Christusbegegnung | Die Egoisten
Simone Weil Christus

In meinem Leben war seit Studententagen eine Textstelle von Simone Weil essentiell (diese jüdische Mystikerin, die, migränekrank und am Fließband arbeitend, heftig mit dem Katholizismus flirtete), eine Art innerer Richtschnur. Wenn man eine innere Affinität zu derlei hat, berührt einen eine Textstelle wie von Simone Weil im inneren Kern:


„Er trat in mein Zimmer und sprach: (...) Es war nicht mehr Winter. Es war noch nicht Frühling. Die Zweige der Bäume waren nackt, ohne Knospen, in einer kalten, sonnigen Luft.
Das Licht stieg auf, strahlte, wurde schwächer, dann kamen Mond und Sterne zum Fenster herein. Und wieder stieg das Morgenrot auf.
Manchmal schwieg er, nahm aus einem Wandschrank ein Brot, und wir teilten es miteinander. Dieses Brot hatte wahrhaftig den Geschmack des Brotes. Ich habe diesen Geschmack nie wiedergefunden.


Er schenkte mir und sich Wein ein, der den Geschmack der Sonne und der Erde hatte, auf der diese Stadt erbaut war.
Manchmal streckten wir uns auf dem Fußboden der Dachkammer aus, und die Süße des Schlummers sank auf mich herab. Dann erwachte ich, und ich trank das Licht der Sonne.
Er hatte mir versprochen, mich zu belehren, aber er lehrte mich nichts. Wir sprachen von allem und jedem, was uns gerade einfiel, wie alte Freunde tun.
Eines Tages sagte er zu mir:"Jetzt geh". Ich fiel auf die Knie, ich schlang meine Arme um seine Beine, ich flehte ihn an, mich nicht zu verjagen. Aber er stieß mich auf die Treppe hinaus. Ich stieg die Treppen hinunter, ohne zu wissen, wie mir geschah, das Herz wie in Stücken. Ich ging in den Straßen.


Dann bemerkte ich, daß ich gar nicht wußte, wo dieses Haus lag. Ich habe niemals versucht, es wiederzufinden. Ich begriff, daß er mich aus Versehen aufgesucht hatte. Meine Stelle ist nicht in jener Dachkammer. Sie ist irgendwo, in dem Kerker eines Gefängnisses, in einem jener bürgerlichen Salons voller Nippes und rotem Plüsch, in dem Wartesaal eines Bahnhofs.
Irgendwo, aber nicht in jener Dachkammer.Manchmal kann ich nicht anders: ängstlich und mit schlechtem Gewissen wiederhole ich mir ein wenig von dem, was er zu mir gesagt hat. Wie soll ich wissen, ob ich mich dessen genau erinnere ? Er ist nicht da, es mir zu sagen.


Ich weiß wohl, daß er mich nicht liebt. Wie könnte er mich lieben? Und doch, ganz innen ist etwas, ein Punkt meiner selbst, der es nicht lassen kann, mit Furcht und Zittern zu denken, daß er mich vielleicht, trotz allem, liebt."