Entfremdung | Die Egoisten
Technologie der Entfremdung
Michael Eggert.


Spiegelungen

„Die Neigung des Menschen, sich in seinen eigenen Erzeugnissen zu spiegeln, ist bekannt,“ [1] schreibt der Philosoph Vilém Flusser. Er meint damit das Phänomen, dass die Erschaffung technischer Produkte dem Bild folgt, das der Mensch von sich selber hat: „Der Mensch entwirft Modelle, um die Wirklichkeit zu ändern. Als Vorbild dient ihm der menschliche Körper. Der Webstuhl hat zum Beispiel den menschlichen Finger als Modell, der Telegraf die menschlichen Nerven. Das Modell wird in Form eines Produkts hergestellt.“ [2]

flusser
Flusser

Ist dieses technische Abbild einmal erschaffen, kommt es durchweg zu einer Doppelspiegelung: Das technische Produkt wird seinerseits zu einem Phänomen, das den Menschen – als Metapher, Allegorie oder Modell – erklären soll: „Später wird hinter dem Erzeugnis das menschliche Modell vergessen, und das Erzeugnis seinerseits wird das Modell für menschliches Verstehen und Benehmen. Dampfmaschinen sind zum Beispiel das Modell für den Menschen im achtzehnten Jahrhundert, chemische Fabriken Modell für den Menschen im neunzehnten Jahrhundert, und kybernetische Maschinen sind das Modell für uns.“ [3] Flusser nennt diese Rückspiegelung von der Technik auf den Menschen eine „schädliche Rückwirkung“ und einen wichtigen „Faktor der Entfremdung des Menschen von seiner Umgebung und von sich selbst.“ [4]

Auf der anderen Seite bekommen die Netzwerke - wie z.B. das Internet - den Charakter einer quasi- natürlichen Umgebung: Menschen nehmen sie nicht nur als gegeben hin, sie beginnen sie auszufüllen und zu bewohnen wie eine virtuelle Stadt. Sie finden in dieser Projektion von sich selbst eine Art Zuhause.

Schließlich möchten wir darauf hinweisen, dass diese Virtualität, deren Eigenleben sich in Zukunft kaum jemand entziehen kann, sich nicht nur Leib und Bewusstsein einverleibt, sondern auch die „natürliche“ Umgebung des Menschen: Netzwerke werden Haus, Heim und Umgebung, ja seine gesamte Lebenswelt dominieren und ihn in geradezu kafkaesker Weise fürsorglich zu kontrollieren versuchen, und zwar nach ihrer eigenen Logik und Systematik. So wird der Mensch nicht nur selbst zum Cyborg, sondern ersetzt seine Lebenswelt einschließlich dessen, was man Natur zu nennen gewohnt war, mit einer technologischen Spiegelung seiner selbst: Der „Dämon“, den er aus sich entließ, kehrt zurück und breitet sich aus, das Modell beginnt ein Eigenleben und durchdringt fast jeden Aspekt der Lebenswirklichkeit.


Lobotomie


Metaphern gibt es für alles und jedes, und das ist ja auch gut so, wenn man die Metapher als solche erkennt. Manchmal allerdings ist das leichter gesagt als getan. Nehmen wir zum Beispiel das Gedächtnis oder, besser gesagt, die Vorstellungen, die man sich von dessen Funktionieren machte. Natürlich ist man sich stets klar gewesen, dass keine kleinen Worte, Bilder und Töne im Organismus herumgeistern. Wie aber, „in welcher Form von innerer Sprache sind die Informationen dann geschrieben?“ [6] Meine These ist die, dass dafür jeweils die Metaphern ausgewählt werden, die dem jeweiligen Stand der Technologie entsprechen.

1843 entdeckte Emil Du Bois-Reymond einen Zusammenhang zwischen elektrochemischen Impulsen und den Funktionen des Nervensystems. Zu dieser Zeit waren weder Telegraf, Telefon oder Glühbirne bekannt. Man wusste lediglich [7] , dass Muskeln durch Stromstösse stimuliert [8] werden konnten. Du Bois-Reymond war der Meinung, die „Identität von Lebenskraft und Elektrizität“ [9] entdeckt zu haben; das war ein wenig hoch gegriffen.

