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Apr 2011

Schulungsweg, Kunst und "Psychotherapie"

Der Schulungsweg ist zweifellos eine spezifische Art von „Psychotherapie“. Denn dass wir *bedürftig* im Sinne von „unfertig“ sind - alle - wird schnell offensichtlich, wenn man sich damit beschäftigt. Man muss sich seine Zwiebelschalen einfach deshalb vor Augen führen, weil man sonst nicht frei wird. Aber die Perspektive ist doch eine besondere, denn eigentlich betrachtet man die Schalen von sich als der, der davon schon ein Stück weit frei ist. Die Perspektive ist nicht der des Wühlens in seelischen Katakomben, sondern die eines Beleuchtens von außen- ein Außen, zu dem ich als *Zeuge* seelischer Prozesse geworden bin. Es ergibt sich, wenn man tatsächlich zu radikaler Ehrlichkeit bereit ist, eine anarchische Energie, sich dem zu stellen, was man eigentlich nicht zu wissen wünschte. Man kann auf diese Weise von den eigenen Manierismen frei werden, aber es gibt auch die Möglichkeit des Scheiterns. Dass der Zeuge korrumpiert wird, dass er unterliegt, dass ein seelisch- geistiger Sog sich durchsetzt. Man fährt auf dem Floss des Seelengewässers und hört die eigenen Sirenentöne, die Schalmeien des Ego. Und man sollte nicht glauben, dass man mit einer Überfahrt jemals fertig wäre. Es gibt viele Meere zu befahren.

Der Schulungsweg als spezifische Variante einer „Psychotherapie“ ist dies - das Befahren des Seelenmeeres- in einem rudimentären Sinne des Sich-Stellens. Man weiss, man braucht diese Ehrlichkeit, diese Klarheit sich selbst gegenüber, um sich an die Schwelle des Nur-Persönlichen schieben zu können. Hier, wenn man den letzten Grenzposten überwunden hat, weht der harte Bergwind die Dinge fort, die wir an Schalen abgeworfen haben. Erst an diesem Punkt ist die Gegenwärtigkeit so greifbar, dass das Nur-Persönliche abfällt. Man überwindet es nicht, sondern es wird irrelevant. Es erweist sich als die Maske einer Selbstinszenierung, die man in der Not und aus Not geschaffen hat.

Man kann also den Schulungsweg als „Wiederherstellungsversuch“, als Versuch, eine zerbrochene Ganzheit wieder her zu stellen, sehen. Aber es gibt zahlreiche andere mögliche Metaphern. Nehmen wir Schulungsweg und künstlerische Entwicklung- der Versuch, einen Stil zu entwickeln, eine Handschrift, eine eigene Grammatik der Darstellung, ohne in Manierismen, auf zu vertraute eigene Muster zu verfallen. Es besteht immer die Gefahr, in Vertrautem zu versacken. Man muss sich als Künstler neu erfinden können, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Man benötigt Präzision und Technik, darf sie aber nicht gewähren lassen. Insgesamt geht es auch um einen Reifeprozess, ohne wie ein Fallobst in dem zu versacken, um das man kreist. Es gibt in der Kunst Neigungen, denen man nicht wirklich entkommen kann. Aber man muss gegen sie angehen, weil sie einen zu früh festlegen. Es ist mehr als nur „Geschmack“; es hat eine physische Komponente. Aber es schafft auch einen Ausgangs-, einen Fixpunkt.
Will man öffentlich werden, kommen andere Zwänge hinzu; der Markt möchte den Künstler, der „wiedererkennbar“ ist. Das verstärkt die Neigung, im gegebenen Rahmen eine Modalität des Ausdrucks zu finden. Aber man kommt damit schnell in ein Muster hinein, das man nicht mehr los wird.

