute Beuys’sche Wegnahrung (Sie wissen schon, Schlitten mit Kupfer- Spazierstock, totem Hasen und jeder Menge Fett) darstellen für den letzten Weg, den wir alle gehen - einfach weil man einen Begriff davon hat - zumindest schematisch-, wie man sich selbst und Andere als reine Energieform, ohne jede Leiblichkeit, vorstellen könnte.

Man kann, weil man die Begriffe einmal gebildet hat, nun wie mit Augen sehen, die einem aufgehen, man kann den Blick erheben und sich lösen von den Formen und Abläufen der physischen Existenz. Vor allem ist wohl eine sehr andere Art und Weise des Kommunizierens angezeigt- eine ohne Körpergrenzen, ohne Laut und ohne Ton und ohne äußeres Licht. Nun, es wird schon gehen, aber man tut sich leichter, wenn man, wie Beuys über den Mond sagte, "die Gegend schon kennt."
Meditation ist in dieser Hinsicht ein Trainingslauf, und wenn man tatsächlich an die Quellen der Tiefe rührt, den warmen Strom, in dem man im nahrhaften lichten, sich verschenkenden Bewusstsein mitgeht, die äußere Natur in jedem Augenblick zum Zeichen wird, dann ist man wohl dabei, wie Steiner forderte, "durch eigene Urteilskraft dazu kommen, sie zu verstehen", die Entwicklungslehre. Allerdings baut er auch wieder Hürden auf, indem er diejenigen anspricht, die einen Satz wie "Das, was als Ich im Menschen lebt, das ist das Christus-Wesen“* tatsächlich verstehen und damit realisieren können. Es ist etwas, was man in Form von Nektar zumindest gekostet hat.

Was aber ist die "Parzival- Natur"? Ich weiß schon, gemeint sind die, die einen unheilbaren Riss in sich spüren und die von der unentwegten Frage nach Sinn getrieben sind. Aber wie oft wird der Riss in sich durch die Antworten, die man zu erhalten glaubt, lediglich verdeckt? Man stiftet den Sinn, den man sucht, selbst, und befindet sich unversehens in einer "Lehre", mit all den Verteidigungs- und Rechtfertigungsschlachten, die mental und verbal dadurch entspringen. Vor allem erhält man den Service dieser umfassenden Sinnstiftung, einer persönlichen Teleologie, und was, bitte, will man mehr? Der gefundene Sinn beendet jegliche Suchbewegung. Anthroposophie degeneriert dann allerdings zu erstarrten Positionierungen und Verteidigungslinien, weil dieser Parzival, wiederum gescheitert, sie zu einer Krücke für sein Ego hat verkommen lassen.

Das Fragen Parzivals hört nie auf. Er befragt auch seine eigene Anthroposophenschaft. Wo stehe ich darin, wie profitiere ich? Was kann ich bieten? Wo setze ich es wirklich um? Bin ich stolz auf mich, Anthroposoph zu sein? Denke ich, dadurch Besonderes zu sein, ein heraus ragender Zeitgenosse, ein „Zeuge der Zeit“? Wie bescheuert kann ich eigentlich sein? Ich füttere mein Ego mit blutigen Brocken vom Leib der Sophia. Und ich muss mir nichts einbilden, das ist nur ablenkender Unsinn. Man macht sich etwas vor. Geh an den Kern der Probleme. Dort, wo es weh tut. Welche Wunde willst du mit Anthroposophie verdecken oder gar füttern? Warum machst du das mit dir? Was sind die Teile, die in dir auseinander fallen? Fass sie ganz genau ins Auge. Das ist das, warum du dir immer wieder denselben Streich spielst. Und wenn ich mir auch Anthroposophie aus einem Hauch von Eitelkeit und Wunsch nach Bedeutsamkeit im Leben angelacht habe, kann man ja doch etwas daraus machen, oder? Ich kann auch mit meinen privaten und höchst persönlichen Eigenheiten versuchen, einen geklärten, mit sich selbst versöhnten (das ist das Schwerste) Anthroposophen in die Arena der gebildeten Gedanken zu stellen. Oder etwas Konstruktives entwickeln helfen. Oder das, was ich tue, mit ganzer Präsenz tun. Parzival begegnet heute dem "Bösen“, dem Hinderlichen, aber auch stets Aufbauenden in sich. Auftritte und Abgänge der persönlichen Widerstände, das ist ein Leben in suchender Bewegung. Das ist die Frage, die Parzival heute stellen sollte: Wie kann ich mit mir leben?