Du Bois-Reymonds Nachfolger dachten wenigstens, die Funktion von Denken und Erinnerung damit erklären zu können. Das löste Jahrzehnte, ja Jahrhunderte alte Vorstellungen ab, Erinnerungsbilder seien als Engramme – wie beschriebene Tontafeln – „ins Gehirn eingeprägt.“ [10] Man diskutierte, in wie weit solche Engramme bei der Geburt des Individuums bereits vorhanden seien oder nicht.

Im späten 19. Jahrhundert herrschte nach der Entdeckung des Morseapparates, der drahtlosen Übertragung und Edisons Phonograph die Vorstellung vor, das Gedächtnis funktioniere nach dem Prinzip einer Schallplatte. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts blieb diese Vorstellung einer elektromagnetischen Einprägung – variiert durch technologische Fortschritte wie Radio, Fernsehen und Tonband – bestehen. Der Neurologe Karl Lashley war ein bedeutender Protagonist dieser Modelle. Seit den zwanziger Jahren beschäftigte er sich mit Tierversuchen, in denen er Ratten erst Orientierung in Labyrinthen verschaffte. Danach schnitt er – auf der Suche nach dem physischen Engramm – den Ratten ein winziges Teil ihres Gehirns heraus. Das vorher Gelernte müsste nach dieser Lobotomie für die Ratten verloren gegangen sein. Aber Lashley fand die gesuchte Stelle im Gehirn nicht. Reste von Orientierung besaßen die Ratten selbst dann, wenn größere Teile ihres Hirns entfernt wurden: Das Gedächtnis hatte „keinen festen Platz.“ [11] Es war anscheinend „dunstartig über das ganze Gehirn verteilt.“ [12] Die Neurologen benötigten also neue Metaphern.

Wie gut traf es sich da, dass gerade der Laserstrahl entdeckt worden war. Man konnte mit dieser Technik dreidimensionale Fotos – so genannte Hologramme- erzeugen. So transponierte man das Hologramm auf das Modell vom Gehirn und stellte sich vor, jedes Stück Nervengewebe darin enthalte „alles Wissen eines Lebewesens“ [13] - eine gewissermaßen ganzheitliche Vorstellung.

Aber auch dieses Modell war bald wieder durch Versuche am geöffneten menschlichen Schädel widerlegt. Man konnte das Hirngewebe nun durch Elektroden gezielt stimulieren. Erstaunlicherweise erlebte der Patient nach einem kleinen Stromschlag Ströme von detailreichen Erinnerungsbildern, aber auch von Musik. Dieses Erleben war zwar – durch erneute Stimulation – reproduzierbar; der Wahrheitsgehalt der Bilder und Erlebnisse allerdings nicht immer eindeutig. Manches erweckte „eher den Eindruck von Halluzinationen.“ [14] Das war die Meinung der Kritiker. Die Forscher selbst sprachen in Bezug auf den Aufbau des Gedächtnisses vom Modell des Videorecorders. Wen wundert es - der war gerade populär geworden.

Seit den 70er Jahren setzte sich dann aber das Modell des Computers durch. Wenn sich jemand etwas merken wollte, tippte er sich an die Stirn und murmelte: „Ich habe es im Computer.“ Die „Softwareprogramme“ Verstand und Erinnerung setzten in dieser Vorstellung auf der „Hardware“ Gehirn auf. War die Hardware beschädigt, funktionierte auch die Software nicht mehr richtig. Diese populären Modelle erklärten jedoch nicht, wer die gespeicherten Informationen wie sinnvoll strukturierte und in Kontext mit dem bereits Erlernten setzte.

Nach der Entdeckung der DNS forschte man daher in Richtung eines biologischen Codes auf der Basis von Molekülen. Man stellte Unmengen von Versuchen an, in denen man z.B. Plattwürmer, die man gelehrt hatte, Licht zu meiden, in einen Mixer warf, zerkleinerte - und an andere Plattwürmer verfütterte. Ähnliche Versuche stellte George Ungar mit Ratten an, denen er durch Elektroschocks Angst vor Dunkelheit vermittelt hatte. Er vermutete eine Sequenz von Aminosäuren als Träger der Erinnerung. Hätten diese Vorstellungen verifiziert werden können, hätten vielleicht „Bücher durch Pillen ersetzt“ [15] werden oder ungeahnte kannibalistische Moden entstehen können. Sämtliche Versuchsergebnisse dieser Art waren aber nicht reproduzierbar und gerieten vor 25 Jahren allmählich in Vergessenheit. Heute spricht man, wenn man von dem Funktionieren von Denken und Gedächtnis spricht, von einem neuronalen Netzwerk.


