Magnificat | Die Egoisten
Elsbeth Weymann: Magnificat


Luk. 1, 46-55 Magnificat


46 Raum bereitet meine Seele dem Ich-Bin,

47 und es jubelt mein Geist dem Lebendigen, meinem Heil,

48 denn Er hat gerichtet den Blick
auf mich, den Menschen, in seiner Niedrigkeit.
Siehe, o Seele,
von dem Augenblick des Erkennens an
werden preisen mich alle Menschen,

49 denn getan hat Großes an mir,
der da mächtig ist,
und heilig ist sein Name.

50 Sein Erbarmen gehet von Geschlecht zu Geschlecht
zu denen, die in Ehrfurcht schauen auf ihn.

51 Stärke zeigt sein Arm,
und Er trennt wie Spreu vom Weizen
hochmütiges Denken in ihren Herzen.

52 Er stürzt, was sich mächtig dünkt, vom Thron im Innern
und hebt hinauf, was sich nicht sehen kann.

53 Die nach Geist Hungernden erfüllt Er mit Gutem
und die sich satt wähnen,
lässt Er leer ausgehen.

54 Er wendet sich hin zu seinem Kinde, dem Sucher Gottes,
und gedenkt seiner Barmherzigkeit,

55 wie Er gesprochen hat zu unseren Vätern,
zu Abraham, dem erhabenen Vater der Glaubenden,
und der ihm nachkommenden Menschen, -
in Äonen.

Angelus Silesius „Du musst Maria sein und Gott in dir gebären"

Dieser Hymnus kann im Sinne des Angelus Silesius über den großen erhabenen Gesang der Gottesmutter hinaus als eine Anrufung des Menschen wahrgenommen werden. So als ob Maria stellvertretend auch für die Menschenseele spreche, die das göttliche Ich in sich sehnsuchtsvoll erwartet. (Hier ein paar Erläuterungen zur Übersetzung).

48 Da Maria hier für das Wahrbild der Menschenseele, die den Gott, den Ich-Bin, im Innern erfährt, stehen kann, lautet die Übersetzung: "den Menschen in seiner Niedrigkeit", - nicht die "Magd".

51 "Er trennt wie Spreu vom Weizen": lm Innern jedes Menschen wird die Unterscheidung der Geister getroffen, wird Un-Gewichtiges von Gewichtigem, wie beim Worfeln auf der Tenne, voneinander getrennt.

53 Verstehen kann man hier nicht nur den sozialen Unterschied von Arm und Reich, der ausgeglichen wird, sondern wie in den Seligpreisungen, (Matth.5,3): die nach "Geist Hungernden" und die "Satten", die jeweils ihrem Suchen oder ihrem Nicht-Streben Entsprechendes erfahren.

55/56
Der Name „Abraham" bedeutet „Vater der vielen Völker" (Gen.17,5 ) und auch „Vater der Glaubenden" (Matth.3,9 und Röm. 4,9.). Als solcher wird er im Judentum, Islam und Christentum verehrt. So lässt sich auch, was von "seinem Samen" ausgesagt wird, über das Volk Israel hinaus auf alle Menschen beziehen, die einen inneren Weg gehen.
Die Worte des Angelus Silesius „Du musst Maria sein und Gott in dir gebären" können also ermöglichen, die Aussagen dieses gewaltigen Hymnus auch auf die eigene Seele zu beziehen.