All das gilt auch für den Schulungsweg, der zweifellos vor allem ein kreativer Entwicklungsprozess ist. Der Schulungsweg beginnt ebenso wie der künstlerische Prozess dann, wenn man die reine Übungsphase überwunden hat, in der auch Vorbilder eine zentrale Rolle spielen. Vorbilder, Gegenbilder, Nachbilder. Gehversuche auf unsicherem Terrain. Muster, die sich heraus bilden, die fördern und zugleich bannen. Scheinbar unentrinnbare Fallen, in die man immer wieder hinein läuft. Dann Augenblicke des freien, reinen Schaffens. Augenblicke des beliebigen Versuchens, des trost- und nutzlosen Ringens nach Neuorientierung. Dann wieder Phasen, in denen man produktiv ist und sich getragen fühlt. In denen man aus dem Meer der Möglichkeiten zielsicher und stark heraus greift, was sich entwickeln will. Im Umgang mit diesen kreativen Wachstumsprozessen muss man zulassen, dass man immer wieder neu anfängt, immer wieder auch Anfänger ist- auch nach Jahrzehnten. Dies gilt jedenfalls für das innere Gefühl. Technisch gesehen, von der Erfahrung und vom Auftreten her gewinnt man aber hinzu. Professionalisierung entwickelt sich, ohne gewollt zu sein- ein Nebenprodukt des Übenden.

Die „Kunst“ ist weniger ein „Sich-Stellen“ als ein ständiger Perspektivewechsel in einem Prozess der Professionalisierung; eine dauernde Neuerfindung in der Art des Aus- und Eindrucks, ohne beliebig zu werden. Man wird damit nicht fertig. Die Grenzposten, an denen man stagniert, schafft man sich aber auch immer wieder neu. Der kreative Prozess bleibt ein Rudimentäres, dem man immer wieder etwas entringt, aber das nie einen Abschluss finden kann. Es bleiben Wegmarken, die man geschaffen hat. Künstlerische Arbeiten so wie Augenblicke reiner Präsenz.
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Dämonen der Intoleranz

„Nun gibt es aber nicht bloß diese normalen Einflüsse. So würde es einzig und allein sein, wenn die Menschen untereinander vollkommen verstehen würden, was Schätzung und Würdigung der Freiheit der Seele des anderen ist. Davon ist aber die gegenwärtige Menschheit noch sehr weit entfernt. Denken Sie nur einmal daran, wie die heutige Seele noch zum größten Teil die Mitseele überwältigen will, wie sie nicht leiden kann, wenn die andere Seele etwas anderes denkt und liebt, wie die eine Seele die andere überwältigen und auf sie wirken will.

Bei alledem, was von Seele zu Seele wirkt in unserer Welt, von dem ungerechtfertigten Ratschluss, den man gibt, bis zu all jenen Wirkungsmitteln, die die Menschen anwenden, um Seelen zu überwältigen, bei alledem, was nicht so wirkt, dass die freie Seele der freien Seele gegenübersteht, sondern, und sei es auch nur in geringster Weise, Zwangsmittel der Überzeugung, Zwangsmittel der Überredung angewendet werden, wo nicht bloß geweckt werden soll, was in der anderen Seele schon schlummert, überall da wirken von Menschenseele zu Menschenseele Kräfte, die wiederum diese Seelen so beeinflussen, dass sich das in der Nacht im astralischen Leibe ausdrückt. Der astralische Leib bekommt Einschlüsse, und dadurch werden Wesenheiten abgeschnürt aus anderen Welten, die jetzt wiederum als Elementarwesen unsere Welt durchschwirren. Diese Wesenheiten gehören zur Klasse der «Dämonen». Sie sind nur dadurch in unserer Welt vorhanden, dass in ihr auf die verschiedenste Weise Intoleranz des Gedankens, Vergewaltigung des Gedankens geübt worden ist. Das Heer dieser Dämonen ist auf diese Art in unsere Welt hineingekommen.“

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R. Steiner, GA 102
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Vorübergehende

voruebergehendekl
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Selbst für mich

Der ich nichts mitbringe
an Gepäck und Begabung

Der ich, gewogen und vermessen,
so leicht bin wie eine Feder

In dessen Ohren Unkraut
Wurzeln schlägt

In dessen Augen
Floße ankern,

Holz für Holz
an Nässe schwer.

