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Wolken. Die Töchter von Erde, Wind und Wasser

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"‘I am the daughter of Earth and Water, And the nursling of the Sky; I pass through the pores of the ocean and shores; I change, but I cannot die“, heißt es von den Wolken, und tatsächlich sind sie das formbare Element, das Medium zwischen Schwere und Licht, das in jedem Augenblick an jedem Ort auf der Erde neue Gestalt annimmt. In der japanischen Gartenbaukunst spielen die Wolken - so erfährt man in Tan Twan Engs großartigem Roman "The Garden of Evening Mists“ - eine wichtige Rolle, da der Garten nicht nur die umgebende Landschaft, sondern - durch Wasseroberflächen- auch das Geschehen vor dem Blau des Himmels spiegelt: "Water flooded into the pond, gathering up the puddles already waiting there. As the swirls and ripples died away, a fragment of the sky was slowly recreated on earth, the clouds captured in water.“ In dieser Hinsicht ist der Garten auch ein Sinnbild des Menschen selbst, denn so wie dieser sich in seinem Leben ein wenig Zeit „leiht“, so „leiht“ sich der Garten von Himmel, Erde und Umgebung: "‘A garden borrows from the earth, the sky, and everything around it, but you borrow from time,’ I said slowly“.

Die Töchter von Erde, Wind und Wasser entspringen einem irdischen Drama, das Walther Bühler in „Nordlicht Blitz und Regenbogen“ so beschrieb: „Bald ist das blaue Lichtgewölbe ganz verschwunden und uns bedrängen an seiner Stelle dunkle, graue, wogende Wolkenmassen. Mächtig stemmen sich die Zentralkräfte der Erde dem Kosmos entgegen und bringen ihre zentripetalen Eigenschaften in dem zur Wolke kondensierten Wasserdunst und in dem fallenden, der Schwere folgenden Tropfenstrom zum Ausdruck.“ Die Strukturkräfte können dabei bis zum Hagelkorn verdichten - als bis zu einem kristallinen Festen. Daher sieht Bühler im Spiel der Wolken strukturelle Prinzipien der Erdgeschichte gespiegelt: „Die dabei zutage tretenden Verdichtungsstufen im meteorologischen Bereich wiederholen zugleich in abgekürzter Form den Werdegang der Erde durch die Jahrmillionen.“

Das Zusammenspiel zwischen Formendem, entstehender Gestalt und Entgrenzung kann aber auch auf den Menschen übertragen werden, der einerseits verbunden ist „mit dem schöpferischen Prinzip der Welt“ (Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, Stuttgart 1992, S. 55), andererseits selbst aber auch Gestalt (in physischer, seelischer, intellektueller Form), ist- sowohl auf Vergangenheit wie auf Zukunft ausgerichtet, auf Gewordenes wie Werdendes: „Dem entspricht eine Wandlung im Menschen, in der die Lenkung, die Orientierung seines Lebens von dem natürlichen Menschen - seinen Leibern, vom physischen bis zum Seelenleib- auf den oberen, geistigen Menschen übergeht, der aus freien Kräften um das wahre Ichzentrum besteht. Diese Kräfte haben in dem natürlichen Menschen Formen angenommen, das Geformtsein erlitten; nun wird der nous pathetikos des Aristoteles vom nous poietikos, dem poetischen, schaffenden Menschen beherrscht und aus den Händen der Schöpfermächte übernommen.“ (Kühlewind S 55f)

In der Himmelfahrt wird Christus durch eine Wolke aufgenommen, die sicherlich ebenso wenig natürlich ist wie die Wolke, mit der Jesus in der Verklärungsszene verhüllt wird. Und am Jüngsten Tag wird der Herr „auf Wolken des Himmels, mit großer Kraft und Herrlichkeit“ erwartet. Diese „Wolke“ hat also Charakteristika des Vatergottes, in die Christus sowohl eingeht, der er aber auch entspringt. Es ist, wie Kühlewind betont, kein „Aufgehen im Vater“ (Joh 1,1- 2), sondern ein Hingehen in ein Einssein und ein Erscheinen aus dem Einssein: „Die Erscheinung und das Hinschwinden des menschlich gestalteten Logoswesens in die mehr gestaltlose, ungegliederte Wolke, die den Hintergrund der Gestalt bildet, sich von ihr abhebt und sie doch wieder aufnimmt oder gebiert, ist das imaginative Bild für das Verhältnis und den Zusammenhang des Vaters und Sohnes.“ (Kühlewind, S. 36) Aus diesem Eingehen-in-das-Gestaltlose wird dann zu Pfingsten das „Brausen des Himmels wie eines gewaltigen Windes“.
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