Sterben und Loslassen | Die Egoisten
Michael Eggert: Sterben- die Kunst des Loslassens

sterben

Öffentlicher Tod in der Internetgruppe


Anna ist sehr krank. Anfang des letzten Winters hatte sie in der anthroposophischen Arbeitsgruppe im Internet bekannt gegeben, dass sie eine Weile pausieren müsse- wegen der Chemotherapie. Dann berichtete sie sehr offen über die Wirkung, der Medikamente - vor allem über deren Nebenwirkungen. Sie war aber voller Hoffnung, dass sie den Krebs damit in den Griff bekommen würde und beteiligte sich bald wieder an den munteren Diskussionen. Es war keine Rede mehr von Krankheit. Aber ein paar Wochen später gab es einen Rückfall. Anna kündigte neue Chemotherapie, neues Schweigen an. Dann, im Frühjahr, eine Art Hilferuf. Sie schrieb, sie wollte sich ganz zurückziehen, da die Kraft zum Beantworten der Emails nicht mehr reiche. Es stellte sich heraus, dass sie alleine zu Hause lebte und die Kraft zur eigenen Pflege und zum Führen des Haushalts kaum mehr aufbrachte. Von nun an begannen einige Anthroposophen, sich zunächst sporadisch um Anna zu kümmern. Manche reisten an, um Anna zu besuchen, aber auch, um sie zu pflegen. Im Sommer wurde eine stationäre Einweisung in ein anthroposophisches Krankenhaus organisiert. Anna liess immer wieder durch Besucher Grüsse an die Webgemeinschaft ausrichten. Ein Bedürfnis, sich selbst in Diskussionen und Auseinandersetzungen einzubringen, hatte sie nach eigenem Bekunden nicht mehr.

Aber die Kontakte rissen nicht ab. An manchen Tagen gab es an Annas Krankenbett ein Kommen und Gehen von Besuchern. Und ein nicht unerheblicher Teil dieser Besuche war erstaunlicherweise den doch als unverbindlich geltenden, virtuellen Kontakten aus den Internetgruppen zu verdanken.
Eine Waldorflehrerin berichtete: "Sie (..) hat dort ein wunderschönes Zimmer mit grossem Balkon, dessen weit geöffnete Flügeltüren sie vom Bett aus geniessen kann. Der Blick geht in die rauschenden Baumspitzen, zu den Wolken am Himmel, ins Lichte. "Frau Königin empfängt Besuche" - so beschrieb sie sich selber für Euch .. und so ist es. Erwartungsvoll und bereit schaut sie ihrem nächsten Schritt entgegen, geniesst aber auch jeden Moment, in dem sie nicht leidet und all die Menschen, die sie besuchen, denen sie offene und grosse Begegnungen schenkt. Dabei ist sie von erfrischender Klarheit und Nüchternheit, in der Sentimentalität keinen Platz hat..."

Eines Tages meldete einer der Besucher: "Vorhin, als ich Anna anrief, sprach sie von möglichen Anzeichen des Loslassen- Könnens". Das Einverstandensein, die Gelassenheit, die Demut, der Verzicht. Ich suchte und fand viele Vokabeln für diese Worte. Ich kreiste um sie herum, bewegte sie in mir. Sie liessen sich nicht festnageln. Ich fragte eine Schwester, die in einem Hospiz viele Menschen auf dem Weg in den Tod begleitet hatte. Sie sagte: "Das Loslassen ist das grösste und wichtigste von Allem."

Was ist das, Los- Lassen? Wer lässt eigentlich was los?
Am 2. September ist Anna gestorben.



Das Ich ist ein Chamäleon


Sogyal Rinpoche lehrt das Leben und das Sterben. Er ist Tibeter und besuchte bereits seit dem sechsten Lebensmonat seines "Meisters Jamyang Khyentse Chokyi Lodro in der Provinz Kham". Sogyal Rinpoche erfuhr bereits im Alter von neun Jahren eine Initiation - eine Einweihung "in die essentielle Natur des Geistes:"
"Ich war völlig verblüfft. Mein Geist zersprang. Keine Worte, keine Begriffe, keine Gedanken blieben zurück, nichts, was man Geist hätte nennen können."Diese und viele weitere Erfahrungen bilden die Grundlage für Sogyals Betrachtungen und Lehren über den Tod. In seiner buddhistisch geprägten Sicht entspringt das Leiden des modernen Menschen am Leben und am Tod einer tiefen Angst: Wir wissen nicht, "wer wir wirklich sind. Wir glauben an eine persönliche, einzigartige und unabhängige Identität."

Diese Illusion der Identität aber beruht - so meint der Rinpoche - lediglich auf brüchigen und vergänglichen Stützen wie Partnerschaften, Beruf, Heim, Geld, Erfolg und der Tatsache, dass wir einen Leib haben. Selbst dieser Körper aber als scheinbare Grundlage unserer Sicherheiten beginnt mit dem Älterwerden, durch Krankheit und Tod zu wanken. Als aller- innerste, Identität stiftende Instanz, kann nicht einmal unser Intellekt dienen. Zu dieser Erkenntnis bedarf es keines Todeserlebnisses. Eine einfache meditative Konzentrationsübung zeigt, dass der Geist sich benimmt "wie ein Floh: andauernd hüpft er hin und her". Gedanken erscheinen und gehen- der Intellekt ist ein Hort der Unbeständigkeit und des Chaos.
Für Tibeter wird das Wort Körper mit Lü bezeichnet. Das bedeutet übersetzt "etwas,das man zurücklässt"- nichts mehr als Gepäck. Unter diesem Gesichtspunkt sind wir lediglich "Reisende (..), die vorübergehend Herberge in diesem Leben und in diesem Körper genommen haben".[8] Aber die Gier nach beständiger Ablenkung und illusionärer Identifikation - Samsara - wird durch Wirtschaftsinteressen und eine gewaltige "Konsum- Maschinerie" genährt und angetrieben. Der moderne Mensch verwendet den grössten Teil seiner Energien damit, dass er sich "fortwährend seine eigene "Existenz" beweisen, sichern und bewerten muss, indem er Erfahrung fragmentiert, konzeptualisiert und verfestigt".
Von diesem Gesichtspunkt aus ist auch eine Bemerkung Elias Canettis in seinen Tagebüchern verständlich: "Manchmal glaube ich, sobald ich den Tod anerkenne, wird sich die Welt in Nichts auflösen". Canetti spricht sogar von seinem "Hass gegen den Tod."

