Archives for Dec 2013 | EgoBlog | Die Egoisten
Dec 2013

Die Labyrinthe der geistigen Wirklichkeit

minos

Folgen wir noch etwas dem Thema des Labyrinths, der inneren Ariadnefäden und den möglichen Verirrungen, indem wir den Begriff bei Rudolf Steiner verfolgen.

Dieser appelliert zunächst an unsere Vernunft, an die Rationalität, auf die wir wirklich bauen können, denn in Extremsituationen - so auch in der meditativen Versenkung- kommen wir an Grenzen- an Grenzen unserer selbst, unserer Verständigkeit, unserer Orientierung. In der Normalität unserer Alltagswelt korrigieren uns (meist) die Umstände von selbst, damit wir nicht vollkommen irre gehen. Zumindest darf man das erhoffen, auch wenn auch diese Sicherheiten seit Rudolf Steiners Tod mehr und mehr verloren gegangen ist. Der Irrsinn eines staatlichen Terrors, Wirtschaftskrisen, amoklaufende Individuen, ebenso wie Staaten und Rechtssysteme, Virtualisisierung der gesamten Lebenswirklichkeit, das Rationale als blanke Gewinnmaximierung - wo bitte ist da die sich selbst regulierende Realität, von der Rudolf Steiner vor 100 Jahren noch so ausging:

Wahrnehmungen in den höheren Welten sind etwas ganz anderes als in der physischen Welt. Eines aber gibt es, was in den drei Welten, der physischen, der astralischen und devachanischen Welt, dasselbe Element bleibt: das ist das logische Denken. Dieser sichere Führer bewahrt uns vor allem Irrlichtelieren. Ohne ihn lernen wir niemals Illusion von Wirklichkeit unterscheiden und (ohne ihn) gelangen (wir) dahin, jede Illusion für astralische Wirklichkeit zu halten. Hier in der physischen Welt ist es leicht, Täuschungen von Wirklichkeiten zu unterscheiden. Denn die äußeren Tatsachen korrigieren uns. Wenn Sie zum Beispiel durch eine falsche Straße gegangen sind, kommen Sie nicht an den rechten Platz. In den höheren Welten müssen wir selbst durch eigene Geisteskraft den richtigen Weg finden, sonst kommen wir da in immer schwierigere Labyrinthe hinein, wenn wir nicht erst gelernt haben, Illusion von Wirklichkeit zu unterscheiden.“ (Rudolf Steiner, GA 98.49)

Das Labyrinthische der Wirklichkeit nimmt jedenfalls nach Steiners Aussagen jenseits der bezeichneten Schwelle der „drei Welten“ zu, wodurch man sich vielleicht nicht über die skurrilsten Selbstbilder von Yogis, Erleuchteten, Profi- Anthroposophen (deren gemeinste Waffe das spirituelle Geschwätz darstellt), Internet- Wahrsagern und durchchristeten Gegenwartsstigmatisierten (mitsamt ihren jeweiligen Anhängerschaften) wundern muss. Immerhin hatte Rudolf Steiner mit seiner „Geisteswissenschaft“ vor, den Eisläufern auf den Pfaden der geistigen Abenteuer in ihren Labyrinthen einen „Ariadnefaden“ innerer Orientierung mit zu geben:

Nun, wenn der Mensch sich in das Labyrinth der geistigen kosmischen Ereignisse begeben will und sich mit einem solchen Führer (den die Seele empfängt aus dem Material, das sie selber hat) hineinbegibt, so ist das etwas, auf das uns prophetisch hingewiesen hat die Bevölkerung, die zuerst vorbereitet hat diese Dinge. In der nördlichen elementaren, ursprünglichen Bevölkerung waren noch lange die Fähigkeiten vorhanden, die große Schrift der Natur zu lesen, zu einer Zeit, als die Griechen sich schon zu einem höheren Standpunkt der Intellektualität entwickelt hatten. Und die Griechen mussten vorbereiten dasjenige, was wir heute im höheren Maße ausbilden müssen.

