Lotosblumen | Die Egoisten
Michael Eggert: Die Entfaltung der Lotosblumen

Wir sind Spiegelwesen

buddhayell
Unsere Identität und unser Selbstgefühl entspringen - so absurd es zunächst erscheinen mag- der Tatsache "gespiegelt zu werden“ - im Dialog, im Erwachsenenalter, aber auch, auf sehr viel existentiellerer Ebene, als Kleinkind:
"Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin. vorausgesetzt, dass die Mutter tatsächlich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert. Im letzteren Fall findet das Kind im Antlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen.“ -1- Alice Miller meint damit auch, dass diese Art von frühkindlichem Mangel im Angeschautwerden später dazu führen kann, dass aus diesen Kindern Meister im Einfühlungsvermögen werden; insbesondere Psychoanalytiker, aber natürlich auch Psychologen oder andere Profi- Versteher in allen sozialen Berufen. Manchmal sind die individuellen Bedürftigkeiten der Akteure in sozialen Berufen tatsächlich hoch - das Helfersyndrom ist kein Mythos. Dass die innere Intention zu helfen auch einem persönlichen Bedürfnis entspringen kann, bleibt meist im Unbewussten. Menschen mit einer "inneren Mission" können viel bewirken, aber auch viel blockieren, da dieser innere Stachel immer in ihre Absichten hinein spielt und im Umfeld Widerstände hervor ruft. Aber natürlich existieren wir auch sonst als Erwachsene dadurch, dass wir von Anderen gespiegelt werden. Das zeigt sich in Untersuchungen -2- von Schlaganfallpatienten, deren Gesichtszüge teilweise gelähmt blieben. Nicht selten setzt danach eine soziale Isolation ein, da Emotionen sich nicht mehr im Gesicht darstellen lassen- es bleibt maskenhaft für den Gesprächspartner. Die Patienten können das emotionale Feedback nicht mehr oder nur bedingt leisten. Das ist für Gesprächspartner häufig kaum zu ertragen; wir hängen einfach zu sehr davon ab, bestätigt zu werden. Diese ununterbrochene Feedback- Schleife, mit der wir durchs Leben gehen, bleibt weitgehend unbemerkt. Wenn jemand auf unser Erscheinen, unsere Äußerungen, unsere Präsenz nicht reagiert, sondern einfach wie eine Ding vor uns steht, verunsichert uns das, selbst wenn wir wissen, dass es sich um einen Patienten handelt und dass er nicht reagieren kann. Wir baden in einem Meer von emotionalen Feedbacks, denn daraus konstituieren wir uns, dadurch fühlen wir uns, dadurch sind wir angenommen und angekommen. Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty beleuchtet das Thema und Dilemma mit dem Satz: „Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“ -3-
Es ist schon auch ein Akt der Emanzipation, nicht restlos in das Geflecht unserer Spiegelungen verwoben zu sein, einen freien Blick und etwas Entzug zu bekommen von dieser Sucht nach Bestätigung. Hilfreich dabei ist u.a. meditatives Arbeiten, da man bei dieser Betätigung zunächst keine Feedbacks erhält. In gewisser Weise steht man nackt vor etwas, was wir darum als Leere empfinden, weil dies ein Reich ohne Spiegel ist. Die Erfahrung der Leere ist ein notwendiges Durchgangsstadium in der meditativen Arbeit. Es gibt nicht einmal mehr körperliche und biologische Rückmeldungen. Der Gedankenfluss steht still. Niemand bestätigt uns, niemand schaut uns an. Wir sind konzentriert, aber ohne Inhalte, ohne Ziel, ohne Das. Da wir Spiegelwesen sind, ist das ein Moment am Abgrund. Ohne ein Das sind wir, so wie wir sind, einfach nicht mehr existent: „Jede Erhöhung der Erfahrungsebene stellt die Seele vor ein Nichts oder einen Abgrund, weil sie im nächst höheren Gebiet zunächst nicht strukturieren, das heißt unterscheiden kann.“ -4- Aber dort, am Abgründigen, entspringt zugleich das, was an uns Kraft und leerer Wille ist. Wir bemerken diese Unterströmungen zunächst nicht, weil wir in unsere Spiegelungen so verstrickt sind.  Das, was dieses Schweigen übersteht, was hier mit Wärme, Leben und in Klarheit entspringt, ist das, was keiner Bestätigung bedarf, sondern sich selber trägt. Wir sind „die geistige Welt". Wir müssen durch diesen Nullpunkt hindurch, um dessen gewahr zu werden. Im Folgenden werden wir einige Zugänge dazu skizzieren.