Selbst für mich

Blühte der Garten
als ich ihn betrat.
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Wunderbarer Frühling

Das wird offenbar kein gutes Jahr für Allergiker. Wenn man durch die heimatliche Natur schweift - gleichgültig ob in eher gebirgigen Gegenden oder dem platten Land-, hat man den Eindruck, als würde die Natur dieses Jahr geradezu bersten vor Kraft. Die Schösslinge jeder Art schiessen empor und entfalten sich breit im Blatt, satt vor Kraft. Bei uns spielt auch das Wetter mit. Es entfaltet sich in einer Ideallinie zwischen kalten, feuchten Nächten und einer klaren, intensiven Sonne am Tag- überraschend warm für die Jahreszeit. Was man neu ansetzt, gedeiht auf ungekannte Art, es gibt keinen Ausschuss, keine Kümmerlinge. Selbst die gestreuten Samen entfalten sich, als hätten sie es eilig. Das gibt ein Gefühl der Dankbarkeit und des Trostes- ist es doch, als sei die Natur bemüht, die schweren Verletzungen alles dessen, was lebt, die wir in der letzten Zeit erlebt haben, wenigstens im Vegetativen auszugleichen- ein Körper, der an einer Entzündung erkrankt ist und die Selbstheilungskräfte mobilisiert. Das macht niemanden lebendig, der gestorben ist und repariert nicht die für Jahrhunderte verseuchten Zonen. Es tut, was es kann. Es macht einen wunderbaren Frühling. Ein Frühling, gesättigt von österlichem Geist.
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"Das Mysterium der Zukunft"

„Die große Synthesis von dem Weihnachtsmysterium als Wiederholung der alten Mysterien und dem Ostermysterium, als das Mysterium der Zukunft, das Mysterium des auferstandenen Christus, das wollte Christus vor die Menschheit hinstellen. Das ist das Mysterium des Osterfestes.

Das wird die Zukunft des Christentums sein, dass die christliche Idee nicht bloß etwas ist wie eine Kunde von höheren Welten, nicht bloß etwas wie Religion ist, sondern dass die christliche Idee ein Bekenntnis und ein Impuls des Lebens ist: ein Bekenntnis, weil der Mensch in dem auferstandenen Christus dasjenige sieht, was er selbst zu erleben hat in aller Zukunft, eine Tat des Lebens, weil der Christus nicht bloß dasjenige ist, zu dem er hinaufschaut, der ihm etwa bloß Trost gewährt, sondern der ihm das große Vorbild ist, dem er nachlebt, indem er den Tod überwindet.

Im Geiste des Christentums tätig sein, leben, in dem Christus nicht bloß den Tröster sehen, sondern den Christus als den ansehen, der uns vorangeht und der im tiefsten Sinne mit unserer tiefsten Wesenheit verwandt ist, dem wir nachleben: das ist die Christus-Idee der Zukunft, die zu durchdringen vermag alle Erkenntnis, alle Kunst, alles Leben. Und wenn wir uns erinnern wollen, was alles die Osteridee enthält, so werden wir in ihr ein Symbolum finden des Christentums der wahren Tat und des wahren Lebens.

Wenn die Menschen längst nicht mehr brauchen werden die religiösen Mitteilungen, die ihnen Kunde bringen von den Göttern der alten Zeiten, weil sie wieder leben werden unter den Göttern, dann wird ihnen Christus derjenige sein, der sie stark und kräftig machen wird, um den richtigen Standpunkt zu finden mitten unter den Göttern.“

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R. St., GA 102, „Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen
Dreizehn Vorträge in Berlin zwischen dem 6. Januar und 11. Juni 1908“
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"Die Mitglieder sollten das Goetheanum nicht als Bürde betrachten"

