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Dec 2011

Michael Eggert: Buchbesprechung von "Endstation Dornach"


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Nach den furiosen Diskussionen, die vor einem Jahr bei der ersten Ankündigung von „Endstation Dornach“ aufkamen, war zu erwarten, dass es, zum tatsächlichen Erscheinungstermin, abermals hitzig werden würde. So war es denn auch. Die Autoren, Felix Hau, Ansgar Martins, Christian Grauer und Christoph Kühn, wird das nicht gewundert haben. Es ist sogar ein wenig Teil des Kalküls. Wie so oft, kommen die heftigsten Anwürfe von denen, die das Buch gar nicht gelesen haben. Ich habe versucht, in einer neutral gehaltenen Besprechung (allerdings doch auch mit einer gewissen Lust am Mitfabulieren), die Haltung der Autoren, ihre erzählerische Positionierung, heraus zu arbeiten, um gewissermaßen einen freien Blick auf die Inhalte zu bekommen. Jenseits des provokativen Auftritts finden sich nämlich grundsätzliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Anthroposophie und Rudolf Steiner, mit neuen, ungewohnten Perspektiven und genau der kräftigen Portion inhaltlicher Substanz, die die Kritiker für sich zu beanspruchen vorgeben. Ein vielgliedriges, multiperspektivisches Buch tritt zutage, wenn man den Lärm der Schützengefechte beiseite schiebt und sich darauf einlässt. Hier meine Rezension als PDF- Download.
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Michael Eggert: Epiphanie

Ich war befremdet, als ein mir bekannter Anthroposoph von seiner Begegnung mit dem Hüter der Schwelle schrieb, und, ja, was dabei heraus kam, irgend so ein imaginiertes Männlein. Das kann es doch nicht sein, dachte ich schon damals, das ist nicht der Punkt. Die Bildlein kann er sich für sein Poesiealbum aufheben, für das Drehbuch für einen Horrorfilm, für ein jesuitisches Fürbittegebet. Weg von diesen Bildereien & Kindereien. Zum Hüter der Schwelle kommt man in einem Zustand der Selbstoffenbarung, in einem Zustand, in dem man seine eigenen Reflexe überschaut, die herrschende Wetterlage mit allen meteorologischen Gegebenheiten. Man überschaut die großen Linien, in denen man sich bewegt. Das Monströse an diesem Zustand ist, dass man die eigene Konstruktion erkennt, das was man ausgelebt hat und noch immer tut, wenn auch vielleicht nicht mehr so enthusiastisch. Das zieht einem den Boden unter den Füssen weg, zumindest für eine Zeit der Unsicherheit. Wir gehen zwischenzeitlich in unserer Biografie schon mal über in einen Zustand des Pralaya, leben in einem Zwischenreich, mit einem Blick, der sich bricht an den Gegebenheiten. Denn man weiß ja zugleich, dass man nicht identisch ist mit dem, was man nun überschauen kann.

Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.

Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.

Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.

Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:

Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“

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Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
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Raymond Zoller: Zwiebel-Guru mit Anhängern. - Луковица-гуру с прозелитами

zwiebel

In der Gesamtgestik steckt etwas, das mich an ein bei Youtube veröffentlichtes Video erinnert von der Veranstaltung eines dieser Info3-Heiligen, welches anlässlich einer Egoisten-Diskussion mal eingebracht wurde. Auf der Bühne saßen da so ein paar Typen mit Kopfhörern, Mikrofonen und krampfhaft optimistischen Gesichtern, die da deklamierten "jede Zelle meines Körpers...." (kann mich nur noch an den Anfang erinnern), und im Zuschauerraum hupften gesetzte Leute mit flatternden Krawatten herum und wiederholten, was die auf der Bühne ihnen vorsagten.
Um mich in die selbigem deklamationsbegleiteten Gehupfe zugrundeliegende Geistesart verstehend zu vertiefen benutze ich Zwiebeln; die sind freilassender und – außer wenn man sie aufschneidet – weniger penetrant.

