Alpha & Omega | EgoBlog | Die Egoisten

Alpha & Omega

Wenn man - zumindest zu bestimmten Zeiten- über die Selbstbezüglichkeit hinaus gekommen ist, den Strom kennt und von ihm gekannt wird, nicht mehr langer Anläufe bedarf, aber doch von den Untiefen und gefährlichen Strömungen weiß, wenn man den Köcher bereit hält, um die silbern huschenden Fische zu fangen, dann teilen sich Imaginationen mit.

Sie finden statt, und sie sind in vielfältiger Weise sprechend, mehrdimensional und, wenn man daran arbeitet, entfaltbar. Ihre Präzision erhalten sie erst, wenn man sie auseinander legt und womöglich gedanklich und sprachlich Stück für Stück enthüllt. Man weiß an dieser Stelle bereits von der Regel des Alpha und des Omega. Die Tiefe einer Imagination kann derartig sein, dass sie in Erkenntnisse führt, die einen Menschen begleiten können, durch ein ganzes Leben hindurch, womöglich darüber hinaus. Eine einzige Imagination kann dorthin führen, dorthin weisen, wohin weder Vermögen noch Reife der meditierenden Person allein hätten führen können. Man kann durch die Imaginationen hindurch auf den Urgrund schauen und sich selbst darin erblicken. Es gibt auf dieser Ebene keine Anfänger und Fortgeschrittenen, keine Schritte der Entwicklung.

Echte, tiefere Imaginationen leuchten Lebenswege und kosmische Entwicklungen aus- auch wenn sie vereinzelt auftreten, unvermittelt und ungeahnt. Umgekehrt sind solche Imaginationen weit mehr als nur Bilder und Gedankengeflechte- sie sind eine Quelle der Energie und des Lebens. Man wird immer aus ihnen schöpfen können, selbst in ausweglosen und endgültigen Augenblicken. Sie sind eine seelen- lebendige Quelle, die man gewonnen hat und die immer Teil des eigenen Wesens sein wird.

Nein, billiger Trost oder Glaube ist das nicht, ebenso wenig wie ein irrationales Trugbild. Es liegen auch Zumutungen darin, schwer auslotbare Aufgaben, weit ausholende Perspektiven, die mehr als nur einen einfachen persönlichen Wandel erfordern. Solche Imaginationen stellen eine moralische Dimension dar, die frisch gepflückt ist, auf keiner Tradition beruht, ihr aber auch nicht widersprechen muß. Sie stellen das Ich in ein Verhältnis zur Existenz schlechthin. Schildern kann man sie nicht, aber vielleicht in einigen Büchern ungefähr erklären. Aber wozu? Es kommt einem so buchhalterisch vor. In der Erfahrung dieser Evidenz hat man mehr als nur Worte und Erklärungen; man hat einen Begleiter gewonnen.
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