Es ist demjenigen, der sich hineinwagte in das Labyrinth der geistigen kosmischen Welt, mit der griechischen Bildung die Möglichkeit gegeben worden, einen Faden zu haben, durch den er sich wiederum zurückfinden kann. Das wird uns in der Legende von jenem Theseus, der sich mit dem Faden der Ariadne in das Labyrinth begibt, angedeutet. Für die heutige Zeit ist dieser Ariadnefaden nichts anderes als die Begriffe, die wir in der Seele über die übersinnliche Welt ausbilden. Es ist das geistige Wissen, das uns geboten wird, damit wir mit Sicherheit hinein gehen können in diese geistige Welt des Makrokosmos.

So soll dasjenige, was uns heute in der Geisteswissenschaft geboten wird, was zunächst nur zur Vernunft spricht, ein Ariadnefaden sein, welcher uns über alle Verwirrung hinweghilft, in die wir kommen könnten, wenn wir unvorbereitet hineinkommen in die geistige Welt des Makrokosmos
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.95)

Diese Absicht, innere Orientierung zu geben, hatte - so Steiner- bereits Pythagoras- auch wenn er dies auf eigene Art und Weise, nämlich durch die Pflege und Entwicklung der Mathematik, tat. Aber schon damals, in den frühen Mysterien, galt: „Denn wenn der Mensch schwankt, was ist er da? Ein Irrlicht, ein flackerndes Licht, und die Welt ist ein Labyrinth. Wir brauchen einen Ariadnefaden, um zurückfinden zu können.“ (Rudolf Steiner, GA 125.58f)

In diesen frühen Mysterien war es auf den labyrinthischen Wegen üblich, innere Begleiter - eben Gurus- zu haben, sei es in den nordischen oder südlichen (ägyptischen) Geheimwissenschaften, die den Hierophanten in den geistigen Makrokosmos führten; schon aus dem Grund, weil aus den inneren Spiegeln, die dabei in den Blick kamen, kaum zu beherrschende dämonische Kräfte entsprangen, die wir in diesem Zusammenhang wohl mit dem Minotaurus vergleichen können: „In den alten Mysterien war die gesamte Menschheitsentwickelung noch nicht so weit, dass sozusagen die Initiation – sei sie nun hinaus in den Makrokosmos, sei sie hinein in den Menschen selbst, in den Mikrokosmos gerichtet – so ausgeführt werden konnte, dass man den Menschen ganz sich selbst überließ. Wenn zum Beispiel eine ägyptische Initiation ausgeführt wurde, und der Mensch hineingeleitet wurde in die Kräfte, seines physischen Leibes und Ätherleibes, so dass er vollbewusst die Ereignisse seines physischen Leibes und Ätherleibes erlebte, dann sprühten gleichsam von allen Seiten heraus aus seiner astralischen Natur die furchtbarsten Leidenschaften und Emotionen; dämonische, diabolische Welten kamen aus ihm heraus.

Deshalb brauchte in den ägyptischen Mysterien derjenige, der als Hierophant arbeitete, Gehilfen, die in Empfang nahmen, was da herauskam, und es durch ihre eigene Natur hindurch ableiteten. Daher die zwölf Gehilfen des Initiators. In ähnlicher Weise war es in den nordischen Mysterien, wo die Wirkung beim Hinausrücken in den Makrokosmos dadurch geschehen konnte, dass wiederum zwölf Diener des Initiators da waren, die ihre Kräfte an den zu Initiierenden abgaben, damit er die Fähigkeit hatte, wirklich jene Denk- und Empfindungsweise zu entwickeln, die notwendig war, um durch das Labyrinth des Makrokosmos hindurch zu kommen. Eine solche Initiation, wo der Mensch ganz unfrei ist, sollte allmählich weichen einer anderen Initiation, wo der Mensch mit sich selbst fertig werden kann, und wo derjenige, der die Initiation bewirkt und ihm die Mittel gibt, nur sagt: Dies und das ist zu tun, – und wo der Mensch dann nach und nach sich selbst weiter zurechtzufinden kann.
“ (Rudolf Steiner, GA 123.139f)

Aber eine andere hindernde Kraft, ja geradezu eine zerschmetternde innere Dimension beim Betreten des geistigen Labyrinthes nehmen Scham und Furcht ein, die den Initianten in dem Augenblick anspringen, in dem er die gewohnten Sicherheiten und Illusionen verlässt. Der größte Schutz vor der Begegnung mit den Kräften des inneren Minotaurus ist und bleiben die Ignoranz, die Mittelmäßigkeit und die Vermeidung innerer Freiheit: „Wie wir behütet werden vor unserem eigenen Innern, so werden wir im gewöhnlichen Leben behütet vor dem Schauen des Geistigen, das der äußeren materiellen Welt zugrunde liegt. Wenn wir im gewöhnlichen Leben stehen, so breitet sich eben das, was wir den Sinnesschleier nennen, aus vor dem, was geistig zugrunde liegt. Warum geschieht dies nun?