Solche Leidenschaften sind dem Rinpoche fremd. Für ihn gilt es, sich der Tatsache der Vergänglichkeit zu stellen, die "Natur des eigenen Geistes" [13] und das ursprüngliche, reine Gewahrsein zu erlangen. Dies ist für ihn möglich durch meditative Achtsamkeit, Entspannung und durch Loslassen: Dies bedeutet, "den Geist aus dem Gefängnis des Greifens zu befreien, weil du erkannt hast, dass alle Angst und Verzweiflung aus der Begierde des greifenden Geistes entsteht."[14] Die eigene innere "Buddha- Natur", die Selbstachtung, Würde und tiefe Bescheidenheit des Buddha" soll damit "wahrhaftig zum Vorschein kommen".[15] Viele Legenden, buddhistische Geschichten, Zen- Sprüche und meditative Anweisungen sollen diesen angestrebten Prozess anbahnen, unterstützen und begleiten. Der Augenblick des Todes ist für die Praxis des Loslassens und Innewerdens der inneren Natur lediglich ein besonderer Moment, eine "machtvolle Möglichkeit"[16]- allerdings eine, die intensivere spirituelle Übung zu Lebzeiten voraussetzt, um "mitten im Aufruhr der Bardos des Todes das Gewahrsein aufrecht zu erhalten."

Das vermeintlich einmalige Loslassen- Können im Angesicht des Todes entpuppt sich in buddhistischer Sicht als lebenslanges Ringen um eine meditative Vertiefung. Keine einfache Aufgabe: Denn unser gesamtes Identitätsempfinden ist für den Buddhismus nichts als eine "falsche Konstruktion:" Ein "Festklammern um jeden Preis an einem zusammengestückelten, behelfsmässigen Selbstbild, einem unvermeidlich trügerischen Scharlatan- Selbst, das sich wie ein Chamäleon andauernd verändern muss, um die Fiktion seiner Existenz am Leben zu halten". Was aber ist es präzise, an dem wir so verzweifelt kleben? Und wer ist es, der die Tatsache des Klebens beobachtet?


Grüsse aus Auroville


In einem anderen Leben war Claus Lehrer für Mathematik am örtlichen Gymnasium gewesen- wie seine Frau, die ebenfalls dort arbeitete, von Kollegen wie von Schülern gleichermassen anerkannt. Dann war- etwas mehr als zwei Jahre zuvor- eine ausgeprägte Form von ALS[1] ausgebrochen, die bewirkt hatte, dass, von den Gliedmassen ausgehend, eine unerbittliche Lähmung Nerven und Muskeln ergriff, die Stück für Stück ins Zentrum seines Leibes und seines Zentrums vordrang. Nach zwei Jahren liebevoller Pflege zu Hause war der zerstörerische Prozess so weit vorgedrungen, dass Claus nun in dieses Haus einzog, um hier zu sterben.
Er war Anhänger Sri Aurobindos und hatte oft dessen Meditationszentrum im indischen Auroville besucht, als er es noch konnte. Das Zimmer war geschmückt mit immer neuen Postkarten von dort. Man sah Sonnenauf- und -untergänge, manchmal ein Mantram, manchmal ein Foto von dem ausgedehnten Gelände in Auroville. Ein Tisch im Zimmer war zu einer Art Altar umgewidmet, auf dem sich ein Foto des Meisters und dessen spiritueller Begleiterin, der Mutter, standen- neben stets frischen Blumen, am liebsten Baccara- Rosen, und am liebsten vielen davon.

Der Tagesablauf von Claus war strikt geregelt. Er erwachte stets um fünf Uhr früh und hörte nach intensiver Pflege und einem quälend langsamen Toilettengang eine Kassette mit einer Lesson der Mutter. Claus benötigte intensive Massagen an seinem gelähmten Körper. Das Essen konnte Stunden beanspruchen, weil nur frisch gekochte und pürierte Nahrung per Injektion Millimeter für Millimeter in seine Magensonde gedrückt wurde. Claus wünschte Frischkost mit ausreichenden Getreideanteilen.
Er konnte noch eine kurze Zeit mit einem Fuss auf eine bereit gestellte Tafel schreiben. Dann schrieb er nur noch in die Luft. Die Koordination des Fusses liess spür- und sichtbar nach. Nur seine Frau, die daran gewöhnt war und wenige ausgesuchte Schwestern konnten diese Luftworte lesen. Dann aber ging auch dies nicht mehr, und Claus konnte nur noch mit Bewegungen seiner Augen Ja und Nein andeuten. Wenn man seinen Forderungen und Bedürfnissen nicht exakt in dem Sinne, in dem er es wünschte, nachkam oder nachkommen konnte, wurde Claus wütend. Jeder wusste, er hätte gern laut geschrieen, aber er konnte nur noch Blicke werfen, und diese Blicke konnten laut und vernehmlich wirken- lauter vielleicht als Schreie.