Neuronal


Den aktuellen Stand dieser Diskussion markieren die Bücher [16] von Manfred Spitzer, Professor für Medizin an der Universität Ulm. Er sieht das Hirn als komplexes neuronales Netzwerk. Auf der untersten Ebene – den Neuronen und Synapsen – führen wiederholte Verbindungsaktivitäten zu „zeitlich überdauernden, festen Mustern von Synapsenstärken an den beteiligten Neuronen“ [17] ; es entstehen „Spuren im Schnee“, das Gehirn strukturiert sich, indem neue dendritische Dornen entstehen, entsprechend den gemachten Erfahrungen und Lernprozesse tatsächlich physisch neu.

Mit der Zeit entwickeln sich in der Gehirnrinde Repräsentationen- eine geistige Landkarte. Das bedeutet, dass bestimmte Regionen der Hirnrinde neuronal „zuständig“ sind etwa für bestimmte Teile der Körperoberfläche, zum Hören oder Sprechen. So sind die Areale, die die Finger repräsentieren - wegen der größeren Bedeutung und Häufigkeit von Tasterfahrungen dort - deutlich größer als die Regionen, die den „Berührungsempfindungen des Rückens“ [18] entsprechen. Diese „kortikalen Karten“ sind jedoch über die Gehirnrinde verteilt; allein der Sehsinn wird durch mehr als ein Dutzend dieser Karten repräsentiert.

Neu an diesen Forschungsergebnissen ist die Feststellung der Neuroplastizität: Wir können nicht nur ein Leben lang lernen, wir können auch erleben, wie Repräsentationen übertragen werden können: Der visuelle Kortex von „blind geborenen Menschen“ z.B. wird funktional auf die Fähigkeiten des Tastens übertragen. Der Blinde „sieht“ dann mit den Händen. Das ist keine Metapher, sondern ganz wörtlich zu nehmen. Das Hirn mit seinen Karten und Repräsentationen stellt sich auf die Lebenswirklichkeit des Individuums ein - eine kortikale Flexibilität, die mit dem Alter allerdings abnimmt: Es gibt für das Lernen „kritische Perioden im Sinne von Zeitfenstern in der Entwicklung des Organismus für bestimmte Erfahrungen [19] “.

So erfolgt die Festlegung von Sprachlauten in der Entwicklung von kleinen Kindern in bestimmten Lebensphasen. Nur in dieser Zeit verfestigen sich die sprachlichen Erfahrungen zu kortikalen Repräsentanzen. Wie Tierversuche zeigen, kann ein in dieser frühen Zeit erfolgtes dauerndes „white noise“ - d.h. sinnlose Geräusche wie das Plärren eines Fernsehapparates - zu sprachlichen Entwicklungsverzögerungen führen. Das Gehirn lernt zwar immer- es benötigt aber strukturelle Verfestigungen und Repräsentanzen, um die Erfahrungen immer sicherer strukturieren zu können; es entstehen „Gedächtnisspuren im Gehirn.“ [20]


Die Virtualisierung der Lebenswirklichkeit schreitet voran


Ein anderes Problem erwähnt der Neurobiologe Gerald Hüther: Die effizienten Verschaltungen des Hirns können durchaus zur Belastung werden, indem sie die mögliche Neuroplastizität und Flexibilität unterlaufen. Denn wenn Menschen eine Erfahrung „zur Aufrechterhaltung ihrer inneren Ordnung“ zwanghaft immer wieder suchen, werden die „in ihrem Hirn aktivierten Verschaltungen (..) immer effizienter verknüpft und gebahnt“; aus den „Wegen“ werden „Autobahnen“, aus einer Bewältigungsstrategie ein „eingefahrenes Programm“ [21] . Mit der aufkommenden Vereinseitigung werden möglichst Erfahrungen im Alltag ausgeblendet, die diesem Programm widersprechen; es entsteht ein Teufelskreis, eine geistige Verarmung. Als Beispiele für Spezialistentum dieser Art nennt Hüther „Computerfreaks“ in ihren „eigenen Computerwelten,“ [22] mathematische Genies, Fußballartisten, Geigenvirtuosen und Schachspieler. Manchmal laufen „ganze Kulturen (..) Gefahr, ganz bestimmte, einmal entwickelte und als besonders erfolgreich bewertete Strategien der Lebensbewältigung und die damit verbundenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, Grundüberzeugungen und Wertvorstellungen immer weiter auszubauen und zu festigen“ [23] .