Hier noch ein passendes Video zum Mitmachen.
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Dorian Schmidt: Lebenskräfte- Bildekräfte

An dieser Stelle noch ein Hinweis auf Dorian Schmidts neues Buch „Lebenskräfte- Bildkräfte. Methodische Grundlagen zur Erforschung des Lebendigen“. Hier müssen die Sonntagsanthroposophen, denen es auf warme Gefühle und ebensolche Worte ankommt, einmal weghören, denn es geht um ein Übungsbuch, dem Gefühligkeiten, Spekulatives & Mystisches völlig fremd sind. Schmidt legt Wert darauf, seine Arbeit als „religionsneutral“ zu bezeichnen. Das ist ja auch völlig richtig und sachlich. Wem ein Übungsweg in Bezug auf die Annäherung an das Lebendige fremd geblieben ist, wird mit diesem Buch nicht warm werden. Schmidt entwirft eine Methodik des Übens, geizt auch nicht mit Tabellen und Schemata, allerdings stets im Dienst der Sache, nicht um gegenüber Teilhabern einer Powerpoint- Generation gegenüber zu punkten. An manchen Stellen - gerade zu Beginn des Übungsweges- gehören auch mathematische Aufgaben zum Standard. Im Kern geht es darum, dass „die Wahrnehmung sich in Richtung eines Miterlebend der Lebenskräfte (oder Ätherkräfte oder Bildekräfte) vertieft.“ (S. 22) Die „lahme Ente“ des alltagstauglichen Standarddenkens soll gekräftigt werden, um Beweglichkeit, Flüssigkeit, Kraft, Eindringlichkeit, Weite und Geschwindigkeit zu verbessern. Aber auch Qualitäten wie das Erlernen des „hingebungsvollen Warten(s)“ (S. 24) werden gepflegt. Schmidt verbringt viel Zeit damit, in diesen Prozessen denken, Fühlen und Wollen zu differenzieren und jeweils konkrete Erfahrungen, die sich einstellen können, darzustellen. Er geht dabei sehr angenehm vor; d.h. er hat selbst genügend Übung, um ganz unterschiedliche mögliche Erfahrungen zu umreißen. So ist die „Bandbreite von Möglichkeiten“ in der ersten „Wahrnehmung der Ätherkräfte“ (S. 46) denkbar weit gestreut, je nachdem, welche Sinnesqualitäten beim jeweiligen Übenden dominieren: „Die Ätherkräfte können als reine Kraftimpulse erlebt werden; das entspräche der Sinneswahrnehmung durch den Tastsinn, oder aber als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ (S. 46) Das erschwert die Verständigung, zumal auch andere Sinnesqualitäten im Vordergrund stehen können. Typisch ist, dass solche Erfahrungen in ihren jeweiligen Spezialitäten gemeinsam haben, dass „das Bild einer wahrgenommenen Ätherkraft Kraft abstrahlt, Kraft spendet, eine Art über- oder ausquellenden Charakter hat.“ (S. 47)

Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.

Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).

Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
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Elektronische Dienstboten & wuselige Kommunionen

(Man muss ja immer zugeben, Informationstand, Bildungsstand, Stand der Kompetenzen, das sind immer relativ zu vernachlässigende Größen- wir sind ja keine Universalgenies mehr, nicht einmal Bildungsbürger, denn dafür haben wir ja das Internet. Bildung ist doch etwas fürs Internet; die haben wir dorthin delegiert. Früher haben (nach einem Ausspruch von W. B. Yeats) wir gelebt, dann ließen wir unsere Dienstboten für uns leben- heute gilt das analog in Bezug auf unser Denken. Nur die Dienstboten sind nicht mehr da; dafür haben wir das Web. Oder sprechen wir, um eine Ehrenrettung zu betreiben, nicht vom so seltenen und exquisiten originären Denken, sprechen wir in Bezug auf die Datenwüsten lieber von unverdauten und nicht selten wenig kontextualisierten Datenbrocken- oder sprechen wir von einer öffentlichen Meinung, die aufschnattert und abebbt, im Web und in den angeschlossenen Fernseh- und Rundfunkanstalten. Denn heute gibt das Netz den Takt vor.)