Es gibt ein Gefühl, das sofort auftreten würde, wenn die Menschen das Geistige so ohne weiteres sehen würden. Da würden sie das erleben, was man nur ausdrücken könnte mit dem Wort: verwirrender Schreck, oder schreckensvollste Verwirrung. Denn die Erscheinungen sind so großartig und gewaltig, dass die menschlichen Begriffe, die wir uns heute aneignen, wenn wir noch so viel erlernen, zunächst wahrhaftig nicht hinreichen, um diesen verwirrenden Anblick vor sich zu haben, und der Mensch würde vor dieser schreckensvollen Verwirrung von einem Gefühle ergriffen werden, das eine ungeheure Steigerung dessen ist, was der Mensch sonst nur schwach hat, von einer Steigerung des Angst- und Furchtgefühles in ungeheurem Maße. So wie der Mensch von Scham verbrannt werden würde, wenn er in sein eigenes Innere hinunter steigen würde ohne Vorbereitung, so würde er, wenn er sich in die Außenwelt hinein leben würde ohne Vorbereitung, ertrinken vor der Furcht, weil er in ein Labyrinth geführt würde
.“ (Rudolf Steiner, GA 119.92f)

Comments

Hic habitat Minotaurus

Bildschirmfoto 2013-12-20 um 11.28.42
Dieses Graffiti, das einer Hauswand in Pompeji entstammen soll, habe ich bei Pinterest gefunden und entstammt einer Internet- Seite, die sich ausschließlich mit Labyrinthen („The mystery of the Labyrinth“) beschäftigt. In dieser visuellen Sammlung zeigt sich eindrucksvoll, wie alt das Motiv des Labyrinths doch ist- manche Funde wie Felszeichnungen und -ritzungen sind ja mehr als 6000 Jahre alt. Das Urmotiv, geradezu eines der Jungschen Archetypen, wird sogar in noch älteren Quellen gefunden, etwa in den Felsbildern des Valcamonica in der Lombardei. Beispiele dafür wie für viele andere Labyrinthe der Vergangenheit und Gegenwart finden sich auf einer weiteren Pinterest- Seite zum Thema.
Erklärungsversuche gibt es zuhauf- die oben genannte erste Quelle vermutet vage Dorf- und Hafenanlagen des sagenhaften Atlantis hätten als Vorbild gedient. Wahrscheinlicher ist die simple Assoziation, die sich beim Durchschauen unzähliger Labyrinth- Darstellungen einstellt, es handle sich um das Symbol des menschlichen Gehirns. Dafür sprechen der strukturelle Aufbau, aber auch die symbolische Problematik; das Sich- Verlieren im Inneren. Auch das Bild des Minotaurus ist ja das einer Korruption: „Hic Habitat Minotaurus“ in der oberen Darstellung ist ja offenbar eine Beleidigung, gleich bedeutend mit: „Hier wird jemand von Leidenschaften in seinem Denken beherrscht“.

Der Ariadnefaden ist primär ein stringentes, zielgeführtes Denken, das zur Beherrschung der korrumpierenden Instinkte führen kann. In der Kultur der Minoer, die den rituellen Tanz mit den Stieren als Mysterieninhalt und Initiationsritus pflegte - eine Kultur des Mutes-, war die Entwicklung des Rationalen ein Entwicklungsziel. Heute kann man, wie Beatrice Grimm, den wachen Umgang mit Labyrinth und Ariadnefaden auch als eine Übung im Körpergebet verstehen: „Ein spirituelles Werkzeug? Dem Wollknäuel der Ariadne folgen, heißt hineinzugehen ins Labyrinth. Immer wieder neu dem Weg des Lebens folgen. AnfängerIn sein, den Weg suchen auf engstem Raum. Offensein für andere, und gleichzeitig den eigenen Weg fortsetzen Schritt für Schritt. Jeden Schritt wahrnehmen wie ein erster Schritt... Sich hinwenden, kehrtwenden, abwenden, annähern. Manchmal gehts nicht weiter. Manchmal voller Sehnsucht von der Mitte hingezogen. Die Mitte wird erahnt, auf die es schnell zuzugehen scheint. Dann aber führt der Umweg durch viele reinigende Windungen. Wer ausharrt und auf dem Weg bleibt, den findet das Ziel, die Mitte, die gleichsam Anfang ist zu neuem Leben.“

