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Feb 2012

Jutta Lauers Erinnerungen an Achberg & das ganze Drumherum

Wir sind so vergesslich, und wir vernachlässigen vor allem die wichtigen Dinge. Daher bin ich froh, von Nothart Rohlfs Jutta Lauers Erinnerungen "Ein Drahtseilakt. Jutta Lauer erzählt aus ihrem Leben. Selbstverlag." bekommen zu haben, denn von den wirklichen Gründern, den Menschen hinter den Institutionen wissen wir Späteren oft nichts. Sie werden von den Leuten, die vordergründig repräsentieren, allzu häufig verdeckt.

Jutta Lauer erzählt aus ihren Kindheitstagen- einer behüteten Zeit in einer Hamburger Kaufmannsfamilie; die Eltern hatten sich 1914 in Shanghai getroffen. In die erste Grundschulzeit schob sich schon der Albtraum der Nazis- die jüdischen Lehrerinnen verschwanden, die Lichtwarkschule wurde geschlossen, und die Mutter hatte böse Ahnungen. Mit dem familiären Reichtum ging es zu Ende, und nur glückliche Umstände bewahrten die Familie vor dem völligen sozialen Abstieg. 1941 begann die Rilke- Liebhaberin Lauer ihr Studium. Zu ihren engsten Freunden gehörte Hans Leipelt, einer der Widerstandskämpfer, die 1943 verhaftet wurden; Leipelt starb 1945 in Stadelheim. Zu den Mitstudentinnen Lauers gehörte auch Hildegard Hamm-Brücher, mit der sie inmitten der Bombenhagel 1945 den Weg zur Universität suchte. Lauer hatte ein Leben lang ein besonderes Händchen für interessante und bewegende Leute, auch wenn ihre eigenen, privaten Umstände sich lange Zeit recht chaotisch gestalteten.

In Starnberg lernte sie den kriegsversehrten Fred Lauer kennen, der einen Souvenir- Laden für amerikanische GIs gründete. 1949 heirateten die Beiden. Eine Zeitlang lebte das Paar in einer Wohnung hinter dem Bahnhof in Düsseldorf, zwischen lauter Prostituierten. Jutta jobbte als Verkäuferin, Fred jagte Stahl- Geschäften hinterher. Eines Tages landete er einen größeren Erfolg, was dem Paar in der Folge ermöglichte, unter abenteuerlichen Umständen in einem völlig herunter gekommenen Schloss am Starnberger See eine Schule zu gründen. Dem mühsamen Aufbau und dem erfolgreichen Betrieb folgte ein Zerwürfnis auch zwischen dem Paar. Bankiers und Anwälte übernahmen die Führung der Institution. Die Schule wurde am Ende geschlossen und das wertvolle Haus in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Davon hatte das Ehepaar Lauer nichts. Aber in der Erholungsphase lernte Jutta Lauer die Anthroposophie kennen und stürzte sich geradezu hinein.

Durch die Vermittlung des Verlegers Neven-DuMont in Starnberg kamen die Lauers dazu, das Haus Freudenberg zu übernehmen. Sie richteten es für Übernachtungsgäste der Christengemeinschaft ein- wiederum unter vollem, auch körperlichem Einsatz. Wieder einmal arbeitete Jutta Lauer nicht nur als Gründerin, sondern auch als Köchin und Putzhilfe. Sie lernten die meisten Priester der damaligen Christengemeinschaft gut kennen. Aber - durch eine Absage von Renate Riemeck- auch Peter Schilinski. Dieser lockte das Paar nach Sylt, ins Cafe Witthüs. Ulle Weber organisierte die Teestube, mit Peter Schilinksi wurden die "Kernpunkte der sozialen Frage" von Rudolf Steiner gelesen, und schon lief ein anthroposophischer Treffpunkt erster Güte an. Aber Witthüs sollte plötzlich verkauft werden. Lauers steckten spontan jeden Cent ihres Vermögens in die Immobilie, obwohl der Betrieb als Teestube offensichtlich nichts abwarf. Daher bauten das Paar es zum Restaurant aus- durch "learning by doing". Hier - "in einem Haus für die Dreigliederung"- lernten sie auch Wilfried Heidt kennen.

