Raumlosigkeit | Die Egoisten
Michael Eggert: Raumlosigkeit
zu einem Begriff bei A.H. Almaas

In seiner Autobiografie "Luminous Night´s Journey" - nicht eigentlich einer Autobiografie, sondern Abfolge einer fortlaufenden Initiation - beschreibt A. H. Almaas den ersten Schritt auf dem, was er den "Kristallweg" nennt. Er schildert, wie er sich nach einem anstrengenden Tag als Dozent ausruht und unversehens in einen Überblick über das gerät, was er tagsüber gesehen, getan, empfunden hat- eine Zeugenschaft des Geistes, der sich nun erlebt in einer "spaciousness": "Consciousness manifests as empty, transparent space, light and clean."

Über die Erfahrung dieser "Raumlosigkeit" schreibt Almaas: "In this spaciousness my own thoughts and feelings appear: a constellation of thoughts and subtle feelings, all related to images and impressions about my identity, about who I am." Die Selbsterfahrung - Selbstkonfrontation -, das spezifische Wesen, das man im Spiegel erblickt, nennt Almaas ein "psychic cluster":

"This psychic cluster, like a cloud in the spaciousness of mind, provides the mind with the familiar feeling of identity, an identity totally dependent on memories of my past experience." In diesem Augenblick, in dem man in die Strickmuster der eigenen Identität vordringt, ist man zugleich frei davon: Denn man erlebt sich als der, der auf das Gewordene schaut, der aktiv und damit präsent ist. Und somit erlebt man auch das "Das-bin-ich-nicht":

"Contemplating the totality of the cluster, without taking an inner position about it, I recognize that this is a mental phenomenon. On seeing this, I become distinctly aware that this is external to me. The feeling- recognition is: "this is not me."

Almaas schildert damit die erste Selbsterfahrung, auf Seite 1 seiner Autobiografie- diejenige, die aus der Begegnung mit sich selbst entspringt. Er geht darauf zu schon aus einer meditativen Haltung heraus- es handelt sich um die essentielle Erfahrung am Anfang einer Initiation nach dem 20. Jahrhundert. Es handelt sich um das reale "reine Denken", allerdings um eine spirituelle Dimension erweitert. Es ist dies der erste Schritt in einem Schulungsbuch mit 14 Stufen.

Selbstverständlich kann diese Erfahrung auch auf andere Art und Weise gemacht werden. Es kann ein Platz sein, an dem man viele Menschen Kommen und Gehen sieht, vielleicht ein Flugplatz oder ein Bahnhof. Plötzlich sieht man die Dinge in verwandeltem Licht: Man sieht, dass da ein sich entspinnendes Schicksal neben dem anderen geht, jedes ein Kosmos von Erzählungen, Erinnerungen, Schmerzen. Das eigene Selbstgefühl relativiert sich in dieser gleichzeitig aufgenommenen unendlichen Vielfältigkeit- man fühlt sich wie zurück tretend aus dem nur- Persönlichen. Avalokiteshvara. Man spürt die Güte, die jedes dieser vielen Schicksale - auch meines- begleitet.