Waldorfschulen in Nazi-Deutschland | Die Egoisten
Waldorfschulen in Nazi Deutschland
Von Peter Staudenmaier
aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Potschka


In der Beantwortung auf Fragen nach Rudolf Steiners rassistischen Doktrinen oder dem politischen Hintergrund deutscher Anthroposophen oder verschiedener anderer Inhalte, die gelegentlich während den Diskussionen über den Hintergrund der Geschichte der Waldorfpädagogik auftritt wollen Waldorfverehrer meist behaupten, dass die Waldorfbewegung in Deutschland während der Zeit der Naziregentschaft ab Januar 1933 bis Mai 1945 lediglich ein Opfer der Naziverfolgungen war und nicht mehr. Bei anderen Versionen dieser Geschichte wird behauptet, dass die Nazis eine Verbotsverordnung an Waldorfschulen herausgaben, dass es keine Berührungspunkte noch ideologische Verbundenheit zwischen Waldorfunterstützern und Nazibeamten gab und dass die anthroposophische Bewegung generell von Anfang an ohne Ausnahme dem Nazismus gegenüber ohne tiefgründige, geistige Haltung begegnete. Alle diese Anführungen sind falsch. Trotzdem werden sie weiter von Anthroposophen und Waldorfrepräsentanten unterstützt und befördert.
Die gewöhnliche anthroposophische Redensart dieses Themas ist auffallend einfach: es wird uns erzählt, die Nazis verabscheuten die Waldörfler und die Waldörfler verabscheuten den Nazismus. Fakt ist, dass die tatsächlichen Beziehungen wesentlich komplexer waren. Innerhalb der Staffelungen der Nazipartei gab es eine Anzahl wichtiger Figuren, die eine aktive Rolle einnahmen, verschiedene anthroposophische Projekte zu unterstützen und zu befördern einschließlich Waldorfschulen (und besonders den biologisch dynamischen Anbau) während andere einflussreiche Nazis überzeugte Gegner der Anthroposophie waren. Die meisten Nazis standen wahrscheinlich eher interesselos zur Anthroposophie und deren Verzweigungen. Innerhalb der Waldorfbewegung ergab sich inzwischen eine Spaltung in zwei Parteien: einerseits die Waldorflehrer und Eltern, die sich den Nazis dedizierten und die sich mit Anthroposophie und Waldorf kompatibel erklärten, sich aber entsprechend den Nazi Idealen anpassten; auf der anderen Seite waren die, die gegenüber dem Nazismus keinen Kompromiss eingingen so lange es ihnen erlaubt war, um ihr eigenes Streben fortzusetzen zu können. In den meisten Fällen scheint die zweite Gruppe größer zu sein als die erste.

Es ist hilfreich einen kritischen Überblick anzubieten, weil dieser Gesprächsgegenstand das Fachgebiet beachtlicher Streitigkeiten zwischen den Verteidigern von Waldorf und solchen, die skeptisch über deren Argumente sind, voll und ganz auf den anthroposophischen Ausgangspunkt selbst zu basieren. Was folgt ist ein kurzer und keineswegs umfassender Blick auf die seltener erwähnten Gesichtspunkte der Waldorfgeschichte während der Naziära wie sie in anthroposophischen Arbeiten anfänglich und nebenbei reflektiert werden. Einen Quellennachweis finden Sie am Ende. Während ich meine umfangreichen Aufzeichnungen diesen Materials in bezug auf diesen anthroposophischen Wortlaut präsentiere, soll meine Darstellung ihre Auslegung nicht unterstützen.
