Pfingsten | Die Egoisten
Elsbeth Weymann: Pfingsten



Goethe schildert in seiner „Italienischen Reise“, wie er während eines Aufenthaltes in Rom ein Pfingstfest der verschiedenen Sprachen erlebte. Dabei lasen 30 junge Menschen jeweils in ihrer Muttersprache nacheinander heilige Texte auf Türkisch, Persisch, Arabisch, Äthiopisch, Syrisch usw. „Das Griechische aber“, so bemerkt Goethe, „klang wie ein Stern in der Nacht“.(1)
Vertieft man sich in Wortbedeutungen und grammatikalische Formen des griechischen Urtextes der Pfingstgeschichte, können neue Dimensionen der Textaussage erscheinen.

1 Und in dem Erfülltwerden des Tages der Fünfzig waren sie alle einmütig in ihrem Eigenen.
2 Und es geschah plötzlich aus dem Himmel ein Echo wie von einem mächtig hereinbrechendem Geist
und erfüllte das ganze Haus , wo sie erwartend saßen.
3 Und es wurden geschaut von ihnen
Zungen, zerteilte, wie von Feuer
und sie setzten sich auf einen jeden von ihnen,
4 und erfüllt wurden sie alle mit dem Heiligen Geist,
und begannen zu sprechen in anderen Sprachen,
so wie der Geist es ihnen gab, die Stimme zu erheben.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden,
ehrfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun diese Stimme geschah,
kam die Menge zusammen und ward verwirrt,
denn ein jeder hörte sie reden in seiner eigenen Sprache.
7 Sie waren außer sich und voller Staunen und riefen: Nein, siehe,
sind nicht alle diese, die da sprechen, Galiläer?
8 Und wie hören wir jeder unsere eigene Sprache,
in der wir geboren sind?(...)
12 Alle waren sie außer sich, sie waren ratlos, und es sagte einer zum andern:
was will das werden?“

Das Wort „Echo“ Bildschirmfoto 2013-05-26 um 22.12.48- in V.2 ,in viele europäische Sprachen direkt übernommen, verweist auf einen entscheidenden Augenblick der Pfingstgeschichte. Könnte es sein, dass nicht so sehr ein „Brausen“ gemeint ist, --wie meist „Echo“ übersetzt wird und wie es sich im Verständnis des tätigen Pfingstgeistes eingebürgert hat, sondern dass konkret die Grundbedeutung gemeint ist ?Dass hier von einem aus dem Himmel kommenden ECHO gesprochen wird? Ist es nicht vielmehr ein überwältigendes Tönen, ein mächtiger Widerhall, eine Antwort auf die in Einmütigkeit, im Gebet versammelten Menschen? Drei Dinge haben die Menschen in der Vorbereitung getan: bleiben, klären, beten(meditieren).Sie sind in Jerusalem geblieben ( trotz Angst und Bedrohung).Sie haben im Gedenken an die Zugehörigkeit des Judas nach seinem Tod die Zwölfzahl ergänzt - ihre Gemeinschaft geklärt. Und sie waren in betender, meditierender Einmütigkeit, erwartend, beieinander.
Ferner fällt auf, w i e der Heilige Geist in dem Pfingstgeschehen in die Wahrnehmung tritt. In V2 erscheint er mit den Worten : „mächtiger Geist“- πνοῆς βιαίας Hier steht nun erstaunlicher Weise nicht Bildschirmfoto 2013-05-26 um 22.15.59„to pnéuma“, das sonst gebräuchliche Neutrum, das die Bedeutung von „Geist, Atem, Hauch, Wind“ umfasst und das im Neuen Testament ca. 340 Mal immer in dieser Neutrumform vorkommt. Sondern hier erscheint die im ganzen Neuen Testament nur zweimal (2) gebrauchte weibliche Form für „Geist, Atem, Hauch, Wind “: Bildschirmfoto 2013-05-26 um 22.18.34– „hä pno`ä“.
Von daher stellt sich die Frage, ob durch die sprachlich auffällige Form an dieser Stelle der griechische Urtext einen Hinweis auf den weiblichen Heiligen Geist gibt?

