Juden und Araber | Die Egoisten
Elsbeth Weymann: “Nicht in unserem Namen! -Juden und Araber sind Söhne Abrahams“. (1)

Dies war die Botschaft eines Plakats bei Demonstrationen im August 2014 in New York. Gemeinsam getragen von Juden und Palästinensern. Im gegenwärtigen Gazakrieg der Raketen und Bomben, der Hass und Vernichtungstiraden auf beiden Seiten eine erstaunliche Stimme. In all den täglichen Schreckensnachrichten wird ja meist vergessen, dass es bereits seit Jahrzehnten eine israelisch-palästinensische Friedensbewegung gibt, wie Rabbiner für Menschenrechte (2), Gusch Schalom (3), die Organisation Breaking the Silence (4), in der sich Soldatinnen und Soldaten für den Frieden einsetzen u.a. Auf beiden Seiten gibt es außerdem die versöhnlichen Stimmen Einzelner: Sari Nusseibeh, Susan Abulhawa, Emil Habibi für die Palästinenser, Moshe Zimmermann, Noah Flug, Etgar Keret auf jüdischer Seite, um nur einige zu nennen.

Gibt es eine Lösung der Israel-Palästinafrage? Reicht der Konflikt nicht schon bis in biblische Zeiten zurück? Ismael und Esau, Söhne Abrahams und Isaaks, Stammväter der Araber, wurden in die Wüste vertrieben. Esau heiratete später eine Tochter Ismaels. So verbanden sich die beiden vertriebenen Abrahamsöhne und Vorfahren der Araber schon vor Urzeiten auch verwandtschaftlich miteinander (Gen 28,6).

Liest man diese Erzählung in der Bibel im hebräischen Originaltext, so bezaubern Wucht und Kraft, Herbheit und die klare, leuchtende Schönheit dieser Sprache. Man muss sich aber auf eine ganze Reihe von Besonderheiten, Satzbau, Stil und den Umgang mit Wörtern betreffend, einlassen, um die Größe dieses Textes zu erfahren.
Als man der hebräischen Sprache noch lebendiger gegenüberstand, konnte man in den Worten noch etwas vom Fließen des Geistes und dadurch in den Worten selber etwas Geistig-Ideelles, etwas wirklich Geistiges verspüren (Rudolf Steiner) (5)

Eine Betrachtung der Geschichte von Jakob und Esau (Gen. 25,20 bis 28,21 und 32,2 bis 33,12) anhand der Leitworte „Segen“ und „Angesicht“.

Leitworte

Ein besonderes Strukturprinzip der hebräischen Bibel ist durch die sogenannten Leitworte (6) gegeben. Musikalischen Motiven vergleichbar bringen sie innerhalb der Erzählungen oft erstaunliche Verbindungen. Es geht im Alten Testament weniger um Argumentation und Erklärung als um Setzung und Verkündung. So kann ein Leitwort hilfreich sein, etwas wie eine aufleuchtende Zusammenschau ermöglichen und über weite Textpassagen hin Erzählfäden verknüpfen. Schauen wir auf die Leitworte ברכה -Segen und– פנים -Angesicht.

Leitwort ברכה –beracháh Segen

Als erstes taucht es in der sprichwörtlich bekannten Geschichte mit dem Linsengericht auf. Esau hatte in tiefer Erschöpfung und einem ihn überwältigenden Hunger sein Erstgeburtsrecht „verkauft“ (Gen 25,31), mit der Begründung, dass er ja sowieso sterbe (25,32). Das sogenannte Erstgeburts-Recht ist der väterliche Segen. Er ist das göttliche Vermächtnis, das durch die Generationen hindurch jeweils vom Vater auf den Erstgeborenen weiter gegeben werden musste. Sehr eindeutig sagt der Text, dass Esau den Segen verachtet (25,34), dessen geistigen Wert gering geschätzt und damit seine Aufgabe als Erster Sohn nicht ergriffen habe.

Jakobs gekauftes Recht auf den Erstgeburts- Segen reicht aber nicht aus. Er muss den Vollzug des Segens durch seinen Vater Isaak in einem ausgeklügelten Betrug erschleichen (Gen 27,5-30).Die Mutter Rebekka ist dabei die treibende Kraft und leistet ihrem Lieblingssohn Jakob listreich Hilfe. In diesem Teil der Geschichte, in dem es um Jakobs Betrug, dessen Entdeckung, die zum Brudermord bereite Wut Esaus geht, ist das Leitwort Segen führend. Wie ein musikalisches Motiv erscheint es in 52 Versen 30 Mal. (7)
Nach dem Betrug muss Jakob zu den Verwandten seiner Mutter nach Charan fliehen. Trotz der Schuld, die auf ihm lastet, erfährt er auf seiner Flucht einen unerwarteten Spruch Gottes, eine Verheißung (Gen 28,12ff). Schlafend, an einem besonderen Ort voller alter, ehrwürdiger Steine, träumt Jakob von einer Leiter, die bis in den Himmel (8) reicht, auf der Engel auf und niedersteigen. Und Jakob erfährt von יהוה Gott, dem Lebendigen, der wie in einer Sphäre über ihm stehend (9) spricht: siehe—ich bin mit dir, und ich werde dich behüten überall, wohin du gehst, und ich lasse dich zurückkehren zu dieser Erde hier.