Die Waldorfpädagogik wurde in Deutschland nur vierzehn Jahre bevor die Nazis an Macht kamen begründet. Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart unter der Anleitung von Steiner gegründet. Die Bewegung breitete sich von dort sehr schnell aus. Bis 1933 entstanden acht Waldorfschulen (einige Unterlagen erwähnen eine zusätzliche Schule in Essen, die jedoch wenig Beachtung erhält durch die Arbeit, die dort stattfand). Die Geschichte der Waldorfbewegung im Dritten Reich ist wegen der komplizierten Geschichte der Anthroposophie als solches während dieser Zeit unvermeidlich verstrickt. Die Hauptniederlassungen der Internationalen Anthroposophischen Bewegung befanden sich in Dornach, Schweiz, während ein großer Anteil Mitglieder in Deutschland verblieb, besonders in Stuttgart, einer prominenten anthroposophischen Hochburg. Mitten in den verflochtenen Kämpfen zwischen konkurrierenden Parteien der Nazis und unterschiedlichen Neigungen innerhalb der Waldorfbewegung nach 1933 gab es gleichzeitig sehr ernste Debatten über verschiedene Belange zwischen den gegnerischen Lagern innerhalb des anthroposophischen Milieus; tatsächlich vertrieb 1935 die leistungsfähige Richtung aus Dornach eine wetteifernde Richtung die durch ihre kräftige Tragkraft in Teile Deutschlands hineinwirkte. Ein weiterer komplizierter Faktor bedeutet der weit verstreute Charakter des anthroposophischen Milieus in Deutschland, Schweiz und andernorts, der nicht nur die Waldorfschulpädagogik, sondern auch den biologisch dynamischen Anbau, die Anthroposophische Medizin, die Christengemeinschaften und eine Auswahl anthroposophischer Publikationen umspannen.

Die anfängliche Beantwortung anthroposophischer Leiter auf das Aufstreben des Nazismus enthielt eine Anzahl ausgesprochen positiver Bewertungen. Im Juni 1933, zum Beispiel, gab Günther Wachsmuth, Sekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach, ein Interview der Dänischen Zeitung Ekstrabladet in Kopenhagen (erschienen in deren Ausgabe am 6. Juni 1933). Auf die Frage nach der Beziehung zwischen Anthroposophie und der Nazi Staatsgewalt gab Wachsmuth deutlich seine „Sympathie“ und „Bewunderung“ für die neuen Machthaber in Deutschland bekannt (Wagner I, S. 41). Die Zeitung titelte das Interview „Anthroposophen und Nazis Hand in Hand“, mit dem Untertitel „Dr. Günther Wachsmuth vom Goetheanum in der Schweiz erklärt seine Sympathie für Hitler“ (ebd. S. 40). In persönlicher Korrespondenz kennzeichnet Wachsmuth seine Beziehung mit Nazibeamten als „freundlich“ (Werner, S. 37).
Wieder im Juni 1933, kommentierte in Dornach die führende anthroposophische Zeitschrift Das Goetheanum „Die Belastungen der kulturellen Erneuerung, die gegenwärtig in Deutschland zu Werke ist“ (Das Goetheanum, 18. Juni 1933, S. 199). Die Seiten der Stuttgarter anthroposophischen Zeitschrift waren in der Zwischenzeit, in den frühen Jahren der Naziregentschaft voll von pathos-durchflutetem Material über „Die Mission des Deutschen Geistes“. Ein weiteres Magazin, die Korrespondenz der Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft, legte große Abschnitte der Broschüre des Gründers der Christengemeinde, Friedrich Rittelmeyer, auf: „Rudolf Steiner und das Deutschtum“ und feierten die anthroposophische Bindung an das Deutschtum. (Korrespondenz der Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft April 1933, S. 18-19).

Diese Art rhetorischer Konvergenz zwischen Anthroposophen und Nazismus waren nicht auf Tageszeitung und Zeitschriften begrenzt. Der Leiter der Christengemeinschaft, Alfred Heidenreich, hob in seinen Verhandlungen mit Nazibeamten die ideologischen Gemeinsamkeiten zwischen der Anthroposophie und dem Nationalsozialismus hervor (Werner, S. 194). Manchmal hatten diese Verhandlungen praktische Auswirkungen. Hanns Rascher, seit 1908 ein prominenter Münchner Anthroposoph und Anhänger Steiners, trat 1931 in die Nazi ein und arbeitete in den 1930ern für den Sicherheitsdienst, die SD; nachdem die Nazis an die Macht kamen, wurde er zum Kontakt zwischen dem deutschen Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft und der SS (Werner, S. 32). Das Kontinuum der Reaktion der Anthroposophen gegenüber dem Nazismus beinhaltete nicht nur Ablehnung und Ressentiments sondern genauso Gleichgültigkeit, Kompromisse und Kollaboration.