Obwohl fraglos die Neutrumform für Geist die geläufigere ist (s. auch V.4), existiert im Griechischen eine weibliche Form. Und wenn sie in Erscheinung tritt, will damit etwas ausgesagt werden. Aber was ?
Das Alte Testament weiß ganz selbstverständlich um Aspekte des Weiblichen der Gottheit. In vielen ihrer Texte erscheint das „Weibliche“ als ein komplementäres Prinzip zum „Männlichen“. Beide wirken gemeinsam als schaffender Geist Gottes. Von daher schließt sich jede vordergründige Mann/Frau-Interpretation aus.
Bereits der in der Genesis erscheinende Ausdruck für den Welten erschaffenden Geist Gottes, hebräisch „die Rúach Elohim“, ist ein weibliches Wort. In diesem Sinne ist auch in den sogenannten Weisheitsbüchern (3) des Alten Testamentes ein weiblicher Aspekt des Göttlichen genannt, die Chochmá. Sie ist die lebendige, schaffend tätige Weisheit, griechisch Sophia.

Die Chochmá / Sophia/Weisheit ist der Gottheit als Mittätige immanent, vom Uranfang aller Welten anwesend und mit ihr weltenschöpferisch wirkend. Entsprechend sagt sie in den Sprüchen Salomos über sich:

22 „Ich war bei Jahwe am Beginn seiner Wege,
vor seinen Werken, von jeher,
23 von Ewigkeiten her bin ich da ,
von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde,
24 bevor noch die Urflut war, wurde ich geboren,
da es noch keine Quellen gab, reich an Wasser,
25 bevor die Berge gesetzt wurden, vor den Hügeln-- ward ich geboren,
26 da Er Land und freies Feld noch nicht gemacht hatte
und noch nicht das Element des Erdstaubes,
27 als Er den Himmel erbaute, war ich dabei, als Er den Kreis abmaß über der Urflut,
28 als er die Wolken oben befestigte,
als ER stark machte die Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Schranke setzte,
damit die Wasser nicht die Grenzen überströmten,
als Er die Grundfesten der Erde legte,
30 da war ich an seiner Seite, seine Werkmeisterin, (4)
war seine Freude Tag um Tag, tanzend vor ihm allezeit,
31 spielte auf seinem Erdkreis
und meine Freude war bei den Menschen.“ (Sprüche Salomos, 8,22ff)

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1 Goethe, Italienische Reise, zitiert nach Hans Poeschel, Die griechische Sprache, München 1979, S.7
2 Der zweite Beleg findet sich in der Apg.17, 25, in der Predigt, die der Apostel Paulus den Athenern hält, als er auf der Agorá ihnen von dem Unbekannten Gott spricht, der jedem Menschen „zo ́ä“ =Leben und „pno ́ä“= Geist gegeben habe.
3 Dazu werden gezählt :Weisheit Salomos, Prediger, Sprüche Salomos, Sirach und Baruch
4 Der hier verwendete sehr seltene Ausdruck ה אמון = ha Amún - ein Wort, das außerdem nur noch bei dem Propheten Jeremias (52,15) vorkommt,- bedeutet „Werkmeister“. (vgl. Gesenius, S.47 )Die Vulgata übersetzt dem ganz entsprechend:„ conponens“, was sich mit „Mit- Täter“ wiedergeben lässt. Die Septuaginta gibt gleichfalls diese Stelle mit Bildschirmfoto 2013-05-26 um 22.24.34 „Zusammenfügerin“ wieder.
In deutschen Bibeln lauten die Übersetzungsvorschläge für obige Stelle aus den Sprüchen Salomos : Liebling, Pflegling, Schülerin, Geliebte , Gefährtin und Wächter.