In der anthroposophischen Nachrichtenagentur NNA berichtet Christian von Arnim von der diesjährigen Mitgliederversammlung. Immerhin hat es einen Versuch gegeben, den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zum Rücktritt zu zwingen. Der Antrag wurde auch von Götz Werner unterstützt. Mit diesem Antrag wurde dem Vorstand deshalb das Vertrauen entzogen, weil eine „zu große Veräusserlichung im Wirken des Vorstands zu bemerken (sei), weiter sei das Goetheanum ein Ort „spiritueller Dienstleistungen“ geworden an dem keine „originären Impulse“ mehr erarbeitet würden, „um in die Welt aus-zustrahlen.““ Damit ist eine Phrase, die meines Wissens von Sebastian Gronbach stammt (wobei dieser sich selbst so kennzeichnet) offenbar zu einem generalisierten Vorwurf geworden- ein Synonym für ausbleibende innere Wirksamkeit und Veräußerlichung.

Sergej Prokofieff verteidigte sich im Namen des Vorstands mit seinen üblichen pseudo- esoterischen Behauptungen, etwa, im heutigen Vorstand seien „alle karmischen Strömungen des ursprünglichen von Rudolf Steiner berufenen Vorstands vertreten“. Abgesehen vom fragwürdigen Wahrheitsgehalt stellt sich die Frage, ob eine solche Behauptung irgend eine andere Relevanz haben kann als den Versuch zu starten, sich unabhängig von der erbrachten Leistung eine Art exterritorialer Selbstrechtfertigung zu basteln- eine Unart von Unangreifbarkeit zu schaffen. Auch seine Behauptung, der Antrag sei ein „politischer“ Ansatz besagt an sich nichts, ist in diesem Umfeld aber als Herabwürdigung zu betrachten. Bodo von Platos Replik auf den Antrag dagegen („Das Goetheanum habe einen Forschungs- und Lehrauftrag, aber auf Basis der Anthroposophie. Dazu werde das Goetheanum gebraucht und die Mitglieder sollten das Haus nicht als eine Bürde betrachten sondern als ein Vermächtnis.“) spricht wenigstens ehrlich aus, wie tief die innere Zerrüttung doch fortgeschritten ist. Paul Mackay dagegen zielte mit seiner Antwort weniger auf die innere Zerrüttung, sondern auf die finanzielle. Das Goetheanum ist seit langem - nun aber nicht mehr zu leugnen - finanziell schwer angeschlagen: „Die Diskrepanz zwischen Einnahmen und Ausgaben gebe es schon seit mindestens den achtziger Jahren und könne nicht mehr getragen werden. Wie könne damit umgegangen werden, fragte Mackay.“ In der Tat, diese Frage stellt sich, vor allem wenn die Misswirtschaft bereits seit etwa 30 Jahren besteht.

Am Ende enthielt sich ungefähr ein Drittel der Mitglieder der Stimme oder stimmte für den Antrag. Der bestehende Vorstand wurde einerseits bestätigt, erhielt aber ein Misstrauensvotum. Man sollte vielleicht bedenken, dass der Protest nicht aus identischen Motiven gespeist wird und keinesfalls, wie behauptet, „politischer“ Natur ist. Es drückt sich darin ein Widerwille in Bezug auf die finanziellen Probleme aus - vor allem die Veräußerung an Anteilen von Weleda-, aber wohl auch ein einflussreicher Kreis von „neo- okkultistischen“ Strömungen. Hätten sich diese durchgesetzt, hätte dies möglicherweise diese Kreise in grösseren Einfluss gebracht, denen man eine Reform noch weniger zutraut.
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Rudolf Steiners Ergebenheitsgebet