Zu dieser Zeit stellte besonders die Waldorfbewegung ähnliche Dynamiken dar. In der Tat begannen Versuche von Waldorfbeamten sich selbst in Nazikreisen beliebt zu machen bereits bevor die Nazis an die Macht kamen. Gegen Ende 1932, zum Beispiel, schickte die Stuttgarter Waldorfschule eine Anzeige für verschiedene, anstehende Aufführungen des Studententheaters mit beigelegten Freikarten, an die lokale Zeitung der Nazis (Deuchert, S. 96; der Verlag schickte die Freikarten zurück und erklärte mit Bedauern, dass er keine Anzeigen drucken könne, die ideologische Begründungen beinhalte.). Hier zwei mögliche Erklärungsversuche bei einem Umstand wie diesem: die in Frage kommende Leitung der Waldorfschule hatten keine politische Wahrnehmung oder sie erwartete und hoffte auf Akzeptanz durch diese Sektion der Naziführerschaft und –leserschaft.

Nachdem die Nazis an die Macht kamen, publizierte die deutsche Waldorfzeitschrift Erziehungskunst (Die Erziehungsweise) verschiedene wiedergabetreue Erklärungen zum neuen Staat und dessen Ideale. In einem Dezemberartikel 1933, zum Beispiel, in bezug auf die Beziehung zwischen Waldorfschulen und Anthroposophie, stellte die Editorin der Erziehungskunst , Caroline von Heydebrand, dar, das Ziel der Waldorferziehung bedeutet „unerschütterliche und pflichtbewusste Menschen der Nation und dem Staat zur Verfügung zu stellen“ (Heydebrand, "Waldorfschule und Anthroposophische Gesellschaft", Erziehungskunst Dezember 1933, S. 500). In einem Artikel im August 1934 zelebrierte der anthroposophische Rassentheoretiker, Richard Karutz, “Liebe und Loyalität zu Rasse und Nation, zu Blut und Heimatland” als einen Höhepunkt der geistigen Errungenschaft (Karutz, "Durch die Sprache zum Volk", Erziehungskunst August 1934, S. 122). Und im August 1933 beantragte der Anthroposoph Paul Baumann, eine leitende Persönlichkeit der ursprünglichen Waldorfschule in Stuttgart, einen Beitrag mit dem Titel “Waldorfschulen und Nationalsozialismus” dem Vorgesetzten der Zeitschrift für Erziehung der Nazis, Nationalsozialistische Erziehung. Die abschließende Erklärung lautet: “Vieles, was heute vom Nationalsozialismus mit den signifikanten Worten des Führers Adolf Hitlers und seiner Genossen gesagt wird, existiert bereits seit mehreren Dekaden in diesen Schulen, meist gegen den Strom der öffentlichen Meinung (Werner, S. 104). Aus dieser Perspektive erscheint der Zugang der Nazis an die Macht zu kommen, um ihr volles Potential zu entfalten als eine Gelegenheit für die Waldorfbewegung,.