Hirnforschern wie Hüther graut auch deshalb vor einer Kultur, die ein „Leben in künstlichen Welten“ entwickelt und in immer größerem Tempo ausbaut, weil dieses Spezialistentum nicht nur Individuen psychisch und Hirne physisch formt, sondern vielleicht auch genetisch nachfolgende Generationen determinieren könnte. Die Virtualisierung der Lebenswelt schritte dann unaufhaltsam voran. Auch Rudolf Steiner spricht von „Schädigungen“ in der „menschlichen Kulturentwicklung“ durch die „elektrische Kraft“ – die Schädigungen liegen für ihn in dem „wüsten Egoismus,“ der sich „entfalten kann.“ [24] Dieser Egoismus konstituiert sich in dem Trieb, „jeden Menschen auf der Welt nur äußerlich anzuschauen,“ ja Erfahrungen überhaupt nur noch zu machen, „ohne dass das Innere irgendwie rege gemacht wird.“ [25] Die Folge dieses Autismus sieht Steiner im Aufkommen nationaler Identitätsubstitute, separatistischer Bestrebungen und wahrscheinlich religiöser Fanatismen [26] .

Bei allem Spezialistentum, das in der Zukunft wohl nicht aufgehalten werden kann: Das „Innenleben, das wir suchen, bleibt falsch, bleibt ein versucherisches, wenn es nicht einhergeht mit einem liebevollen Interesse für die Eigenarten der anderen Menschen.“ [27] Die dauernde Korrektur und Überwindung der Spezialisierung durch soziale Erfahrungen, ja durch „das wärmste Interesse (..) für andere Menschen“ ist für Steiner nicht schmückendes Beiwerk, sondern eine kulturelle, gesellschaftliche und individuelle Grundvoraussetzung.


Wenn der Zeitgeist durch die Nase spricht


Das Gehirn ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Das wird dadurch deutlich, dass nur „eine von 10 Millionen Fasern (..) mit der Welt verbunden (ist), die anderen verbinden das Gehirn mit sich selbst!“ [28] Spitzer weiß daher auch, dass die Gehirnforschung nicht nur eine der „spannendsten, heißesten“ [29] Wissenschaften ist, sondern auch eine der vorläufigsten. Viele gerade gewonnene Erkenntnisse werden im dreiwöchigen Rhythmus revidiert. Von daher verbietet sich das Bilden allzu fester Vorstellungen und Modelle in Bezug auf das Funktionieren von Gehirn und Gedächtnis. So zitiert Spitzer John Searle, der 1985 ebenfalls feststellte, dass wir, „weil wir das Gehirn nicht sehr gut verstehen, (..) dauernd versucht (sind), die jeweils neueste Technologie als Modell für unser Verstehen heranzuziehen“ [30] . Es lässt sich leicht lächeln über gerade überwundene Vorstellungen dieser Art – aber auch Spitzer – und mit ihm die Hirnforschung - zieht die gerade aktuelle Technik - die weltweite elektronische Vernetzung - als Metapher für die „neuronale Vernetzung“ des Gehirns heran.

Manchmal spricht der Zeitgeist aber nicht nur durch die Nase, sondern auch in beide Richtungen. Denn das Internet dient nicht nur als Modell für die Funktionen des Gehirn, sondern auch umgekehrt: Immer wieder wurde im letzten Jahrzehnt vom Internet als „Welthirn“ fantasiert. Das „Projektionspotential“ des Internet „ist erstaunlich und erzeugt eine Flut von Wünschen, Erwartungen und Investitionen, die in den zahlreichen Metaphern des theoretischen Diskurses wie des individuellen Gebrauchs kumulieren [31] . Der Versuch, das Internet in irgendeiner Weise begrifflich, bildlich oder in metaphorisch zu erfassen erklärt sich dadurch, dass es eine „in hohem Maße selbstorganisierte, transnationale Struktur“ [32] aufweist – ein nie da gewesenes Phänomen. Denn das Internet ermöglicht es, dass „prinzipiell jede Person als Produzent Inhalte publizieren und als User Inhalte konsumieren kann“ [33] – und das weltweit, ohne räumliche oder zeitliche Beschränkungen und in deutlichem Gegensatz zu anderen elektronischen Medien wie etwa Radio und Fernsehen. Außerdem sind die Netze dezentral organisiert. Die Inhalte werden multimedial präsentiert – als Schrift, Bild, in Farben, Musik und Filmen. Nicht nur Dokumente, sondern ganze Softwarepakete können von einem auf den anderen Rechner geladen werden. Weltweit gültige Protokolle machen es weit gehend möglich, die Inhalte unabhängig von Computersystem und Plattform verfügbar zu machen. Die Oberfläche der Websites verdeckt den dahinter liegenden Computercode (meist HTML) und die innere Struktur der Site, die durch interne Links organisiert wird.

