Ende der Welt | Die Egoisten
Michael Eggert: Das Ende der Welt. Inquisitorische Stereotypen und Verschwörungstheorien


Wer kennt nicht die Macht der Projektionen: Man mag das am Anderen nicht, was einem am deutlichsten eigene seelische Strukturen entgegenhält; ein lebendiger Spiegel, der einem das präsentiert, was man sich vielleicht nicht gern eingestehen möchte. Man empfindet Antipathie gegenüber dem Anderen, möchte ihn zum Schweigen bringen. Der Angegriffene versteht nicht. Vielleicht fühlt er sogar die untergründige Verbundenheit, die meinen Hass hervorruft. Er weiß nicht, warum ich so ungehalten reagiere. Wie sollte er auch? Ich verberge das, was ich an mir nicht mag – oder was ich heimlich begehre -, sogar vor mir selber. Psychoanalytiker und Okkultisten wissen davon ein Lied zu singen. Okkultisten vielleicht vor allem deshalb, weil sie innerlich die fest umrissenen Grenzen einer linearen Existenz überschritten haben. Sie sind Stalker, Wanderer auf den Klippen. Sie sind nicht mehr nur genau dieser oder jener. Sie sind Wandelsterne, die ohne festen Platz über den nächtlichen Himmel ziehen. Vielleicht deshalb eignen sie sich bestens als Projektionsflächen.

Was also ist es, wird zu fragen sein, das die Inquisitoren über Jahrhunderte veranlasste, volkstümliche Glaubensschichten zu diabolisieren? Worin liegt das spezifisch Andere, in dem man sich verzerrt gespiegelt wiederfinden mag, und das man systematisch als dämonisch klassifizierte und denunzierte? Bis die "Anderen", die den Kontakt zur Welt der Geister und der Toten noch suchten, „zwischen Mitte des 15. Und Beginn des 16. Jahrhunderts" – selber das „Abgleiten der alten Glaubensvorstellungen" (Carlo Ginzburg, Hexensabbat*) in das inquisitorische Stereotyp vollzogen und den vorher verehrten Sibyllen aus dem mythischen Zwischenreich dämonische Züge gaben: „Zu einem vergleichbaren Vorgang kam es sehr viel später in einer ganz anderen Gegend Europas: in Schottland zwischen dem ausgehenden 16. und dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Etliche als Hexen vor Gericht gestellte Frauen erzählten, im Geiste die Feen - die »guten Leute«, die »guten Nachbarn« - und ihre Königin, manchmal in Begleitung eines Königs, aufgesucht zu haben. "Ich war in den Dawnie-hills"-, sagte eine dieser Frauen, Isabel Gowdie, aus, "und die Feenkönigin gab mir Fleisch - mehr als ich zu essen vermochte. Die Feenkönigin ist prächtig gekleidet, mit glänzenden Stoffen, weißen und schwarzen Gewändern... und der Feenkönig ist ein schöner Mann, kräftig gebaut, mit einem breiten Gesicht". Man schrieb das Jahr 1662. Wir werden nie erfahren, wie diese Geschichte weiterging. Die Richter wollten von Hexen, vom Teufel hören; und Isabel Gowdie stellte sie zufrieden, ohne sich lange bitten zu lassen, wodurch sie die momentan unterbrochene Kommunikation wieder in Gang brachte" (Ginzburg, S. 113).

Die Denunziation geht viele Wege; die effektivsten bestehen aber darin, Teilwahrheiten zu verbreiten oder Tatsachen bewusst misszuverstehen und zu verzerren. So ist es den frühen Christen auch gegangen, insbesondere in Bezug auf das sakramentale Geschehen; der Wandlung von Wein und Brot. Eine Textstelle wie aus dem Johannesevangelium („Wenn ihr das Fleisch des Menschensohns nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch"), kann man mit bösem Willen durchaus in kannibalischem Sinne interpretieren: „Man weiß, dass die Christen bereits sehr früh und mit größerer Intensität dann im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung grauenvoller Verbrechen beschuldigt wurden: Tierkulte, Menschenfresserei, Inzeste. Von denjenigen, die in ihre Sekte eintraten (so die landläufige Meinung) verlangten sie, dass sie ein Kind verschlängen; wenn sie dann dessen Fleisch verzehrt oder Blut getrunken hatten, löschten sie die Lichter und hielten eine inzestuöse Orgie ab" (Ginzburg, S. 91). Diese Vorwürfe u.a. des Kannibalismus waren auch schon gegen andere Gruppierungen vor den Christen erhoben worden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie auch auf Überlieferungen magischer Rituale fußten, die aber nun scheinbar beliebig zu denunziatorischen und agitatorischen Zwecken eingesetzt wurden.