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* Rudolf Steiner, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen . Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit
Dreiundzwanzig Vorträge, gehalten zwischen dem 21. Januar und 15. Juni 1909 in verschiedenen Städten
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Simone Weil: In Christus

Simone Weil saß ja völlig zwischen den Stühlen- sie, die als Jüdin so heftig mit dem Katholizismus rang, so sehnsüchtig, aber sich letztlich das Sakramentale, ja selbst Meditation und Gebet aus Scham und Ehrfurcht versagte, aber auch, weil sie fürchtete, damit etwas von der Reinheit ihres Empfindens zu verfälschen: „“I was afraid of the power of Suggestion that is in prayer..“. Simone Weil ist meist nur in Kompilationen und kurzzeitigen Editionen auf Deutsch erhältlich. Leider kann ich sie nicht im französischen Original lesen und weiche daher manchmal auf englische Übersetzungen aus. So auch ihre „Spiritual Autobiograph“ in „Waiting for God“- Essays und Brieffragmente, die in dieser Zusammenstellung zuerst 1950 in Frankreich erschienen. Auch meine englische Ausgabe ist alt, aus dem Jahr 1969. Ich erlaube mir, ein kleines Fragment selbst frei zu übersetzen (S. 37 ff).

Als ich letzten Sommer mit T. mein Griechisch erprobte, ging ich Wort für Wort durch das Original des „Vaterunsers“. Wir versprachen einander, es komplett auswendig zu lernen. Ich fürchte, er hat sich nicht daran gehalten, aber als ich einige Wochen später im Testament blätterte, sagte ich mir selbst, ich hätte es versprochen, und es war eine gute Sache. Ich sollte es tun. Und ich tat es. Die unglaubliche Süße dieses griechischen Textes nahm mich so sehr gefangen, dass ich eine Reihe von Tagen gar nicht aufhören konnte, es die ganze Zeit zu sprechen. Eine Woche später begann ich das Keltern. Ich rezitierte das „Vaterunser“ täglich vor der Arbeit, und wiederholte es sehr häufig während der Arbeit im Weinberg.

Seitdem ist es zur Gewohnheit geworden, es täglich morgens mit absoluter Aufmerksamkeit zu sprechen. Falls meine Konzentration während des Rezitierens abzuschweifen oder gar zu erlöschen droht, und sei es im allergeringsten Grad, beginne ich von vorn, bis es mir gelungen ist, einmal in vollkommen reiner Konzentration durch den ganzen Text zu kommen. Manchmal sage ich es auch nochmals aus reinem Vergnügen, aber das ich mache nur, wenn ich wirklich den inneren Impuls dazu fühle. Der Effekt dieser Übung ist außerordentlich und überrascht mich selbst jedes Mal, da immer, bei jeder Wiederholung, alle meine Erwartungen übertroffen werden, obwohl ich es doch täglich praktiziere.

An manchen Tagen reißen schon die ersten Worte meine Gedanken aus dem Körper und bringen mich an einen Ort außerhalb des Raums, an dem es weder Perspektiven noch Standpunkte gibt. Das Endgültige der gewöhnlichen Wahrnehmung wird durch eine Endgültigkeit zweiten oder manchmal dritten Grades ersetzt. Gleichzeitig ist da eine Stille, die jedes Teil dieser Endgültigkeit der Endgültigkeit erfüllt- eine Stille, die nicht eine Abwesenheit von Lärm meint, sondern das Ergebnis einer Erfahrung ist, weit realer als es Geräusche zu sein vermögen. Falls doch Geräusche auftauchen sollten, können sie mich nur erreichen, indem sie durch diese Stille hindurch gehen.

Manchmal ist während der Rezitation oder auch bei anderen Gelegenheiten Christus bei mir als Person, aber seine Gegenwart ist unendlich mal konkreter, bewegender und klarer als bei der ersten Gelegenheit, als er von mir Besitz ergriff. Ich hätte es nie auf mich genommen, Dir das alles mitzuteilen, wenn es nicht klar wäre, dass ich dabei bin, wegzugehen. Nur Da ich mehr oder weniger mit meinem Tod rechne, glaube ich, dass ich dies nicht für mich behalten sollte.“
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Östliche und westliche Initiation

Wenn man also die kulturellen Grenzen überwunden und die Realität eines Entfaltungsprozesses wie den von A. H. Almaas, den er in vielen Büchern und über Jahrzehnte beschrieben hat, verfolgt hat - so weit die eigenen Möglichkeiten und das innere Mitvollziehen reichen-, ist man vor allem voller Bewunderung. Seine Grundannahmen, in denen er zwischen mind (Verstand, Alltagsdenken) und nous (geistige Gestaltungskraft, Imagination, Inspiration, Intuition) unterscheidet, ist nachvollziehbar, ebenso wie die ganze innere Bewegung, die Almaas darstellt. In Almaas meint man etwas wieder aufleben zu sehen, was spätes Erbe einer vergangenen spirituellen Hochkultur ist, wenn auch auf ganz eigene Art und Weise aufgefasst. Und dazu noch heiter, gelassen und völlig realistisch:



