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Apr 2015

Zeit und Zeitlosigkeit

Die Ebene, die gemeint ist, erreicht man in jüngeren Jahren nur in Momenten- etwas, so leicht wie der Schlag von Schmetterlingsflügeln. Es ist die Ebene des Essentiellen, des Wortlosen, in der sich ein existentielles Wissen ausdrückt, auf der das Individuum sich als Ganzes fühlt, als heim gekommenes Wesen. Aber diese Momente der Berührung mit dieser Ebene geben die Richtung vor.

Dann gab es Situationen, in denen durch einen Schock oder eine angeschlagene Gesundheit unvermittelt ein Eintauchen gelang, durch die über die Gewissheit hinaus eine Art Vertrautheit erlangt wurde- jedes Mal in ganz anderen Umständen und mit anderen inneren Gestaltungen, aber doch eben dies: Das Eintauchen in die Zeitlosigkeit. Eine Spur davon reichte bis in die Kindheit- es gab eine Erinnerung: Manchmal, wenn das Kind nach einem Unfall oder einer Kinderkrankheit in der Rekonvaleszenz lag, gab es einen Augenblick der Leichte unter den Schmerzen und Kümmernissen; das Erleben der aufflammenden Heilkräfte, die am Organismus wirkten. Auch diese Kräfte entstammten der Ebene, die keine Zeit und keine Worte kennt- der Ebene, der das Tagesbewusstsein entrissen wird, aber die immer darunter liegt. Oben das zerstückelte Zeitbewusstsein, unten der Ozean der Dauer, die Ebene des Lebens.

Der Erwachsene ist in der Zeit verloren. Er hat vielleicht sogar die Erinnerung an seine eigenen Quellen verloren - ist gebannt in das punktuelle Hier und Dort, Dann und Dann. Es ist ein langer Weg, aus der Zerrissenheit heraus über gelegentliche Berührungen in ein im Tagesbewusstsein jederzeit präsentes tiefes Eintauchen zu gelangen. Dazu muss, bildlich gesprochen, ein ganzes wogendes Meer beruhigt werden- um durch die gespiegelte Oberfläche hindurch bis auf den Grund zu schauen. Im Grunde dieses Meeres zu verwurzeln bedeutet in der Zeitlosigkeit heimisch zu werden. „Dort“ verliert man jegliches Zeitgefühl- man weiß nicht, wie lange man verweilt. Und es ist immer doch nur ein Anfang.

Massimo Scaligero nannte dieses Erleben ein „Zugleich“, das sich als „Strömen des Seins“ darstellt: „Die Zeit ist gleicherweise die Zukunft, die uns entgegen kommt, und die Vergangenheit, die in uns ruht. Beide sind zu einer Gegenwart verschmolzen, die augenblickshaft auftaucht, dadurch aber in ihrer währenden Gegenwart unwahrnehmbar wird. Dies ist das Zugleich: identisches Sein, identisches Fliessen, gleichzeitiges Währen, das fortwährend verloren wird.“*

Dem Verlorengehen des Währenden entspringt unser helles Tagesbewusstsein, das uns Zeit- und Raumbewusstsein gibt. Wir müssen an die Quellen der Aktivität, den Grund des Meeres heran, um die Kontinuität des Seins zu realisieren.

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*Massimo Scaligero, Raum und Zeit, Ostfildern 1995, S. 39
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