Wahrnehmung des Ätherischen

Wenn das Bedürfnis lebendig geworden ist, die verdünnte Aufmerksamkeit – das Alltagsbewusstsein - und die zwanghafte „fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ -5- durch konzentriertes Üben zu überwinden, entwickelt sich mit der Zeit das Denken „zu einem Wahrnehmungsorgan für das Lebendige, für Ätherkräfte“ -6-. Es gibt zahlreiche spirituelle Bewegungen und Organisationen, die die Dekonstruktion des Alltags- Ichs propagieren, aber an dieser Stelle statt weiterer Forschungsarbeit eine ansonsten positivistische Erleuchtungsmetaphorik anhängen. Offenbar gibt es eine Reihe von technisch funktionellen Selbstbeglückungsmechanismen, die an diesem Punkt ansetzen können, aber sich in diesem Selbstgenuss auch erschöpfen.

Das Erleben ist aber auch bei denen, die an diesem Punkt erst den Beginn einer ernsthaften geistigen Arbeit sehen, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Meist ist ein visuelles Empfinden prägnant, etwa in Form von Wahrnehmung des Ätherischen „als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ -7- Eine weniger visuell ausgeprägte Wahrnehmung fasst Gedanken als komprimierte, sich entfaltende Denkbezüge auf, in Kontexten, die in sich bereits stimmig sind- ein flüssigeres, lebendigeres Denken. Aber es gibt auch eine Neigung zu einer Wahrnehmungsart, die mehr die unteren Sinne aktiviert, vor allem Lebens-, Eigenbewegungs- und Tastsinn. Dann werden innere Kraftstrukturen, innere Räume, dynamische Energien erfahren, die etwas wie ein quasi- leibliches Empfinden bedingen, das aber nicht mehr mit den eigentlichen Körpergrenzen kongruent ist: „Die Ätherkräfte können als reine Kraftimpulse erlebt werden, das entspräche der Sinneswahrnehmung durch den Tastsinn…“ -8- In diesem Fall erlebt man sich nicht mehr im Leib, sondern man erlebt Kraftzentren und Dynamiken am Leib, die eine charakteristische, universelle Struktur besitzen. Man nennt diese Kraftzentren Chakren.

Rudolf Steiner belegte sie auch mit einem anderen Terminus: „Die Lotusblumen werden an dem astralischen Leibe bewusst. In dem Zeitpunkte, in dem man die eine oder die andere entwickelt hat, weiß man auch, dass man sie hat. Man fühlt, dass man sich ihrer bedienen kann und dass man durch ihren Gebrauch in eine höhere Welt wirklich eintritt. Die Eindrücke, welche man von dieser Welt erhält, gleichen in mancher Beziehung noch denen der physisch-sinnlichen. Wer imaginativ erkennt, wird von der neuen höheren Welt so sprechen können, dass er die Eindrücke als Wärme- oder Kälteempfindungen, Ton- oder Wortwahrnehmungen, Licht- oder Farbenwirkungen bezeichnet. Denn wie solche erlebt er sie. Er ist sich aber bewusst, dass diese Wahrnehmungen in der imaginativen Welt etwas anderes ausdrücken als in der sinnlich-wirklichen. Er erkennt, dass hinter ihnen nicht physisch-stoffliche Ursachen, sondern seelisch-geistige stehen.“ -9-

Die Entfaltung der Chakren steht damit an der Nahtstelle zum imaginativen Erkennen und – wie dargestellt werden soll- im Mitvollzug systemischer Prozesse in Natur, Kommunikation und Teamentwicklung. Unmittelbar mit dem Prozess verbunden ist die Empfindung einer situativen Lösung vom persönlichen Gewordensein, vom Gewohnheitsleib und der gewachsenen Persönlichkeitsstruktur. Im gleichen Maße wachsen multiperspektivische Denkaktivitäten, Intuition in die Ambitionen Anderer und Formulierungsfähigkeiten für „im Raum Stehendes“, wenn z.B. Teams, Parteien, Gruppen um Lösungsmöglichkeiten in konkreten Situationen ringen. Vordergründig ändert sich aber zunächst – primär bemerkbar- das Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit.