Als ob das noch nicht genug wäre, begannen sie Geld für ein neues Kulturzentrum in Achberg zu sammeln. Damals gab es noch innovative anthroposophische Unternehmer wie Stockmar, die ansehnliche Summen bereit stellten. So verließen die Lauers Sylt und waren wieder als Hausherren und Köche tätig- nun in Achberg. Das Witthüs war am Ende durch tragische Umstände und trotz großspurigen Auftretens von Anthroposophen - Stars wie Wilhelm-Ernst Barkhoff und Erhard Fucke nicht zu retten. Wieder einmal wurden am Ende Luxus- Eigentumswohnungen aus dem Projekt, und die Rendite steckte jemand anderes ein. 1973 fanden in Achberg die besonders aufregenden, bewegten Tagungen mit Heidt, Schilinski, Schmundt und Akteuren des Prager Frühlings statt. Ein Jahr später waren allerdings Heidt und Schilinksi schon unrettbar zerstritten. Obwohl ununterbrochen die Rede von Dreigliederung war, interessierte sich keiner der Dozenten und Theoretiker für die wirtschaftlichen Grundlagen des eigenen Hauses. Der Betrieb lag organisatorisch, finanziell und faktisch-praktisch ausschließlich in den Händen der Lauers. Sie überlegten, ein „Humboldt- Kolleg“ zur fortdauernden Ausbildung von Studenten zu eröffnen, auch um Achberg finanziell solide betreiben zu können. Doch bis 1977 trugen Misstrauen und Intrigen dazu, dass sich Fred Lauer als Geschäftsführer zurück ziehen musste- das Experiment Achberg war für diese Akteure beendet.

Durch persönliche Bekanntschaften und geschickte Geschäftsideen erhielten die Lauers bald eine größere Summe für den Grundstock einer Fördergemeinschaft. Sie gründeten einen kleinen Verein, der mit der Zeit erhebliche Gelder sammeln konnte. Die Erfahrungen, die mit dem Bund der Waldorfschulen gemacht wurden - bei der Gründung der Waldorfschule in Prien - waren allerdings ähnlich niederschmetternd wie die vergangenen Gründergeschichten. Quasi zwischendurch entstand das Oberlin- Haus im Elsass für die Christengemeinschaft, aber dann saßen die Lauers mit ihrem Verein dem Geschäftsführer einer Hamburger Waldorfschule auf, der sie mit einem Partner auf ruinöse Weise betrog: "Wir wurden fast um den Verstand gebracht." Um das meiste Geld auf jeden Fall. Und das, obwohl das Paar in manchen Zeiten 18000 Kilometer durch Deutschland abfuhr, um Geld für die Projekte zu sammeln. Sie trafen dabei auch Joseph Beuys, in seinem "Büro für direkte Demokratie" in der Düsseldorfer Altstadt, zwischen der Kunsthalle und den Säuferecken dort. Beuys fuhr mit den Lauers und dem damaligen Studenten Johannes Stüttgen zu sich nach Hause. Beuys kochte gerne. Als die Lauers später bei Kerler und Barkhoff in der GLS- Bank saßen, um Spendengelder zu sichten, rief Beuys persönlich an und bat, von Krediten Abstand zu nehmen und lieber zu ihm in die Düsseldorfer Akademie zu kommen. Dort hatte er einen Karton voll Geld und drückte ihnen einiges in die Hand: "Aber nicht meiner Frau sagen! Und es darf nicht unter meinem Namen erscheinen!" 1973 kam Beuys auch nach Achberg- der Star und heimliche Mittelpunkt. Aber Beuys suchte "mit den etablierten Anthroposophen keinen Kontakt." Er wird gewusst haben, warum. Aber nach Achberg kam er auch noch in den Folgejahren. Fred Lauer starb 2003.