Man fühlt sich erinnert an die weiten Reisen des Christian Rosenkreutz in den fernen Orient, auf der Suche nach den Quellen der östlichen Initiation im Mittelalters. Jostein Sæther fasst diese historischen Reisen ja auf seiner Website in mehreren Teilen zusammen, so dass man einen Eindruck bekommt. Es gab und gibt eben immer eine Vielfalt islamischer Impulse. Einen simplen Dualismus sucht man bei Almaas vergeblich, ebenso wie eine nur ekstatische Suchbewegung. Was man aber schon konstatieren kann, ist das Unermüdliche des spirituellen Wachsens, eine Art atemlosen sich weiter Hineindrehens in die reine geistige Erfahrung. Man findet schon imaginative Grundmotive, bei denen Almaas längere Zeit verweilt. Aber ein grundsätzliches Innehalten, ein Reflektieren, Bestätigen und Atemholen findet eher nicht statt. Almaas tanzt in einer steilen Kurve in ein Kosmisches Bewusstseinsfeld, das für den Leser, sofern er nicht in einer ähnlich weit entwickelten Lernphase steht, trotz der Konkretheit der geschilderten Erfahrung allmählich außerhalb des Fassbaren gerät. Die Tiefe einer Erfahrungsebene erschließt sich dem Leser eigentlich nur dann, wenn er die angesprochene Phase tatsächlich selbst mit Leben füllen kann- real, nicht nur als gedankliches Konstrukt. Bei den Versuchen der Reflexion bemerkt dann schnell, dass Almaas selbst schon weiter getanzt ist. Natürlich hat Almaas auch - in anderen Büchern- andere Seiten- etwa die des Psychologen und reflektierenden Wissenschaftlers. Er selbst ist ja Physiker. Aber in diesem Buch - „Luminous Night's Journey" (hier ein Ausschnitt) - erscheint er wie jemand, der in den Urlaub fährt, aber nie ganz ankommt, weil er weiter und weiter fährt, eine nicht enden wollende Kette von Erlebnissen und Erfahrungen. Mancher "Reiseeindruck" erscheint dabei eher von Postkartenumfang.

rosenkreutz
Ganz anders der in der Rosenkreuzer- Tradition stehende Steiner, der erstens sehr viel weiter und konkreter ausgestaltet, als es die Mal um Mal tiefere, auch psychologisch reflektierte Selbstbeschau eines Almaas erlaubt. Zweitens stellt sich dieser in seiner autobiografischen "Journey" doch überraschend spät in eine Konfrontation mit dem Tod. Im selben Augenblick kommt die kalifornische Heimat und Natur in den Blick, ja selbst etwas wie Alltag. Das wird dann etwas flach, gerade im Gegensatz zu den extrem innerlich- mystischen Kapiteln zuvor. Man sieht, dass Almaas völlig berechtigt und verständlich vor allem in einer realen mystischen Tradition steht, die er in der Gegenwart nicht etwa referiert, sondern beispielhaft vorlebt. Seine Schilderungen sind staunenswert. Dennoch kann man eben das vermissen- die simple, aber so schwierige Umsetzung in den Alltag. Im Gegensatz dazu ruft Rudolf Steiner in seiner Schulung schon früh zur Vertiefung in die Natur, die Gesteine, die Jahreszeiten auf, durch eine Metamorphose des Denkens in ein reines, inhaltsloses Tun. Steiner ist selbst in einem sehr okkulten und intimen Buch wie "Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?" darauf aus, die innere Entwicklungsschritte mit der konkreten Umwelt zu verbinden: "Ein anderes Ergebnis wird sein, dass man während der Winterszeit durch die esoterische Entwicklung immer mehr und mehr fühlen wird, dass man sozusagen mit seinem inneren Ätherleib nicht so in sich geschlossen ist wie während der Sommerszeit, sondern dass man mehr in Zusammenhang kommt mit dem unmittelbaren Geist der Erde… man wird verstehen lernen, dass der Geist der Erde wacht im Winter." (S. 76 ff)

Aber das meint kein Besser oder Schlechter, kein Weiter in der Entwicklung, sondern es meint die Freude an der Vielfalt der esoterischen Nuancen, Traditionen, Schwerpunkte. So wie Christian Rosenkreutz im Mittelalter erlebt man die unterschiedlichen Betonungen in der Entwicklung des Individuums in den verschiedenen Kulturen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzt sich- zumindest dann, wenn eine methodisch saubere, moralisch ausgewogene und geistig klare Wegbeschreibung vorliegt.
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