Das Erlebnis des Leibfreien

Mich wundert immer etwas, dass so viel und gern, wenn es um meditatives Erleben geht, von leibfreier Erfahrung gesprochen wird. Das ist ungenau. Es ist ja nicht so, dass wir einerseits im Leib „steckten“ und uns dann - in einem Ausnahmezustand - daraus meditativ befreien würden. Wir stecken als Menschen nicht fest, sondern justieren uns als Welt-Leib-Wesen dauernd neu, in einem dynamischen Prozess. Im Wahrnehmen des Gleichgewichts, der Schwere und Leichte, in der Wahrnehmung des Anderen, im Empfinden der Qualität des Lichts, ja selbst in dem Nachfahren der Gebärde einer Pflanze leben wir dauernd „in der Welt“. Sollten wir tatsächlich fest stecken - was z.B. durch bestimmte Medikamente künstlich erzeugt werden könnte - verlören wir Gleichgewicht und Selbstgefühl, fielen um, würden ohnmächtig oder würden uns durch eine epileptische Entladung befreien.

Die Empfindung, „im Leib“ zu sein, entspringt den dauernden Rückmeldungen unserer Sensorik - etwa in Bezug auf die körperliche Oberfläche und ein gewisses leibliches Selbstempfinden, also durch die „unteren Sinne“. Das Sich- Selbstempfinden, die Identifikation mit dem leiblichen Sein zieht einen Großteil unserer Aufmerksamkeit auf sich. Die Bindung und Bannung unserer eigentlich freien Aufmerksamkeit durch das körperliche Gefühl zersplittert diese und verhindert die freie, d.h. formfreie Konzentration. Im Meditativen geht es darum, die unwillkürlichen Rückmeldungen zeitweilig abzustellen, um die ungeteilte Aufmerksamkeit zu erfahren und uns selbst in ihr. Das bringt ungeahnte Energien mit sich, ja einen regelrechten Starkstrom von reiner Kraft.

Diese Befreiung gelingt schrittweise und ist spürbar in der Aktivierung der wesentlichen Chakren, vom Stirnbereich über den Kehlkopf, vom Herz bis hin zum Nabel -10-. Mit der Aktivierung des Herzchakras beginnt das Erleben ungeteilter Aufmerksamkeit und existentiell strömender Energien. Die Loslösung von den Rückmeldungen der Körpergrenzen gelingt wohl erst ganz auf der Ebene der Nabelkraft. Erst dann kommen wir zur Erfahrung des "unberührbaren Wesens" oder der Reinheit des „Spiegels“: „Die Selbst- Natur ist wie ein klarer, glänzender Spiegel, der Bilder widerspiegelt. Wenn der Spiegel dies tut, leidet dadurch in irgendeiner Weise seine Klarheit? Nein, keineswegs. Leidet sie dann vielleicht, wenn keine Bilder widergespiegelt werden? Nein, keineswegs. Weshalb nicht? Weil die Verwendung des klaren Spiegels keinen Einwirkungen ausgesetzt ist und seine Spiegelfläche dadurch nie verdunkelt wird. Ob Bilder widergespiegelt werden oder nicht, ändert nichts an seiner Klarheit. Weshalb nicht? Weil dasjenige, das keinen Einwirkungen ausgesetzt ist, inmitten der Bedingtheiten keinen Wechsel kennt.“ -11-

Der Prozess der damit angedeuteten spirituellen Metamorphose vollzieht sich in mehreren um der Systematik willen einzeln dargestellten Schritten zur Entfaltung der Chakren, der in der Praxis aber durchaus diskontinuierlich verlaufen mag – manchmal auch chaotisch- und mit schmerzlichen Selbsteinsichten verbunden sein muss, wie später noch dargestellt werden soll.

Viele – vor allem junge Menschen- empfinden eine gewisse Loslösung im Bereich des Kopfes, sind sich aber nicht bewusst, dass es sich um eine beginnende innere Bewegung im Bereich des Stirnchakras handelt. Meist fließen die gewonnenen Möglichkeiten in soziale Tätigkeiten, in das Wahrnehmen und Entfalten kommunikativer und systemischer Prozesse. Es wird leichter, intuitiv festzustellen, in welche Richtung sich soziale Dynamiken entwickeln, ihnen zu folgen und sie formulierbar zu machen. Das Internet mit seinen Möglichkeiten zur permanenten Abstimmung, aber auch die wachsende Evaluationskultur in Wirtschaft, Politik und Bildung sind mögliche technische Grundlagen für das sich entwickelnde lebendige Denken im Rahmen sozialer Verantwortung. Nicht zuletzt beginnt an diesem Punkt auch eine Kultur der Selbst-Evaluation im Sinne von Supervision- einer Betrachtung persönlicher, intimer Entwicklungsschritte- im Spiegel des Teams, in dem sich der Einzelne befindet.