Eine junge, unscheinbare Anhängerin Sri Aurobindos erschien eines Tages und übernahm von nun an Teile der Pflege. Sie war die spirituelle Freundin von Claus und kam mehrmals in der Woche. Tatsächlich band die Pflege dieses einen Menschen inzwischen mindestens die Hälfte des Personals des Hauses - dabei gab es doch stets elf andere Patienten, von denen viele aber sehr schnell verstarben. Niemand von diesen Patienten strahlte eine solche Stimmung aus. Niemand sonst benötigte, forderte aber auch so viel. Claus erwartete, dass man den Altar mit den Bildern der Meister und den Blumen stets mit Andacht und mit grosser Behutsamkeit abstaubte. Er hat einen elektronischen Pieper, mit dem er die Schwestern erreichen konnte, wenn er etwas benötigte. Claus benutzte ihn häufig.
Er wollte mit klarem Bewusstsein in den grossen Übergang hinein gehen. Lange Zeit lehnte er daher auch Schmerz- und sedierende Mittel ab, weil er fürchtete, sie könnten sein meditatives Verlangen trüben. Als aber Panikattacken wegen der allmählichen Lähmung seiner Atmung einsetzten, liess er erstmals Morphium zu. Er war überrascht, dass das Medikament nur Linderung verschaffte- ihm die nackte, existentielle Angst nahm und sonst nichts. Von nun an liess er es sich gerne und in grösseren Dosen spritzen. Manche Schwestern verbrachten Stunden nur bei ihm und schwärmten davon, wie viel dies auch ihnen persönlich geben würde. Er war- auch wenn alle Patienten einzigartig waren, doch etwas Besonderes. Meist betreute eine einzige weitere Schwester den ganzen Rest der Patienten.

Auch die Jüngerin war da. Sie setzte sich häufig im Lotossitz zu Claus auf das Bett. Die Ehefrau sah das nicht sehr gerne. Aber auch in der Stunde des Todes war die Jüngerin bei ihm - und nur sie. Frische Lessons waren per Kassette aus Auroville eingetroffen, Grüsse per Email und es standen frische Blumen auf dem Altar. Die Jüngerin sass in tiefer Meditation auf dem Bett, Claus bekam eine Morphiumspritze, und dann machte er einfach die Augen zu und starb.



Wer erkennt denn da?


Das ist für mich immer wieder erstaunlich, mit welchem naiven Realismus Feststellungen über den menschlichen Geist getroffen werden- beispielsweise die, der Mensch sei geistig allein Produkt seiner Umwelt. Wenn er das denn wäre, könnte er genau eine solche Feststellung aber nicht treffen. Ähnlich ist es mit dem von Sogyal Rinpoche postulierten Konstruktivismus: An welchen Haaren zieht sich die Fiktion eines Selbst aus seinen eigenen Fängen? Und wer stellt die Tatsache des Klammerns fest und macht sich auf den Weg, um seine innere Buddha- Natur zu suchen? Wer ist derjenige, der beschliesst: Ich lasse jetzt los?

Da diese erkennende Instanz bei Sogyal Rinpoche übersprungen wird, ist es kein Wunder, dass er immer wieder betont, der Erkenntnisprozess in seiner tibetischen Tradition sei ohne die Vermittlungsarbeit eines persönlichen Gurus gar nicht vorstellbar. Bei ihm persönlich spielten nicht nur sein spiritueller Lehrer, sondern auch die religiöse Tradition und die Vorstellung eines besonderen Karmas eine herausragende Rolle. Wir sind aber nicht alle wiedergeborene Lamas. Dieses missing link eines erkennenden, individuellen Ich, das seine seelischen, körperlichen Determinationen erkennt und an diesem Punkt selbst aktiv wird - ohne Vermittlung externer Experten- ist ein Charakteristikum moderner Schulungswege wie dem der Anthroposophie. Auch hierbei steht die Erkenntnis der persönlichen illusionären Gewordenheit am Anfang: Ich muss alles das "auslesen," "was etwas für mich will: Erfolg, Anerkennung, Geltung, Glück, überhaupt etwas,"[2] um z.B. überhaupt begegnungs- und dialogfähig zu werden. Die Frage ist: wer liest da?