Was für ein abenteuerliches und bewegtes Leben! Die Lauers betrachteten sich stets als unabhängige Menschen, die für sich nichts benötigten, da Fred seine kleine Invalidenrente bezog. Die einen aus dieser Generationen zog es nach dem Krieg in die sichere Wirtschaftswunderzeit, die anderen aber - die Lauers - zog es ins Gründen und Schaffen. Das Geld floss ihnen gerade deshalb zu, weil sie es selbst nicht wollten. Sie verschenkten es und ihre Arbeitskraft dazu. Sie waren vor allem von schweren und schwersten Schicksalsschlägen, Betrügereien und Abgründigkeiten nie lange deprimiert und behindert, sondern machten einfach weiter. Manchmal erscheinen ihre spontanen Entschlüsse uns Heutigen geradezu als naiv - es ging ja ständig um die gesamte Existenz. Zudem standen sie stets in der zweiten oder dritten Reihe. Die großen Vorträge wurden von denen gehalten, die Bücher geschrieben und die Diskussionen geführt, denen die Lauers den Raum erst schufen. Die Lauers putzten dann die Räume und machten die Schnittchen. Und sie verhandelten mit den Banken um das Geld. Man kann nur den Hut ziehen.

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Nothart Rohlfs (Hrsg): "Ein Drahtseilakt. Jutta Lauer erzählt aus ihrem Leben. Entstanden 2009/2010 in Öschelbronn. Selbstverlag.
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Far side of the Moon

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Das- Fühlen


Dieser irritierende Begriff - Das- Fühlen- tritt in den hinterlassenen Tagebüchern Georg Kühlewinds immer wieder auf, und zwar als ein Begriff mit positiver Konnotation- so weit ich verstehe. Dieser Begriff steht bei ihm offenbar im Gegensatz zum Mich- Fühlen. Sich fühlend auf ein Anderes einzulassen, und dabei selbst emotional schweigen zu können, keine Resonanzen der Zustimmung oder Ablehnung, des ästhetischen Wohl- oder Missbehagens zu haben, ist allerdings ohne weiteres nicht möglich. In einer Wahrnehmungsmeditation - etwa gegenüber einem Naturgegenstand- wird das auf jeden Fall zum inneren Thema.

Aber es ist ein Problem des Schulungsweges insgesamt. Denn der Antrieb, so ein Unternehmen überhaupt zu starten, entspringt ja einem Gefühl, einer Sehnsucht- etwa nach Vollkommenheit. Vielleicht spielt auch ein Stich Dünkel mit hinein. Die Selbstbezüglichkeit wird einen in jedem Fall beschäftigen, denn ohne Klärung dieser emotionalen Untiefen wird man seiner Eitelkeit folgen, nicht aber objektiveren "geisteswissenschaftlichen" Motiven. Falls man die Spur aus Gründen einer weit verbreiteten Selbstverachtung folgt, der Empfindung, unvollkommen oder gar "sündig" zu sein, macht das die Sache keineswegs besser: Das Motiv bleibt im Bereich des "Mich-Fühlens". Man muss ganz sicher durch diese Phasen hindurch, in einem Gleichgewicht, das durch gute Erdung und Verankerung im Alltag und in der Verantwortung leichter zu finden oder zu halten ist.

Aber es gibt den Punkt, an dem tatsächlich eine innere Sicherheit, ein Ruhen notwendig wird; die innere Objektivität alleine macht es möglich, dass das Fühlen im Sinne des Das-Fühlens aufscheint. Es ist verblüffend, mit welcher Macht es wahrnehmbar wird. Es ist verbunden mit den Lebens- und Erkenntniskräften einer erweiterten Ebene unserer Wahrnehmung. Es erscheint, wenn wir das Mich- Fühlen eben für einen Augenblick zum Verstummen bringen können, das ständige verkrampfte Sich-Empfinden-Müssen. Der mächtige Strom nackter, klarer Gefühle ist ein Glück, in dem man sich auch fühlt, aber nicht in Selbstvergewisserung, sondern in Hingabe und Konzentration.