Wenn die Ausweitung auf das Kehlkopfchakra gelingt, wird diese frei schweifende Potentialität allmählich weiter konzentriert und fokussiert. An diesem Punkt kommt ein deutliches Willenselement in die Entwicklung hinein. Das meditative Leben vertieft sich, da nun auch eine Gerichtetheit der freien Kräfte möglich wird. Die erste echte Loslösung von Rückmeldungen der Körperlichkeit wird erlebbar, indem man sich in einem meditativen Strom mitgenommen fühlt; die bislang eher punktuelle Konzentration wird zuerst im Rahmen der meditativen Arbeit dauerhaft. Allmählich wird die Empfindung, am Rande dieses Kraftstroms zu leben, zunehmend den ganzen Alltag durchziehen und ständig als Hintergrund- Strömen bemerkbar sein. In schwierigen Situationen, in Konflikten oder in scheinbar ausweglosen Konstellationen lässt man etwas los, so dass ein Agieren aus der geistigen Präsenz heraus möglich wird. Die eigenen Intentionen stehen hinter der intuitiven Wahrnehmung des Willens aller Beteiligten zurück. Man kann aus „moralischer Phantasie“ heraus handeln- in konzentrierter Improvisation.

In der Praxis ist anzumerken, dass weder Herz- noch Nabelchakra erwartungsgemäß als bestimmter Punkt erlebt werden; das Herzchakra lässt sich vielmehr u.a. als Kraft zwischen den Handinnenflächen erleben, der Nabelpunkt hingegen ist über die ganze Körperoberfläche erweitert.
In frühen „Anweisungen für eine esoterische Schulung“ 12- — also in den Jahren 1906- 1908 ist Rudolf Steiner immer wieder auf einen Übungskanon zur Entwicklung der Chakren eingegangen. Die Übungen laufen nach dem Muster

Ich bin („sich zu konzentrieren auf den Punkt an der Nasenwurzel..“)
Es denkt („sich zu konzentrieren auf den Kehlkopf..“)
Sie fühlt („sich dabei zu konzentrieren auf das Herz..“)
Er will („konzentriere sich dabei auf den Nabel..“) -13-

Teilweise waren diese Übungen verbunden mit Anweisungen zur Regulierung der Atmung, auf die Rudolf Steiner später völlig verzichtete, mit bei ihm unvermeidlichen Erklärungen („Es bedeutet: Das Weltdenken“..) und mit Anregungen für den Lebensstil: „Alkohol ist absolut zu meiden. Vegetarische Kost nicht unbedingt, doch förderlich“. Zum damaligen Zeitpunkt wurden die Übungen als eine Art individuelles Paket an Schüler von Rudolf Steiner persönlich gegeben.

Die „Hauptübungen“ Rudolf Steiners in Bezug auf die Entfaltung des Herzchakras bestehen einerseits aus konkreten Anordnungen- etwa, dass man sich konzentrieren solle „auf seine beiden Arme und Hände. Man hält die Hände so, dass sie entweder gefaltet sind oder dass die Rechte über die Linke gelegt ist“ -14-. Andererseits nimmt er auch die Erfahrung schildernd vorweg, gibt damit aber auch klare Richtungsanweisungen in Bezug auf das meditative Geschehen: „Man wird, wenn man diese Konzentrationsübungen einige Wochen energisch fortsetzt, an den Stellen, auf die man sich konzentriert, etwas fühlen, also an der Nasenwurzel, im Kehlkopf, einen Strom in den Händen und Armen und an der ganzen äußeren Körperoberfläche. Beim Konzentrieren auf Arme und Hände wird man fühlen, wie die letzteren durch eine Kraft auseinandergetrieben werden, man lasse sie dann auseinandergehen, das heißt, der Kraft folgen, aber man suggeriere sich dies nicht. Es muss ganz von selbst eintreten.“ -15-

In Bezug auf das Nabelchakra deutet Rudolf Steiner einen weiteren Entwicklungsschritt an, indem er schreibt, dass im „Er will“ „Gott“ gemeint sei, „in dessen Willen wir unser ganzes Sein stellen.“ -16-

Heute werden wir solche Übungen bei Bedarf nach eigenem Geschmack, Stil und Umständen gestalten. Die konkreten Beschreibungen zu den dabei auftretenden Erfahrungen, die Steiner gibt, können aber sehr hilfreich sein - im Sinne von Wegmarken in einer verschneiten inneren Landschaft.

