Michael Eggert: Paradoxien an der Schwelle oder: Der Gral kommt, wenn man ihn nicht will | EgoBlog | Die Egoisten

Michael Eggert: Paradoxien an der Schwelle oder: Der Gral kommt, wenn man ihn nicht will

Nicht nur in Zen- Geschichten drücken sich die Paradoxien an der Schwelle zur geistigen Welt aus, sondern auch in dem biografischen Umständen, die Joseph Beuys in dem Interview weiter unten drastisch schildert: Wie er mehrfach und in steigendem Maß in seinem Leben an einen Nullpunkt heran geführt worden war, an einen Punkt des reinen Nichts, an dem ihn nichts mehr an Leben kettete. Aber gerade aus diesen Nullpunkten heraus entwickelt sich geistige Kompetenz, die eben weniger in dem besteht, was man vermag, als darin, wie viel Raum man zu geben vermag. Der Geist realisiert sich nicht in der Fülle des Könnens, Wollens und Habens, sondern in der Leere des Nullpunkts, an den man sich nicht nur heran arbeiten muss, sondern den man auch halten und vor allem aushalten muss. Niemand könnte das besser schildern als Beuys selbst.

Was er nicht - oder nicht so deutlich- erwähnt, ist, dass dieses Prinzip des paradoxen „wollenden Nichtwollens“ nicht nur in biografischem Sinne gilt, sondern für jede echte meditative Situation. Man kann für eine gelingende Meditation immer nur übend den Boden bereiten. Es gibt einen Punkt, an dem man eine Art innerer Bühne errichtet hat, dort, im Schwellenland, und wartet. Wenn der kühle Wind *dort* entspringt, ist man gut beraten, den Auftrieb zu nutzen und aktiv zu navigieren: Man ergreift den sich umstülpenden Willen, eine Art Kraft, die man nicht selbst erschafft, sondern die man zulässt. Wir kennen das Prinzip, auch wenn die gewählten Begriffe vielleicht befremdlich wirken sollten, tatsächlich sehr gut. Denn nur so gelingt und entspringt ein Gespräch zwischen Menschen: Indem man einander Raum gibt. Wer das nicht vermag und stets nur sich selbst aus-drückt, ist einsam zwischen Menschen, aber auch in Bezug auf das meditative Geschehen.

Wer mag, muss nicht nach Japan schauen, um Zen- Philosophie zu entdecken. Es reicht ein Blick ins neue Testament (Matthäus 19, 24, Markus 10, 25), wo sich der berühmte, aber falsche Satz vom Kamel findet, das eher durch das Nadelöhr passt als dass der Reiche ins Reich Gottes käme. Übrigens soll es sich um einen Übersetzungsfehler* handeln. Es geht wohl in Wahrheit um ein Schiffstau, das eher durch ein Nadelöhr passt. „Zen“ ist die Textstelle dennoch auch in prosaischer, aber korrekter Übersetzung, denn es handelt sich in all den Bildern um eine Zustandsbeschreibung des inneren Lebens an der Schwelle: Unsere „Reichtümer“ sind alles das, was wir mitgebracht haben, Begabungen, Formungen, individuelle Fähigkeiten. Das Nadelöhr ist der oben beschriebene Nullpunkt. Erst das, dem wir Raum geben, damit es entspringen möge, passt durch das Nadelöhr.

Aber wir können natürlich auch ins Mittelalter schauen- etwa zur Parzival- Legende, um diese Paradoxie der Schwelle wieder zu finden. Dazu zitieren wir aus einem Buch von Georg Kühlewind**:
Festlich gestimmt, von Freude und Liebe erfüllt sind alle - außer Parzifal. Er empfindet Doppelte Trauer, die ihm die Freude verwehrt und ihn in dem Entschluss bestärkt, erst den Gral wieder finden und dann Amfortas heilen zu wollen. So zeiht er sich von Freunden und Feiernden zurück, denkt über seine Lage nach und fasst den weiteren Entschluss, seine Suche, sein Streben nach dem Gral aufzugeben. Er resigniert, was ihn aber nicht dazu bringt, nach Hause, zu seiner Frau, in seine Königreiche zurückzukehren- das hätte ihm jederzeit offen gestanden.

„Da ich entbehre, was die Glücklichen besitzen - ich meine die Liebe, die die manches traurige Herz wieder froh macht-, da ich also keinen Anteil an diesem Glück habe, kümmert mich nicht, was mir geschieht. Gott will nicht, dass ich glücklich bin. Könnte ich oder die Frau, nach der ich heiss verlange, unsere Liebe durch Wankelmut zerstören, dann könnte ich vielleicht eine andre lieben. Doch die Liebe zu ihr hat jeden Gedanken an andre Liebe und das Glück, das diese schenken könnte, in mir ausgelöscht, ohne mir Trost und Glück zu schenken. Ich bin tief in Trauer versunken. Möge das Glück allen Freude schenken, die nach wahrer Freude verlangen! Gott gebe allen hier nur Freude! Ich aber will den Kreis der Glücklichen verlassen.***“
Die gezielte Suche nach dem Gral wird aufgegeben, Parzifal stellt sich dem Schicksal anheim. Das ist der entscheidende Augenblick, die entscheidende Wendung auf seinem Weg.
Denn nun kommt der Gral zu ihm.
__________

*http://www.uebersetzerportal.de/nachrichten/n-archiv/2003/2003-08/2003-08-18.htm
**Georg Kühlend, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Stuttgart 1997, S. 35 ff
***Wolfram von Eschenbach, Parifal, Stuttgart 1981
blog comments powered by Disqus