Archives for Apr 2012 | EgoBlog | Die Egoisten
Apr 2012

Andrew Cohen & EnlightenNext- ein amerikanischer Guru

Bildschirmfoto 2012-04-29 um 19.01.43aus Cohen Website

Yes, ich lese gerade per Kindle- Lesegerät "American Guru: A Story of Love, Betrayal and Healing- former students of Andrew Cohen speak out" von William Yenner, der über weit über ein Jahrzehnt eine Art Manager für die EnlightenNext- Bewegung (so der heutige Name der Zeitschrift) war. Yenner ist auch nicht gerade freiwillig aus dem Bannkreis des auch in anthroposophischen Kreisen bekannten Gurus Cohen geworden. Er fiel vielmehr den regelmäßig stattfindenden Säuberungsaktionen innerhalb der Organisation zum Opfer, den immanenten und permanenten Ausgrenzungsmechanismen eines strikt autoritären Systems, an deren Spitze mit Cohen ein geld- und machtversessener, aber offensichtlich charismatischer Führer steht.

Die Methoden, deren sich Cohen in den internen Kreisen bedient, ist ein umfassender Spitzelapparat, dem sich Hunderte von aktiven Anhängern bereitwillig unterwerfen, um dann - angeblich um ihr "Ego" zu brechen- zunehmend gedemütigt, teilweise geschlagen und ihrer sämtlichen Ersparnisse (oder mehr) beraubt zu werden. "Beraubt" ist vielleicht der falsche Ausdruck- sie überschreiben das Geld, nehmen Kredite auf, um ihren auf sie scheinbar wütenden Guru zu besänftigen, der sich mit Kleingeld nicht zufrieden gibt, auch nicht mit buchstäblichen Unterwerfungen, Bädern in eiskaltem Wasser, stundenlangem Beten vor seinem Abbild. Die "Schuld", um die es sich handelt, ist meist sexueller Natur. Cohen kontrolliert alle (sexuellen) Beziehungen der ihm Hörigen und ahndet einen nicht von ihm genehmigten Kontakt (oder auch nur einen Akt der Masturbation)- eben alles, was die Spitzel ihm bereitwillig zutragen- so lange, bis es sie selbst erwischt. Es ist ein totalitäres System, das mit blumigen Implikationen und einem weltoffenen Erscheinungsbild verschleiert wird.

Das System funktioniert - nicht nur nach der Darstellung Yenners- aber stets so, dass nach Übertragung der teils erheblichen Geldbeträge (teils Millionen) die ausgegrenzte und gedemütigte Person durch anhaltende Isolation, Schläge oder anderes Brechen der Persönlichkeit zum Austritt veranlasst wird. Cohen hält seine Organisation dadurch lebendig, braucht aber auch ständig neue Märkte- eine quasi anhaltende Expansion, um immer wieder neue Geldquellen zu akquirieren.

Yenner liefert nicht nur einen Insiderbericht von der Spitze her (er hat das System selbst maßgeblich aufgebaut und organisiert), sondern reflektiert auch die totalitären Strukturen recht gründlich. Yenner hat alles für Cohen aufgegeben, selbst seine Ehe. Er trauert, wie man dem Buch anmerkt, bis heute um diese Beziehung zum verehrten Guru amerikanischen Zuschnitts, der allerdings nicht nur zynische, sondern auch unberechenbare, ja sadistische Züge zeigt und völlig korrumpiert zu sein scheint von der ihm zugewachsenen totalen Macht über Andere.

Das Grundprinzip von Cohens Apparat ist folgendes: "As strange as it sounds, my former teacher takes pride in (among other things) his ability to lie to and manipulate others. His community consists of concentric circles, each knowing only so much and not privy to what goes on in the ones above."

Yenner grübelt nach wie vor, was Cohen im Kern antreiben mag: Ist es "pleasure in deceit or lust for domination in himself? Is this the pathological template underlying Cohen’s pervasive demonization and abuse of those students who dare to disobey, contradict or leave him?"