Aber darüber wollte ich gar nicht sprechen. Ich bin nicht so sicher, wann Weihnachten beginnt. Die Fixierung der Bürgerlichkeit auf die gewissen drei Tage und die der Oberbürgerlichkeit, den Anthroposophen, auf die 12 oder 13 Heiligen Nächte, kann man ja teilen, empfinden kann man es anders. Denn die Winde, die auffrischen, die sich ballen in der Kühle winterlicher Nächte, die zwischen die von Blättern leergefegten Bäume fahren, deren hölzernes Klappern der Äste wie ein mittelalterlicher Totentanz klingt, bringen uns ins Grübeln. Wenn Knöchel auf Knöchel schlagen, entbeint: So liegt der Wald jetzt da. Jemand hat ihn zum Schlachter geführt, und das da ist jetzt, was von ihm übrig bleibt. Der Wald, das Umland, die Felder sind leer.

Du musst nicht auf die Nächte um Christi Geburt warten, wenn du das Ohr auf den Waldboden legst und in die Eingeweide der Erde horchst. Du hörst es von ferne gurgeln, aber wenn es näher rückt, ist es ein Strom von sanfter Willenskraft, der aus den kalten Eingeweiden drängt. Du bist ein Fiedler im Wind, in diesem Starkwind hört man dich nicht, aber du bist ein Teil der ganzen Melodie.

Das Pilzgeflecht, das fast die ganze Erde umspannt, das duftige Polster der Erde ist verstummt, der vielsprachige Mund, der Säfte saugt und gibt, der säugt und verschlingt, die tausendfältigen Mäuler der Erde, denen die schönsten Düfte entströmen; Düfte von Verfall und Wiederbelebung. Und es sind nicht die steigenden und fallenden Wasser, die ihre Wege unter den Dörfern und Städten suchen, nun, da man sie verwiesen hat in fest gelegte Betten. Sie spiegeln die Mondkraft, auch wenn sie nur an ganz bestimmten Punkten an die Oberfläche kommen, sie sind das fliessende Silber der Erde. Und es sind nicht die drückenden Schollen und Steine, die auf dem Feuer, das sie und alles unentwegt bewegt, gleiten, pressen und Gebirge formen. Sie, die auf den rollenden Eisen- Feuer- Bahnen gleiten, sie haben eine andere Zeit. Sie atmen im Ab- und Aufbau des Magnetfelds, der empfindlichen Membrane, deren Fackeln, Halten und Geformtwerden uns alle beschirmt.

In den kleinen Fluss deiner wuseligen Kommunion mit dem, was dich umgibt, stösst jetzt der Strom, der mit dem Winter kommt. Es ist eine Kraft, die in der natürlichen Umgebung aufflammt und entbrennt, gerade deshalb, weil hier das Klappern der Knöchlein klingt. Die Gespenster der Formen und Erscheinungen, die sich das ganze Jahr über ausgefaltet haben, ruhen jetzt in vollkommener Tiefe. Aber nun flackert in der Leere eine andere Kraft auf- etwas wie eine neue Natur. Aber die liegt nicht in der Illusion der Technikwelt (diesem untermeerischen Spiegelreich des Lebens), diesem Substitut des Natürlichen, die liegt auch nicht in der Illusion der Vielfalt der natürlichen Erscheinungen. Es ist die Realität, die entbrennt, wenn das Drängen und Verfallen, an Endpunkte kommt und sich metamorphosiert, wenn das alles schweigt. Das alles ist Vergangenheitskraft- etwas, was nach seinen Mustern und genetischen Dispositionen abspult, so schön und reichhaltig es auch ist.