Kühlewind schreibt in "Licht und Leere" (S. 68):

"Ich suche nicht(s) - Suchen: Dualität. Führt zum Ort der Heilung. Man sieht von da das eigene Leben, wo man die Mission verlassen hat; ohne dass man das Nichts verliert. Aus Liebe geistige Forschung: die leere Aufmerksamkeit in die Richtung des Das-Fühlens (nicht formulierte Frage) zu bringen. Man erlebt am Anfang des Meditierens die Objekt-Sucht oder -Gier."
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Requiem auf Berlusconi

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Irgendwo zwischen den Schweineohren, den Offiziersorden und den Abfalltüten gibt es auch eine Schublade in diesem Haus des Gedächtnisses, in der Berlusconi für die Ewigkeit und einen Tag aufbewahrt wird.

Es gibt ihn in allen möglichen Verpuppungen, die meisten davon aus Wachs, aber auch einige in Gold oder bunt angemaltem Blech. Er, der so auftrat, als stünde er in der dreissigsten Generation nach Klingsor, gehörte zu denen, die immer gewannen, außer in der einen Sache, auf die es ankommt. Das Gewinnen ist ihnen auf die Bahre gelegt, und es ist aus den Puppengesichtern auch nicht zu entfernen. Das Gewinnen ist ein Fluch so wie auch das Nicht- Vergessenkönnen. Es ist furchtbar, sich mit dem Schrott dieser Erde unentwegt füllen zu müssen, ohne dass je ein Ende abzusehen wäre. Es ist wie eine schwarze Sonne, die alle Kometen ohne Widerspruch in sich hinein saugt.

Die Brüder der Loge Progaganda Due stehen Spalier, wenn die riesigen Berlusconi- Puppen vorbei ziehen, eine Kette bis an den Rand der Milchstrasse. Der Erfolg hat sie anschwellen lassen, ihre Haare sind synthetisch, und sie tragen den Stolz auf sich selbst vor sich her wie eine Monstranz (lat: monstrare: „zeigen“). Es ist ein Rätsel, wie sie alle in die Schublade passen sollen, aber das ist gar kein Problem. Sind sie einmal im Dunkel ihrer Tiefe verschwunden, scheinen sie zu schrumpfen, ja, sie werden geradezu winzig. Wenn die Schublade geschlossen ist, stellen sie nicht viel mehr dar als vertrocknete Mehlwürmer auf dem hölzernen Boden.

Berlusconi ist wie Alice im Wunderland, nur umgekehrt: Die Geschichte beginnt, wenn er seinem Loch entsteigt. Aber nun, nun endlich, ist er zu einem Mehlwurm der Geschichte geworden.
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Kamaloka

Kamaloka ist die Hölle, die wir uns selbst bereiten. Wir haben Gefühle, Meinungen, Auffassungen, Maximen, Standpunkte und Lebenserfahrungen einschließlich unserer kleinkindlich- neurotischen Grundstellationen zu einer virtuellen "Cloud" verbacken, die uns ununterbrochen umschwirrt- Luftschiffe in unserem privaten Kosmos, Argumentationslinien, Kampflinien, kriegerische Fronten. Wir haben diesen Panzer um unseren Lebenskern errichtet.