Im Endeffekt sieht er in Cohen einen charismatischen Manipulator: "It is the shock of coming face to face with a monster that destroys because it can, that derives an experience of euphoria, arousal or pleasure from the recognition of what it can get away with, believing that no one will stand in its way."
Aber dämonisieren sollte man ihn nach Yenners Meinung nicht- Cohen selbst in seinem Machtwahn innerhalb seines Erleuchtungs- Zirkus zeigt eigentlich im Grunde infantile Züge: "..less as diabolical than as childish and at times even infantile."

"Karmische Schuld" bei kleinen Vergehen abzutragen, hat in Cohens System einen festen Wert, nämlich mindestens 20000 Dollar: "You actually even said to me and a few others at one time that when a ‘committed’ or a ‘senior’ student “blows it,” it’ll cost them $20,000 in karmic retribution." Nun gut. Eine möglicherweise teure Erfahrung, die einige Jahre des Lebens kosten mag und einen desillusioniert und mit Sicherheit ohne die versprochene Erleuchtung zurück lässt. Manche Aussteiger - vor allem die, die nicht gezahlt haben- werden in Cohens Auftrag auch verfolgt, um sie zu "überreden", zurück zu kehren. Wer diesen Preis für leere Versprechungen zu zahlen bereit ist, mag ja bei EnlightenNext eine Art esoterisches Abenteuer finden. Es ist natürlich ein abgenagter Knochen, den man eigentlich schon bei Osho ausreichend kennen lernen durfte. Aber offenbar braucht jede Generation ihre eigenen surrealen Gurus, egal wie soziopathisch sie daher kommen mögen. Anfänger - auch in anthroposophischen Kreisen- preisen die Härte und „Konsequenz“ in Cohens System. Das Ganze hat natürlich mit den freilassenden und menschenfreundlichen, ewig diskutierenden und streitenden Anthro- Kreisen gar nichts zu tun. Aber die Möhre, die in diesem Fall „Erleuchtung“ heißt, baumelt den Newbies vor der Nase und wirkt bezaubernd, egal wie hart sie Cohen oder seine Leute herannehmen, kritisieren und demütigen sollten. Dass die totale Kontrolle in den inneren Zirkeln letztlich überall hin führt, nur nicht zur Erleuchtung, wird aber meist erst nach dem kruden Erwachen bei systematischer Ausgrenzung und Ausbeutung deutlich.

Comments

Den schwarzen Hund besuchen. Meditationen über den Doppelgänger

In der neu angelegten Kategorie „Moderne Mystik“ ein neues Textfragment über das rätselhafte Phänomen des Doppelgängers, mit einigen Zitaten von Rudolf Steiner.

doppelgaenger
Comments

Zweiter Stock, sechster Stock

Das Mädchen war sieben Jahre alt, ein schönes kleines Wesen, gelegentlich offenherzig, von lebhaftem Temperament, gelegentlich verstockt, aber ich wusste nicht warum. Ich bekam bald heraus, dass sie kein Wort lesen oder schreiben konnte, bei schon offensichtlich hell wacher Intelligenz, und dass sie die Mitschüler mit Butterbroten bestach, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wir mussten mit der Phonem- Graphem- Zuordnung ganz von vorne beginnen, ja sie musste überhaupt lernen, zu lernen, ohne sich durch zu tricksen. Das tat sie auch, ein Jahr lang, aber es blieb eine Unruhe und Wut in ihr, die ich mir nicht erklären konnte. Sie blieb in einem wesentlichen Bereich stumm, so weit wusste ich Bescheid. Aber als ich dann tatsächlich auf verzweigten Umwegen an das Problem heran kam, stand sie im zweiten Stock im Fenster und wollte springen. Ich war ganz ruhig, wie meist, wenn es darauf ankommt und machte nicht zu viel Druck. Sie könnte es mir sagen, sagte ich, ich wäre für sie da, aber ich müsste vielleicht etwas unternehmen. Dann nahm sie, als ich langsam aufstand, meine Hand und kam vom Fensterbrett herunter. Wie sich heraus stellte, wurde sie von ihrer Mutter, an einen gut angesehenen Herrn vermietet worden und musste diesem bei abendlichen Gelagen und mittags nach der Schule zu Diensten sein. Die Kripo und das Jugendamt waren zwei Stunden später vor Ort und entfernten das Mädchen aus allen weiteren Zugriffen - es bestand, da sie nun einmal das verzweifelte Schweigen gebrochen hatte, akuter Handlungsbedarf. Man befürchtete Gewalt vonseiten des ehrenwerten Herrn, der letztlich im übrigen bei der ganzen Angelegenheit nicht einmal vor Gericht erscheinen musste, da er sich als Opfer einer Erpressung darstellen konnte.