Versuche dieser Art, einen freundlichen Anschluss zum Nazismus seitens der prominenten Waldorfpersönlichkeiten trafen, gewissermaßen die Sympathie verschiedener Fachgebiete der Nazibewegung. Diverse anthroposophische Firmen fanden zu mindest einen kleinen Anteil durch ihre Unterstützer der Nazi Führerschaft und Bürokratie am Dritten Reich. Nazibeamten, die gegenüber verschiedenen anthroposophischen Bemühungen sich wohl gesonnen zeigten, einschließlich Lotar Eickhoff (der zum Stab Himmlers gehörte und gelegentlich die Anthroposophische Gesellschaft besuchte) Alwin Seifert (den einige Historiker auch als Anthroposophen bezeichnen), Otto Ohlendorf, Oswald Pohl und vor allem Rudolf Hess und Walther Darre. Unter geeigneten Bedingungen waren die zwei, Hess und später Darre, die aktivsten Unterstützer anthroposophischer Projekte. An der Spitze der Nazihierarchie, Göring, Himmler und Ley, waren alle zu einem gewissen Grad offen für verschiedene anthroposophische Initiativen. Speziell Himmler war in besonderem Masse ambivalent gegenüber der Anthroposophie und deren praktische Anwendung. Genauso wie Rosenberg. Andere wohl bekannte Nazis aus der Führungslinie, wie Bormann und Heydrich, waren entschlossen anthroposophische Institutionen aus dem neuen Deutschland zu eliminieren. Die anti-anthroposophische Fraktion innerhalb der Partei gewann letztendlich die Oberhand durch den Flug von Hess nach England in der Mitte 1941, nachdem eine generelle Unterdrückung anthroposophischer Aktivitäten doch unter der Aufsichtsführung der Gestapo statt gefunden hatte: die letzte der Waldorfschulen wurde geschlossen. Selbst nach diesem Ereignis, setzten dennoch eine Anzahl Anthroposophen wie Max Karl Schwarz und Franz Lippert ihre Arbeit mit verschiedenen Nazi-Agenturen fort. Die SS unterstützte kontinuierlich in verschiedenen Konzentrationslagern ein Netzwerk für biologisch dynamischen Anbau. Die biologisch dynamischen Pflanzungen in Dachau, zum Beispiel, währte bis zum Ende des Krieges ebenso wie die anthroposophische Firma Weleda.

Es gibt heute Waldorf-Repräsentanten, die manchmal behaupten, dass die Nazis 1935 die Waldorfschulen geschlossen haben. Das ist falsch. Was im November 1935 tatsächlich passierte war ein behördlicher Befehl zur Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Durch den Befehl wurde keine Waldorfschule geschlossen. Das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft von 1935 war von SS Führer Reinhard Heydrich unterzeichnet, einer der hartnäckigsten Gegner der Anthroposophie innerhalb der Nazihierarchie (sein Vorgesetzter Himmler teilte seine Ansichten diesbezüglich nur teilweise). Heydrich hatte nicht nur die Anthroposophie im Blickfeld. Er sah die Steiner-Bewegung als eine der gefährlichsten pseudo-freimaurerischen Organisation, die aus seiner Sicht, die Integrität der Nazibewegung bedrohte, zusammen mit konkurrierenden Neigungen wie die Ariesophisten und die Ludendorffer. (Heydrichs Feindseligkeit und seine gelegentlichen Befehle esoterische Gruppierungen zu verbieten, bedeuteten wohl kaum, dass die Anthroposophie oder Ariesophie oder die Ludendorffers aus Nazi-Deutschland verschwinden würden. Bis 1941 z. B. drängte Heydrich immer noch auf einen kompromisslosen Kampf gegen die Ariesophie; und gleichzeitig auf einen finalen Zusammenbruch der organisierten Anthroposophie). Jahre nach 1935 und in einigen Fällen selbst nach 1941 konnten Anthroposophische Institutionen in Deutschland kontinuierlich agieren.