Der dezentrale, aber transnationale Charakter wirft sehr viele rechtliche, moralische, wirtschaftliche und politische Probleme auf, wird aber auch als Garant der Freiheit des Individuums im elektronischen Zeitalter wahrgenommen. Eine Reihe anderer Formen und Protokolle variieren die Struktur des WWW [34] - dienen etwa der direkten Kommunikation (Email) oder des Austauschs von Dateien und Programmen (FTP- Protokoll). Foren, Chats und virtuelle Gruppen ermöglichen in vielfältiger Weise Teamarbeit und gemeinsame Diskussionen und „Gespräche.“ Die Vielfalt und Beweglichkeit des Mediums, seine unterschiedlichen Erscheinungsformen, Funktionen und seine sich ununterbrochen wandelnde Struktur machen es unmöglich, eine wirklich treffende Metapher für das gesamte Phänomen zu finden. Der Begriff der „Datenautobahn“ war schon zum Zeitpunkt der Prägung viel zu linear, der Begriff des „globalen Dorfes“ berücksichtigt nicht den permanenten Umbruch, der dem Phänomen zugrunde liegt.


Traumschloss


Das „globale Dorf“ impliziert eine Verortung, die durch das Medium eigentlich überwunden scheint. Durch die Betonung des Transnationalen wird diese Reduktion auf örtliche Gebilde aber auch wieder geöffnet und aufgehoben. Vielleicht handelt es sich aber doch eher um eine Stadt, eine vibrierende, im ständigem Umbruch befindliche Großstadt, einen gewaltigen Handelsplatz, mit Geld- und Warenströmen, mit logistischen und kulturellen Verbindungen in alle Richtungen: eine Telepolis [35] : „Vor zwanzig oder dreißig Jahren herrschte ein anderer Vergleich vor, nämlich der zwischen dem (isolierten) Computer und dem individuellen menschlichen Gehirn oder Geist [36] . Die postmoderne Kultur hat kaum noch ein Interesse, dieser Analogie nachzugehen,“ denn die heute entstandenen bidirektionalen transnationalen Netzwerke legen viel mehr nahe, „das Soziale über das Individuelle“ [37] zu stellen. Es geht nicht mehr vordergründig um Gehirne, um Wissen und Information, es geht um Kommunikation, Kooperation, Handel und Informationsaustausch und -abgleich.

Nehmen wir das Urphänomen des digitalen Informationsabrufs, das digitale Lexikon. Natürlich gibt es dergleichen noch. Gleichzeitig entstehen aber lexikalische Treffpunkte in der virtuellen Stadt wie Wikipedia [38] („Willkommen in der Wikipedia! Wikipedia ist eine mehrsprachige Enzyklopädie, deren Inhalte frei nutzbar sind und es für immer bleiben werden. Die deutschsprachige Ausgabe wurde im Mai 2001 gestartet und umfasst derzeit 118478 Artikel. Bei Wikipedia können alle ihr Wissen einbringen.“ [39] ), die vollkommen dynamisch sind und sozial organisiert erscheinen, da jeder Besucher aufgefordert ist, das virtuelle Lexikon selbst mitzuschreiben und zu –gestalten. „Bitte bringe Dein Wissen ein,“ ist die Aussage von Wikipedia.