Der Junge war in der Schule nicht mehr zu fördern, da seine Gewalttätigkeit bereits im ersten Schuljahr jedes Mass überstieg. Es war eine dumpfe, verzweifelte Gewalt ohne sichtbaren Anlass, er versuchte unterschiedslos durch schwere Schläge zu verletzen- ob Kinder oder Erwachsene. Er verweigerte damit offensichtlich jede schulische Förderung und jede Entfernung von zu Hause. Es hieß, der Vater sei im Gefängnis, die Geschwister im Heim und die Mutter meistens alkoholisiert. Als ich in dem Abbruch- Hochhaus, das mehr einer Ruine glich und dessen Aufzug man lieber nicht vertraute (er war innen ausgebrannt) im sechsten Stock zum Hausunterricht kam, flüchtete der Junge in ein Zimmer, hantierte am Fenster, hüpfte in den offenen Rahmen und sagte: Ich springe. Ich ging ruhig Schritt für Schritt zurück, in die Küche, zur Mutter, die am Tisch saß. Ich rief: Ich bin schon weg, bei deiner Mutter. Nach einer Zeit kam er aus dem Zimmer und setzte sich vor den Fernseher. An diesem Tag lernten wir sonst nichts mehr, am nächsten Tag eine halbe Stunde, dann ging wieder nichts, aber am vierten Tag lasen wir ein wenig zusammen. Er war etwas aufgeräumter, die Wut hatte sich verflüchtigt- diese Wut, die schon in diesem Alter auch selbstmörderisch war. Ich verstand, dass die Mutter niemals trank, sie erschien den Behörden nur so, weil sie schon fortgeschrittenen Parkinson hatte. Es war niemand für sie da- der Junge hatte sich vorgenommen, sie zu beschützen. Der Rest der Welt war für ihn zu einem diffusen Feindgebiet geworden.

Diese Geschichten kann man herauf und herunter erzählen, sie klingen immer bizarr in den Ohren derer, die davon nicht berührt werden. Aber dort, wo diese Geschichten entspringen, gibt es viele davon. Daran ändert auch ein ganzer Helferapparat nur marginal etwas. Es ist keinesfalls nur ein Apparat, es gibt viele Grenzgänger, die als Personen wach und engagiert tätig sind. Natürlich ist es nie genug. Es ist immer nur das, was man schaffen kann. Die Perspektiven der Grenzgänger, die an den gesellschaftlichen Abgründen zu tun haben, ändern sich. Man wird immer konkreter und vertritt keine allgemeinen, abstrakten Standpunkte mehr. Man macht, was zu tun ist, was man kann, man nutzt die Netzwerke, das Gespräch, man kämpft gegen administrative Grobschlächtigkeit und institutionelle Gleichgültigkeit an. Es ist nie genug, und am Ende verliert man die Personen aus den Augen. Man hat immer nur eine gewisse Zeit zur Verfügung. An den Kern des Problems heran zu kommen, erklärt die Wunden, die geschlagen wurden, aber heilt sie nicht. Das, was man anstösst und bewegt, trägt den Fall meist in andere - vielleicht fachkundigere- Hände und man bleibt zurück mit diesen Fragezeichen, die später, endlos lang, ein Leben lang, durch die Träume wabern. Die Perspektiven ändern sich, die Probleme nicht.
Comments