Das Thema ist nicht annähernd erschöpfend zu behandeln. Es ist ein existentielles Motiv, schon weil wir uns immer wieder - selbst verursacht oder schicksalhaft - in labyrinthischen Lebenssituationen weder finden. Der alte Ariadnefaden - die Verstandesseele - hat sich verselbständigt und in Technik veräußerlicht. Aber selbst die besten GPS- Navigationssysteme helfen uns aus existentiellen Krisen nicht heraus- vor allem dann nicht, wenn es nicht nur Rechts und Links, nicht nur Richtig oder Falsch gibt. Vielfach hilft nur die volle konzentrierte menschliche Zuwendung, das offene, sich seiner eigenen Beschränkungen bewusste Handeln, das Agieren in Gespräch und in Bereitschaft, eigene Positionen ständig anzupassen dabei, gemeinsam halbwegs gangbare Wege zu gehen. Es geht manchmal nicht, ohne sich in der einen oder anderen Form schuldig zu machen, etwas vernachlässigen zu müssen, etwas auch ungetan zu lassen. Es geht nicht unbedingt aus alten Vorstellungen heraus, was „moralisch“ sein mag. Der Weg aus labyrinthischen Situationen bedarf einer inneren Vertiefung, einer geistigen Präsenz, die im besten Fall eine überraschende Neuinterpretation der Situation zulässt, eine tatsächlich neue und originelle Lösung. Dann zumindest kann man sicher sein, dass nicht der Makel auf dem Handeln liegt, der da sagt: Hic Habitat Minotaurus.
Comments

Elsbeth Weymann: Zwei Jesusknaben – und die Zweifache Messias-Erwartung in Qumran

Die Geschichten von der Geburt Jesu, wie sie Lukas und Matthäus überliefern, erzählen von der Anbetung des Kindes Jesus durch Hirten und durch „Könige“. Im Allgemeinbewusstsein der Christenheit gelten diese Ereignisse dem e i n e n Jesuskind und folgen zeitlich nacheinander: Die Anbetung der Hirten zu Weihnachten – die Huldigung der „Könige“ zu Epiphanias.

Erschüttert wurde diese vertraute Sichtweise, als Rudolf Steiner 1909 zum ersten Mal aus seinen geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus darstellte, dass es z w e i Jesusknaben, einen priesterlichen und einen königlichen, gegeben habe.
Diese Aussage wirkte auf viele Menschen tief befremdlich. Von Vertretern der Kirchen wurde und wird sie bis heute heftig angegriffen. Sie gilt als vollkommen unvereinbar mit den Evangelien.

Versucht man aber einmal mit diesem Gedanken der Zweiheit die beiden Erzählungen der Evangelien unbefangen im griechischen Urtext zu studieren, so entdeckt man Erstaunliches. Schon der Vergleich der beiden Ahnenlisten zeigt, ungeachtet einiger weniger Gemeinsamkeiten, zwei sehr ungleiche Stammbäume. Die eine Linie (Matth.1,1 ff) verläuft über Davids Sohn König Salomon. Die andere (Luk.3, 1ff) geht über einen anderen Sohn Davids, den Priester Nathan . Die Verschiedenheit der beiden Ahnenlisten ist unübersehbar – schon die genannten Großväter sind verschieden.
Das Problem der differierenden Stammbäume wurde bereits in der Zeit des frühen Christentums deutlich gesehen, z.B. von den Kirchenvätern Ignatius von Antiochia (2.Jh.), Irenäus von Smyrna (135-202) und Justinus dem Märtyrer (100-165). Die Frage nach der auffälligen Verschiedenheit der Stammbäume hat eine umfangreiche Forschung nach sich gezogen . Da sie bis heute als unlösbar gilt, hat man sich kurioser Weise darauf geeinigt, beide Stammbäume für fiktiv zu halten. Aber es lassen sich außer diesen verschiedenen Ahnenlisten weitere Gegensätze in den überlieferten Erzählungen der beiden Evangelien zeigen..

