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Aug 2014

Der Geist ist - Im klaren Blick der geistigen Präsenz

geististDie Fülle der unterschiedlichen Rollen, in denen man sich entfaltet, gestaltet und in denen man auch an sich und seinen Ambitionen scheitern kann, ist nie größer gewesen als zur Neuzeit. Wir sind durchaus nicht dieselbe Person, etwa im Beruf und in einer Partnerschaft, als Antragsteller in einem Amt, bei einer Bewerbung oder als Sportler. Die Rollen gestatten es uns, durchaus unterschiedliche Aspekte unserer persönlichen Gewichte auszuleben. Wir sind heute - das meint der Fachbegriff "Bewusstseinsseele" - in der Lage, unsere unterschiedlichen Seiten und Rollen entspannt (oder auch erheitert oder moralisch entgeistert, auf jeden Fall jenseits der Scheingefechte der illusionären Selbstbehauptung), anzusehen und zu gestalten.

In den älteren Formen menschlichen Entwicklung - etwa der "Empfindungsseele" - ist das Individuum derart verschmolzen mit einer einzigen Rolle - etwa durch zeitgenössische gesellschaftliche Moralvorstellungen -, dass man von einer Rolle gar nicht sprechen kann. Das Individuum existiert noch gar nicht, sondern geht in eine determinierende Definition seiner Rolle auf, die es selbst auch übernimmt. Es gibt nur autoritäre Strukturen, die auf solche Selbst- Definitionen eingehen können. Der naive, ganz in sich befangene Tyrann (oder der Untertan, der Gerüchte- und Autoritäts- Gläubige) entsteht.

Die "Verstandesseele" meint den von seinen Bedürfnissen Getriebenen, den Homo Faber (oder auch den neuen Homo Fama, der den wirren, aber unwiderlegbaren Mythen, den Verschwörungstheorien des Computer- Zeitalters anhängt), den einsamen Technokraten, den Feinschmecker, den in dumpfer Jagd Verfangenen. Er folgt bedingungslos dem eigenen Kalkül, verliert sich im Theoretisieren oder folgt der Spur des kurzfristigen Erfolgs. Er darf nicht erlauben, dass sein energisches Binnensystem in Frage gestellt wird. Das würde seine Schlagkraft unterminieren. Alles, was dieses empfindliche intellektuelle (oder auch sentimentale) Wesen stören könnte, wird unter dem Diktat der Selbsterhaltung, der Authentizität, aus dem Bewusstsein gebannt.

Der moderne selbstbewusste Zeitgenosse weiß um seine Gefährdung, durch innere oder äußere Umstände gezwungen, auf eine archaische Ebene wie die der bloßen Selbstbehauptung oder die der bodenlosen Empfindungen zurück gestoßen werden zu können. Der Mensch hat die soziale Aufgabe, seine unterschiedlichen Rollen auszugleichen, aber nicht um den Preis des Rückfalls in die Naivität des "Ich bin ich". Niemand hat behauptet, dass das Selbstmanagement leicht werden würde- es ist aber doch zugleich die einzig mögliche Positionierung, da es ohne Bewertung der eigenen Filter in der Wahrnehmung keine Spur von Freiheit geben kann. Wir würden sonst bedingungslos selbstsüchtigen Impulsen und Ideologien hinterher laufen.

Jede moderne Initiation bedarf dieser permanenten Selbstkorrektur- etwa der selbständigen Gewichtung unserer Rollen- auch der Rolle des zu Initiierenden. Das Selbstbildnis, das irgendwann einmal vielleicht ohne Risse erschienen war, wird zu einem Zerrspiegel, in dem sich da situative Wesen entfaltet. Gerade im Angesicht der brüchigen Identität, jenseits der Sicherheiten, im kalten Blick der Sterne, in den eigenen Widersprüchen und unter der Figur, als die wir uns geben, erwacht das Selbstempfinden- ein Selbsterleben, das in die Persönlichkeitsstrukturen eingeht, sich darin ausdrückt, aber nicht damit identisch ist. Das Meer bleibt Meer, auch wenn es Land formt.