Zwei & Zwei


Du bist sicher, ich bin es nicht. Ich habe keine Antworten, ja nicht einmal Fragen. Ich stehe auf dem Feld, mit dem weiten Blick übers Land und versuche Zwei und Zwei zusammen zu zählen. Die sich ballenden Wolken, das sich spreizende Licht, das Meer von Grün, die Halme des Weizens. Ich versuche den Augenblick zu kosten. Ich ziehe mit den Wolkenflocken über das Land, ich schmecke die aufgebrochene Erde. Gestern war das Licht noch lockend, umwühlend, saugend und ziehend. Heute drängt es ins Wässrige, staut und ballt. Als ich jung war, versuchte ich oft zu stehen, als wäre ich Teil des weiten Landes. Wenn man mit ihm verwächst, wird man unsichtbar darin; die Tiere nehmen einen nicht mehr wahr. Die Spur des Vogelflugs schreibt unversehens ein Gedicht. Das weite Land beginnt sich in dir zu denken.

Wenn man unsichtbar wird, beginnen die Dinge zu sprechen. Am späten März-Abend legte sich die Sichel des wachsenden Mondes noch unter die Frühlingsplaneten- die Stimmung von Empfängnis und Erwartung. Nun hat sich die Hoffnung erfüllt, das weite Land ist ganz befruchtet und gedeiht. Die Knospen sind gebrochen und befreit. An den Kastanien stehen die jungen Blätter wie tausend ungelenke kleine Störche im noch scharfen Wind aus Norden. Ein wenig Salz hängt in der Luft, die Nordsee ist nicht weit.

Ich bin nicht sicher, denn die Windstösse treiben mich um. Ich wiege mit den jungen Halmen, ich ziehe mit den Wolken und sie ziehen durch mich durch. Das Feld steht in mir und zählt Zwei und Zwei in mir zusammen.
Comments

Einige gesammelte Aufsätze von Peter Staudenmaier

Die anthroposophische Nachrichtenagentur NNA berichtet aktuell über Peter Staudenmaier:

„Staudenmaier ist Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University (Milwaukee, Wisconsin). Für seine Forschung zum Thema hat er in größerem Umfang Dokumente u. a. aus dem Bundesarchiv in Berlin ausgewertet. Die Forschung, eine Dissertation, wurde mit Unterstützung der Cornell University, Ithaka (NY) durchgeführt. Die Kurzfassung wurde bei einem Workshops des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der Universität Dresden vorgestellt.

Grundsätzlich geht der US-Historiker von einer „ideengeschichtlichen Nähe“ von anthroposophischen und völkischem Gedankenguts aus. Die Verknüpfung liegt für ihn vor allem im Begriff des deutschen Wesens und Geistes und der damit verbundenen Weltmission. Staudenmaier sieht im Werk Rudolf Steiners auch eine „Rassenlehre“ als „tragende Säule“ sowie ein ambivalentes Verhältnis zur Demokratie und eine Abneigung gegen Liberalismus und Sozialismus. Dieses rechtslastige Erbe der anthroposophischen Bewegung habe aber auch in Spannung zu anderen, entgegengesetzten Elementen gestanden. In seiner Dissertation spricht Staudenmaier von einem “left-right crossover that has marked anthroposophical politics from the beginning”.