Jenseits der Rückmeldungen unserer biologischen Entität – im „Leibfreien“- sind wir in der Formlosigkeit, in der Leere, aber keinesfalls in einem Nichts. Im Gegenteil; dies ist der Bereich, in dem die Quellen entspringen, der Bereich der Potentialität. Hier erst haben wir die Kraft, formfreie Energien zu begleiten. Sie sind immer da, aber wir waren faktisch bislang abgelenkt- unser „Spiegel“ war getrübt. Die Trübung entsteht, wie schon erwähnt, durch die Aufsplitterung der Aufmerksamkeit: „Während vorher die Ich-Kraft wie verdünnt in die vielfältigen Seelentätigkeiten hinausfließt und in dieser Verdünnung wie schläft, gewinnt sie jetzt eine Konzentration, in der sie den Verlust von Identifikation mit Seeleneigenschaften erst bemerken kann, sich quasi jetzt erst richtig empfindet.“ -17-

Wir können diese Vielfalt – diese Verdünnung- bei gleichzeitiger Beanspruchung und Wahrnehmung auch beim Autofahren erleben, als ein extremes Beispiel für das viel beschworene Alltagsbewusstsein. Dabei schauen wir nicht nur in jede Richtung, sondern projizieren unsere Körpergrenzen auf das Gefährt, dessen Außenmaße unsere Körpergrenze einnimmt- relativ zum Straßenrand, dem fließenden Verkehr und unserer Geschwindigkeit. Das Auto wird zu unserem Leib. Es ist eine Projektionsfläche. Unseren eigenen Körper empfinden wir nicht, sonst wäre die zerstreute Aufmerksamkeit gefährlich verengt.

Was im Straßenverkehr die Diversifikation unserer Aufmerksamkeit genannt werden kann, wird in der meditativen Erfahrung zur entgegengesetzten Bewegung: Es geht hier um die inhaltsfreie Fokussierung, um das Durchgehen durch einen Nullpunkt, auf dessen anderer Seite neue Dynamiken entspringen- auch in Bezug auf die Kraftpunkte unserer erweiterten Leiblichkeit, die Chakren. Aber gehen wir noch etwas auf die eigentliche Erfahrung ein.

Einfaltung

Dort, wo es zur lebendigen geistigen Erfahrung kommt, zur Einstimmung ins Quellende, in den Strom, bemerkt man die einzelnen Chakren so wenig, wie man sich der Sinnesorgane bei der Wahrnehmung im Alltag bewusst wird; sie werden transparent. Es ist ganz offensichtlich, wenn man die esoterische Literatur studiert, dass die Nuancen der Erfahrungen an diesem Punkt unterschiedlich sein können; ich kenne z.B. weniger eine Orientierung nach Oben oder Unten, sondern eher einen Strom in der Waagerechten, der aus dem Rücken kommt, sich vor allem in Höhe des Kehlkopf ballt und nach vorne strömt. Es ist deutlich, dass die Wirksamkeit der Chakren sich bündelt, dass etwa die Helle des Stirnbereichs sich mit dem Tastend- Empfindenden des Herzstroms im Willensartigen des Kehlkopfs mischt.

Es entspringt ein geistiger Kraftraum vor dem inneren Auge, der fluktuierend- oszillierend wirkt, ohne feste Struktur, aber sehr wohl begrenzt und gehalten von bindenden Kräften aus dem Bauchraum und von den Händen her. Wenn der Strom eine gewisse Stärke erreicht hat, wird das Schweigen sprechend. Ohne dass eine bestimmte Schwelle oder ein Übergang erlebbar wäre, bauen sich Gesten, annähernd Gestalthaftes im Kraftraum auf - etwa eine Gebärde, die kühl und in unnachahmlicher Aufrechte und Gerechtigkeit nach vorne weist. Die Gebärde ist sprechend und völlig transparent; es ist nichts, was man geschaffen oder aus sich heraus gebracht hätte; es ist willenhaft. Aber solche Gestalten, die sich entfalten, sind auch flüchtig, man muss den Eindruck erhaschen - festhalten kann man ihn nicht.
Das sonst zerstreute eigene Wesen ist in diesen Strom wie eingefaltet und verdichtet; man ist ganz und gar präsent. Aber gerade durch die transzendierte Präsenz bildet man diesen Kraftraum, in dem die geistige Erfahrung stattfinden kann. Das Zusammenwirken der Chakren führt dazu, dass es keinen Sinn mehr macht, Willen, Denken oder Fühlen zu unterscheiden; hier, im Nicht-Orthaften fallen sie vollkommen zusammen und werden zu einer einzigen Kraft, die im Sich- Zurücknehmen eine Art innerer Bühne schafft. Der Wille ist hell und gefühlvoll zugleich. Das Glück, real, das Gefühl, endlich nicht in einem zersplitterten, zerstreuten und insofern illusionären Bewusstsein zu leben, sondern ganz zu sein, mischt sich mit der Sicherheit, teil zu haben an etwas Realem. Es ist ein trockenes, nüchternes Glück, gemischt mit diesem Realismus, der absieht von allem, was nur persönlich ist.