Wir haben selbst unsere simplen Gewohnheiten und unser Essen so ausgewählt, dass sie uns selbst bestätigen, das Selbstgefühl verstärken, uns in uns verankern sollen, denn wir sind nur ein wackliges Gerüst, ein Windhauch- wir müssen uns Stabilität verleihen. Neues und Unerwartetes, das nicht in unseren Erwartungshorizont, in unseren Erfahrungskontext passt, wird meist ausgeblendet und verdrängt. Es sind Korsette, Beinschienen und Gerüste, die uns stützen, aber nichts, was den Winden wirklich widersteht. Wir stapfen wie ein Storch, mit spitzen Füßen durch die Wirklichkeit, die uns begegnet und hungern ewig nach Bestätigung. Aber der Wind ist rau und unstet, er dreht sich fortwährend, und irgendwann wird er uns erreichen.

Das, was uns fehlt, ist unsere eigene Wirklichkeit. Irgendwann wird uns der harte Wind einholen, und wir werden nackt da stehen, unbehütet. Die Illusionen, in die wir uns wie in Pralinenpapier eingehüllt haben, werden zerstieben. Das, behauptet das Christentum, sei die Hölle. Aber es ist eine Hölle, die wir selbst errichtet haben, verteidigt und begründet.

Das, was uns selbst in unseren besseren Zeiten fehlte und nur selten aufschimmerte, wird zur einzigen Quelle, zum Einzigen, was bleibt: Die Originalität. Das in uns Quellende und im Augenblick Aufscheinende, das lebendige Licht der Erkenntnis: Das sind wir. Wir verpassen und vergeuden es, wenn wir nur auf die scheinbaren Gewissheiten bauen. Plötzlich tut sich der Boden unter den Füßen auf, und wir stehen vor der nackten Existenz: Kamaloka. Dabei gibt es jeden Tag Gelegenheiten, in jedem Augenblick eine Chance, in jeder Begegnung eine Perspektive.

In seinem nach dem Tod erschienenen Meditations- Tagebuch "Licht und Leere" notierte Georg Kühlewind:

"Reine Aufmerksamkeit = frei von jeder Formbildung. Reinigung bedeutet Reinigung der Aufmerksamkeit von Formen. Kamaloka." (S. 65)

Unsere Angst besteht darin, dass wir in der Leere nicht mehr bestehen würden, da hier nichts besteht, an dem wir festhalten können. Aber das Nicht-Festhalten läßt gerade die Quelle entspringen, den ureigenen Willen vor jeder Form. Wir sind in der Formlosigkeit zu Hause, im quellenden Strom der hingebenden, vollkommenen Aufmerksamkeit, der Hingabe. Uns hingebend entspringen wir neu und unerschöpflich.
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Zur Komplexität der Bewegungen der Erde um die Sonne

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Das Gesicht

Wie schon im Beitrag „Spiegelwesen“ angesprochen, geht es mir beim Thema Gesicht primär um unsere gespiegelte Existenz, um die emotionale Bestätigung durch den Anderen.

Jonathan Cole, der an der Universität Southampton lehrt, hat seinem nun auch schon etwas älteren Buch „Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben“, ein Zitat des Philosophen Maurice Merleau-Ponty voran gestellt, das das ganze Thema und Dilemma beleuchtet:

„Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“

Diese ständige Feedback- Schleife konstituiert uns nicht nur ganz wesentlich; sie ist auch nicht selten - durch verschiedenste Behinderungen, Krankheiten und Unfallfolgen - unterbrochen. Die Reaktionen derer, die empfinden, dass das ihnen zustehende Feedback ausbleibt, sind selten selbst affektiv; meist wird beim „Verweigerer“ unwillkürlich eine Form von Demenz oder anderer geistiger Beeinträchtigung angenommen. Das geht, wie Cole bestätigt, auch Fachleuten und Ärzten so: „Die Ärzte hatten sie nicht deshalb für schwachsinnig gehalten, weil sie nicht reagieren konnte- sie hatte ja Körpersprache eingesetzt und angeboten, ihre Antworten aufzuschreiben-, sondern weil wir erwartet hatten, einen Großteil der Antwort in ihrem Gesicht zu finden. Ohne seine Mimik hatten wir durch dieses einfach hindurchgesehen und das Fehlen als Demenz gedeutet. Ohne Gesicht war ihre Person so gut wie nicht vorhanden. Ihre Krankheit hatte eine Naht zwischen Gesicht und Selbst aufgetrennt, deren Existenz ich nicht geahnt hatte.“