Staudenmaier betrachtet seine Forschung als Korrektiv zur 1999 erschienenen Arbeit von Uwe Werner „Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, die aus seiner Sicht Abgrenzung und Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung zum NS-Regime und seinen ideologischen Grundlagen zu sehr in den Vordergrund stellt. Demgegenüber legt er den Schwerpunkt auf die Verbindungen der Anthroposophie zu völkischem und rassistischem Denken und seinen Repräsentanten vor und während der NS-Zeit.“

Im Zuge der Umbauarbeiten bei den Egoisten sind die meisten der bislang hier erschienenen Aufsätze und Statements Staudenmaiers auf einer neuen Seite gesammelt worden. Es werden sicherlich bei der Sichtung des alten Blogs noch einige hinzukommen. Die Inhalte der bislang verfügbaren kritischen Statements sind:

„Anthroposophists and antisemitism in Fascist Italy“, „Waldorf and the "national community““, „Nazism as opportunity for Waldorf“, „Biologisch- dynamische Landwirtschaft in Konzentrationslagern“, „Waldorfschulen in Nazi-Deutschland“, „Waldorf enthusiasm for Nazism“, „Frankfurt Memorandum“, „Anschlag auf Rudolf Steiner?
Steiners disrupted lecture in Munich, May 1922“ und „Über Massimo Scaligero“.
Comments

Netzkinder & Krise der Identität

Ich gehe noch einmal gern auf Piotr Czerskis Internet- und Generationenpamphlet "Wir, die Netzkinder" ein, weil ich es für so grundlegend halte. Es ist ein Pamphlet der jungen Leute, die die Welt, die sie vorfinden, als solche vorfinden, die digital vernetzt ist: "Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit."

Es fällt den Nicht-Piraten, den „Analogen“ und Älteren schwer, allein in der Digitalisierung und Vernetzung einen politischen, weltanschaulichen oder gar emanzipatorischen Ansatz zu erkennen. Für Czerski besteht er sehr wohl:
"In uns steckt nichts mehr von jener aus Scheu geborenen Überzeugung unserer Eltern, dass Amtsdinge von überaus großer Bedeutung und die mit dem Staat zu regelnden Angelegenheiten heilig sind. Diesen Respekt, verwurzelt in der Distanz zwischen dem einsamen Bürger und den majestätischen Höhen, in denen die herrschende Klasse residiert, kaum sichtbar da oben in den Wolken, den haben wir nicht. Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird."

Natürlich ist das ein Ideal. In unseren sozialen Systemen, im heutigen systemischen Denken überhaupt finden sich ähnliche Ansätze: Aus "Überprüfungen" innerhalb sozialer Systeme sind "Evaluationen" geworden. Der Gedanke, dass ein systemisches Konstrukt sich selbst fortentwickelt, sowohl zum Wohl der zu Betreuenden wie auch der Mitwirkenden, hat sich längst im Gesundheitssystem, in schulischen und anderen sozialen Verbänden durchgesetzt und wird praktiziert. "Fehler" sind nicht mehr etwas zu Ahndendes, sondern eher ein willkommener Ansatz zur Neujustierung von Zielen und Vereinbarungen. Zumindest wird - auch in Teilen der Wirtschaft - zu großen Teilen so gehandelt; der soziale Netzwerkgedanke setzt sich durch. Die individuelle Kompetenz verrutscht mehr in die Richtung, gut sozial vernetzt zu sein und konstruktiv systemisch zu denken und zu handeln.

Auch das individuelle Scheitern wird einerseits nicht mehr wie früher pathologisiert und mit "Schande" belegt- es wird z.B. im Begriff des Burn-Out zunehmend so verstanden, dass das Individuum im permanenten systemischen Wandel eben nicht mehr mithalten kann- und aus dem Prozess heraus fällt. Noch vor Kurzem war dasselbe Scheitern als "Depression" etwas, was man despektierlich als "Geistesgestörtheit" abqualifizierte. Was heute zählt, ist die persönliche Initiative, um den Entwicklungsprozess der Institution adäquat mit gestalten zu können. So wird "die persönliche Initiative zum Maß der Person" (1). Aber das Aufgehen in einem Entwicklungsprozess - sei er politisch, sozial oder wirtschaftlich - widerspricht unseren Konzepten von "Persönlichkeit". Wir sehen unsere Person als ein statisches Produkt, ein unverrückbares Wesen mit bestimmten Charakteristika, nicht als produktiver Teil einer Netzwerkgesellschaft. Das System sieht das "Persönliche" als "ein normatives Artefakt. Im Gegenteil, "in der Gruppe kann jeder seine eigene Individualität finden- sein "wahres Ich". Die Gruppe bildet die praktische Basis für die Anerkennung des Selbst durch die anderen." (Ehrenberg, S. 160f)