Tom Mellett schickte Steiners Ergebenheitsgebet, wegen einer Anfrage in Bezug auf die Übersetzung ins Englische, aber auch, weil offenbar japanische Anthroposophen angesichts der Katastrophen in ihrem Land auch davon berichten und konkret dazu aufrufen, es zu nutzen: „Die Erdbeben, die uns immer noch in kleineren und grösseren sowohl physisch als auch seelisch schütteln, zeigen, dass wir keine physisch feste Grundlage mehr haben. Tsunami ist nichts anders als "Wasserprobe", die jetzt unsere ganze Infrastruktur inklusive Kernkraftwerke in Frage gestellt hat. Selbstverständlich müssen vor allem konkrete Massnahmen getroffen werden, um die Nöte der unzähligen Opfer in den Betroffenen Regionen to lindern. Zugleich habe ich das Gefühl, dass es eine grosse Bedeutung haben würde, wenn die japanischen Anthroposophen den Grundstein, den sie ja in sich zu irgendeinem Zeitpunkt aufgenommen haben, jetzt bewusst in Verbindung mit all den lebenden und verstorbenen Seelen in der Anthroposophischen Gesellschaft in ihren Herzen versuchen zu verstärken.

„E r g e b e n h e i t s - G e b e t

Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste
Tag bringen mag: Ich kann es zunächst, wenn es mir ganz
unbekannt ist, durch keine Furcht ändern.

Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelenruhe, mit
vollkommener Meeresstille des Gemütes.
Durch Angst und Furcht wird unsere Entwicklung gehemmt;
wir weisen durch die Wellen der Furcht und Angst zurück, was
in unsere Seele aus der Zukunft herein will.

Die Hingabe an das, was man göttliche Weisheit in den
Ereignissen nennt, die Gewissheit, dass das, was da kommen
wird, sein muss, und dass es auch nach irgendeiner Richtung
seine guten Wirkungen haben müsste, das Hervorrufen dieser
Stimmung in Worten, in Empfindungen, in Ideen, das ist die
Stimmung des Ergebenheitsgebetes.

Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen: Aus
reinem Vertrauen zu leben, ohne Daseinssicherung, aus dem
Vertrauen auf die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen
Welt. Wahrhaftig anders geht es heute nicht, wenn der Mut
nicht sinken soll.

Nehmen wir unseren Willen gehörig in Zucht und suchen wir
die Erweckung von innen jeden Morgen und jeden Abend.“

---Rudolf Steiner

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Wichtige Korrektur: „Lieber Herr Eggert, das sogenannte "Ergebenheitsgebet" auf der "Egoisten"-Webseite stammt in dieser Form NICHT von Rudolf Steiner.
Es ist ein Zusammenschnitt von Textstellen aus dem öffentlichen Vortrag "Das Wesen des Gebetes", Berlin 17.2.1910, im Band GA 59: Metamorphosen des Seelenlebens.
Bitte um einen Kommentar auf der Website der "Egoisten".
(Ich hätte es selbst gemacht, konnte aber den Zugang nicht finden.)
Mit freundlichen Grüssen
Carlo Frigeri“
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Paul Valéry: Das Denken jenseits der Sprachkonvention