Auffällig ist, dass hier im hebräischen Text nur vom „Sprechen“ Gottes die Rede ist. Das Leitwort Segen aber, das bis zu dieser Textstelle so eindeutig führend war, erscheint hier nur ein einziges Mal:--als eine Zukunftsvision (28,14). Durch dich werden gesegnet werden alle Geschlechter des Erdbodens. Denn noch muss Jakob, der Flüchtling, mit den Folgen seiner Tat, den Segen sich unrechtmäßig angeeignet zu haben, leben.


פנים–panim Angesicht

Nach den zwanzig Jahren in der Fremde begibt sich Jakob dann auf Geheiß Gottes mit seiner Großfamilie, seinen Knechten und Mägden und seiner riesigen Viehherde auf den langen Wanderweg zurück in die Heimat. Er hat seine Knechte, die er mit einem Teil seiner Herde als Versöhnungs-Geschenk für Esau vorausschickt, angewiesen Folgendes zu Esau zu sagen: Siehe-dein Knecht Jakob kommt hinter uns her. Denn er sprach–versöhnen will ich sein Angesicht mit der Gabe, die einhergeht vor meinem Angesicht. Dann werde ich sein Angesicht sehen, vielleicht hebt er mein Angesicht empor? (Gen 32,21). Diese leider nur im hebräischen Original sichtbare Häufung des Leitwortes Angesicht steht im Text wie ein Stolperstein. Sie betont sprachlich sehr drängend, dass Jakob hofft, durch seine Versöhnungs-Gabe zu bewirken, dass sie sich wieder in die Augen schauen, sich neu von Angesicht zu Angesicht begegnen können.

Auf diesem Rückweg erfährt Jakob am Jabbok-Fluss einen entscheidenden Lebensaugenblick. Er bleibt am diesseitigen Ufer allein zurück. Was ihn dazu bewogen hat, verschweigt der Text. Muss er in der gesuchten Einsamkeit etwas mit sich klären? Hat er seine Schuld erkannt und will sich ihr in einer Selbstbegegnung stellen?

Wiederum führen Leitworte weiter. Es verbinden sich sogar in der nun anschließenden Geschichte (Gen 32,2 ff) die beiden Worte ברכה Segen und פנים–Angesicht auf besondere Weise miteinander. In der Nachtbegegnung mit dem Jemand, der seinen Namen nicht nennt, der von Jakob später rückblickend Gott-Elohim genannt wird, kämpft Jakob um sein Leben. Ich lasse dich nicht, -du segnest mich denn--ruft er auf dem Höhepunkt des Ringens aus. Das Leitwort Segen erscheint hier, ausgesprochen durch Jakob selber. Er, der den Vater-Segen durch List, Lüge und Betrug erschlichen hatte, erhält in dem nächtlichen Ringen von dem göttlichen Gegenüber den neuen Namen: Israel=Streiter Gottes. Er wird an der Hüfte verrenkt--und er wird gesegnet. Jetzt ist es ein errungener, nicht ein gestohlener Segen! Der hebräische Text begleitet und verdeutlicht den Prozess dieses Nachtkampfes zusätzlich durch ein dreimaliges Nennen des wachsenden Lichtes. So spiegelt sich die innere Verwandlung Jakobs in dem Anwachsen des Lichtes wieder:-von Morgen-Grauen zu Morgen-Röte bis -und über ihm ging die Sonne auf (32,32).

Jakob gibt dann der Stätte des nächtlichen Kampfes und Segens den Namen Pni-El, was „Angesicht Gottes“ bedeutet. Er erkennt erschüttert: Ich habe Gott-Elohim von Angesicht zu Angesicht geschaut, und meine Seele ist gerettet worden. Er hat eine Wandlung erfahren, die die Voraussetzung dafür ist, dass die Versöhnung mit dem Bruder später möglich wird.
In der letzten Szene dieser Geschichte, der Versöhnung der beiden Brüder, wird ihr Aufeinandertreffen so geschildert: Jakob …warf sich zur Erde, sieben Mal, bis er seinem Bruder näher kam. Da rannte Esau ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Und sie weinten (Gen 33,4).