So weit es die Waldorfpädagogik im speziellen betrifft, bestand eine ähnlich komplexe Situation. Der anthroposophische Autor Norbert Deuchert war angesehen für seinen „harten“ wie „weichen Kurs“ gegenüber Waldorf innerhalb der Nazibewegung; im Wesentlichen Genosse zuerst mit Bormann und später mit Hess (Deuchert, S. 111). Ein anderer anthroposophischer Autor, Uwe Werner, sieht hinreichende Evidenz von Hess’ beträchtlichen Anstrengungen im Interesse der Waldorfschulen. Einflussreiche Nazis, die weitere Waldorfstreitfälle unterstützten schlossen nicht nur Hess und seinen Stab ein (insbesondere seinen Adjutanten Leitgen) sondern auch Bäumler, Ohlendorf, Seifert und Holfelder, Chefassistent des Kultusminister Rust (Deuchert, S 118). Nichts desto trotz wird Hess zurecht als der ursprüngliche, leistungsstarke Befürworter innerhalb der höheren Staffel der Partei gesehen. Konkret beschreibt Deuchert (S. 98) zum Beispiel, die entscheidende Rolle von Hess’ Büro in der Unterstützung der Waldorfbewegung in Stuttgart gegen den regionalen NS Minister Mergenthaler, der generell ein Gegner privater Schulen ist. Letztendlich gelang Mergenthaler 1938 die Schließung der Stuttgarter Schule. Die Fakultät der Berliner Schule beschlossen darauf hin, lieber ihre Schule aus eigener Initiative zu schließen als weitere Kompromisse mit dem Nazireich einzugehen (und wurden deswegen von anderen Waldorfschulen für ihr Vorgehen kritisiert). Die Schulen in Altona, Breslau und Kassel folgten dem Rechtsstreit 1939. Die Schulen in Hannover und Hamburg schlossen 1939 und 1940 aufgrund interner Gründe (Deuchert S. 105; Werner, S. 375 nennt bei einigen Fällen andere Daten). Die einzigen Waldorfschulen, die von den Nazi-Autoritäten geschlossen wurden, betrafen die Stuttgarter Schule 1938 und die Schule in Dresden 1941. (Die Schule in Dresden wurde nach dem Flug von Hess nach England Mitte 1941 geschlossen.)

Wie ist die Verhaltensweise der Waldorfschulen gegenüber dem Nazismus zu verstehen? Auch hier weist Deuchert auf zwei Haupttendenzen, die in Stuttgart und die in Dresden hin, beispielhaft erläutert er deren bezeichnend unterschiedliche Annäherungen zu Nazibeamten der Waldorfschulen dieser zwei Städte. Die Leitung der Dresdner Waldorfschule war allgemein eher gewillt sich den Standards der Nazipädagogik anzupassen während die Stuttgarter Schule hauptsächlich versuchte, ein eher autonomes Profil zu wahren. Deuchert (S. 98) jedoch präsentiert Daten, die zeigen, dass 1934 in Stuttgart alleine Dutzende von Waldorfeltern aktive Nazis waren. Er berichtet ebenso (Deuchert, S. 97), dass alle Waldorffakultäten innerhalb Deutschlands geschlossen dem Nationalsozialistischen Lehrerbund im Mai 1933 beitraten. Das bedeutete keineswegs eine Regierungsanordnung; viele, die keine Waldorflehrer waren traten erst Jahre später ein. Deuchert beschreibt weiter eine „relativ kleine aber einflussreiche Gruppierung von Nazieltern“ auf der Stuttgarter Waldorfschule (S. 118), eine Schule, die er ansonsten im Kontrast zur Dresdener Schule als einen entschlossenen Kontrahenten zum Nazismus beschreibt. Einige des Stuttgarter Waldorfpersonals, die eher fanatische Pro-Nazis waren, wurden tatsächlich ungeduldig mit ihren weniger überzeugten Kollegen. Els Moll, zum Beispiel, eine Lehrerin aus den Anfängen der Waldorfschule, ein Urgestein als Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft und ein ausgesprochener Nazi (sie beschrieb sich selbst als eine „engagierte Nationalsozialistin“) verließ die Stuttgarter Schule 1934 in dem Gefühl, dass der Mehrheit ihrer Lehrerkollegen „ein innerer Bezug zum Nazireich“ fehlte (Wagner II, S. 48). Andere Waldorfaktivisten wie Eugen und Margaret Link engagierten sich auch als Nazis (Werner, S 121, 135). Gestalten wie Moll und die Links versuchten geradeheraus die Waldorfschule in Stuttgart in eine Nazi-Institution umzuwandeln. Eine Mehrheit in den Fakultäten widerstand diesen Bestrebungen, nicht wegen einer kompromisslosen Anti-Nazi Haltung, sondern eher durch ihre eigenen Worte „die Schule hat ihre positive Attitüde gegenüber dem [Nazi] Reich unter Beweis gestellt“ (Werner, S. 135).