Georg Kühlewind führt dazu aus, dass im Gegensatz zu den buddhistischen Methoden - er nennt sie "fühlendes Götterbewusstsein"[3] - heute das Denken "der natürliche Ausgangspunkt eines Übungsweges für den Menschen der Gegenwart"[4] ist. Die menschliche Seelenstruktur habe sich verändert - in einem Sinne, den Rudolf Steiner als "Bewusstseinsseelenentwicklung" bezeichnete. Waren früher besondere Vorbereitungen, geistige Lehrer und das Erreichen höherer Bewusstseinszustände nötig, um z.B. seelische Vorgänge und Prozesse oder gedankliche Verläufe zu beobachten, so ist es heute selbstverständlich jedermann jederzeit möglich, "in seinem Alltagsbewusstsein Ideen von Bewusstseinserscheinungen und von dem Bewusstsein selbst zu fassen"[5]. Es gibt also eine Instanz in jedem Menschen, die auch sich selbst bis ins Seelisch und Geistige hinein zu beobachten in der Lage ist- ein Zeuge. Mit dieser Instanz ist im Alltagsbewusstsein "der höhere Mensch als Intuitionsquelle wenigstens potentiell anwesend."[6] Damit kann es aber auch nicht mehr um blosses Loslassen, Ausschalten oder Überwinden der festgestelltem persönlichen Konstruktionen und haftenden seelischen Selbstbilder gehen, sondern um aktive Erkenntnis und Stärkung der eigenen geistigen autonomen Kraftquelle. Es geht dabei nicht um "Ausschaltung des Alltags- Ich, sondern um seine Wandlung."[7] Die ungesunden, haftenden Selbstbilder erscheinen dabei als seelische Reflexe, wobei erlebbar werden kann, dass das eigene Gefühlsleben "vorwiegend aus einem Sich- Fühlen besteht, d.h. dass der Mensch im Gefühl nur sich selbst erlebt."[8] "Haben -Wollen, Besitz- Ergreifen - die grosse Leidenschaft des modernen Menschen - bedeutet auf dem Erkenntnisweg die vollständige Verhinderung"[9]. Die notwenige Überwindung und Wandlung aber kann nicht nur durch Loslassen erreicht werden, sondern im Nutzen der modernen Doppelnatur des Menschen, die darin besteht, dass "ein erkennendes Wesen in ihm auf sein natürliches Wesen schauen kann"[10]. Denn diese Emanzipation des Erkennenden bedeutet doch, dass sich "der Erkennende im Menschen wenigstens teilweise von dem Nicht- Erkennenden in ihm gelöst hat."[11]

Allerdings ist es mit dieser Erkenntnis allein nicht getan, denn es wird schnell erlebbar, dass das Bewusstsein "in sich selbst Impulse, Instinkte, zwingendes Vorstellungsleben und Gefühle vorfindet, deren Ursprung nicht in seiner bewussten Tätigkeit liegt und die es zum Teil überwältigen, auch wenn es gegen sie ankämpft"[12]

Der Zeuge stellt die Möglichkeit einer Autonomie dar - eine Autonomie des Denkens und Erkennens, die allerdings ergriffen werden muss: Die Gestaltungen des "Unterbewussten" müssen aufgelöst werden, um "die in ihnen gebundenen Kräfte für das Erkennen im Überbewussten frei zu bekommen"[13]. Das ist der Beginn des modernen Erkenntnisweges.




Bodybuilder und Spiritualisten mit trockener Seele


Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache
Kurt Schwitters


Leider befindet sich unsere persönliche geistige Autonomie - unsere Gegenwärtigkeit und geistige Zeugenschaft- in dem beklagenswerten Entwicklungsstadium eines Neugeborenen. Neuere psychologische Ratgeber wie der von Peter Uffelmann[1] beschreiben, dass auch der Standpunkt der Innenschau des Zeugen sehr schnell zu einer Attitüde verkommen kann. Der Zeuge in uns neigt nämlich dazu, zu einer griesgrämigen, nie zufrieden zu stellenden Instanz zu werden, zu einem dauernden "Kampf zwischen dem, wie ich mich erlebe, und dem, wie ich sein möchte oder glaube, sein zu müssen."[2]

Von diesem Dilemma sind auch Wahrheitssucher aller Art nicht ausgenommen, im Gegenteil. Denn bei dem scheinbar unausweichlichen Prozess der Unterscheidung zwischen einem "erkennenden Ich, das aktiv und reflexiv auf ein eher passives Selbst gerichtet ist und es in Augenschein nimmt"[3] ist offensichtlich die Fiktion einer Identität des Individuums massiv in Frage gestellt. Eben diese "Identitäten" sind das, was Kühlewind als das Sich- Fühlende und Sogyal Rinpoche als das Scharlatan- Selbst bezeichneten: Sich unhinterfragt einer Modeströmung, einer Idee oder Gemeinschaft zugehörig zu fühlen, eindeutige geschlechtliche, gesellschaftliche oder berufliche Rollen zu belegen, sich unteilbar und konsistent als Person zu empfinden, sich als Leibsubjekt in seinem Körper zu Hause zu fühlen, sein Aussehen, seine Fähigkeiten, sein eigenes Wissen zu schätzen - all diese Identitäten, die ja auch "sozial konstruiert"[4] erscheinen, werden bei jemandem, der sie heute ohne jedes Hinterfragen akzeptiert, für Andere zu einem Beweis für Naivität. Im Zeitalter der Bewusstseinsseele kann das Selbstkonzept des Einzelnen nicht mehr ohne Brüche daher kommen. Natürlich kann ein eindimensionales Selbstkonzept, das sich z.B. nur durch beruflichen Erfolg definiert, tatsächlich zu den selbst gesteckten Zielen führen. Tatsächlich kann ein Mensch, der seinen Körper mit Steroiden und Bodybuilding mästet und sich mit seinem Aussehen vollkommen identifiziert, auf Andere attraktiv wirken. Eine solche Reduktion und Spezialisierung auf einen einzigen Identität stiftenden Bezug hat aber auch etwas rührend Archaisches, Unzeitgemässes- und es macht entgegen dem Anschein sehr verletzlich. Die fragmentierte Selbstsicht ist ein Tanz auf dünnem Seil- in den Tiefen unter den Tänzern lauern unauslotbare Ängste vor dem Nichts und dem Tod.