Tausend Jahre später waren es die Christen, die nun ihrerseits dieselben Vorwürfe gegenüber Randgruppen, Missliebigen und "Hexern" erhoben. Schließlich waren die Christen nun als religiöse und politische Gruppierung etabliert. Die Reihe der Gruppen, die diesen Anwürfen vonseiten der christlichen Welt ausgesetzt waren, werden wir, fußend auf Carlo Ginzburg, beschreiben. Vorerst aber haben die Inquisitoren das Wort: „Vom Inquisitor von Evian und vom Richter Peter von Greyerz hat er vernommen, dass es im Berner Land Zauberer beiden Geschlechts gibt, die, eher Wölfen denn Menschen gleich, Kinder verschlingen. Im besonderen hat er vorn Inquisitor erfahren, dass in der Gegend von Lausanne einige dieser Hexen ihre eigenen Kinder gekocht und gegessen hatten. Sie hatten sich versammelt und einen Dämon angerufen, der in Menschengestalt erschien. Wer zu seinem Jünger werden wollte, musste schwören, dem christlichen Glauben zu entsagen, die geweihte Hostie nicht mehr zu verehren und insgeheim bei jeder Gelegenheit das Kreuz zu treten. Kurz zuvor hatte Peter von Greyerz einige Hexer, die dreizehn Kinder verschlungen hatten, vor Gericht gestellt und auf den Scheiterhaufen gebracht: Von einem dieser "Verwandtenmörder" hatte er erfahren, dass sie Kinder in Wiegen und Betten an der Seite ihrer Eltern zu überfallen pflegten, vorausgesetzt, sie waren noch nicht getauft oder nicht durch Gebete oder Kruzifixe beschützt. (Die Angriffe richteten sich demnach auch gegen die Kinder Fremder.) Die Leichen der mit magischen Zeremonien getöteten Kinder wurden aus den Gräbern hervorgezogen, in denen man sie bestattet hatte: Die Hexer brachten sie im Topf zum Kochen, bis das Fleisch auseinander fiel und sich von den Knochen löste. Der festere Teil war als Salbe für magische Praktiken und Verwandlungen vorgesehen (»nostris voluntatibus et artibus et transmutationibus«); der flüssigere Teil wurde in eine Flasche oder einen Schlauch umgegossen und unter einigen Zeremonien denjenigen zu trinken gegeben, die Sektenmeister werden wollten. Dieses letzte Detail hatte ein junger, reumütiger Hexer dem Richter Peter von Greyerz anvertraut, kurz bevor er auf dem Scheiterhaufen starb." (Ginzburg, S. 85)

Nachdem Philipp IV und Papst Clemens V. am 22. März 1312 schließlich – Philipp hatte 5 Jahre lang auf diesen Tag hingearbeitet - nach unzähligen Folterungen, Geständnissen und Exekutionen, den Orden der Tempelritter offiziell aufgelöst hatten, war eine Art Bann gebrochen. Die ersten Internierungsprogramme Europas konnten anlaufen. Es wurde Ausschau gehalten nach weiteren Opfern, zunächst vor allem auch nach solchen, die man bei der Gelegenheit ihrer Vernichtung gleichzeitig gewinnbringend berauben konnte. Im Jahr 1321 fiel die Entscheidung in Bezug auf die Opfer – unter maßgeblicher Beteiligung des Großinquisitors Bernardo Gui und unter Mithilfe des Königs Philipp V. – auf die "Aussätzigen", die Leprakranken in Frankreich. Gui konstruierte eine unglaubliche Verschwörungstheorie: Die Aussätzigen, krank "an Leib und Seele", "hätten vergiftete Pulver in Quellen, Brunnen und Flüsse gestreut" (Ginzburg, S. 47), um die Bevölkerung mit ihrer Krankheit anzustecken. Sie hätten damit aber keinesfalls nur simple Rachegelüste befriedigen wollen, sondern vielmehr nach der Herrschaft über Städte und Länder getrachtet. Sie hätten zahlreiche geheime Versammlungen abgehalten, eine Art Geheimgesellschaft gegründet, um ihre Verschwörung erfolgreich vorbereiten zu können. Das beste Gegenmittel sei es, unmittelbar zuzuschlagen und die Schuldigen zu verbrennen. Die Bevölkerung ließ sich das nicht zweimal sagen. Nach den ersten erfolgreich verlaufenen Massenmorden hielt man aber inne, konfiszierte das Vermögen der Erkrankten und sperrte sie – lebenslang getrennt nach Geschlechtern - in Ghettos ein.