________
Zum Download der ganzen Arbeit von Elsbeth Weymann

zuerst erschienen in: INITIATIVE ENTWICKLUNGSRICHTUNG ANTHROPOSOPHIE 2013, Heft 26


Comments

Bis auf die Knochen oder: Der letzte Templer

Bildschirmfoto 2013-12-10 um 12.16.47
Es gibt Bücher, die einen einfach ärgern. So, was mich betrifft, wieder einmal ein Sachbuch des bekannten „international renommierten Fachmanns“ (Klappentext) Alain Demurger, „Der letzte Templer. Leben und Sterben des Großmeisters Jacques de Molay“.
Gewiss, Demurger ist, wie in vielen seiner anderen Sachbücher zu diesem Thema, sachkundig, so weit die vorhandenen Dokumente eben reichen. Daher ertrinkt man in auch im vorliegenden Buch bei einzelnen Details - etwa in den gerade auch von den Widersachern gut dokumentierten Schlachten, Scharmützeln und Intrigen im Heiligen Land. An diesen Stellen wird das Buch von Fakten, Daten und Personen überschwemmt. Doch von der Person, um die es im Buch geht- dem letzten Großmeister - erfährt man selbst dann wenig bis nichts. Das gibt auch Demurger schon im Vorwort zu: „Man weiß also wenig über Jacques de Molay.“

In der Tat. Man weiß, dass er zwischen 1245 und 1250 geboren wurde, Großmeister vor allem im Orient, d.h. auf Zypern gewesen ist (wie er zu dem Amt kam, ob es Konkurrenz gab: Alles im Nebel), dass er trotz aller Warnungen, dem unsäglichen, exilierten Papst folgend, nach Frankreich reiste, um dort in die Verhaftungs- und Vernichtungswelle Philipps des Schönenzu reisen und diesem zum Opfer zu werden- mitsamt seiner Mitbrüder, dem gesamten Orden und dessen Vermögen. Den Dokumenten der Propagandamaschine Philipps zu vertrauen, der wohl als Erster massenhaft und gezielt manipulative Diffamierungen in die Welt setzen ließ, um seine Opfer (Juden, Kaufleute, Templer) zu schädigen und seine Mord-, Vertreibungs- und Ausplünderungsmaschine propagandistisch zu rechtfertigen, ist noch heikler, als aus gar keinen Dokumenten „in kleinen Pinselstrichen“ Molays „Biographie zu zeichnen“ (S. 14). Den Taktiken Philipps und seinen juristischen, taktischen und inquisitorischen Ratgeber zu folgen, auf Protokolle aus den Folterungen, den Prozessen und öffentlichen Äußerungen zu setzen, ist mehr als heikel. Aus dem Nichts ungesicherter Dokumente und einiger „Pinselstriche“ eine Biografie zu zaubern, an vielen Stellen spekulativ, um nicht zu sagen geschwätzig.

Immerhin fällt Demurger nicht auf bestimmte, gern tradierte Mythen hinein wie den legendären „Templerschatz“. Ihm ist natürlich bewusst, dass dieser Schatz das „Archiv“ der Templer war, das „später allerdings verloren ging“. (176) Die politischen Umstände in der Schlacht um Akkon und danach, in der ungeliebten Herrschaft auf Zypern, stellt Demurger aus einem Puzzle aus Urkunden zusammen. Es gab zweifellos Widerstände gegenüber einzelnen Entscheidungen und personellen Ernennungen de Molays. Demurger unterlässt es klug, daraus eine generelle Spaltung des Ordens, wie sie oft behauptet wird, zu konstruieren.