Eine andere Vereinseitigung aber besteht in der Reduktion des Zeugen, des souveränen und freien Blicks in sich auf die Rolle eines Anklägers. Insbesondere spirituell Suchende schwenken häufig ein in eine "pervertierte Richtung der asketischen oder moralistischen Selbstunterdrückung"[5], in eine Art permanenter Selbstanklage mit moralinsaurem Anstrich und in tiefster Freudlosigkeit. Die spiritualistische Selbstfestlegung erscheint dann nicht minder bindend und eng als beim fanatischen Bodybuilder. Peter Sloterdijk beschreibt diese Haltung von Säulenheiligen und anderen monströsen Heiligen, die "nur mit trockener Seele eine Brücke zur Anschauung letzter Gründe[6]" zu bauen in der Lage sind, böse: "Die Ärmsten im Geiste werden so zu den Erfindungsreichsten in der Askese[7]"
Das Selbsterleben des Asketen ist reduziert auf eine bittere "Souveränität über eine aufrührerische Macht (z.B. der Triebe)[8], der die "Erfahrung einer Freude, die man an sich selber hat"[9] verdächtig, ja ketzerisch erscheint. Intoleranz und monologisierende Exzentrik sind die Folge. Die Selbstkasteiung wird häufig auf Andere projiziert, die selbstverständlich ebenfalls niemals den hohen Ansprüchen genügen, die der Asket auch von sich verlangt. In jedem Fall aber herrscht striktes "Enthusiasmusverbot"[10].

Tatsächlich erlaubt der souveräne Blick des inneren Zeugen doch das genaue Gegenteil: Die Möglichkeit, sich ständig neu zu begründen. Ein solches flexibles, lebendiges, nicht fragmentiertes Selbst nennt Uffelmann das "kohäsive" Selbst. Es ist in der Lage, "auch einmal Kontrolle abzugeben, sich im Tanzen, in der Sexualität, im Sport, in guten Gesprächen ganz den spontanen Strebungen, Bedürfnissen und Impulsen zu überlassen, ohne dass die Kohärenz dadurch gefährdet ist. Ein Mensch mit einem kohäsiven Selbst riskiert auch mal eine partielle Auflösung, er kann zeitweise auf die regulierende Kraft des Ich verzichten, um mit seinem Tun in Gänze zu verschmelzen, weil er weiss, wie er sich anschliessend wieder zusammensetzen kann"[11].

Kurz, dieses Selbst hat die "Fähigkeit zur Hingabe", kann sich auf das Wagnis von Veränderungen einlassen, kann sich in Handlungen voll und ganz vertiefen, zeigt eine "zuversichtliche, vertrauensvolle und optimistische Grundeinstellung"[12], und dies inmitten möglicher Wandlungen und Korrekturen. Überhaupt ist das herausragende Charakteristikum eines solchen Selbstkonzepts seine Wandlungsfähigkeit- die Kohärenz inmitten der Veränderung. Möglich, dass die Gelassenheit dann auch im Angesicht des Alters und des Todes bestehen kann, wenn der Tod als eine weitere, tiefere Form der Veränderung begriffen werden kann.



Loslassen, um zurückzukehren




In einem Interview für die "Flensburger Hefte" erlaubt der Mediziner, Theologe, Psychologe und Philosoph Michael Schröter- Kunhardt[1] einen "Blick in eine andere Welt," nämlich in die jenseits des Sterbens. Gewonnen hat Schröter- Kunhardt seine Erkenntnisse durch eigene Interviews und Auswertung zahlreicher belegter und gesammelter Berichte von Menschen mit Nah- Todeserfahrungen - im Rahmen seiner Forschungsarbeit und in der Erstellung einer Dissertation zum Thema. Im Folgenden fassen wir Antworten und Ausführungen Schröter- Kunhardts aus dem Interview zusammen.

Nah- Todeserfahrungen bestehen aus bestimmten Grundmustern, die sich unabhängig von der Person stark ähneln. Sie ereignen sich in "biologischer oder psychologischer Todesnähe," und es gibt dabei "eine positive und eine negative Erfahrung"[2]- glückselige, aber auch furchtbare Erlebnisse. Nah- Todeserfahrungen treten bei Menschen auf, die dem "biologischen Tod sehr nahe sind, also die klinisch tot sind." Häufig werden solche Personen z.B. nach einem Herzinfarkt wieder belebt. Das Phänomen tritt aber auch bei Menschen auf, die sich in gro§er Gefahr befinden - etwa bei einem Absturz in den Bergen - die aber körperlich unversehrt bleiben. Das Prinzip ist, dass schwere biologische Traumen intensivere, vollständigere Erlebnisse vermitteln als ein blo§er Schock. Je früher allerdings "Bewusstlosigkeit einsetzt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, eine Sterbeerfahrung zu erleben."[3] Auch Medikamente können solche Erfahrungen eher verhindern. Studien haben ergeben, dass mindestens "10-15% der Menschen in Todesnähe entsprechende Erlebnisse haben."[4] Besonders hoch ist die Quote der Erlebnisse in dieser Hinsicht bei Suizidversuchen.

Die Erfahrung beginnt meist mit einem "Leichtigkeitsgefühl, die Schmerzen lassen nach, man fühlt sich plötzlich ganz frei und unbefangen und erlebt, dass man fliegt bzw. schwebt."[5] Das geht dann über in die bekannten Out-of-Body- Erlebnisse, in denen "Personen in allen Einzelheiten das Zimmer, in dem ihr Leib liegt, wahrnehmen."[6] Man erlebt seinen Körper in einer kühlen, distanzierten Manier, wie ein au§en stehender Beobachter. Häufig werden später Räume und behandelnde Personen ganz präzise und nachvollziehbar beschrieben.
Erst danach kommt es zu einem Erlebnis, in einen Tunnel gezogen zu werden, an dessen Ende der "Betreffende in den Bereich des Lichtes eintritt"[7], wobei es zu fast ekstatischen, glückseligen Momenten kommen kann, zu Gefühlen bedingungsloser Liebe und Allwissenheit. Sehr häufig hat die Lichterfahrung einen personalisierten Charakter - der Betroffene fühlt sich angenommen und bejaht in seinem ganzen Sein. Es handelt sich keinesfalls nur um eine Form der blo§en Helligkeit, sondern um eine moralisch- geistige Qualität, die hier erfahren wird. Zahlreiche Betroffene aus dem westlichen Kulturraum empfinden es als eine Begegnung mit einem göttlichen Wesen, oft explizit mit "Jesus".

