Karwoche | Die Egoisten
Elsbeth Weymann: Karwoche

Matt. 24, 45-54, Passion, Teil 2




Von der sechsten Stunde an geschah eine Finsternis im ganzen Land
bis zur neunten Stunde.

Um die neunte Stunde schrie Jesus laut:
„Eli, Eli, lema sabachtani“.
Das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum verlässt du mich“.

Einige von denen, die dort standen, hörten es und sagten:
„Er ruft den Elija“.

Und sogleich lief einer von ihnen,
nahm einen Schwamm, tauchte ihn in sauren Wein,
steckte ihn auf ein Schilfrohr und gab ihm zu trinken.

Die Übrigen aber sagten: „Lass, wir wollen sehen, ob Elias kommt und ihn rettet“.

Jesus aber schrie abermals mit gewaltiger Stimme
und gab den Geist auf.

Und siehe - der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel wurde
zerrissen,
von oben bis unten, in zwei Stücke,
und die Erde bebte und die Felsen zerrissen

und die Gräber öffneten sich,
und die Leiber vieler entschlafener Heiliger wurden auferweckt,

und sie kamen heraus aus den Gräbern - und wurden vielen offenbar.

Als nun der Hauptmann und die mit ihm Jesus Bewachenden das
Erdbeben sahen und was da geschah,
wurden sie ergriffen von großer Furcht und
sprachen:
„Wahrhaftig - dieser war und ist Gottes Sohn!“

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Aus dieser Darstellung der Passion nach Matthäus sind vor allem die Worte Christi am Kreuz aus dem 22. Psalm „Mein Gott, mein Gott, warum verlässt Du mich?“ tief bewegend. Der leidende Gott, der dem leidenden Menschen nahekommt. Liest man aber den Psalm zu Ende, so zeigt sich eine erstaunliche Verwandlung: Er wird ab Vers 22 „du antwortest mir“ wie ohne Übergang zu einem gewaltigen, jubelnden Hymnus.

23 „Lobpreisen will ich deinen Namen vor meinen Brüdern, jubelnd verkünden dich in der Gemeinde (…)
24 Die ihr den Ich-Bin verehrt, lobpreist ihn, von Jakobs Stamm ihr alle, verherrlicht ihn (…)
27 Den Ich-Bin preisen werden die, ihn suchen, ihr Herz wird lebendig bleiben für immer (…)
32 Sie werden kommen und verkündigen Deine Wahrheit dem Volk, das noch geboren wird, dass
Er es vollbracht hat.“


Wenn Rudolf Steiner Christi Worte am Kreuz wiedergibt als: „mein Gott, mein Gott, wie hast Du mich verherrlicht“, ist damit nicht eine andere oder gar die eigentlich richtige Übersetzung genannt, wie manchmal kolportiert wird. Vielmehr weist Steiner auf den Mysteriengehalt des Passionsgeschehens hin. Die in den Mysterien von Neophyten symbolisch durchlebte Erfahrung von Tod und Auferstehung wurde durch Christus historische Tatsache. Was Steiner schildert, ist somit die Schau der anderen Seite des gleichen Vorganges, Worte, die auch der Verwandlung in den Jubel des 22. Psalms entsprechen.