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Dec 2012

Michael Eggert: Die Krebserkrankung als ein Doppelgänger des Menschen

Zum Buch „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie“ von Siddhartha Mukherjee
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Schließlich ist dieses Buch wohl auch deshalb nicht ganz leicht zu lesen, weil jeder mehr oder weniger betroffen ist - wenn nicht selbst, so doch im Familien und Freundeskreis. Niemand bleibt unberührt von den vielen, teilweise anrührenden, teilweise schwer zu ertragenden Fallgeschichten, die in das Buch eingeflochten sind. Es gibt auch noch eine spezielle Komponente, die an das rührt, was man das Mythische dieser Krankheit nennen mag - es ist und bleibt ein rätselhafter Doppelgänger der menschlichen Existenz, auch im Licht der neuesten Forschung. Es ist unheimlich, wie diese Krankheit sich der Schalt- und Signalstellen unseres Körpers bemächtigt, wie sie unsere scheinbar ureigene DNS manipuliert, sich ihr bemächtigt und sie um-instrumentalisiert. Wie sie, schließlich, wenn es bis in den Zellkern hinein nach vielen Jahrzehnten intensivster Forschung doch Methoden gibt, die Buchstaben, aus denen unsere Erbsubstanz, unsere Zellkerne bestehen, im Sinne einer Gesundung umzuprogrammieren, gleichsam intelligent, im Vorübergehen, eben diesen komplizierten und ausgefeilten Umbau durch einen gezielten einzigen Gegenschritt zunichte macht.

Dies ist ein genaues, wissenschaftlich exaktes, aber zugleich gut lesbar geschriebenes Buch. Wenn ich im Folgenden einige Puzzleteile daraus zitiere, sind das Fragmente aus einem komplexen Zusammenhang- sie entsprechen nicht annähernd den wirklichen Inhalten, sondern enthalten nur einige Impressionen.
Die Geschichte des Krebses ist nicht zu schreiben ohne die Tatsache zu erwähnen, dass ein erheblicher Anteil an seiner Bedeutung der Tatsache geschuldet ist, dass wir immer älter werden: „Binnen eines halben Jahrhunderts stieg die Lebenserwartung der Amerikaner von siebenundvierzig auf achtundsechzig Jahre – ein größerer Sprung, als in mehreren Jahrhunderten zuvor erreicht worden war.“ Übrigens hängt die gestiegene Lebenserwartung, die nicht linear, sondern schubweise erfolgte, an einzelnen Entdeckungen wie z.B. der des Penicillins.
Gerade in diesem Zusammenhang kommt Mukherjee immer wieder zu bedenkenswerten, phänomenologischen Betrachtungen: „Während die Schwindsucht ihre Opfer einst durch Auszehrung umbrachte (das Tuberkulosebakterium höhlt die Lunge nach und nach aus), drückt uns der Krebs den Lebensatem ab, indem er unseren Körper mit zu vielen Zellen füllt; er ist Schwindsucht in deren entgegengesetzter Bedeutung – Pathologie des Übermaßes. Krebs ist eine expansionistische Krankheit; er dringt in Gewebe ein, gründet Kolonien in feindlichen Landschaften, sucht »Zuflucht« in einem Organ und wandert dann in einem anderen ein. Er lebt verzweifelt, erfindungsreich, erbittert, territorialbewusst, schlau und abwehrbereit – zuzeiten so, als erteilte er uns eine Lektion im Überleben.“

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zur ganzen Buchbesprechung
(auch als Print erschienen in Die Drei November 2012
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Das gereinigte adventliche Denken

Georg Kühlewind schreibt in "Die Belehrung der Sinne", Stuttgart 1990, S. 53:
"Rein wird das Denken durch dreifache Reinigung: Rein von Emotionen, rein von Wahrnehmungselementen und rein von Vergangenheitselementen."

Der erste Punkt, die Reinheit von Emotionen, bedeutet keinesfalls das Ausbleiben von Gefühlen. Aber das Selbstgefühl, das Gefühlige, das, was sich in eingebildeter Devotion badet, muss in einem meditativen Setting insofern ruhen, als sich der Praktizierende daraus befreit. Der innere Abschied von rastloser Alltagsbezogenheit in einer inneren Freiheitserklärung gelingt nur allmählich und ist als Reinigungsphase zu verstehen. Kühlewind nennt das auch explizit so.

Die "Reinheit von Wahrnehmungselementen" meint nicht nur das willentliche Ausschalten äußerer Eindrücke, sondern auch den Wust der neuronalen Rückmeldungen durch das körpereigene Kommunikationssystem, in das wir mit erheblichem energetischen Aufwand verstrickt sind.
Schweigen der inneren und äußeren Wahrnehmung ermöglicht das Erwachen der damit gebundenen Kräfte, die nun frei sind und dem fokussierten Denken wie kräftige Flügelschläge in die Kühle Luft des Geistes heben. In Bezug auf meditative Methoden wie Wortmantren wird in dieser Phase die inhaltliche Bindung der Gedanken zugunsten einer rein dynamischen überschritten ("wobei mehr der Gedankengang als der informative Inhalt verfolgt wird", Kühlewind).

Der dritte Schritt der Reinigung ist gegenüber all dem bislang Erreichten fundamental grundsätzlicher. Denn nun wird die schon ausgebaute selbständige geistige Potentialität tatsächlich realisiert- tatsächlich gelebt, mit - was vielleicht abgedroschen klingt- mit jeder lebendigen Faser. Denn das Reine Denken entdeckt sich selbst - Alchemist seiner eigenen Identität-, indem es "frei wird von Vergangenheitselementen" (Kühlewind). Das Gedachte ist immer schon das, was gedacht ist. Man hat es schon gedacht. Was aber, wenn ich mich orientiere an dem, was keine Orthaftigkeit mehr kennt, was unter dem winterlichen Auge des Himmelsherrschers Jupiter steht, aber in steter Bewegung? Was selbst Bewegung ist, bewegt auch in sich entfaltender, entfachender Empfindung?

In der Weite der weißen Landschaft verschwimmen alle Konturen des Das-da, aber auch meine eigenen. Leere allein ist kein Wert an sich, solange sie sich nicht füllt mit der essentiellen, alles überstehenden Wärme meines eigenen Seins, das die Nacht erfüllt.

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