In der nächsten Phase wird meist eine Landschaft erlebt- eine Erfahrung der Weite. Manchmal werden die Personen hier von ihnen nahe stehenden Verstorbenen angesprochen, manchmal kommt es zu Begegnungen mit weiteren geistigen Wesen, die je nach Kulturkreis der erlebenden Person einen anderen Charakter haben können.
Aber es ist auch möglich, dass es an diesem Punkt, hinter dem Tunneldurchgang, zu ganz anderen Erfahrungen kommt- dass die Landschaft düster erscheint und dass statt der Lichtgestalten Dämonen und gequälte Gestalten erscheinen, die beängstigend wirken. Man fühlt sich dann zutiefst bedrängt. Das hat nun keinerlei moralisierenden Charakter, was auch dadurch deutlich wird, dass ein und dieselbe Person, die nacheinander mehrfach in lebensbedrohliche Situationen geriet, manchmal mehr die helle, manchmal mehr die dunkle Seite erlebt: Es handelt sich vielmehr um seelische Qualitäten, die vor das innere Augen treten, bei denen dunkle wie helle Seiten gleicherma§en vertreten sind, aber nicht vorhersagbar erlebt werden.

Zusätzlich gibt es - an diesem Punkt oder hinter der Tunnelerfahrung - auch die "Lebensfilmkomponente"[8] . Dabei kann das eigene Leben tatsächlich wie ein Film - meist rückwärts - ablaufen. Es kann aber auch eine Komponente der inneren Bewertung beinhaltet sein. Dann erkennt die erlebende Person auch die Gefühle derer, denen sie in Phasen ihres Lebens Gutes oder Schmerzvolles zugefügt hat. Manchmal gehen diese Bilder so weit, dass Ereignisse gesehen werden, die weit vor dem dritten Lebensjahr - also jenseits der bewussten Erinnerung - liegen, und die manchmal später durch lebende Verwandte bestätigt werden. Interessant ist, dass aus dem Mittelalter Berichte vorliegen, in denen der eigene Lebensablauf nicht in Form eines Films erlebt wurde, sondern in einem "Vorlesen aus einem Lebensbuch. Daran sieht man, dass diese Lebensrevision kulturell ausgestaltet ist."[9] Die Inhalte der Nah- Toderfahrungen, die Art der Bilder variieren also, während die Abläufe und Abfolgen einen nahezu universellen Charakter haben.

Spätestens an diesem Punkt beginnt für die Betroffenen der Sog zurück ins Leben- in höchst unterschiedlicher Form. Manchmal wird die Aufforderung zur Rückkehr in den Leib als Aufforderung erlebt, in seinem Leben etwas zu erledigen. Sehr häufig erfolgt sie nicht freiwillig- zumindest dann, wenn die Nah -Toderfahrung einen lichten Charakter hatte. Die meisten der Betroffenen fühlen sich durch den Ausnahmezustand des Out-of-body-Seins danach stark verändert- sie erleben die Kostbarkeit des Lebens viel stärker, ihr Streben nach Image, Prestige und Erfolg wird weniger dominant. Sie haben das Leben von der anderen Seite aus gesehen. Merkwürdig allerdings, dass man auch loslassen muss, um ins Leben zurückzukehren. Die Berichte, dass die glückselig machenden Elemente der Erfahrung so stark waren, dass die Betroffenen beinah genötigt werden mussten, um ins Leben zurück zu kehren, sind überaus häufig.




Das Haus des Lebens


Herr Asimov kam mit einem Aussehen ins Haus, das allen zu sagen schien: es wird nicht lange dauern. Nach mehreren Chemotherapien waren sein Gesicht und sein Körper zu einer kantigen Kontur geworden. Er war vollkommen kahl. Noch konnte er laufen, aber sein schwerer Nierenkrebs war nicht aufzuhalten. Herr Asimov trug einen Dauerkatheter, aber er trug ihn mit Würde: Die Schläuche verpackte er gern in einer eleganten Einkaufstüte. Er hatte auch in der Niere selbst ableitende Röhren, die sich dauernd entzündeten: Es ging ihm nicht gut.
Aber nach einigen Tagen stieg Herr Asimov mühsam aus dem Bett, ging einmal durch das Haus und zurück und sagte zu einer Schwester: "Wissen Sie was? Früher habe ich nach einem guten Tennismatch immer gern ein gro§es kaltes Weizenbier getrunken. Danach wäre mir jetzt auch." Von nun an trank er täglich sein kaltes Weizen und ging ein paar Schritte mehr. Er verlor kein Wort über seine Krankheit. Den Schwestern war ein bisschen unwohl, als er höflich bat, mit Begleitung vor die Tür zu gehen, denn er hatte längst eine schwere Embolie und hätte jeden Augenblick, bei jedem Schritt zusammenbrechen können.