Was bleibt von uns, wenn wir das „Maschinelle“ abziehen, von dem Rudolf Steiner meinte: "Derjenige, der die ersten Schritte der Initiation schon durchgemacht hat, merkt, dass alles das, was an Maschinellem das moderne Leben durchdringt, so in die geistig-seelische Menschlichkeit eindringt, dass es vieles in ihr ertötet, zerstört." (GA 275.25) Wie viel „ertötet“ in uns selbst, weil wir nicht zur rechten Zeit an unsere eigenen Ressourcen heran kommen? Das „Maschinelle“ ist zunächst alles, was ein Computer simulieren kann, aber auch unser Aufgehen in Rollen, unsere Selbstreduktion: Das Würdelose an uns selbst.

Viele spirituelle Richtung erscheinen als Mind- Traps, weil sie geistige Autorität vorspiegeln und dem Suchenden die Rolle des Novizen zuweisen. Dabei gibt es in der individuellen Reife spirituelle Schülerschaft so wenig wie die Kategorien von Meister und Schüler. Es gibt keinen Anfang und kein Ende des inneren Weges, auch wenn vielleicht Hindernisse wie die eigenen Verhaftungen, der chronische Selbstbetrug, die inflationär betriebenen Selbstinszenierungen, als Filter vor dem Auge stehen. Im klaren Blick erwacht die Selbsterfahrung als geistige Präsenz.
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Die Todsünden gegenüber dem Geist oder:Wir basteln uns einen Mahatma

quichote
Sehen wir uns die Reihe der drei von Rudolf Steiner so genannten Todsünden gegen den Geist rein vom Umfang her an, dann muss man folgern, dass Steiner das „amerikanische“ Element am meisten im Magen lag. Das „Amerikanische“ aufgefasst als der blanke Materialismus kapitalistischer Machart war zu Steiners Zeiten vielleicht noch lokalisierbar als dieser amerikanische Kontinent- obgleich Handelsstädte der ganzen Welt so dachten und denken. Heute mehr denn je, quer über den Globus verteilt, Hochburgen in Manila, Peking, Tokio, Moskau, und so weiter, bis in jedes Dorf hinein. Steiner schrieb damals:

"Es gibt drei Strömungen, die durch ihre innere Verwandtschaft das Zerstörerische für die Menschheitsentwickelung haben. Dadurch, dass sie in verschiedener Weise die Erbstücke und das Neue aufgenommen haben, dadurch sind sie das Zerstörerische. Vorzugsweise in drei Strömungen liegt dieses Zerstörerische: Erstens in alledem, was man Amerikanismus nennt, denn das tendiert immer mehr und mehr dahin, die Furcht vor dem Geiste auszubilden, die Welt nur zu einer Gelegenheit zu machen, in ihr physisch leben zu können. In der Welt bequem und reich leben zu können, das ist das politische Element des Amerikanismus. Unter dem Einfluss dieser Strömung muss aber der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt ersterben. In diesen amerikanischen Kräften liegt das, was wesentlich die Erde zum Tode bringen muss, weil der Geist davon abgehalten werden soll. Das zweite Zerstörerische ist nicht bloß der katholische, sondern aller Jesuitismus. Diese Strömung will die Kräfte in der Menschennatur verkümmern lassen, die nach dem Übersinnlichen gehen. Und das Dritte ist der rein das Animalische sozialisierende Sozialismus, Bolschewismus. (R. Steiner, GA 181, S. 406f)