Ein Projekt wie dieses impliziert „Nähe“ im Sinne nicht nur von Verfügbarkeit der Informationen, sondern auch in der Möglichkeit, mit zu wirken: Die virtuelle Stadt, die sich stets zwischen Allem, in einem Cyberspace, einer Illusion von Räumlichkeit befindet, rückt dadurch an uns heran. Das Internet ermöglicht es „uns, uns räumliche Beziehungen zwischen Informationselementen und zwischen Empfängern und Sendern von Information vorzustellen.“ [40] Denn für das elektronische Netzwerk selbst scheint „keines dieser Merkmale notwendig oder inhärent“ – es konstituiert keinen Raum, es bildet nichts ab, es hat kaum visuelle Eigenschaften, keine Schrift, keine Bilder oder Töne. Das elektronische Netzwerk kennt keine Nähe. Alle Eigenschaften des Räumlichen, der Nähe und Ferne, der Überwindung der Ferne durch elektronische Medien, entspringen unseren Vorstellungen, unserem Kommunikations- und Darstellungsbedürfnis und unserem Hunger nach menschlicher Nähe.

Wir bauen diese Stadt in unserem Geist. Sie ist ein elektronisches Traumschloss.

Dient der einzelne Computer als Wunschmaschine, als elektronisches Alter Ego [41] , das die Eigenschaften annehmen kann, die wir wünschen und brauchen, ein Projektionsapparat unseres Selbst, so dient das Internet als das Traumschloss, das primär unsere leibliche Beschränktheit als inkarnierte Entität – diese „Zumutung“ und „Plumpheit des Daseins“ [42] -überwinden hilft: Wir fühlen uns des Raums enthoben. Das ist der kommunikative Aspekt.

Es gibt aber noch den informativen. Das Internet in seiner Fülle von Informationen stellt sich dar als eine intellektuelle „Mobilmachung in Permanenz,“ [43] als ein „medialer Materialismus“, der sich zugleich immateriell (d.h. virtuell) präsentiert. Die Fülle und Schnelligkeit der Informationsvermittlung kann wie ein nicht mehr zu bewältigender, unmenschlicher „Medienspuk [44] “ erscheinen. Das dauernde Naschen an den Informationshappen kann – entgegen dem Anschein – zu einer Art Weltflucht, ja zu einer betriebsamen „Weltlosigkeit“ [45] führen, einer postmodernen Art und Weise, den Zumutungen des konkreten Lebens zu entfliehen: „Man verdrängt das In-der-Welt-Sein ebenso wie das Zur-Welt-Kommen durch ein permanentes Sichanfüllen mit „Themen“, „Projekten“ und commitments.“ [46]

Die Illusion von Nähe in der virtuellen Weltstadt kann einhergehen mit einer Weltflüchtigkeit, einer Aushöhlung des Konkreten in massenhaften, nicht mehr zu verarbeitenden Informationshappen: Die zahllosen Lichter der materialistischen Traumstadt, die in der Ferne verführerisch glitzern, ziehen uns magisch an.


Unerwünschte Nebenwirkungen für den Verwalter der Schöpfung


Natürlich gab und gibt es eine Reihe von Warnenden, die sich vor der Stadt postiert haben. Sie möchten zumindest auf „unerwünschte Nebenwirkungen“ der „mediatisierten Welt“ [47] aufmerksam machen. Einer von ihnen war der Mönchengladbacher Philosoph Hans Jonas. In einem Aufsatz [48] bemühte er sich um eine ethische Betrachtung der Technik und ihrer Implikationen für die Zukunft der Erde, der Natur und des Menschen.

Auch für Jonas stellen technische Phänomene zuerst vor allem Projektionen menschlicher Fähigkeiten dar: Technik ist für ihn eine „enorm gesteigerte menschliche Macht“ – allerdings eine, die „einen neuen und besonderen Fall bildet.“ Früheren menschlichen Techniken wie Landbau oder Herstellung von Geräten wie Pflugscharen fehlt das typische Phänomen der modernen Technik, sich – wie in unserem Bild der elektronischen Stadt – scheinbar vom Menschen zu emanzipieren und eine eigene Dynamik der Entwicklung zu entwickeln. Die moderne Technik könnte daher „langfristig das letzte Wort haben.“ Diese innere Dynamik herrscht selbst dann vor, wenn die Technik an sich nützlich und sinnvoll erscheint. In ihr – in der erfolgreichen Dynamik- liegt die erste Gefahr der Technik. Denn sie funktioniert im Gegensatz zu rein menschlichem Tun „in permanenter Tätigkeit.“ Dadurch wird sie für den Menschen schnell zu einem „dauernden Lebensbedürfnis.“ Sie hat dadurch die Eigenschaft, „ihre Anwendung im großen und immer größeren zu erzwingen.“ [49]