Nun, da das Drängen schweigt, erscheint das, was gedrängt hat. Es beginnen die Tage und Nächte, in denen die geistig- lebendigen, schöpferischen und von unhörbaren Schwingen getragenen Kräfte sehr nahe sind. Man kann ihre Nähe fühlen. Die Frage ist nur, ob man sie aushalten kann.
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Ruth Bamberg: 16. August 2011, Sommer

sommer
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Michael Eggert: Von der Frucht gekostet

Sprechen wir nicht über diese Aura, denn in ihr entrollen sich im embryonalen Zustand die kommenden Schicksale. Vorsicht vor dieser Aura, wenn dir der Mund trocken wird, wenn du sie siehst. Wenn zwei Schultern sich unversehens berühren und du fühlst, dass der Boden unter dir dabei fester wird. Wenn du baden könntest in ihrem Duft und dich hinter dem Wehen ihrer Haare wie hinter einem Nebelschwaden verstecken könntest. Ihr seid Kinder, ihr spielt Hide and Seek, und findet euch dabei immer wieder und mehr.

Wenn ihr Körper dieselbe Sprache spricht wie deiner, wenn dein Körper die geheimen Worte kennt, die goldenen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden- Haben.
Wenn dein Körper dieselbe Sprache spricht wie ihrer, wenn ihr Körper die geheimen Worte kennt, die silbernen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden - Haben.

Hast du am Nektar der gemeinsamen Aura gekostet, sprechen nachts die Vögel im Baum mit dir, wenn du schläfst. Du bist nachts zwischen riesigen warmen Bäuchen gewärmt und schläfst so tief wie nie. Du dehnst und weitest dich im traumlosen Schlaf und ruhst unter dem Auge des Polarsterns. Am Morgen träumst du Namen, aber du vergisst sie, wenn du aufwachst und dich bewegst. Wenn du aber still liegst und den Atem der Nacht bei dir behältst, kannst du den Nachklang der Wärme und der Worte in dir nachklingen fühlen. Oh ja, du hast von der Frucht gekostet. Du kreist im Traum, ein Satellit, im belebten Licht des Mondes. Du stehst am Firmament und siehst unter dir die Meteore wie eine endlose Schar von Speise, von der hungrigen Atmosphäre verschlungen.

Plötzlich, an einem Tag im späten Jahr (du kannst es nicht verstehen und stürzt dich auf jede Erklärung, auch auf die abstrusesten), ist da ein Riss in der Aura, du ragst mit dem Kopf heraus und die Geräusche der Straße treffen dich. Du schaust mit dem Kopf heraus und weisst, dass eine Entscheidung getroffen werden muss. Du musst dich entscheiden, wie es weiter geht mit dir und ihr. Du musst dich entscheiden, ob du ihr würdig bist, der Schutzmutter der Liebenden, der hüllenden, heilenden, gedankenklaren Kraft, die nur Zwei gemeinsam schaffen können, da es sie nirgends gibt als zwischen Liebenden. Die Schutzmutter all dessen, was zukünftig ist.

(Es gibt diese schlechten Tage, an denen du dich fühlst wie die konditionierten Tauben, denen Forscher beigebracht haben, dass sie Futter bekommen, wenn sie mit den Flügeln schlagen. Nach einer Zeit sind sie sicher - so sicher, als wäre es eine fest gefügte Weltanschauung-, dass sie durch Flügelschlag die Fütterung hervor rufen. Aber diese Hoffnung wird bitter enttäuscht werden, wenn die Forscher mit dem zweiten Teil der Experimente fortfahren.)

Es gibt aber auch die anderen Tage, die, in denen du und sie etwas Fragloses sind. Ihr seid sogar jetzt fraglos, wo ihr frei von dieser Aura seid. Es ist ja möglich, dass ihr euch jetzt entscheidet: Wir versuchen es.
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Michael Eggert: Melting Mandala

meltung mandala
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Georg Kühlewind: Das ist das Fest