Aber Herr Asimov fühlte sich als Rekonvaleszent und lehnte es ab, sich als Sterbender zu betrachten. Und so ging er in der dritten Woche bereits - eine elegante Tasche unter dem Arm - durch sein geliebtes Städtchen, hielt auf dem Markt und bekam vor einer Bude Appetit auf einen gro§en Döner. Herr Asimov kehrte ins Leben zurück, und er a§ alles: Pizza, Fritten, Currywurst. Seine Haare begannen mit Gewalt wieder zu wachsen und er begann, einen beeindruckenden Vollbart zu pflegen.
"Der steht Ihnen aber gut, Herr Asimov."
"Finden Sie?", fragte er erfreut und bewunderte sich im Spiegel.

Nach sechs Wochen mahnte er, nun werde es wohl Zeit für seine nächste Chemotherapie. "Wissen Sie, Herr Asimov," sagte die €rztin, "das können Sie tun. Aber es wird Ihnen die Freude am Leben nehmen und es wird den Krebs nicht aufhalten." Das leuchtete Herrn Asimov ein. Er sprach nicht mehr darüber.
Aber zwei weitere Wochen später - seine täglichen Wanderungen mit der Schwester waren noch weiter ausgebaut worden- packte ihn erneut die Unruhe, und er verlangte, sofort zu seinem Urologen gebracht werden.
Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Sie sehen glänzend aus, Herr Asimov," sagte er. "Wir müssen sofort etwas unternehmen. Gehen Sie direkt von hier aus ins Krankenhaus, man wird Ihnen helfen können."

Herr Asimov wurde sofort ins Krankenhaus verlegt. Es war keine Zeit mehr, die Schwestern im Hospiz zu informieren. Aber als Herr Asimov im Krankenhaus ankam, fiel er augenblicklich in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Zwei Tage später war er tot.
Für Herrn Asimov war das Hospiz ein Haus des Lebens. Er konnte dort nicht sterben. Nun hatte er losgelassen.



Ein Regen sterbender Menschen


Aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen. Johannes 16,22

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Manche nehmen mehr und mehr Raum ein, erfüllen ein Haus mit ihrer Spiritualität und ihren unbemerkten Egoismen, bis sie gehen können. Manche fallen in ein Schweigen und werden gekränkt immer kleiner und schwächer, bis sie dahinschwinden. Manche werden zur Königin, die ihr grosses Gefolge empfängt, thronend in einem winzig gewordenen Leib, aber mit Stolz und Würde. Manche müssen in der Anonymität einer irrealen Hoffnung und einem Krankenhaus verschwinden. Jeder einzelne Tod ist eine Geschichte, die unbedingt erzählenswert ist.

Aber nicht einmal darauf besteht- angesichts der Terror- und Kriegsopfer, der Killing Fields und Pogrome, der ethnischen Säuberungen ein Recht. Viele werden verscharrt, deren Geschichte niemand kennt und niemand schreibt, nicht einmal die kurze Geschichte ihres Sterbens. Manchmal - etwa am 11. September in New York - regnet es sterbende Menschen. Nun, zwei Jahre später, liegen die Protokolle der letzten Telefonate der Todgeweihten in den Twin Towers, auf zweitausend Seiten vor, ein Epos des Leidens, des apokalyptischen Schreckens, aber auch vieler letzter Beweise der Liebe.

Und was ist mit den Kindern? Elisabeth Kübler- Ross berichtet, dass "jedes Jahr in den Vereinigten Staaten eine Million Kinder"[1] verschwinden. Davon findet sich bei etwa 50000 keine Spur mehr. "Tausende" von ihnen "werden missbraucht und geschändet" und niemand weiss, wie "viele ermordet werden."[2] Viele furchtbare Erfahrungen dieser Art - aber auch die Versuche der Angehörigen, damit fertig zu werden - hat Kübler-Ross in ihren Seminaren mit den Betroffenen aufgearbeitet. Ein winziger Trost für Mütter von Gewaltopfern hat manchmal in der Gewissheit gelegen, dass viele Opfer "die Fähigkeit besitzen, ihren Körper vorübergehend zu verlassen." Gerade für Kinder ist es möglich, "einfach aus dem Kokon zu schlüpfen."[3]- manchmal "ohne böse Gefühle, fast mit einem Gefühl von Mitleid und Trauer für den Täter."[4] Je kleiner das Kind ist, desto leichter falle ihm dieser Wechsel von einer körperlichen Daseinsform in die Rolle des leibbefreiten Zeugen.

Häufig wird der nahende Tod - auch bei Kindern - explizit angekündigt: "Meine Tochter wachte in einem Zustand ungewöhnlicher Erregung auf und behauptete, Jesus hätte ihr gesagt, dass sie in den Himmel kommen würde (...). Und am Nachmittag war sie tot."[5]. Auch dieses Mädchen war nicht krank, sondern wurde ermordet.
Aus Tausenden solcher Berichte und Erfahrungen heraus - von vielen Menschen, die starben, die überlebten, die litten, die Andere begleitet haben - kommt auch Elisabeth Kübler-Ross zu der Überzeugung, dass es bei den Menschen einen gemeinsamen Nenner der "ausserkörperlichen Erfahrung" gibt, dass zumindest sehr viele Menschen sich "vollkommen bewusst" sind, dass sie "ihren Körper verliessen".[6] Man empfindet dabei "weder Schmerz noch Angst" und viele "nannten sogar die genaue Anzahl der Schweissbrenner, die benötigt wurden, um ihren zerschmetterten Körper aus dem Autowrack herauszubekommen[7]". Ausserdem hat "jedes Kind," mit dem Kübler-Ross jemals im Angesicht des Todes gesprochen hat, erwähnt, "dass jemand auf es wartete, eine Person, die ihm im Tod vorausgegangen war, und wenn es sich nur um wenige Minuten handelte.[8]"





