Karma ernst nehmen | Die Egoisten
Karma ernst nehmen oder Unfold my life
Michael Eggert

Bei manchen Steinerianern kommt in regelmäßigen Abständen die laut verkündete Forderung auf, Anthroposophen mögen sich mehr und ernsthaft mit "dem Karma" beschäftigen, sonst werde Anthroposophie verwässert, man dringe nicht in den Kern vor und die Weihnachtstagung werde, wenn nicht schon geschehen, bald verpufft sein. Allerdings werden in Sachen Karma dabei meist das Vergangene ins Auge gefasst, okkulte Unterströmungen des Selbstkonzepts, historische Figuren und Personen, bestimmte zeitliche Rhythmen und Daten. Nicht selten wird bei dem Fordernden damit auch eine besondere Qualifikation verbunden sein, eben an diese Informationen, Verbindungen, Bezüge erkenntnismäßig heran zu reichen- es wird wie eine bestimmte Sonderbegabung behandelt.

Im Sinne von historischen Bezügen, Verläufen und Entwicklungen hat es manchmal auch Rudolf Steiner behandelt, allerdings auch als etwas, was mit "Information" nichts zu tun hat, sondern mit einer inneren Haltung zum Leben selbst:

"Wenn man Gelassenheit entfaltet hat gegenüber dem, was die Zukunft uns bringt, das heißt, was das fortwährende Erleben uns entgegen bringt. Wenn wir noch stark mit Sympathie und Antipathie entgegen gehen unserem Erleben, wenn wir noch nicht gelernt haben, Karma ernst zu nehmen, das heißt dasjenige, was uns trifft, in gelassener Ertragung des Karmas hinzunehmen gelernt haben, dann können wir noch nicht jene eigentümliche Empfindung der uns entgegen strömenden Weisheit haben; denn nur aus einem gelassen empfundenen Erleben differenzieren sich heraus die in unsere Wesenheit lichtvoll einströmenden Ströme der Weisheit." (GA 145, S. 79)

Das, diese konkrete und intime Lebenshaltung, bezeichnet Steiner nicht nur als das Ernstnehmen des Karma, sondern als "bestimmten Punkt des esoterischen Erlebens", der mit tiefen inneren Wandlungen einhergeht.

Übrigens ist er auch in diesem Punkt einig mit dem von mir so geschätzten zeitgenössischen Mystiker A. H. Almaas, der im letzten Teil deiner "Luminous Night´s Journey", kurz vor etwas, was er selbst als "Mystische Hochzeit" bezeichnet (man denkt natürlich an Christian Rosenkreutz), seine persönlich- unpersönliche Lebenshaltung zu diesem Zeitpunkt so bezeichnet:

"I decide not to try to determine what should happen next, not even to figure out what it might be, but to allow the guidance of Being to unfold my life." (S. 87)

Sich ganz einer inneren Führung überlassen zu können, ohne jede Erwartung, Hoffnung, Angst, Ambition usw, sondern in "gelassener Ertragung" ist eben ein Schritt, der bedeutet, nicht mehr in die eigene Selbstkonstruktion verwickelt zu sein. Im Gegensatz zu den Pharisäern, Wortgläubigen und Traditionalisten setzen sowohl Almaas wie auch Steiner ganz auf die reine Gegenwärtigkeit des emanzipierten Zeitgenossen. Es ist der freie Geist, der gerade unbelastet ist von Vergangenem, Allzu- Persönlichem und der eigenen Geschichte. Es geht um gelebte Präsenz, um Ent- Faltung. Ob man es, wie Almaas, "Lebensführung" oder wie Steiner "Karma" nennt, ist relativ gleichgültig.