Natürlich, die Tradition gehört dazu. Und natürlich ist dies das Fest, das die Familie zusammen halten könnte - wenn es denn so klappt wie erhofft. Die Erwartungen sind erheblich, und so mancher verdrückt sich lieber in die Partymeile in der Altstadt, sobald die Gans herunter geschlungen ist. Verständlich, wenn das Ominöse dieses Fests tatsächlich erstarrt von Traditionen und Erwartungen war. Alles, was in diesem Jahr ungesagt blieb, steckt jetzt schwer in der Festtagskehle. Womöglich drückt die schwarze Hose, die man nur an diesem Tag im Jahr heraus holt, und zu eventuellen Beerdigungen. Womöglich ertappt man sich am Heiligen Abend bei dem Gedanken, dass eine letztere angenehmer wäre als das Gänsegemetzel. Aber wer weiß? Vielleicht holt Papa dieses Mal nicht wieder das Familienalbum heraus, womöglich bleibt Oma friedlich und die Schwester ist nicht wieder beleidigt, weil sie - wie immer- denkt, sie sei in Bezug auf die Geschenke benachteiligt worden. Es wäre das erste Mal, aber wer weiß?
Nun denn. Es gibt immer Hoffnung. Wenn der Baum steht und leise Rauchfahnen von sich gibt, sind doch alle zumindest für anderthalb Stunden ganz friedlich. Der Jüngste ist heimlich in sein Zimmer gegangen und guckt „Terminator“, wie jedes Jahr. Und endlich, wenn man vor dem abgegrasten Tisch und den weggeworfenen Verpackungsbergen steht, fragt man sich doch zwischendurch, ob das das Fest war, das gemeint war.

Georg Kühlewind machte in seinem Buch „Weihnachten“ (Stuttgart 1989) immerhin darauf aufmerksam, dass man auch in unseren Gegend vor dem 4. Jahrhundert die Epiphanie (6. Januar) feierte als den „Tag der Jordantaufe“. Die ausschließliche Feier der physischen Geburt Jesu kennzeichnet er mit „Die Logosidee ging verloren“. Das andere, innere Weihnachten charakterisiert er als Möglichkeit so:

Das Aufleuchten einer neuen Idee kann auf analoge Weise durch ein zweifaches Geschehen oder durch ein Verschmelzen zweier Bewegungen charakterisiert werden. Je mächtiger die Idee ist, um so mehr ist ihr Gegebeneren, ihr Nich-von-mir-Sein fühlbar, als ob sie als Gnadengeschenk „von oben“ gereicht wäre.

Sie kann uns nur erreichen, wenn eine sehr konzentrierte, aber „leere“ Aufmerksamkeit ihr entgegenkommt, die sie aufnimmt. Diese ist die meditative Aufmerksamkeit, die sich aus den Übungen der intentionalen - auf Themen gerichteten- Aufmerksamkeit metamorphosiert. Der Erwachsene muss sie sich erarbeiten; dem kleinen Kind ist sie vor dem und während des Spracherwerbs gegeben.

Daher ist die Geburt des Kindes ein Bild für die empfangende Aufmerksamkeit, die dem Wort entgegen wächst. Diese wird von der Seele des Meditierenden - Maria - geboren. Eine neue Idee erscheint:
Das ist das Fest. Und ein Fest kann es nicht geben, wenn nicht eine neue Idee erscheint.“

Und dies ist der denkbar grösste Kontrast zu dem traditionsversessenen Heiligen Abend unserer Tage. Vielleicht sollten wir es dieses Jahr einmal anders machen.
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Ruth Bamberg: 23. September 2010, Berverley Hills

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Nicht kleinlich

Mondknoten sind die großen Gezeitenwechsel, die Spring- und Sturmfluten, die aufkommen, als sei der Mond selbst ins Meer gestürzt. Aber die Wände aus Wasser, die sich auftun, blanke Massen, sie werden dir nichts tun. Nichts wirklich schlimmes. Vielleicht wird es dich umdrehen, etwas menschliches Gewebe zwischen Gewalt und Geröll, immer weiter über einen Grund, den du nicht mehr überschaust. Vielleicht wird es dich umdrehen, bis es dich irgendwo liegen lässt. Vielleicht bleibst du etwas liegen, weil dir die Haut abhanden gekommen ist, vielleicht weil es dich schwindelt. Es liegt sich, lernst du, auch ausgesetzt ganz leidlich, solange du dich nicht bewegst und einfach wartest, bis die Zeit vergeht.