Die gerichtlichen Verfahren, Schuldige zu ermitteln, waren einfach: Jeder, der unter der Folter gestand, wurde verbrannt, auch Frauen, außer wenn sie schwanger waren. In diesem Falle sollten sie erst gebären und dann verbrannt werden. Damit waren die christlichen Rahmenbedingungen abgesteckt, das erste Internierungsprogramm Europas angelaufen. Es sollte auch noch unter Philipps Nachfolger, Karl dem Schönen, Bestand haben. Aber auch die Leprakranken waren – nach den Templern – erst der Anfang.

Denn bereits 1328 berichteten erste Chroniken, man habe herausgefunden, „die Juden seien bei diesem Verbrechen die Spießgesellen der Aussätzigen gewesen". Deshalb wurden die Verbrennungen vielfach gleich an Ort und Stelle derart durch die Bevölkerung exekutiert, dass Menschen jüdischer Abstammung „mitsamt ihrem Vieh und Haushalt" in ihre Häusern gesperrt und diese angezündet wurden. Die Juden, hieß es, würden geweihte Hostien stehlen, um diese mit Menschenblut, Harn und Kräutern zu Zauberpulver zu verreiben und diese Mixtur in die Brunnen zu streuen. Die gesamte Christenheit sollte vernichtet werden. Das schrie geradezu nach raschen Gegenschlägen. Außerdem wären die Juden in der Zwischenzeit so weit gegangen, sich mit den Führern der spanischen – politischen – Gegner zu verbünden und die Aussätzigen einzubinden, die sie mittels aktiver Mitarbeit des Teufels persönlich dazu brachten, diesen Plan durchzuführen: Denn christliche Aussätzige schienen bei solchen diabolischen Zielen immer noch unauffälliger einzusetzen als Juden. In manchen Gegenden Frankreichs wurden daraufhin alle Juden ermordet. Viele grausame Details dieses Holocausts sind überliefert; verzweifelte Reaktionen von Familien, Müttern, Freunden. Vierzig Juden begingen in der Haft vor ihrer Hinrichtung gemeinsamen Selbstmord. In Paris konnten sich die Vermögenden noch vorerst mit gewaltigen Summen freikaufen. Übrigens hatten die Juden vielerorts – ebenso wie die an Lepra Erkrankten – einheitliche Abzeichen an ihrer Kleidung zu tragen. Unter der Folter wurden Einzelnen teilweise Geständnisse abgepresst, die dann belegen sollten, dass hinter den Verschwörungen die spanischen Sarazenen standen, insbesondere der "König von Granada".

Damit waren vorerst alle Feinde der Christenheit in einen Topf geworfen, die allesamt in einem verschwörerischen Zusammenhang standen. Auch die Sonnenfinsternis vom 26. Juni 1322 wurde instrumentalisiert. Der Mond war voller Flecken gewesen, und man hatte Erdbeben bemerkt. Es war der Christenheit bewusst: das Ende der Welt stand bevor. Nachdem auch Drachen in der Luft geschaut worden waren, entdeckte man bei einem Juden namens Bananias eine Schafshaut, „die innen und außen mit hebräischen Schriftzeichen beschrieben und versiegelt war. (..) Das Siegel aus lauterem Gold (...) war ein kunstvoll getriebener Kruzifix, auf dem oben auf einer ans Kreuz gelehnten Leiter ein greulicher Jude oder Sarazene abgebildet war, der gerade das holde Antlitz des Heilands mit Kot beschmutzte" (Ginzburg, S.62). Ab 1323 wurden alle Juden, auch die, die Abstandszahlungen geleistet hatten, ermordet oder aus dem Königreich Frankreich vertrieben.

