Vorstellungen | Die Egoisten
Michael Eggert: Die Vorstellungen, die man sich so macht


Die Vorstellungen, die man sich macht von dem nicht Vorstellbaren - dem, was jenseits der Vorstellungswelt liegt und auch unaussprechlich ist-, müssen notwendig in die Irre führen. Es gibt keinen besonderen Grund, das Ganze zu mystifizieren, wenn man es tatsächlich erlebt- aber so Viele verlieren sich in einem Pseudo- (manchmal Privat-) Mystizismus, der vor allem eine nicht widerlegbare Art ist, das Ego, d.h. das Selbstbild und Selbstgefühl zu pflegen & auf eine "höhere" Ebene zu hieven. (Aber natürlich macht es auch wenig Sinn, zu warnen, vor Gefahren zu drohen, mit der rationalistischen oder anthroposophischen Fliegenklatsche zu wedeln- wer etwas ausprobieren will, wird das tun, und seine Erfahrungen damit machen. Ideologische Scheuklappen dienen natürlich niemandem, aber im esoterischen Supermarkt stolpert man über alle möglichen Geschmacklosigkeiten, und manchmal verschlägt es einem auch in dieser Hinsicht die Sprache.)

Dabei gibt es nichts zu suchen, nichts zu entwickeln, nichts zu sehnen, denn es ist - jenseits aller Mystifizierung- alles immer da, wie A.H. Almaas, der zeitgenössische Protokollant des Unaussprechlichen meint:

"Whatever the value is that we want- whether it is fame or love or success or enlightenment or a specific experience- we think that it is something we have to accomplish. We believe we have to go someplace to get it, when it is right here, right in this very moment, if we just relax and be in it." (Almaas, The Unfolding now..)

Die, die selbstverständlich im Strom -in der Vollkommenheit des Moments- leben, finden die Bilder und Worte, das, was sie erleben, in Sprache darzulegen, auch nur schwer. Mehr als zu versuchen, Hinweisschilder aufzustellen, kann man nicht machen. Es hat offenbar auch nichts genützt, sich aus 38 Kilometer aus dem All zu stürzen, es nützt Vielen auch nichts, ein Leben davon zu träumen, zu üben und zu studieren. So etwas wie "Das Wesentliche sieht man nur mit dem Herzen", was ja haargenau stimmt, aber als Handlungsanweisung nur schwer umzusetzen ist. Rudolf Steiner hat oft beklagt, wie wenig mit dem Sprachkleid eigentlich vom Unaussprechlichen auszudrücken ist. Sein ganzes Wirken war dann, wenn es gelang, eine Übersetzung des im vorsprachlichen, wirkend Worthaften in ein sprachliches Kleid. Das eigentlich Wesentliche entzieht sich der Sprache. Man muss es selbst realisieren, nicht nur entschlüsseln. Das ist keine Frage der Dechiffrierung, sondern eine Aufforderung zur aktiven Teilhabe.

Wenn man aber das sprachliche Kleid einfach fortspinnt, ohne dass das Gesponnene auf sein Wesenhaftes verweist (weil es auf gar nichts verweist), dann entsteht etwas Gespensthaftes, ein Abbild des Bildhaften- ein Abstieg und letztlich eine Illusion. Man benutzt Steiners Sprachkleid, um pseudo- okkultistisch Als-Ob-Wahrheiten zu verkünden. Man findet damit leicht Anhänger, denn diese Art des Fortspinnens ist wesentlich leichter zu konsumieren als die tatsächliche innere Teilhabe am Gemeinten. Die begeisterten Jünger bemerken nicht, dass die vorgestellte Limonade im Gegensatz zur realen den Durst nicht stillt, so oft man es auch versucht.

Dabei gibt es heute Zugänge zum Unaussprechlichen wie Sand am Meer, aber der Sand rieselt unter den Füßen davon. Man benötigt schon etwas Eigensinn, um bei der Sache zu bleiben- um nicht zu sagen, man benötigt eine durch nichts zu rechtfertigende Penetranz. Es gibt wirklich keinen äußeren Grund, der dafür spräche, sich mit dem Nicht- Sagbaren, dem No Mind, zu beschäftigen.

Außer ein wenig Bedeutung und Eitelkeit. Davon hat man in dieser und in ähnlichen Szenen so viel, dass man bald darin steckt wie in einem Topf ranziger Butter. Die glitschige Selbstbespiegelung, das Sich- Wichtignehmen, die absurden Hierarchie- und Machtspiele sind immer treu und brav direkt nebenan. Doch wenn sie dann doch einmal real wird, die "Verwandlung", dann ist sie so ernst, so heiter, so vielschichtig und einsilbig, so nah, vor allem, und vertraut, dass man sich an den Kopf fasst: Wie konnte man das nur übersehen? Es ist so natürlich, es war immer da, aber ich habe es mit Bergen von Vorstellungen und Erwartungen begraben.

An dem Tag, an dem man aufhört, den irrealen Erwartungen nach zu laufen, enthüllt es sich, ja wird geboren: Das persönlich- unpersönliche Weihnachtsfest kann beginnen.