Natürlich war die Lage des Ordens nach dem Fall Akkons schwierig. Die Kreuzzüge waren verloren; der Templerorden hatte seine primäre Mission damit nicht erfüllt. Von päpstlicher Seite kam 1291 der Gedanke auf, die verschiedenen Orden wie Templer und Hospitaliter zu vereinigen. Insbesondere Raimundus Lullus - bei den Templern auf Zypern ein gern gesehener Gast- schlug solch eine Koordination und Verschmelzung vehement vor, wobei er noch den Deutschen Orden und die spanischen Ritterorden hinzurechnete. Ziel von Lullus war ein neuer Kreuzzug. Aber der nachfolgende Papst Bonifatius VIII. ließ die Entscheidung in der Schwebe. Angeblich (nach Demurger) unterstützte ihn de Molay darin. Dafür gab es schwer wiegende Gründe: An der Spitze eines solchen „totalen“ Ritterordens sollte ein weltlicher König stehen, der dann als „König des wiedereroberten Jerusalem“ werden sollte. Ein Kapetinger sollte das sein. Es ist rätselhaft, dass Raimundus Lullus, der diese Frage noch 1305 voran trieb, nicht erkannte, dass er damit die weit reichenden Ambitionen eines Philipp des Schönen, des Franzosen, artikulierte.

Sobald die Ambitionen Philipps berührt werden, beginnt auch bei Demurger die Widersprüchlichkeit. So unterstellt er de Molay in einem Nebensatz (206), dieser habe diese Ambitionen Philipps nur deshalb nicht unterstützt, („der Gedanke liegt nahe..“!, S. 206), weil es de Molay um „die Verteidigung seiner (eigenen, M.E.) Stellung ging!“. Er findet de Molays Argumente „ein wenig ungehörig“. Das wirkt bei den auch von Demurger konstatierten Ambitionen Philipps, die totale Kontrolle über Papsttum und Ritterorden, aber auch das Vermögen letzterer, zu erlangen, mehr als merkwürdig. Die Versuche des Widerstands de Molays - „ungehörig“? Papst Clemens V., die von Philipp eingesetzte Marionette auf dem Papststuhl als Nachfolger des von Philipp 1303 ermordeten Bonifatius VIII., opferte doch lieber den Templerorden als Ganzen, als Philipp eine Position einzuräumen, die diesen als geistlich- weltlichen Universalherrscher hätte positionieren können. 1307 wurde de Molay im Templerhaus in Paris von den königlichen Garden verhaftet- in einer konzertierten Aktion über ganz Frankreich hinweg. Die Folterungen setzten sofort ein. Am 24. Oktober 1307 gab de Molay an, „wenn auch widerwillig“, „Christus verleugnet“ zu haben, durch ein rituelles Spucken am Kreuz. Homosexuell sei er nicht.

Um dieses magere Geständnis unter Folter ranken sich - auch im schwankenden Buch von Demurger - viele Gerüchte. 1308 hat de Molay einen öffentlichen Auftritt gehabt, den er zugestanden bekam, da er dabei „noch größere Irrtümer gestehen“ (250) wolle. Stattdessen öffnete er, der in Notre-Dame auf einem Podest saß, „seinen Umhang und legte seine Kleidung ab: „Seht, meine Herren, wie man aus uns herausholte, was man hören wollte“, und er zeigte seine bis auf die Knochen zerfleischten Arme und die Spuren der Folter, die er erlitten hatte. Dann widerrief er seine Aussagen“. (250) Einige Seiten später bezeichnet Demurger diesen Auftritt de Molays aus heiterem Himmel als theatralisch und großsprecherisch und bezweifelt plötzlich gar, dass er überhaupt stattgefunden habe. Plötzlich treten bei Demurger Dokumente aus der Umgebung des Königs in den Vordergrund, die behaupten, de Molay sei gar nicht gefoltert worden, er habe freiwillig gestanden, oder habe sogar um seines Rufes willen geradezu darum gefleht, gestehen zu dürfen. Ab S. 268 wird praktisch als gesicherte Tasche genommen, dass der Großmeister „alle seine Vergehen ohne Folter zugegeben“ habe. Zu Wort kommen noch Inquisitoren wie Bernhard Gui. Mit einer gewissen Befriedigung vonseiten Demurgers wird die gesetzeswidrige Entscheidung Philipps aufgenommen, de Molay nach dem Widerruf seines Geständnisses unmittelbar ermorden zu lassen.