Man weiß ja: Das kann man nicht verlieren. Man ist nur dahin zurückgekehrt, woher dem man stammt und in was man wieder eingehen wird. Das Alltagsbewusstsein ist demgegenüber eine Form von Amnesie oder zeitweiliger Zerstreutheit; der verdichtete Wille, den man sonst nur in Wirkungen kennt, kehrt sich so um, dass er Raum für ein geistiges Geschehen bildet.

Bildlich ausgedrückt könnte man im geschilderten Prozess, obwohl es dabei lediglich um den Beginn geistiger Entfaltung geht, in Bezug auf den Willen von einem Gralsgeschehen sprechen. Die auf das Entschiedenste fokussierte Konzentration, der Ausdruck reinen Willens, nimmt sich im gleichen Maß zurück, wie sie sich vorher eingefaltet hat. Jenseits der Wünsche, der Assoziationen und Gefühligkeiten verharrt sie in reiner Erwartung. Sie wird, um im Bild zu bleiben, zu einer Schale, die diesen geistig- ätherischen Innenraum bildet. Was nun (vielleicht) geschieht, ist das Aufspringen von Quellen, die jenseits dessen liegen, was man aus sich selbst heraus bilden könnte. Von nun an hat man teil daran, aber man erschafft es nicht.


Die illusionäre Selbstbespiegelung

Natürlich gibt es einen Positivismus auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Positivismus ist eine Art, sich die Dinge angenehm hinzulegen, damit sie nicht weh tun. Dazu gehört zum Beispiel die verbreitete Vorstellung, eine geistige Welt mit Wesen, die wirken und wollen, gäbe es nur in der Form von geistig- seelischer Projektion. Es wird behauptet, man gieße innere Erlebnisse in ein quasi- visuelles Äußeres hinein. Das ist natürlich bis zu einem gewissen Grad auch möglich. Wer meditativ tätig ist, kennt die Magie des Wünschens ganz gut. Es gibt eine weite und verbreitete Sphäre- auf der Ebene der Ego- Projektionen -, in der viele Illusionen aufkommen können. Solange man haftet und versucht, die eigene Großartigkeit und Einzigartigkeit fest zu halten, bildet man sich alles Mögliche ein. Man bildet es auch aus: Verschnupfte und verzettelte Esoteriker mögen das, was sie sich wünschen, manchmal auch zu sehen glauben. In der Feld-Wald-und-Wiesen-Esoterik macht man manche Mücke zum Erzengel.

Das illusionäre Zwischenreich erstickt an der eigenen Selbstbezüglichkeit. Man braucht eine gehörige Portion Selbstdistanz, um aus dieser Region heraus zu kommen. Hier hausen die Propheten, die Erleuchteten und die seelisch Umtriebigen. Ihr Kennzeichen ist die Bedeutsamkeit, die sie sich selbst verleihen. Man macht sich in dieser Hinsicht eben etwas vor und bringt unbemerkt einen Popanz in sich hervor.

Mit der Zeit aber wird die Luft klarer und der Blick frei. Vielleicht geht es nicht immer ohne Blessuren ab. Es geht keinesfalls um Selbstkasteiung und lustvolles Leiden, sehr wohl aber um den kritischen Blick auf uns selbst. Dort, wo der Blick frei wird, spürt man, dass man auf Eis steht und dass darunter ein Strom fließt. Man kann ihn unter den Füßen vibrieren fühlen, und weiß, dass man ein Teil von ihm ist. Nein, man bringt ihn nicht hervor, ganz im Gegenteil. Man ist so weit frei von sich selbst geworden, dass man den Blick und das Gespür für ihn hat- den schaffenden, gestaltenden Strom jenseits der Erscheinungen und Formen. Hier gibt es nichts als reinen Willen. Auch der Strom ist nicht frei davon. Aber wenn er ein Lebensstrom ist, ist er doch nicht jenseits von Wissen und Erkennen. Er ist hell, prall voll von erkennendem Schaffen. Man kommt an den Punkt, erleben zu können: „Du bist Quelle“ -18-.