Du liegst unter dem Dornenstrauch und schaust mit einem Auge in den nächtlichen Himmel. Die großen Perspektivewechsel- etwa, als man lernte, die Sternhaufen räumlich und perspektivisch zu denken. Vorher war es eine Folie mit verschieden großen Löchern. Du solltest auch die Perspektive wechseln. Nicht kleinlich denken.
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Fliegende Fische

Der Mensch zieht sich vor dem, was an ihn heran kommt, zurück, greift nicht zu, lernt, aktiv zu warten. Das ist die größte Aktivität, das Zurückhalten. Dieses Warten ist eigenes Reifen, ist Fallenlassen der erwähnten tief eingewurzelten „Voraussetzung“, dass ich so, wie ich bin, fähig und würdig sei, alles zu verstehen, die Wirklichkeit zu erkennen.
Das „Zurückziehen“ hat zwei Folgen: Einerseits zieht sich das (zukünftige) wahre Ich oder Selbst aus der Vermischung mit den Seelenfunktionen heraus, wird ihr „Zuschauer“, der sie von innen her Erfahrende; von „außen“ kann man die Seelenfunktionen nicht erfahren, nur benutzen, denn man ist in ihnen, ohne Abstand.
Andererseits wird die intelligente fühlende Aufmerksamkeit, mit der die vier Seelenzustände zu tun haben, Schritt für Schritt „leerer“, anders gesagt: objektlos und doch aktiv.
Das ist der allgemeine Verlauf der Entwicklung: Eine Fähigkeit entwickelt sich an Objekten, Inhalten, um dann, frei von ihnen, alle Objekte erfassen und solche auch schaffen zu können. Fähigkeiten sind frei von den Formen, mit denen sie empfangend oder produzierend zu tun haben.


(Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 53ff)

Improvisation 1:
Die Hybris der fraglosen Selbstgewissheit. Die enzyklopädische Ansammlungen sinnloser Informationsbrocken. Packeisschollen von in sich stimmigen, aber miteinander unverbundenen Weltbildern. Zettels Traum, der immer bei sich getragene Auskunftgeber, ein smartes Phone. Der schnelle Griff ins sichere, aber flache argumentative Wasser. Wie kann man, wenn doch alles verfügbar ist - selbst Antworten auf Fragen, die niemand je gestellt hat - ausgerechnet warten?

Jenseits der Wasserscheide ist das Warten kein quälender, unbequemer Zwischenzustand mehr, sondern etwas, was man genießt. Mit einem Bein in der Zeitlosigkeit wartet es sich ganz komfortabel. Es gibt ja auch nichts, worauf man warten würde- das Warten ist kein Unruhezustand, sondern gerade das Gegenteil geworden. Die flatternden Schmetterlinge der schnellen, billigen Informationen sind verschwunden, die Unverbundenheit, der alltägliche Schwebezustand. Jenseits der Wasserscheide ist man nicht mehr ein Ding unter Dingen, sondern steht im gemeinsamen Atem.

Improvisation 2:
Jenseits der fraglosen Selbstgewissheit steht der Kompass in Richtung Improvisation. Dieses Land kann man erkunden, es ist immer neu und doch vertraut. Es ist das Wasser, in dem wir uns bewegen- außer in den kurzen Momenten, in denen wir denken, leben, vorstellen wie ein fliegender Fisch. Es ist ein Fisch, der in der Zeit des Fluges das Element vergisst, aus dem er stammt. Geisterfahrung ist das Erinnern unseres Ursprungs.

Hier, im wässrigen Element, führt uns das Sehen nicht sehr tief. Wir werden lernen müssen, Druckwellen zu empfinden. Hier, in der Tiefe, wo das Licht uns nicht mehr erreicht, werden wir selbst hell werden müssen, eine Quelle, eine Präsenz. Hier, wo wir unsere Grenzen nicht mehr fühlen, erfüllen wir uns in reiner Daseinskraft. Wir denken nicht mehr in Konturen, sondern in Bedeutung; die Dinge haben eine Sprache, die wir lernen können, denn hier bleibt nichts unvertraut, dem wir uns zuwenden.
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Ruth Bamberg: 3. März 2001, Rom

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