So dümpelt der Biograf weiter vor sich hin. Er schreibt (295) von „zweifelhaften Praktiken“ im Orden, die irgendwie, irgendwann wohl eingesickert seien, in den Orden „im Allgemeinen oder, genauer gesagt, was ich als System bezeichnen würde.“ Das würde ich als denunziatorisches Geschwätz bezeichnen, Herr Demurger. So wie die ganze Darstellung Jacques de Molays in gar keiner Weise auch nur den Hauch von Objektivität erfährt. Offensichtlich schlägt ein fataler Nationalstolz bei Demurger durch, der sich (285) darüber mokiert, dass de Molay durch seine „Unnachgiebigkeit“ dem Papst - diesem Hanswurst - „in den Rücken fiel“, und, schlimmer noch, „damit den französischen König brüskierte“. Demurger benutzt die Propaganda Philipps bis zum heutigen Tag, um den letzten Großmeister des Templerordens zu demütigen, obwohl er (282) nochmals zugibt, dass es „wenige Quellen“ gäbe, die ein „klares Bild seiner Persönlichkeit vermitteln“, kaum „gesichertes Wissen“, und wenn, dann seien diese Dokumente „widersprüchlich“. Der Fachmann für den Templerorden baut also nur auf Wasser, aber er streut eine Menge altes Gift hinein.

______
Bildquelle Pinterest- Templer- Seite
Comments

Otto Ohlendorf, revisited

Durch eine Leserin bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass die extrem beschönigenden Erinnerungen Elisabeths Kleins an diesen NS- Massenmörder bei den Egoisten kommentarlos da gestanden haben. Die Leserin frage zu Recht: Wo bitte ist das Kritische daran? Daher habe ich zwei Versionen der Darstellung von Frau Dr. Regina Reinsperger, eine deutsche und eine durch den Historiker Klaus Popa ins Englische übersetzte Version, zu Kleins Erinnerungen hinzugefügt.

Eine weitere, stilistisch stark überarbeitete und neu gefasste Übersetzung ins Englische hat Tom Mellett vorgenommen.

Bildschirmfoto 2013-12-09 um 21.29.10

Beide Versionen sind inzwischen fast 6 Jahre alt, waren aber in den internen Strukturen dieser Website kaum noch auffindbar. Ich bitte dafür um Entschuldigung. Zusätzlich wurden Dr. Regina Reinspergers kritische Anmerkungen zu Emil Bock wieder neu aufgesetzt- der Link war unterbrochen.
Comments

Elsbeth Weymann: Frage und Einfall, zwei „helle“ Geschwister

„„Eine Frage ist ein Gang ins Offene, mit der Richtung einer Ahnung“. Ergebnis des gemeinsamen Definitionsversuches einer 11. Klasse zum Thema: Was ist eine Frage.?
„Ich hab gedenkt und gedenkt- und dann isses ganz plötzlich mir so ins Gesicht geblitzt“. Ein fünfjähriges Kind beschreibt einen Einfall.

Frage und Einfall brauchen beide einen inneren Raum absichtsloser Wachheit. Nur in diese gerichtete und doch freie Offenheit hinein kann sich etwas ereignen, das dann in Sprache greifbar wird. Im Folgenden möchte ich versuchen einen solchen Raum der Offenheit, Frage und Einfall betreffend, etwas auszuleuchten. Ich werde die Begriffe in drei Sprachen (Deutsch, Griechisch, Hebräisch) in ihren jeweiligen Etymologien anschauen und einige Beispiele zum Thema aus persönlichen Erfahrungen bringen. Theorien der neuesten Hirnforschung, die sich mit dem Phänomen des Einfalls beschäftigen und ein hochkompliziertes System neuronaler Verknüpfungen beschreiben, kann ich nicht beurteilen und werde sie deshalb nicht berücksichtigen. Die Beschränkung auf persönlich in der Pädagogik Erlebtes ist nach einigem Zögern bewusst gewählt. Von einer vorsichtig fragenden Suche in einem solchen inneren Raum meinte ich einigermaßen befugt auch nur persönlich sprechen zu können.

Zum ganzen Beitrag von Elsbeth Weymann
Comments