Neben Gestalten wie diesen, waren Rene Maikowski und Elisabeth Klein, zwei führende Repräsentanten der Waldorfschulen, in Verhandlungen mit verschiedenen Nazi Vertretern. Beide zeigten ausgeprägte Sympathien für den Nazismus, zusammen mit Skepsis gegenüber einiger deren Perspektiven. Im Februar 1934 schrieb Maikowski einen umfangreichen Brief an Hitler, in dem er die Kompatibilitäten zwischen Waldorf und Nazismus genau schilderte (Wagner II, S 14-16). Maikowskis kürzlich verstorbener Bruder, Absolvent der Stuttgarter Waldorfschule, war ein SA Offizier und so etwas wie ein Naziheld und eine Märtyrerfigur; Maikowski und andere nutzten diese Reputation mehrmals bei ihren Geschäften mit Nazibeamten aus. Im September 1933 schrieb Maikowski in einem Ausschreibungsangebot der Waldorfschule in Hannover an die Bildungsbehörde der Nazis: „Die Fakultät basiert vollkommen auf dem Nationalsozialistischem Staat“ (Werner, S. 106).

Die Nazis selbst setzten, nichts desto trotz, ihre vieldeutige Haltung gegenüber der Waldorfpädagogik fort. Einige Bewertungen waren positiv: 1934 hatte einer der Assistenten Hess, Schulte-Strathaus, einen behördlichen Bericht über Waldorfschulen ausgearbeitet. Der Bericht beschloss, dass Waldorfpädagogik durchaus kompatibel der Erziehung der Naziziele bedeutete (Werner, S. 113). 1936 dekretierte Rust ein Moratorium neuer Schüler auf allen privaten Schulen; die einzigen Ausnahmen wurden als ‚Versuchsschulen’ anerkannt. Vier Waldorfschulen (Dresden, Hamburg, Hannover, Kassel) bestanden den offiziellen Status als staatlich unterstütze ‚Versuchsschulen’. Ab 1939 wurden die ersten drei Schulen als solches vom Kultusministerium anerkannt (Deuchert, ff 101, 105). Der Antrag für restrukturierte und staatlich subventionierte Waldorfschulen wurde von Hess indossiert sowie dem prominenten Nazi Philosophen Alfred Bäumler, ein Mitglied des Rosenberg Stabs.
Diese Ereignisse und deren verzwickter Kontext zeigen auf eine deutlich größere, Verwicklungsgeschichte als üblicherweise bei der heutigen Waldorf Anhängerschaft anerkannt wird. Zwei letzte Instanzen, eine aus einer anthroposophischen Sicht und eine aus dem Blickwinkel der Nazis, möge dazu dienen, die einseitigen und parteistrategischen Perspektiven zu füllen, die so gebräuchlich in derzeit geführten Top-Diskussionen erscheinen. Eine der mehr als sorgfältigen Beschreibungen der Beziehung zwischen Waldorf und Nazismus innerhalb der Waldorfbewegung ist ein offizieller Bericht an Hess vom Bund der Waldorfschulen, März 1935, neunzehn Seiten, ein Überblick der Hinsicht, wie die Waldorferziehung den Aufgaben des Neuen Deutschlands dient (Wagner II, S. 83-102). Dieses Dokument rühmt sich neben anderen Themen, dass Waldörfler ihren Schülern lehre aufrechte Mitglieder der Volksgemeinschaft zu sein, die Naziterminologie der rassistischen und ethnischen reinen ‚Nationalgemeinschaft’ (z. B. S. 86) und an verschiedenen Stellen des Dokuments wird betont, dass Juden Waldörfler als unsympathisch empfinden aufgrund der „Zurückweisung der einseitigen intellektuellen Elemente“ der Waldörfler (z. B. S. 93, 98).