Wenn die silberne Schnur durchschnitten ist


Wir haben von der buddhistischen Auffassung gesprochen, in der der Tod eine besonders feierliche Form des Übergangs, eine Variante der meditativen Versenkung ist. Wir haben von dem Ich gelesen, dem heute überall - selbst in preiswerten psychologischen Ratgebern - dargestellten hellwachen Zeugen, der sich zwar nörgelnd, besserwisserisch, unreif und manchmal auch vollkommen korrumpiert gebärdet, aber dennoch erstaunt in Nahtoderlebnissen auf seinen gerade verlassenen Leib herabschaut - eine zwar in inhaltlicher Hinsicht individuell und kulturell geprägte, aber dennoch universelle menschliche Erfahrung. Der Zeuge ist damit die universelle menschliche Entelechie, die durch den Tod hindurch bestehen bleibt, aber dennoch bereits zu Lebzeiten als Beurteiler und Betrachter des eigenen Lebens fungiert.

Wir haben von diesen unendlich verschiedenen Arten gehört, in diese Wandlung hinein zu gehen- aber auch von den rasanten Entwicklungsschritten danach, die zunächst in der Betrachtung der eigenen Biographie mündet: Als wäre es eine Geschichte, die uns so erzählt wird, dass wir nicht mehr in ihr gefangen sind, sondern sie von der Peripherie aus hören und sehen. Die Peripherie unseres Lebens: das sind vor allem die, mit denen wir zu tun hatten. Nun nörgelt der Zeuge nicht mehr und stochert im eigenen Saft herum, sondern er schaut voller Güte auf das, was Andere an uns erlebten. Das Loslassen - ob als Nachtoderfahrung oder als meditative Wandlung- ist nichts als eine Veränderung des Blickwinkels.

Über das, was dann geschieht, wenn der point-of-no-return unwiderruflich überschritten und die kleine silberne Schnur tatsächlich durchschnitten ist, berichtet Rudolf Steiner verschiedentlich. Er nimmt den Blickwinkel des Zeugen ein, der das Todeserlebnis, die erste Befremdung, die Euphorie und die Selbstbewertung bereits überwunden hat- ein Blickwinkel, den keiner, der ein Nah- Todeserlebnis gehabt hat, einnehmen könnte. Denn es ist ein Standpunkt jenseits des Zerschneidens der silbernen Schnur, nach dem es keine Rückkehr mehr geben kann.
Aber auch dann herrscht - so behauptet Rudolf Steiner - Freude: Der Übergang über die Schwelle wird von ihm als der grösste und schönste "Augenblick des gesamten Lebens" [1] geschildert, ein Augenblick, der dem von der Leibbezogenheit befreiten Zeugen auf seinem weiteren Weg "Halt und Orientierung"[2] gibt. Im Gegensatz zur physischen Geburt ist es nun immer möglich, hinzuschauen auf den "Moment des Todes", und im Gegensatz zu seinen Schrecken und Schmerzen erscheint er nun "als ein wunderbar herrliches Ereignis des Lebens, als ein Hervorgehen der geistig- seelischen Wesenheit des Menschen aus der physisch- sinnlichen Umhüllung."[3] Der Tod erscheint jetzt als eine "Befreiung der Willens- und Gefühlsimpulse"[4], als ein Augenblick, der dem menschlichen Geist vor Augen führt, "wie der Geist siegt über das materielle Dasein."[5].

In seltener Euphorie weiter aus, in welcher Gelöstheit und Freude der Verstorbene in einer "fortdauernde(n) Rückschau auf das Todeserlebnis" [6] zurückblicke. Es habe etwas "Belebendes, Erhebendes und Erhöhendes"[7], ja es diene sogar als eine permanente Selbstvergewisserung für den Verstorbenen, den Rückblick auf diesen Augenblick zu pflegen. Denn er beziehe genau daraus die Sicherheit, sich zu sagen: "Ich lebe hier in der geistigen Welt, mit der geistigen Welt."[8] Damit hat der Augenblick des Loslassens für den Verstorbenen also die gleiche Bedeutung, wie die sinnlich- körperliche Selbstvergewisserung zu Lebzeiten, ja sie verankert ihn dann in einem Selbstempfinden, wo ein leibfreies Ich sich nicht mehr an sich selbst orientieren kann.
Der Tod hat also jenseits der Schwelle eine merkwürdige Funktion, die die Tiefe und Bedeutung, die ihm im tibetischen Buddhismus gegeben wird, erklärt: Das Loslassen wird für den Verstorbenen paradoxer Weise zu einem Fixpunkt, zur Grundlage seines Selbstempfindens.


Leicht wie eine Feder


Die alte Lehrerin war schon ganz klein, durchscheinend und schmal geworden. Der Krebs hatte ihr nicht nur die Kraft genommen, sondern hatte beinahe alles Gewicht von ihr genommen. Sie schlief fast den ganzen Tag über und wachte nur ab und zu mit gross gewordenen Augen in ihren Kissen auf.
Eine Schwester sass bei ihr und hielt ihre Hand.
"Wissen Sie," sagte die Lehrerin, "die grösste Gnade liegt in der Schwäche. Wenn man gar keine Kraft mehr hat, dann ist der Kampf nicht mehr schrecklich. Das ist dann alles vorbei. Und dann kann man ohne Anstrengung, leicht wie eine Feder, einfach gehen."