Maria von Magdala | Die Egoisten
Elsbeth Weymann: Die zweifache Umwendung


Joh. 20, 11-18 Maria von Magdala


Maria aber stand draußen am Grabmal,
weinend,
unter dem Weinen beugt sie sich vor,
sieht in das Grab

und schaut zwei Engel sitzen,
im Hell-Leuchtenden,
einen zu Haupten und einen zu den Füßen,
wo sie den Leib Jesu gelegt hatten,

und diese sprechen zu ihr: "Frau, was weinst du"?
Sagt sie zu ihnen: "Sie haben meinen Herrn weggetragen,
und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben."

Als sie dies spricht,
wird sie gewendet, nach rückwärts,
und schaut Jesus, stehend,
und weiß nicht, dass es Jesus ist.

Spricht Jesus zu ihr: "Frau, was weinst du? Wen suchst du?"
Sie meinend, dass er der Gartner sei, sagt zu ihm:
"Herr, hast du ihn weggetragen,
sage mir, wo hast du ihn hingelegt? Ich will ihn holen."

Spricht Jesus zu ihr:
"Maria",
wiederum sich umwendend spricht sie:
"Rabbuni", (das heißt „mein Meister"),

spricht Jesus zu ihr:
"Rühre mich nicht an,
denn noch bin ich nicht aufgestiegen zu meinem Vater.
Geh' aber zu meinen Brüdern und sage ihnen:
"Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater,
zu meinem Gott und zu eurem Gott."

Maria von Magdala kommt und verkündigt den Jüngern:
"Ich habe den Herrn geschaut und
das hat er zu mir gesagt."

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Maria von Magdala erscheint im übersetzten Text am Morgen des Ostertages, in tiefer Trauer, weinend, da sie das Grab leer findet. Folgt man dem Verlauf der Erzählung, so lässt sich ein Prozess erkennen. Er führt über verschiedene Stufen der Wahrnehmung und Begegnung zur Erkenntnis des auferstandenen Christus, wie zu einem Erwachen auf einer anderen Ebene. Während ihrer Worte: "Sie haben meinen Herrn weggetragen," geschieht etwas mit ihr: sie wird umgewendet, in den Bereich hinter ihrem Rücken (V.14)

Dieser rückwärtige Bereich ist vielfach in Darstellungen der Malerei der Wirkungsort der Inspiration. Hierzu ist stimmig die grammatikalische Form des Verbs stréfo an dieser Stelle. Was mit Maria vorgeht, ist ausgedrückt in der "grenzen- Iosen, zeit- Iosen Zeit" (=Aorist) und besagt zudem, dass "an, mit ihr etwas geschieht" (=Passiv)! lm Innern dieser Bewegung nimmt sie neu wahr: die für den Gärtner gehaltene Gestalt des Auferstandenen, des Christus. Aber sie erkennt ihn noch nicht. In dem Augenblick aber, als sie von dem Auferstandenen nur mit einem Wort, mit ihrem Namen "Maria", angesprochen wird, geschieht mit ihr eine zweite Um-Wendung.

Diese zweite Umwendung der Maria ist physisch gesehen - nachdem sie sich gerade schon zu dem Christus hin umgedreht hatte, - ganz unsinnig. Der Text weist also deutlich auf eine nicht äußere Um- Wendung, eine innere Wendung in eine andere Ebene, die sie wie aufwachen lasst für die nun aufleuchtende Erkenntnis: "Rabbuni" - mein Meister (V.16).