„Aber schauen wir ein bisschen näher zu; schauen wir in uns selber. Sobald unser Denken dazu neigt, in die Tiefe zu gehen, das heißt seinem Gegenstand näher zu kommen, in dem Bestreben, auf die Dinge selber einzuwirken (sofern es sich auf Dinge richtet) und nicht mehr bloß auf irgendwelche Zeichen, die nur eine oberflächliche Vorstellung von Sachen vermitteln, sobald wir dieses Denken leben, spüren wir, wie es sich von jeder Sprachkonvention ablöst. Wie dicht auch die Sprache mit unserer lebenden Anwesenheit verwoben sein mag, wie dicht beieinander ihre Treffchancen liegen mögen, wie geschult unser sprachliches Vermögen sein mag, wie fertig in der Bedienung dieses vorliegenden Systems und wie rasch zur Stelle: so können wir es doch durch einen Willensakt, durch eine Art Vergrößerung oder eine Art Beschleunigung der Dauer von unserem in Bereitschaft liegenden geistigen Leben abhalten. Wir fühlen, dass uns die Worte mangeln, und wir sind uns bewusst, dass kein Grund dafür spricht, dass welche da sind, um uns zu antworten... das heißt: um für uns einzutreten, denn die Macht der Worte (und daraus entspringt ihr Nutzen) besteht darin, dass sie uns wieder in die Nachbarschaft schon erlebter Zustände bringen, dass sie die Wiederholung regulieren oder stiften - wie aber, wenn wir auf einmal in jenes geistige Leben einmünden, das sich nie wiederholt? Vielleicht heißt eben dies tief denken, was nicht soviel heißt wie: nützlicher, exakter, vollständiger denken als gewöhnlich; sondern was heißt: ins Weite denken, so weitab wie möglich vom Automatismus des Wortes denken. Dann erleben wir, dass Wortschatz und Grammatik fremdartige Gaben sind: res inter alios actas ([Dinge inmitten anderer Handlungen, Anm.]). Wir werden auf unmittelbare Weise gewahr, dass die Sprache, wie organisch und unentbehrlich sie auch sein mag, in der Welt des Denkens nichts ausrichten kann, wo nichts seine transitive Natur gefangen nimmt. Unser Bewusstsein erkennt in ihr etwas, das von uns unterschieden ist. Unsere Strenge und unsere Leidenschaft stellen uns zu ihr in Gegensatz.

Und doch haben die Philosophen den Versuch unternommen, ihre Sprache auf ihr tiefinneres Leben zu beziehen, - sie neu einzuteilen, sie je nach den Erfordernissen ihrer einsamen Erfahrung leidlich zu vervollständigen, um aus ihr ein noch subtileres, noch sichereres Mittel sowohl des Erkennens als auch des Wiedererkennens ihrer Erkenntnis zu machen. Man könnte sich unter der Philosophie die Haltung, die Erwartung, die Nötigung vorstellen, vermittels derer ein Mensch manchmal in die Lage kommt, sein Leben zu denken oder sein Denken zu leben, in einer Art Gleichwertigkeit, oder einem reversiblen Zustand, zwischen dem Sein und dem Erkennen, sodass bei dem Bestreben, jeden konventionellen Ausdruck fern zu halten, sich ein Vorgefühl einstellt, wie etwas sich ordnet und zu erhellen beginnt: eine Zusammenfügung, um vieles kostbarer als alle anderen, aus jenem Wirklichen, das dieser Mensch in sich selber aufsteigen fühlt, und jenem, dessen bereiter Empfänger er ist.“

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Paul Valéry, „Leonardo da Vinci“
(Mit Dank an Ingrid)
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Alt werden

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„Die Seele verändert sich nicht. Sie steigt nie von ihrer einmal errungenen Stufe herunter, aber ihr Instrument ist (im Alter) schwach geworden. Es geht ihr so wie einem großen Klavierspieler, der auf einem schlechten Instrument nicht mehr so spielen kann wie früher.“
R. Steiner, GA 97, Seite 316

„Indem die Menschen älter werden, werden sie nicht schwach oder gar schwachsinnig, sondern sie werden geistig-seelischer.
Nur ist dann der Leib abgenutzt, und man kann nicht das Geistig-Seelische, das man ausgebildet hat, durch den Leib zur Offenbarung bringen.“
R. Steiner, GA 181, Seite 185
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Die Zone seelischer Reflexe

Die Zone der seelischen Reflexe meint in diesem Zusammenhang ein Dilemma des Praktizierenden, des Meditanten, der sich tatsächlich und willentlich auf den Weg gemacht hat, das „reine Denken“ als Erfahrung zu suchen. An einem gewissen Punkt stellen sich meist auch „Erfahrungen“ ein, bei denen aber kein Korrektiv mehr in der Außenwelt besteht, im Kontext bisher gemachter Erfahrungen. Es fehlt zunächst ein Koordinatensystem für das Urteil und für das seelische Empfinden.