Nicht nur in diesem Punkt finden wir Analogien zur elektronischen Netzwerktechnik. Ein weiterer Aspekt liegt darin, dass die moderne Technik für Jonas „zuinnerst auf Großgebrauch angelegt“ ist; sie wird damit vielleicht „zu groß für die Größe der Bühne, auf der sie sich abspielt: die Erde, und für das Wohl der Akteure selbst: die Menschen.“ Es ist gar nicht zu verhindern, dass sie sich „über den Erdball“ ausbreitet und Wirkungen auf „zahllose künftige Generationen“ ausübt.
Genau diese Tatsache der fernen, zukünftigen und globalen Implikationen der modernen Technik stellt für die Menschheit ein „ethisches Novum“ dar. Wir haben es mit ganz anderen „Größenordnungen der Macht“ verantwortlich zu tun, denen wir mit bisherigen Maßstäben nicht beikommen können. Klar muss allerdings sein, dass die Notwendigkeit des Schutzes von Mensch und Natur gegenüber den anmaßenden, zwingenden Ausbreitungstendenzen der Technik (dieses „kühl pragmatische Werk menschlicher List“) den Menschen in eine Rolle versetzt, „die nur die Religion ihm manchmal zugesprochen hatte: die eines Verwalters oder Wächters der Schöpfung.“


Zeitwächter


Genau in diese Rolle hinein möchte auch Rudolf Steiner Menschen versetzen, die eine „anthroposophische Gesinnung“ anstreben: Der Anthroposoph muss sich beteiligen an dem „Wachen über die Zeichen der Zeit. Es geschieht in der Weltentwicklung gar manches; dem Menschen, insbesondere dem Menschen unseres Zeitalters obliegt es, sich wirkliches Verständnis zu verschaffen von dem, was in der Weltentwickelung, in die er selbst hineingestellt worden ist, geschieht.“ [50]

Wie ambitioniert diese Forderung für den Zeitgenossen ist, habe ich im anfangs am Beispiel der wissenschaftlichen Vorstellungen zu zeigen versucht, die sich Forscher jeweils von Phänomenen wie dem des Gedächtnis machen; wie sehr sie dabei jeweils an technischen Modellen und Assoziationen kleben. Derjenige, der sich den Vorstellungen Rudolf Steiners gemäß am „Wachen über die Zeichen der Zeit“ aktiv beteiligen möchte, müsste sich jeweils aus seiner Zeitgenossenschaft und deren spezifisch herausragenden, determinierenden Themen, Thesen und Moden herausheben können. Um deren Relevanz aber beurteilen zu können, müsste er sich nicht nur von den zeitgenössischen Modellen distanzieren, sondern diese auch in hohem Maß verstehen können. Eine schwierige Angelegenheit in einer Zeit, in der Universalisten rar gesät sind.
Hinzu kommt noch ein spezifisch anthroposophisches Problem: Wie soll man sich zu den Aussagen Steiners selbst stellen, die oft genug widersprüchlichen, bildhaften oder gar insofern okkulten Charakter haben, indem sie in ihren Aussagen und Prognosen weit in die Zukunft, ja in zukünftige planetarische Phasen verweisen?

Und weiter: In wie weit darf man zeitgenössische Betrachtungen von Steiner, die er – z.B. über die Schallplatte gemacht hat- auf andere, heute aktuelle technische Phänomene übertragen?

