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Aug 2016

Orhan Pamuks Istanbul, schon wieder vergangen

In "Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt" hat Orhan Pamuk die Erinnerungen an eine Stadt, persönlich und historisch, auf eine Art dargestellt, dass sie zugleich ein Bild seiner selbst zeichnen - das Gefühl umreissend, "daß ich zu dieser Stadt gehöre und mit diesen Menschen etwas gemein habe". Er hat dazu viele historische Stadt- und Gesellschaftsbilder, auch historische Stiche hinzugefügt, wobei seine Auswahl vielleicht auch von ihm und den tief in ihm verankerten melancholischen Grundempfindungen geprägt ist. Denn die Häutungen von Stadt und Gesellschaft waren stets radikal - die Brüche zwischen uralter Tradition und immer neu definierter Moderne auch brutal: "Das seit hundertfünfzig Jahren auf der Stadt lastende Gefühl des fortwährenden Scheiterns manifestiert sich in zahllosen Schwarzweißperspektiven… mein Schwarzweißgefühl.." Die "prunkvolle, dahingeschwundene Zivilisation" des osmanischen Großreichs, die sich in ebenso großartigen Bauten, Villen und ganzen Stadtvierteln zur Schau stellte, ist lange dahin- und wie an so vielen Orten mit Tradition nur noch museal erhalten.

Hüzün- die Melancholie angesichts der unausweichlichen Verluste, leitet Pamuk sogar aus dem Sufismus ab- das Gefühl: "Wenn du dich nicht an Vergängliches klammern würdest und statt dessen ein aufrichtiger Muslim wärst, würden weltliche Verluste dich ohnehin nicht bekümmern" (S. 109). Die Melancholie wäre demnach das Gefühl der Unzulänglichkeit, "Gott nicht nahe genug zu sein und hienieden für Gott nicht genügend tun zu können" (dito) - also ein Ansporn, die "unzureichende Tiefe des Seelenlebens" (dito) zu überwinden. Das geht hin bis zu einem gewissen, um sich kreisenden Skurrilen: "Daß man, dieser Logik folgend, die Unfähigkeit zur Melancholie als Grund anzusehen hat, melancholisch zu werden, und betrauern soll, nicht genügend trauern zu können, hat der Melancholie in der islamischen Kultur erhebliche Wertschätzung eingetragen" (dito).

Auf der anderen Seite hat dieses in- sich- Gewandte vielen brutalen Machthabern freie Hand gegeben. Zwischen Melancholie und purer Willkür wurden immer wieder vor allem die Intellektuellen zum Opfer. Pamuk berichtet z.B. vom 1880 in Istanbul geborenen Ahmet Refik, ein ausgesprochen populärer Historiker des Osmanischen Reiches, der noch die originalen Handschriften sammelte, ordnete und in vielen Büchern verarbeitete. Aber Reife machte sich 1933 verdächtig, gegen Atatürk Opposition betrieben zu haben, woraufhin er "im Zuge einer Universitätsreform" (S. 182) entlassen wurde. In der Folge musste er, um zu überleben, Stück für Stück seiner kostbaren Bibliothek verkaufen, und starb fünf Jahre später- nicht nur vergessen, sondern regelrecht zertreten: "Zum Zeitpunkt seines Todes war von den neunzig Büchern, die er geschrieben hatte, kaum mehr eines erhältlich.. (S. 183). Auch seinem Schüler und Biografen sollte es vierzig Jahre später genauso ergehen.

Trotz des Wandels zur urbanen Weltmetropole, trotz überstandener Militärdiktatur findet diese Art von Säuberung nun auch wieder unter Erdogan statt: "Zunächst wurden in der Türkei mehrere tausend Menschen in den Bereichen Militär und Justiz festgenommen und jetzt geht es offenbar im Bereich Bildung weiter. Über 1.500 Hochschuldekane wurden zum Rücktritt aufgefordert, außerdem gab es viele weitere Entlassungen und auch Festnahmen bei türkischen Lehrern, und heute kam noch die Meldung, dass die türkische Hochschulverwaltung allen Akademikern bis auf Weiteres die Ausreise verboten hat." (Quelle Deutschlandfunk) Wieder werden, in einem Maßstab, der kaum vorstellbar schien, ganze Gesellschaftsschichten verhaftet, verstossen, degradiert, in die Ungewissheit entlassen. Man kann wohl von einer Enthauptung einer ganzen Gesellschaft sprechen. Diese vorerst letzte brutale Häutung einer Gesellschaft in Richtung eines primitiven Nepotismus hat wohl weniger mit religiösen oder laizistischen Bestrebungen zu tun, als mit dem Vordringen von Gesellschaftsmodellen nach russischem Vorbild. Natürlich ist das kein Thema in Orhan Pamuks schon 2003 erschienen Buch. Wenn diese Entwicklungen etwas schüren, dann wohl die von ihm beschriebene Hüzün. Zweifel kommen auf, ob Pamuks Herleitung der Melancholie aus mystischen Quellen realistisch ist; realer scheint die Ungewissheit, wie weit und wie lange der gesellschaftliche Konsens trägt, bis wieder das brutale Antlitz der Macht alle Kultur zunichte macht.
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