Aber die permanente Initiativfähigkeit des Individuums, der "souveräne Mensch, der sich selbst ähnlich ist (..)" und im Begriff steht, "en masse Wirklichkeit zu werden" (Ehrenberg, S. 155), soll sich keinesfalls - wie früher- selbst verwirklichen, sondern in seinem Tun im Rahmen seiner Netzwerkarbeit. Die frühere Trennung zwischen Arbeit und Freizeit verfällt. Das ist die Ursache des zu beobachtenden völligen Aufgehens von Individuen in der Arbeit, nicht die technischen Helfer wie Smartphone und Laptop, die die Verfügbarkeit rund um die Uhr lediglich realisieren. Es gibt allerlei Probleme: "Das immer schnellere Tempo der Veränderungen zwingt den Menschen, den Anpassungsprozess immer mehr zu beschleunigen. Der Mensch des 20. Jahrhunderts muss sich, um überleben zu können, an eine Gesellschaft anpassen, die sich im permanenten Wandel befindet…" (Ehrenberg, S. 152) Daher wird etwas wie eine Privatsphäre - wie die folgenlosen Diskussionen um Datenkraken wie Google und Facebook zeigen - immer mehr zu einem aussterbenden Konzept. Nicht jeder hält das aus. Daher "entsteht eine wahre Industrie von Beziehungsdienstleistungen mit einer eigenen Sprache (Lebenshilfe), eigenen Technologien (medikamentöse, psychologische), eigenen Berufen (Sexologen, Gruppentherapeuten usw.) und einer eigenen Literatur. Im Strudel der dauernden Verfügbarkeit und Optimierung greift man auch massenhaft zur beziehungs- (Partnersuche per Internet-) und zur sinnstiftenden (spirituellen) Beratung und Unterweisung im Netz. Ein moderner geistiger Lehrer wie Eckhart Tolle (2) gründete deshalb einen eigenen kostenpflichtigen Fernsehkanal im Netz, der auch dieses Bedürfnis abzudecken vorgibt. Ich finde interessant, dass Tolle nicht mehr von "Selbstverwirklichung" spricht, sondern von "Teachings and Tools to Support the Evolution of Human Consciousness". Auch den modernen Gurus geht es um einen Entwicklungsprozess.

Der Glaube an die Bedeutung der Entfaltung einer statischen Persönlichkeit verfällt, aber auch generell "die Opposition von Individuum und Gesellschaft". Das hat auch etwas entlastendes. Zunehmend geht die Vorstellung zurück, "man müsse ein Individuum disziplinieren, um es gesellschaftsfähig zu machen" (Ehrenberg, S155) - die Teilhabe an der Gesellschaft soll sich ja nun aus eigenem Antrieb und Initiative ergeben. Für die, die das nicht, nicht mehr oder nicht ausreichend erreichen, bietet sich die Depression (oder Burn-Out) "als Krankheit des modernen Lebens" (Ehrenberg, S. 183) an.

Die Depression wird zur Schattenseite der Netz- und Optimierungskultur: "Gleichzeitig geht das psychiatrische Denken immer mehr davon aus, dass die grundlegende Störung der Depression psychomotorisch ist: Das fehlerhafte Handeln entthront das gestörte Gemüt. Einen Fehler in Hinsicht auf die Norm zu machen, besteht nun weniger darin, ungehorsam als vielmehr unfähig zum Handeln zu sein. Darin liegt eine andere Auffassung von Individualität." (Ehrenberg, S. 220) Die neuen Modelle von Partizipation und Qualitätsmanagement brauchen nicht den gehorsamen Menschen in seiner ihm zugewiesenen Hierarchie, sondern den erreichbaren, sprungbereiten, verantwortlichen, motivierten und flexiblen Netzwerker. Immer häufiger entwickelt sich das vernetzte Leben für Individuen zu einer "chronischen Identitätskrankheit" (Ehrenberg, S. 252). Dementsprechend wird die nicht mehr tabuisierte und weniger pathologisierte Depression zu einem "Rückzug", der ein Schutzverhalten des Identitätsunsicheren darstellt- ein Schutzverhalten, "das dem Subjekt das Überleben sichert, wenn es nicht mehr kämpfen kann" (Ehrenberg, S. 224).
___________
1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. S. 24
2 www.eckharttolletv.co