Die Dame, die in dieser Fallbesprechung thematisiert wurde, hatte einen leichten Schlaganfall gehabt, den sie eigentlich nicht bemerkt hatte. Auffällig war auch nicht ihre zunehmende, verstörende soziale Isolation, sondern ihr rapider Gewichtsverlust, da auch der Schluckreflex in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die Dame war bald nur noch von ihrer Familie umgeben. Sie konnte auch nicht mehr sprechen und tippte eventuell notwendige Antworten auf ein technisches Hilfsmittel. Sie tippte: „Ich kann keine Miene verziehen“. Da sie kaum noch Reaktionen anderer Menschen erlebte, hatte sie das Gefühl, „ihres Charakters und ihrer Persönlichkeit beraubt“ zu sein; sie wünschte sich zu sterben. Sie erhielt kaum noch emotionales Feedback aus der Interaktion mit Anderen und hatte zunehmend das Empfinden, nicht mehr zu existieren. „Das Gespräch war zwar nicht unmöglich geworden, aber nur wenige Menschen nahmen sich Zeit dafür. Ohne das Feedback und die Bestätigung durch die Mimik gab es kaum noch Nähe und Anteilnahme. Der Verlust der mimischen Reaktionsfähigkeit hatte sie im Kern ihres Wesens beschädigt.“ Sie machte sich Sorgen, wie sie nach dem Tod aussehen würde. Sie wünschte sich nun dringlich, sterben zu können, und wog immer weniger. Nach einem weiteren Schlaganfall starb sie tatsächlich.

Wir können ein Gesicht nicht ohne Reaktion nehmen, „wie es ist“- starr oder bizarr, schön oder entstellt. Wir können uns auf Eigenheiten der Mimik einstellen oder auch auf tatsächliche emotionale Störungen. Einem Gesicht, das einer Maske gleicht, können wir nur schwer ohne innere Abwehr begegnen- wir nehmen ein Gesicht immer als einen Spiegel, hinter dem man glaubt, „Stimmung und Persönlichkeit ausfindig zu machen.“

Das „Schweigen“ eines Gesichts ist für uns, die wir Spiegelwesen sind, fast unerträglich.
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Spiegelwesen & der Abgrund

Unsere Identität entspringt - so absurd es zunächst erscheinen mag- der Tatsache "gespiegelt zu werden" (Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes) - im Dialog, im Erwachsenenalter, aber auch, auf sehr viel existentiellerer Ebene, als Kleinstkind:
"Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin. vorausgesetzt, dass die Mutter tatsächlich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert. Im letzteren Fall findet das Kind im Antlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen." (S. 59f)

Alice Miller meint damit auch, dass diese Art von frühkindlichem Mangel im Angeschautwerden später dazu führt, dass aus diesen Kindern Meister im Verstehen werden, insbesondere Psychoanalytiker, aber natürlich auch Psychologen oder Profi- Versteher in sozialen Berufen. Manchmal sind die individuellen Bedürfnisse in sozialen Berufen tatsächlich enorm- eine Anspannung, ein innerer Drive, der die Professionalität teilweise wieder zunichte macht oder zumindest unterläuft (ich kenne das, ich war selbst betroffen). Dass die innere Intention auch einem existentiellen Bedürfnis entspringen kann, bleibt meist im Unbewussten. Menschen mit einer "inneren Mission" können viel bewirken, aber auch viel blockieren, da immer dieser innere Stachel hinein spielt.