Rudolf Steiner stellte das Dilemma einmal auf folgende Weise dar („Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?“, S. 164): „Eine richtige Entwicklung schließt aber ein Hinlenken der Egoität des astralischen Leibes zu allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen ein. Und wie Gift wirkt es, wenn der Mensch in diejenigen Regionen seiner hellseherischen Beobachtung, wo er nur imprägniert mit allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen beobachten sollte, hinaufträgt persönliche Interessen und persönliche Aspirationen. Dann kommt für die hellseherische Beobachtung nicht die Wahrheit zustande, sondern es kommen Imaginationen zustande, welche unwahr, unrichtig sind, welche nur die Widerspiegelung sind der persönlichen Interessen und der persönlichen Aspirationen.

Man fragt sich, woher diese innere Reife denn kommen soll. Oder anders gefragt: wer ist dann schon frei von Irrtümern in der Wahrnehmung der „geistigen Welt“? Verbreitet ist z.B. die Neigung, solche Erfahrungen so weit unkritisch hoch zu schätzen, dass man sie in ihrer Unmittelbarkeit per se für „Wahrheit“ hält. Dass man diese erstmaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit, mit der sie ans innere Augen drängen, als unleugbares Evidenzerlebnis nimmt, liegt aber im Kern vielleicht auch daran, dass man sich selbst zu ernst nimmt, zu sehr als Mittelpunkt der Welt, zu eitel, zu wichtig. Der erfahrene „Stalker“ weiß, dass am Anfang das Drängende, Glänzende, Unmittelbare lauert, das die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und möglicherweise lediglich ablenkt vom Wesentlichen, das ganz still und unscheinbar daher kommt. Es gibt viele Wohnungen in diesem Haus, im Eingang aber lenken Lüster und goldene Klinken derartig ab, dass Mancher hier verweilen möchte. Er formuliert hier vielleicht eine spirituelle Grunderfahrung, er gründet eine Religion oder findet etwas, was er für Erleuchtung hält. Jeder bekommt hier, was er erwartet hat. Rechthaber bekommen Recht, Sensationssüchtige bekommen Wunder, Katholiken bekommen Marienerscheinungen, Reinheitssüchtige sehen Engel oder was immer. Man spiegelt seine eigenen Erwartungen, man ist geblendet von ihnen. Man selber verstellt sich den klaren Blick, hält das illusionäre Spiegeln aber für „Wahrheit“.

Man hat einen langen Weg durch viele Zimmer vor sich. Manche sind abgewrackt und wirken wie zerbombt. Das Zimmer, das keine Spiegel hat, ist sicherlich eines der letzten. Wenn man sich selbst betrachtet, ist es, als halte man ein Häufchen Staub in der Hand. Es ist sehr viel schwerer, frei zu werden von den eigenen seelischen Reflexen als vom „linearen Denken“. Letzteres erlebt man bereits im Entree, aber es nützt einem nicht viel. Man ist nicht frei, wenn man keine Orientierung hat. Letztere ist eine eher moralische Kategorie, eine Verwandte des Gewissens. Sie ist wirklich unscheinbar. Es ist das, was Rudolf Steiner als die Kraft bezeichnet, sich seelisch den „allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen“ zuzuwenden. Das können wir nur, wenn wir von unseren Reflexen frei kommen.
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Dr. Steiners Geheimnis

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Der neue Faden des Lebens

„Es bleibt immer für eine nächste planetarische Form, was Inhalt einer früheren planetarischen Form war. Wir haben gelebt von dem, was uns die Götter, die Wesen der höheren Hierarchien hinterlassen haben. Und jetzt stehen wir auf dem Punkt, wo die Erde vertrocknen und verdorren würde, wenn der Mensch nicht aus sich heraus gewissermaßen einen neuen Faden des Lebens spinnen würde.

Man kann sagen, bis zu dieser weltgeschichtlichen Stunde hat für die Entwickelung der Menschheit im Grunde gesorgt dasjenige an Wesenheit, was über den Menschen stand in den höheren Hierarchien.“

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R. Steiner, GA 199, Seite 225f
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Merkel schaukelt sich zu Tode

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