Man kommt nur hier hin - natürlich ist es kein Ort, sondern eine Erfahrung-, wenn man die Selbstkonstruktionen und -bespiegelungen ein Stück weit - durchaus nicht unbedingt umfassend - hinter sich gelassen hat. Ein Zipfel freien Blicks reicht ja, um über den Tellerrand zu schauen. Natürlich muss man sich mit der Leere konfrontiert haben, um das Entspringen der Fülle erleben zu können. Aber die Leere ist kein Zustand, sondern ein Durchgangsstadium. Wenn die Leere halbwegs vollbracht und ausgehalten wird, entspringt in ihrer Mitte der Strom. Zugleich ist mit der Entdeckung der Quelle auch eine Erfahrung des eigenen, nicht leibgebundenen Ich verbunden: „Die Ich-bin-Erfahrung ist immer die Erfahrung des formfreien Wesens.“ -19-


Weltkraft Güte

Der Strom hat bestimmte Charakteristika. Nicht nur, dass er der Grund des Schaffens und Bewusstseins ist, trägt er in sich auch die Eigenheit, konstruktiv zu sein. Es drückt sich in ihm ein Wille aus, in dem unser eigener tiefster Wille völlig aufgehen kann, denn es ist der Wille zum Leben, das Bejahen dessen, was aufbaut, was sich selbst verschenkt- eine kosmische Freigiebigkeit und Güte, an der wir teilhaben dürfen und der wir als Wesen entstammen: „Das wahre Ich will nicht gesucht sein, wenn es erscheinen soll, und es verbirgt sich, wenn es gesucht wird. Denn es wird nur in der Liebe gefunden. Und Liebe ist die Hingabe des eigenen Wesens an das fremde Wesen. Daher muss das wahre Ich wie ein fremdes Wesen gefunden werden.“ -20-

Der "schaffende Weltenwille", in dem wir uns finden, ist nichts Abstraktes, Ausgedachtes, sondern etwas, was in seiner Entfaltung personalen Charakter hat. Er findet auch nicht nur in unserem Inneren statt, sondern ist eine Kraft, die spürbar Natur und Welt durchdringt und mit Geist und Sinn erfüllt: Man „fängt an, sich wie mit dem ganzen Weltenbau verwachsen zu fühlen, trotzdem (man) sich in seiner vollen Selbständigkeit empfindet. Es ist diese Empfindung ein Aufgehen in die ganze Welt, ein Einswerden mit derselben, aber ohne die eigene Wesenheit zu verlieren. Man kann diese Entwickelungsstufe als „Einswerden mit dem Makrokosmos“ bezeichnen. Es ist bedeutsam, dass man dieses Einswerden nicht so zu denken hat, als wenn durch dasselbe das Sonderbewusstsein aufhören und die menschliche Wesenheit in das All ausfließen würde.“ -21-

Diese Erfahrung wird mit der prozessualen Entfaltung der Chakren begonnen und begleitet, und sie hat von Anfang an auch den Charakter einer spirituellen und moralischen Kraftentfaltung. Man kann das zweifellos übersehen und sich festhaken in dem oben beschriebenen spirituellen Positivismus, der die eigene Erleuchtung zum Mittel- und Endpunkt der Entwicklung macht. Man könnte die Weltkraft Güte unter dem Eis lassen. Man würde dann in einer glorifizierten Selbstbespiegelung verharren und fühlte sich selbst als Mittelpunkt eines einsamen, leeren Kosmos. Dann aber bliebe man auf einem toten Gleis stehen und nähme nicht teil an der verwandelnden Kraft dieser Güte, die die Welt und auch uns selbst im Innersten bewegt.