Hass, Angst, Wille zur Rache, Bereitschaft zu töten sind plötzlich aufgelöst. Nach allem, was geschehen war, was unlösbar schien, versöhnen sich die Brüder. Was aber diese Verwandlung bewirkt hat, spricht der Text nicht direkt aus. Waren nicht gerade noch 400 Mann Esaus dazu bestimmt, als feindliches Heer gegen Jakob zu ziehen? Hatte nicht Jakob eben noch in angstvoller Voraussicht seinen großen Besitz aufgeteilt, um nach dem erwarteten Angriff wenigstens mit einem Teil zu überleben? Was Esau bewogen hat, seinem Bruder plötzlich versöhnungsbereit entgegenzulaufen, gar zu rennen-all das spricht der Text nur indirekt aus. Und es sind wiederum die Leitworte, die weiterhelfen. Beide Wörter, Angesicht und Segen, erscheinen hier zusammen und aufeinander bezogen und sie lassen ihre Verbindungslinien wie Spuren noch einmal über den ganzen Text, bis hin zur Geschichte mit dem Linsengericht, zurück leuchten. Der verkaufte Segen, der mit Lügen erschlichene Segen, der auf Leben und Tod errungene Segen - er taucht in dieser Versöhnungsszene in verwandelter Form auf. Jakob bietet seinem Bruder als Versöhnungsgeschenk einen besonders wertvollen Teil seiner Herde an. Esau, der selber reich genug ist, weist dies großmütig zurück. Jakob besteht aber darauf, dass Esau diese Gabe annimmt. In Jakobs Worten erscheinen im hebräischen Text nun zwei verschiedene Worte für Geschenk. Zunächst heißt es: so nimm mein Geschenk aus meiner Hand. Hier steht das geläufige Wort ממחה=mincháh (Gen 33,10). Dann verbindet Jakob zwei Erfahrungen miteinander: Ich schaue dein Angesicht wie das Schauen des Angesichts Gottes-Elohim. Du warst mir gnädig, so nimm meine Segens-Gabe(33,4).

Das Angesicht des Bruders in diesem Augen-Blick wie das Schauen des Angesichtes Gottes zu erfahren, lässt ihn sein Geschenk anders begreifen. So benennt er es neu als eine Segens-Gabe. Der einst geraubte Segen wird von ihm als errungener Segen als Geschenk zurückgebracht. Dies ist nur möglich, weil Leid, Tötungsbereitschaft und Todesangst, Flucht, Selbstbegegnung und Begegnung mit Gott die Verwandlung der Seelen bewirkt haben.

In der Tradition der Araber sind die Imlîḳ, die Amalekiter, also die Nachfahren Esaus, ein arabisches Urvolk. Auch wurde Amalik für die Israeliten schon in biblischen Zeiten zum Inbegriff für den „Feind“. Und noch heute werden Araber, insbesondere die Palästinenser, z.B. von radikalen jüdischen Siedlern, als Amalekiter bezeichnet. Die palästinensische Hamas wiederum will Israel völlig vernichten und die „Fahne Allahs über jeden Zentimeter von Palästina“ aufpflanzen. (10)

Die damalige Versöhnung der beiden Brüder-also nur eine schöne Geschichte?

Wie oben bereits erwähnt, sind auch heute Juden und Araber keineswegs nur Erzfeinde. Seit über 40 Jahren gibt es in Israel nicht nur arabisch-jüdische Friedensbewegungen, sondern auch verschiedene, wachsende und weiter ausstrahlende Orte, die gemeinsames Lernen, Arbeiten und Zusammenleben von Juden und Arabern praktizieren: Das bereits 1972 gegründete jüdisch-arabische Dorfprojekt Newe Shalom/Wahat al Salam, der anthroposophische Kibbutz Harduf in Galiläa oder die Begegnungsstätte Sha ´ar la Adam /Bab líl Insan. Diese Beispiele, die sich noch ergänzen ließen (11), zeigen, dass Frieden eine Frage des Bewusstseins, der mitempfindenden Menschlichkeit und der freien Initiative ist.
Was in der dramatischen, bild- und aussagestarken Erzählung von Jakob und Esau dargestellt ist, enthält selbstverständlich keine übertragbare Lösung, aber zeitlos gültige Fragen und Gedanken. Wenn Gott in das Denken einfällt, so hat der Philosoph Emmanuel Levinas in seiner Ethik formuliert, könne in einer wirklichen, den ganzen Menschen ergreifenden Begegnung mit dem Anderen--in einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht --der Tod aufgehalten und in Segen verwandelt werden.



Elsbeth Weymann, Juli/August 2014

1 http://www.taz.de/US-Proteste-gegen-Israel/!143710/
2 http://www.dw.de/rabbiner-f%C3%BCr-menschenrechte/a-6182147;
3 http://gush-shalom.org/
4 http://www.breakingthesilence.org.il/
5 Rudolf Steiner: GA 174.S.275
6 Eine Begriffsbildung von Martin Buber: Werke II, S.1177f.
7 Gen 27,1 bis 28,6
8 Auch Christus spricht zu seinen Jüngern von der Himmelsleiter und den an ihr hinauf-und-hinabsteigenden Engeln „ über dem Menschensohn“ (Joh1,51).
9 Die Aussage des Textes ist an dieser Stelle doppeldeutig: Grammatikalisch lässt sich das „über ihm“ sowohl auf die Leiter (im Hebräischen maskulin) als auch auf den Menschen Jakob beziehen.
10 Charta der Hamas Artikel 6
vgl. http://usahm.info/Dokumente/Hamasdeu.htm
11 http://www.west-eastern-divan.org/ Das Ost-West Diwan Orchester, gegründet von Daniel Barenboim und Edward Said, in dem arabische und jüdische Künstler eine Orchestergemeinschaft bilden.