Ich versuche diese hier zitierten Begriffe nicht statisch, starr, dogmatisch zu verstehen - Amerikanismus, Katholizismus, Bolschewismus -, sondern als dynamische Problemfelder, die heute durch Sickerprozesse und Globalisierung andere Gestalt angenommen haben. Das „Jesuitische“ würde ich heute als das auffassen, was durch Bilder und Impulse (nicht durch Einsicht und offene Kommunikation) auf den Willen wirken will. Alles das, was den Menschen nur als Konsumenten auffasst und beeinflusst; als Konsumenten auch von Meinungen und Haltungen: Die Werbebranche mit ihren Niederungen in TV, Politik und Google- Analyse. Die reine Masse der Quoten. Letztlich umfasst dieses Themengebiet auch die Selbstbilder jedes Einzelnen, der sich als Projektionsfläche so vieler kommerzialisierter Ideale versteht - als Produkt der Moden seiner Zeit. Der Macht dieser Selbstbilder kann sich jeder Einzelne nur selbst entziehen - durch die Entwicklung und Entfaltung innerer Autonomie- Erfahrung. Die „Präsenz“ im Sinne einer nüchternen Selbst- und Seins-, vielleicht auch Gottes- Erfahrung durchdringt und durchleuchtet die Macht der Bilder.

Das „animalisch Sozialisierte“ ist ein bürokratisches Monster- es findet sich heute in all den Systemen, die heute in automatisierte Optimierungsprozesse getrieben werden- durch endlose Dokumentation, Evaluation und Selbstausbeutung - Systeme, in denen der Einzelne schnell zerbricht. Sie können ihn zerreiben. Die permanente Selbstentäußerung in der Arbeit erfordert eine Gleichförmigkeit in andauernder Veränderung - etwas, auf Dauer menschlich kaum ohne individuelle Blessuren durchzuhalten ist. In diesen Systemen ist es anspruchsvoller denn je, Freiräume im Sinne einer moralischen Fantasie zu entwickeln- im Dienst der Sache. Möglich ist es doch. Das ist es doch, was von uns erwartet wird: Zukunft zu bilden, Fortschritt, Entwicklung- womöglich nicht die nächste Revolution zu verschlafen.

Möglich ist es auch, die eigenen Rollen, treibenden Selbstbilder und das Konsumenten- Verhalten zu analysieren und sich darin aktiv zu positionieren - das eigene Materialistische, das Sicherheitsbedürfnis und den eigenen Egoismus zu erkennen und damit umzugehen. Das ist eine Aufgabe, kein Fatum. Zugleich gibt es eine hoch sensitive kollektive Betrachtung all dessen z.B. in den Feuilletons und manchen Netzwerken, in Talkshows und Freundeskreisen. Die digitale Bildungsschicht ist in Netzwerken organisiert und formuliert sich darin selbst- all den von Rudolf Steiner genannten zerstörerischen Strömungen zum Trotz. Die Freiheit, sich in der informellen und systematischen Flut eigene Meinungen zu bilden und Standpunkte einzunehmen, besteht nicht nur, sondern wird größer. Auch wenn es unangenehme Meinungsbildungs- Wellen gibt, aufflackernde fanatische- und autistische Selbstbilder, dahinter gutmeinende Kampagnen, die durchs Netz wabern. Trotz allem gilt es vor allem, die mediale Selbstbestimmung zu vollziehen- denn das sind wir ja ständig: mediale, sich mitteilende Menschen.

Dennoch: Ein global agierendes Unternehmen wie Amazon ist so erfolgreich, weil es eben die „Todsünden“ als Prinzip beherrscht, nämlich effektiv und selbst lernend organisiert zu sein- bis hinein in die Logistik-, als Werbeform individualisiert in Bezug auf die Haltung des Konsumenten, ihn als Kommentator einbindend- oder auch direkt als Wiederverkäufer. Man kann schnell am System partizipieren, und sei es nur, um ein paar seltene Bücher zu veräußern, die man noch herum stehen hat. Oder indem man einen bezahlten Werbekanal für Amazon auf seiner Website platziert. Die einem Wort: Die Todsünden, in variierenden Kombinationen vorstellt, entwickeln sich zu Geschäftsfelder des medialen Zeitalters, die so tatsächlich funktionieren.
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