Anzumerken ist hier noch, dass die Vorwürfe einer angeblichen Verschwörung mit den Sarazenen bereits im Prozess gegen die Templer erhoben worden waren. Nach einer Periode gewisser Ruhe, in der viel jüdische Kaufleute und Familien zurückgekehrt waren – in der trügerischen Hoffnung, der Wahnsinn sei vorbei -, wurden die Judenverfolgungen ab 1347 wieder virulent, da in diesem Jahr – nach sechshundert Jahren "Ruhe", aus den genuesischen Häfen und aus Sizilien kommend, eine große Pestepidemie Europa durchzog. In Südfrankreich starb daran etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Für die Epidemie wurden die Juden verantwortlich gemacht, wiederum anhand der "Brunnentheorie". Aber auch die anderen Theorien, etwa die des rituellen Mordes durch Juden, wurden neu angefacht. Im Laufe des Jahrhunderts kamen allerdings wieder Gegenstimmen auf, die inmitten der Massaker feststellten, dass ja auch die Juden an der Pest starben. Die Verschwörungsobsession ebbte allmählich, im Laufe von dreissig Jahren, ab; zumindest vorerst. Sie sollte im letzten Jahrtausend wieder und wieder aufflammen.

Unter der Oberfläche waren aber bereits neue Verdächtigungen aufgeglommen. Man witterte, speziell auf Seiten der Inquisitoren, „neue Sekten und verbotene Riten". Es sah so aus, als sollte sich die Grundlage der Verfolgungen verbreitern; schließlich waren die Personengruppen der Ketzer, Juden und Aussätzigen doch begrenzt. Erst mit dem Vorwurf der Hexerei geriet nahezu jeder ins denunziatorische Sperrfeuer, wenn das Schicksal, der Nachbar oder die kirchliche Obrigkeit es so wollten. So publizierte Papst Alexander V. 1409 eine Bulle, die aussagte, dass viele „Christen und Juden, die Hexerei, Wahrsagerei, Dämonenbeschwörungen, magische Verwünschungen, Aberglauben, böse und verbotene Künste praktizierten", noch aufzufinden seien, um „unschuldige Christen" vor dem Unglück und Verderben zu bewahren.( Ginzburg, S. 83). Damit konnte nun die Christenheit selber in ihrer ganzen Breite, nicht nur überschaubare Randgruppen, "gereinigt" werden. 1435 beschäftigte sich auch ein erstes Konzil auch mit dieser Frage.

Zu diesem Zeitpunkt hatte eine neue Kategorie der Verfolgung bereits große Erfolge zu vermelden: „Die Prozesse, die in den Tälern von Henniviers und Herens begonnen hatten, waren in Sion fortgeführt worden und hatten schließlich mit der Verbrennung von mehr als hundert Personen, Männern wie Frauen, geendet. Unter Folter hatten die Angeklagten am Ende gestanden, zu einer teuflischen Sekte oder Gesellschaft gehört zu haben. Der Dämon erschien ihnen in Gestalt eines schwarzen Tieres - manchmal als Bär, manchmal als Schafbock. Nachdem sie Gott, dem Glauben, der Taufe und der Kirche abgeschworen hatten, lernten die Mitglieder der Sekte, wie man über Erwachsene und Kinder mit magischen Mitteln Tod und Krankheiten verhängt. Einige behaupteten, sie könnten sich zeitweilig in Wölfe verwandeln, um Vieh zu reißen; andere, sie könnten sich unsichtbar machen, indem sie spezielle, vorn Teufel angezeigte Kräuter zu sich nähmen. Zu den Treffen flogen sie auf Stöcken und Besen: Dann machten sie in Kellern halt, tranken den besten Wein und schissen in die Fässer" (Ginzburg, S. 89) .

Dieses Stereotyp – Menschenfresserei, Verwandlung in Tiere oder Ritt auf ihnen durch die Lüfte, der Teufel als Zentrum der Konspiration, magische Verwandlungen und Anwendungen – wurde von nun an Hunderte von Jahren immer neu, hauptsächlich unter der Anwendung von Folter, aber teilweise auch durchaus – in selbsterfüllendem Gehorsam - von Seiten der Opfer repetiert. Die Details variierten; je nach Nuancierung kamen gelegentlich sexuelle Ausschweifungen hinzu; aber das Gerüst blieb bestehen. Es war eine Zusammenfassung all der Klischees, die die Kirche bisher gegenüber den Ketzern, den Waldensern und Katharern, aber auch den sozialen Randgruppen und den maurischen Herrschern in Spanien gegenüber hervorgebracht hatte, volkstümliche Vorstellungen über "das Böse" aufgreifend und instrumentalisierend. Mythische Unholde wurden nun dingfest und handhabbar gemacht. Vibrierender Irrationalismus wurde auf eine noch zu entdeckende Gruppe von Menschen projiziert.