Aber natürlich existieren wir auch sonst als Erwachsene dadurch, dass wir von Anderen gespiegelt werden. Das zeigt sich bei Untersuchungen (ich werde noch in einem Post darauf eingehen) von Schlaganfallpatienten, deren Gesichtszüge teilweise gelähmt bleiben. Nicht selten setzt danach eine soziale Isolation ein, da Emotionen sich nicht mehr im Gesicht darstellen lassen- es bleibt maskenhaft für den Gesprächspartner. Die Patienten können das spiegelnde emotionale Feedback nicht mehr oder nur bedingt leisten. Das ist für Gesprächspartner häufig kaum zu ertragen; wir hängen einfach zu sehr davon ab, bestätigt zu werden. Diese ununterbrochene Feedback- Schleife, mit der wir durchs Leben gehen, bleibt weitgehend unbemerkt. Man malt sich kaum aus, in welche prekäre Lage Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer dadurch kommen. Wenn jemand auf unser Erscheinen oder unsere Äußerungen und Reaktionen nicht reagiert, sondern einfach wie eine Ding vor uns steht, verunsichert uns das, selbst wenn wir wissen, dass der Patient nicht reagieren kann. Wir baden in einem Meer von emotionalen Feedbacks, denn daraus konstituieren wir uns, dadurch fühlen wir uns, dadurch sind wir angenommen und angekommen.

Ich denke an den Opern- Regisseur Peter Sellars, von der Figur her ein Gnom, aber von unglaublicher Energie, ein geradezu berstender Energetiker. Ich sah in einer Dokumentation in einer langen Einstellung sein Gesicht. Er hörte Passagen aus einer Aufführung, und die Musik spiegelte sich in seinem nackten Gesicht in Vollkommenheit. Ich habe noch nie ein so nacktes und wesentliches Gesicht gesehen, in dem nichts "nur- Eigenes" mehr zu sehen war, sondern der Ausdruck dieser Musik in allen Nuancen, wie Wolken, die über das blanke Blau ziehen.

Ja, es ist schon auch ein Akt der Emanzipation, nicht restlos in das Geflecht unserer Spiegelungen verwoben zu sein. Einen freien Blick und etwas Entzug zu bekommen von dieser Sucht. Den emotionalen Erwartungen selbst nicht immer zu entsprechen, nicht immer diese Bedürfnisse unserer Umgebung zu befriedigen, kann nichts sein, was man sich vornimmt. Man könnte sich dann auch selbst entsorgen. Es spricht nun rein gar nichts gegen Grundformen der Höflichkeit und der sozialen Verbindlichkeit. Vielleicht ist es klüger, seine Emanzipation auf anderer Ebene zu erproben. Im meditativen Arbeiten z.B. findet man keine Belobigungen. In gewisser Weise steht man einfach nackt vor etwas, was wir darum als Leere empfinden, weil dies ein Reich ohne Spiegel ist. Es gibt nicht einmal mehr körperliche und biologische Rückmeldungen. Der Gedankenfluss steht still. Niemand bestätigt uns, niemand schaut uns an. Wir sind konzentriert, aber ohne Inhalte, ohne Ziel, ohne "Das". Da wir Spiegelwesen sind, ist das ein Moment am Abgrund. Ohne ein "Das" sind wir, so wie wir sind, einfach nicht mehr existent. Aber dort, am Abgründigen, entspringt zugleich das, was an uns Kraft ist. Wir bemerken unsere tiefen Unterströmungen einfach nicht, weil wir in dieser Maya der Spiegelungen so verstrickt sind.

Das, was dieses Schweigen übersteht, was uns trägt, was uns mit Wärme, Leben und Klarheit hier entspringt, ist das, was keine Bestätigung benötigt, sondern sich selber trägt. Wir sind "die geistige Welt". Wir müssen durch diesen Nullpunkt hindurch, um dessen gewahr zu werden.

Hier Peter Sellars „erste Lektion“:


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Einige Dinge, an die ich mich erinnere

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Gemalt auf einem iPad.
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