Diese anti-intellektuelle Orientierung wurde von Bäumler stark geschätzt, der einige der extensivsten Nazi Analysen über Waldorf und Anthroposophie erstellte. Bäumlers Bericht über Waldorferziehung 1937 kritisiert die Praktiken der Waldörfler aus einer Nationalsozialistischen Perspektive (er bietet eine negative Auswertung, zum Beispiel, der anthroposophischen Rassendoktrin, begründet, dass „Steiners Denken nicht biologisch-rassistisch aber biologisch-kosmisch sei“). Gleichwohl hatte Bäumler hier verschiedene bejahende Ausführungen über Waldorf und Anthroposophie zu sagen. In der Tat, eine der kritischsten Passagen des Dokuments beginnt mit einem Lob für Steiners „tiefe und zutreffende Erkenntnis“, die der Anthroposophie zu Grunde liegen, indem Bäumler „die großen Vorteile der Waldorfpädagogik“ fest stellt. Seine Berichte waren extrem enthusiastisch über den waldorfschen Anti-Intellektualismus. Die Dokumente von 1937 schließen die Indossierung der Einrichtungen der staatlich subventionierten Waldorf ‚Versuchsschulen’ wie die Entwicklung über ein „modifiziertes Waldorf Curriculum“ ab.
Es könnte noch so viel gesagt werden über die verschachtelten Interaktionen zwischen Anthroposophie und Nazismus. Die bruchstückartige aber vielsagende Evidenz, die oben untersucht wurde, wenn man sie ernst nimmt, sollte zu einem Gesamtbild der Waldorf Erfahrung während des Dritten Reichs beisteuern. Vertrauend auf historische Ereignisse, aktuelle Präferenzen zu beurteilen ist immer eine risikoreiche Taktik ob sie nun von Kritikern oder Verehrern der Waldorfpädagogik praktiziert wird. Je mehr durch dieses angemessene Beispiel gelernt werden kann, ist es vielleicht möglich, immer mehr über dieses Thema zu lernen als zu denken, wir wüssten schon alles. Dass Geschichte Überraschungen beinhaltet, was nicht im einzelnen auf den ersten Blick angenehm erscheint aber was durch Reflexion ein besseres Verstehen der Vergangenheit und seiner unzähligen Verbindungen in die Gegenwart abgibt.
____________ Quellennachweis: Arfst Wagner, Dokumente und Briefe zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus (Rendsburg 1991); volume II beinhaltet speziell die Waldorfbewegung Norbert Deuchert, “Zur Geschichte der Waldorfschule im Nationalsozialismus” Flensburger Hefte, Sonderheft 8 (1991): Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, ff. 95-108; und Deuchert, “Der Kampf um die Waldorfschule im Nationalsozialismus” ebd. ff. 109-128 Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (München 1999) Anthroposophische Zeitschriften: Das Goetheanum (Dornach) Anthroposophie (Stuttgart) Erziehungskunst (Stuttgart) Korrespondenz der Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft (Stuttgart) Auseinandersetzungen der Geschichte der Waldorfschulen in der Nazi Ära für einen Nicht-Anthroposophen, sehen Sie bahnbrechenden Artikel von Achim Leschinsky, “Waldorfschulen im Nationalsozialismus” in Neue Sammlung: Zeitschrift für Erziehung und Gesellschaft, vol. 23 no. 3 (1983) ff. 255-278; Der Report 1937 an Waldorfschulen von Alfred Baeumler wurde vollständig als Anhang zum Artikel, ff 279-283 neu