Viele der in zahllosen Prozessen aufgeführten Aktivitäten der Hexen und Hexer verweisen auf vorchristliche Mysterien. So war von dem übersinnlichen Wesen "Oriente" die Rede, die „die von ihren Anhängerinnen geschlachteten und verzehrten Ochsen wieder lebendig" mache, „indem sie ihre von den zugehörigen Häuten umschlossenen Knochen mit einem Stab berühre" (Ginzburg, S. 153). Dies verweist z.B. auf den in der Edda dargestellten Mythen auf den germanischen Gott Thor, der seine heiligen Ziegen auferweckte, indem er mit dem Hammer auf ihre Knochen schlägt. Die unversehrten Knochen geopferter Tiere wurden stets gesammelt. Das ist in afrikanischen Mythen dokumentiert, aber auch in schamanistischen aus Lappland. Hier erklärten die letzten Zauberer den anrückenden Missionaren noch im 18. Jahrhundert, die Knochen der Opfertiere müssten „gesammelt und geordnet werden, denn auf diese Weise schenke der Gott, an den sich das Opfer richte, den getöteten Tieren wieder Leben und mache sie noch feister als zuvor" (Ginzburg, S. 154).

Auch in den zwischen Schottland und Indien in zahlreichen Varianten verbreiteten Märchen vom Aschenputtel wird dieses Motiv aufgegriffen: Das das Aschenputtel beschützende Tier wird von der Schwiegermutter getötet. Es vertraut der Heldin seine Knochen an, die sie sammelt, begräbt und gießt. Die erlösenden Gaben finden sich – oft unter einem daraus hervorgewachsenen Baum – auf dem Grab. In manchen Varianten ersteht das Tier wieder aus den Knochen und überreicht Aschenputtel die heilenden Gaben. Im Jüdischen war es streng verboten, die Knochen des Osterlamms zu brechen. Das Knochenmotiv (Johannes 19, 36) erscheint dementsprechend sogar wieder bei der Kreuzigung des „Lamms" Jesus Christus. So verweist das Motiv der (nicht zerbrochenen) Knochen auf ein Moment der Initiation: Die Erfahrung, durch den mystischen Tod zu gehen, einer Auferstehung im geistigen Sinne entgegen. Geblieben vom physischen Leben ist nur der Rest der nicht zerbrochenen Knochen, die angeordnet, vielleicht in eine Tierhaut gehüllt, vielleicht begossen und gepflegt werden: Ein exkorporaler Zustand. Dies erweist sich nicht nur als ein schamanistisches, sondern als ein Mysterienmotiv schlechthin, durch die alten Kulturen hindurch.

Als nichts anderes ist auch der astrale Flug der Hexen zu verstehen – Geist oder Seele sind, unabhängig von der Leiblichkeit, bewegt. Die kirchliche Doktrin unterlegt diese urmenschlichen Erfahrungen lediglich mit der Dämonisierung, die von nun an, angefangen bei den Ketzern und Randgruppen, jeder „okkulten" Erfahrung, jeder Magie und Mystik beigemischt wird. Jede von der Kirche unabhängige geistige Erfahrung wird somit mit dem Bann belegt, in die Nähe teuflischer Inspiration gerückt und verfolgt. Denn schließlich strebte die Kirche vor allem die „unumschränkte (..) Herrschaft über Seele und Gewissen", einen totalen „geistigen Despotismus“ an**.