Comments

gleichgewicht

man steht nie
fest man
pendelt nur.
Comments

Besinnung und Neuorientierung

Die Egoisten ziehen sich nach weit über zehn Jahren dauernden Diskurses zum Teil zurück. Daher sind die meisten Beiträge dieser Jahre - auch frühere Beiträge aus Zeitschriften und Vorträgen- nicht mehr im aktuellen Verzeichnis des Blogs verfügbar. Die Gastautoren bitte ich um Verzeihung, dass auch eine Reihe von Beiträgen damit verschwinden. Falls hier und da tote Links erscheinen sollten, bitte ich ebenfalls um Verständnis. Ein Neustart ist nicht ausgeschlossen, aber das möchte ich mir offen halten.
Comments

Todesfuge

Comments

Ostern - an der Kehre des Flusses


Page_19_2

Erinnerungen, abgelegt in Borken, in organischem Material, in den Uferverläufen eines mäandernden Flusses. Da gibt es Ablagerungen, Verkrustungen -von jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr. Die Zeit bildet Schichten - Flöze in der Großhirnrinde.

Eine ganze Szenerie vor Augen, wenn man erinnert. Personen spielen hinein, ein Hintergrund, eine Musik. Eigentlich kann man sich an Gesichter nicht erinnern- eigentlich vergegenwärtigt man sie im wortwörtlichen Sinn; die Person steht einem vor Augen; man hat sie nicht nachgebildet, nur ihre Erscheinung erfahren. Diese Person steht in einem kausalen und zeitlichen Zusammenhang, in einem Set, einem Arrangement. Sie übersteigt das Denkbare und wird zur einzigartigen Person jenseits dessen, was sie als Objekt, als Naturhaftes, als Gewordenes darstellen mag.

Manchmal verlieren sich vor allem alte Menschen in so einer Schicht, in einer Ära ihrer selbst. Manchmal gelingt es Menschen schwer, aus dem Mutterkuchen frühen Glücks jemals wirklich auszubrechen. Sie werden von einer vergangenen Ära gestützt und zugleich gefangen gehalten, weil sie sich aus ihr definieren. Sie gestatten, dass sich ein Gepräge, eine Erfahrung, ein Charakter aus einer Schicht von Reminiszenzen bildet. Das, sagen sie, bin ich. Ich lebe aus der Gnade meiner Krusten und Geformtheit, ich bin der Herr der Borken und meines vergangenen Lebens. Daraus bin ich gebaut.

Aber wer ist es, der dieses Geformtsein als solches erkennen kann? Ich mäanderte fragend, leer und erschöpft in einer Landschaft reiner Gegenwärtigkeit. Ich schöpfte Wasser aus einem Fluss, der keine Ufer hat. Ich wurde, als ich nackt war, eingekleidet. Ich wurde an der Kehre des Flusses, unter den blühenden Apfelbäumen, mit Brot gesättigt, als ich hungrig war. Ich weiss, in dieser Landschaft ist er zuhause, der alle Hungrigen speist und alle bekleidet.

Ich kam voller Scham; die Scham hat mich hierher geführt. Es ist also wahr: Wenn die Krusten und Borken abgelegt sind, das Auge ins Blaue gewendet und die Zunge zum Kiesel geworden, lebe ich doch fort. In der Luft sein Atem, auf spurlosem Grund. An der Kehre des Flusses lebt man aus seiner Gnade fort.
Comments