Gerade im Übergang zu den zunächst nur zu erahnenden Dynamiken des inneren Kraftstroms, der mit der Entfaltung des Herzchakras zusammen hängen, gibt es Hindernisse, die nur anzudeuten sind, da sie ganz individuelle Züge tragen. Man nimmt sich das nicht vor- es ist ein zwangsläufiges Nebenergebnis der inneren geistigen Differenzierung. Vor dem Eintreten in den Strom steht immer eine eingehende kritische Selbstbeschau, ein Überblicken der ganzen eigenen Biografie. Durch unsere Erfahrungen, unsere Prägungen und Verletzungen, aber auch Fähigkeiten haben wir uns in bestimmter Weise entwickelt, sind zu einer bestimmten Person mit Standpunkten, Widerständen, aber auch Idealen geworden. Leibfrei – d.h. frei von Formen - werden bedeutet, wie sich zeigt, auch, dass man die „Konstruktionsprinzipien“ dieser Person erkennt. Schon dabei wird es immer schwerer, nicht mit Abwehrmechanismen, Durchhalteparolen oder gar Selbstverachtung zu reagieren. Man sieht sich zunehmend so, wie man wahrgenommen wird- und zwar von einer fiktiven, neutralen Außenwarte aus. Man sieht sehr klar gute und schlechte Ausgangsbedingungen und was man daraus gemacht hat. Man sieht schlichte egoistische Antriebe, die man selbst früh – vielleicht schon in der späten Jugend- mit idealistischen Leitmotiven übertüncht hat. Dazu gehört auch die Bedürftigkeit der Helfer in sozialen Berufen, die am Anfang dieses Textes thematisiert wurde. Das Erwachen besteht auch darin, dass man die ganze schlichte Struktur eigenen Wünschens, Empfindens und Strebens nun klar vor Augen hat. Gerade unter den sakrosankten persönlichen Idealen verbergen sich deutlich erkennbar simple Motive. Man erkennt, dass man mit dem, was das „Gewordene“ an einem selbst ist, in gewisser Weise fertig ist. Vielleicht erlebt man das als ein Scheitern, als eine scharfe biografische Zäsur. Zumindest erkennt man, dass es sich an diesem Punkt des Erkenntnisweges um ein existentielles Problem handelt- man kann sich nicht immer weiter „selbst entfalten“. Vor der Klärung dieser schmerzlichen Sachverhalte hat man nicht die notwendige Neutralität und emotionale Ausgewogenheit, um in den Strom eintreten zu können.

Wer an sich festhalten möchte, erstarrt an einer Stelle der skizzierten Entwicklung. Wer an das in sich selbst Sakrosankte nicht rühren kann oder will – es schlichtweg nicht erträgt-, wird in Zukunft mit gesteigerter ideologischer und weltanschaulicher Wucht das verteidigen, was ihm geblieben ist. Man wird die eigene Position verklären und womöglich ein Alleinvertretungsrecht für bestimmte spirituelle Fähigkeiten behaupten. Wer aber „schaffenden Weltenwille“ auch nur anfänglich in sich erlebt hat, wird zwar daraus Kraft schöpfen, aber keine Sicherheiten und perseverierenden Positionierungen gewinnen. Die Orientierung, die der Weltkraft Güte folgt, ist notwendig dialogisch ausgerichtet. Der immer neu entspringende Quell der Aufmerksamkeit, Freude und Anteilnahme wird den Schüler der Geisteswissenschaft zum offenen Gesprächspartner machen- keinesfalls aber zu einem belehrenden, auf Selbstverteidigung getrimmten Monolithen. Er weiß ja, dieser Quell entspringt in jedem Menschen, ja er ist die tragende Kraft jeder Existenz. In ihm finden wir wieder und entdecken uns zugleich neu.

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Verweise und Anmerkungen

1 Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt 1979, S. 59 f

2 Jonathan Cole, s.u.

3 Als Widmung zitiert in Jonathan Cole, Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben, o.O. 1999

4 Georg Kühlewind, Meditationen über Zen-Buddhismus, Thomas von Aquin und Anthroposophie, Stuttgart 1999, S. 71

5 Dorian Schmidt, s.u., S. 52

6 Dorian Schmidt, s.u., S. 46

7 Dorian Schmidt, s.u., S. 46

8 Dorian Schmidt, s.u., S. 46

9 Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13, Dornach 1977, S. 258

10 Andere spirituelle Schulen gehen deutlich anders vor, etwa die von Sri Aurobindo. Auch einzelne anthroposophische Autorinnen wie Heide Oehms gehen deutlich über den hier ausgeleuchteten Bereich hinaus

11 Suzuki in: Kühlewind, Meditationen über Zen- Buddhismus, Thomas von Aquin und Anthroposophie, Stuttgart 1999, S. 77

12 R. Steiner, Anweisungen für eine esoterische Schulung, Dornach 1979

13 Anweisungen, S. 36 ff

14 Anweisungen, S. 36

15 Anweisungen, S. 37

16 Anweisungen, S. 37

17 Dorian Schmidt, Lebenskräfte- Bildekräfte. Methodische Grundlagen zur Erforschung des Lebendigen. Stuttgart 2010, S. 54 f

18 Georg Kühlewind, Licht und Leere, Stuttgart 2011, S. 53
19 Georg Kühlewind, Licht und Leere, Stuttgart 2011, S. 24

20 Rudolf Steiner, 22.4.1923. In: Was wollte das Goetheanum und was soll die Anthroposophie?, GA 84, Dornach 1986

21 Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13, Dornach 1977, S. 293