Das Initiationsmotiv des mystischen Todes war auch in der griechischen Kultur gut bekannt. Hier töteten „die Titanen Dionysos (...)", dann „zerstückeln sie ihn, sieden ihn in einem Kessel, rösten ihn auf einem Spieß, bis Zeus sie mit seinem Blitz erschlägt" (Ginzburg, S. 273). Athene findet sein Herz und lässt ihn wiederauferstehen. Viele Quellen weisen darauf hin, dass besonders an der Schwarzmeerküste Mysterienorte, die mit Orpheus verbunden waren, in Verehrung des Dionysos solche Kulte pflegten. Hier wurde das Goldene Vlies gehütet. Kolchis war einer der wichtigsten Mysterienorte dort. Gesucht wurde hier der „Goldfluss des Astralleibes", die ursprüngliche „Reinheit des Astralleibes", symbolisiert durch die Sage des „Aufsuchens des goldenen Vlieses durch Jason und die Argonauten" ***.

All diese zwar nicht explizit, aber im Volkstum nachschwingenden Elemente der Mysterien sollten von einer Kirche, die für sich die Aufgabe eines geistigen Totalitarismus sah, ausgerottet werden. Rudolf Steiner hat zwar bestätigt, dass solches Nachschwingen alter Mysterieninhalte um der Ich-Entwicklung zwar - im Zeitalter der Bewusstseinsseele -auslaufen mussten, dass man aber auch, würde man das „Abendland katholisch machen", seine Zivilisation „töten" würde: „Dieses Abendland muss sich zuwenden dem Aufwachen, dem Innerlich- regsam- Werden, dem Nicht- träge- Bleiben der Intelligenz, denn diese Intelligenz, sie kann sich aufraffen, sie kann sich innerlich erfüllen mit Verständnis für die neue Geistesanschauung" ****.

Liest man die Zeugnisse der Hexen, denen bei ihren orgiastischen nächtlichen Zusammenkünfte Mäuse, Spinnen und Schlangen aus den Mündern sprangen, die sich mit Salben einrieben, um sich, vom Teufel betrogen, in Katzen zu verwandeln; Salben, die angeblich aus Geierfett, Käuzchen- und Säuglingsblut bestanden; Hexen, denen ihr Dämon namens Lucibello in Gestalt eines Ziegenbocks erschien, die mit dem schreienden Nachtvogel ans Fenster kamen, um Blut zu saugen – dann kommt man nicht herum, ein gewisses psychedelisches Element in diesen Schilderungen zu konstatieren. Aber in Form eines schlechten Trips.

Daher ist es naheliegend, dass Carlo Ginzburg in einem Exkurs auch auf die Möglichkeit eingeht, dass das auf Roggen als Pilz gedeihende Mutterkorn (Claviceps purpurea) an diesen Ekstasen zumindest mit beteiligt gewesen sein könnte. Die Mutterkorn- Vergiftung erzeugt neben halluzinogenen Wirkungen „Konvulsionen, heftige Krämpfe, der Epilepsie ähnliche Zustände mit Ohnmachten, die sechs bis acht Stunden dauerten" (S. 307). In einem 1582 erschienen Kräuterbuch wurde das Mutterkorn als Mittel erwähnt, durch die damit verbundenen Krämpfe ungewollte Schwangerschaften abzubrechen. Hebammen benutzten es, um Blutungen zu stillen und um Wehen zu beschleunigen. So war dieses Mittel auch in der „offiziellen" Medizin bis ins 19. Jahrhundert hinein bei Geburtsproblemen durchaus gängig.

Aber aus den im Mutterkorn enthaltenen Alkaloiden lässt sich auch LSD herstellen. Man wusste im Mittelalter sehr wohl um die halluzinogene Wirkung des Mutterkorns und nannte es Tollkorn. Daher wurde auch in vielen Sagen vom Wolf oder vom bösen Hund im Roggenfeld berichtet: „Der Werwolf hockt mitten im Korn", sagte man. Bis in unsere Zeit ist dieser mythische Bezug erhalten geblieben, zuletzt in Salingers Erzählung vom „Fänger im Roggen“. Natürlich muss der Kirche auch solche geistige Erfahrung zutiefst suspekt gewesen sein, die nicht auf verblichene Mysterien der Vorzeit, sondern auf halluzinogener Erfahrung beruhte. In den Hexenverfolgungen brach diese Ächtung in ihrer brutalsten Form hervor.


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*Ginzburg, Hexensabbat: Entzifferung einer nächtlichen Geschichte, Wagenbach. Neue Auflage 2005
**Henry Charles Lea, Die Inquisition, Nördlingen 1985
***Rudolf Steiner, 12. 9. 1908
****R. Steiner, Perspektiven der Menschheitsentwickelung, GA 204, Dornach 1979, S. 163