Die „Wächter über die Zeichen der Zeit“ haben es auch deshalb schwer, weil die technische Entwicklung mindestens um den Faktor 4 schneller verläuft als die menschliche Zeit; der Alterungsprozess nicht nur von modernen technischen Produkten, sondern auch von Betrachtungen, Büchern und Aufsätzen über eben diese technischen Phänomene verläuft überproportional schnell. So hat ein ausgezeichnetes, im Jahre 2000 erschienenes anthroposophisches Buch von Bijan Kafi [51] nach Computer- Entwicklungsjahren gerechnet bereits ein ehrenwertes Alter von 16 Jahren erlangt: Man merkt ihm das in mehrfacher Hinsicht an. Die Betrachtungen Kafis über das Internet unterliegen noch emotionalen Ambivalenzen, die auf dem Höhepunkt einer allgemeinen euphorisch- dämonisierend zeitgeistigen Stellung zum Medium Internet gang und gäbe waren: Einerseits spricht er dauernd von drohender Manipulation durch das neue Medium [52] , andererseits klingt ein euphorischer Ton an, der dem Medium einen quasi- teleologischen Status zubilligt [53] , der heute, ernüchtert durch Spam- Mails, Virenattacken, technisch bedingte Katastrophen, allgemeine Gewöhnung und dem Platzen der Neue- Markt - Firmen – Blase in Bezug auf die Aktienmärkte ziemlich antiquiert wirkt. Kafis Zweifel, ob die Nutzer des Internets zwar die Möglichkeit, „online“ zu sein, „nutzen“ können, aber nicht in der Lage sein werden, es „auch zu leben“, erscheinen heute obsolet. Das Medium ist alltäglich und zunehmend profan geworden, die Internetfirmen sind fusioniert oder pleite, und Microsoft schüttet – wie ehemals nur gestandene Firmen der old economy – ordentliche Dividenden aus. Die Zeiten der Visionen und der apokalyptischen Ängste sind vorbei. Ein Ray Kurzweil, der damals forderte, wir benötigten angesichts der Vernetzung „eine Techno-Elite, eine Prätorianergarde, High-Tech- Hohepriester, die den großen Rest der überwiegend „dümmeren“ Menschen lenkt und kontrolliert“ [54] , wirkt heute bereits abstrus und überzogen. Auch das Telefon hat keine elitäre Kaste von priesterlichen „Wächtern“ hervorgebracht- so wenig wie Eisenbahn oder Mikroskop.

Jede technische Innovation, bei der der Mensch ureigene Fähigkeiten aus sich heraus setzt, seine „Macht“ (im Sinne von Hans Jonas) in einem Akt der Selbstentäußerung und Selbstentfremdung zu technischem Leben exkorporiert, wirft aufgeregte Diskussionen auf, die eine Zeitlang zwischen Technophilie und –phobie schwanken. Dann setzt, in einem verebbenden Gewöhnungsprozess, Ernüchterung ein. Und das ist es doch, was die „Wächter der Zeit,“ um ihrer Aufgabe willen in erster Linie bedürfen: Unaufgeregtheit.


Der technologische Paraklet


Nicht umsonst ist die virtuelle Stadt –teilweise ernsthaft, teilweise im Scherz- immer auch als geistige Welt bezeichnet worden - eine elektronische Realität, die nicht nur den Alltag, die Arbeit und das Freizeitvergnügen der Menschen zunehmend mit bestimmt und – wie wir gezeigt haben- ihm sogar immer näher tritt, ja in seine Leiblichkeit einzieht.

Jede Technik stellt stets aber auch ein Heraussetzen ureigener menschlicher Fähigkeiten dar. Worin nun liegt der spezifische Charakter dieser speziellen Technik, dieses Netzwerks, das Kommunikation in allen Facetten, Befriedigung nahezu aller Informationsbedürfnisse, Handelsplattform, globalisierte, grenzüberschreitende Präsenz und Selbstdarstellung in Einem ermöglicht?
Denkbar ist ja, dass diese facettenreiche Technik ein Schattenwurf menschlicher Fähigkeiten ist, die noch gar nicht in vollem Maß ausgebildet sind. Es gibt ja, um es auf einen einfachen Punkt zu bringen, auch Wege jenseits der elektronischen Realitäten, die es uns ermöglichen sollten, „alle Menschen zu Teilnehmern einer Menschengemeinschaft zu machen.“ [55] Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang von der Möglichkeit einer spirituellen Wandlung des Individuums, die diesem Impulse gibt, „eine wahre Logik des Herzens“ [56] vorzubereiten. Dieses „neue Ätherorgan in der Nähe des Herzens“ [57] – in der esoterischen Tradition als Prana [58] bezeichnet – bezeichnet „ein neues Zentrum des Menschen (..), wodurch die Abhängigkeit des Denkvermögens und des Bewusstseins vom Gehirn und von der Einseitigkeit der Sinneswahrnehmungen aufgehoben wird.“ [59] In der vollen Reife dieses ätherischen Organs „befreit sich der Mensch von allem, was nur mit den Fähigkeiten seiner persönlichen Natur zusammenhängt. Er hört auf, die Dinge von seinem Sonderstandpunkte aus zu betrachten. Die Grenzen seines engen Selbst, die ihn an diesen Standpunkt fesseln, verschwinden. Die Geheimnisse der geistigen Welt erhalten Zugang zu seinem Innern. Dies ist die Befreiung.“ [60]

Das Internet könnte ein elektronisches Zerrbild eben dieser Befreiung darstellen: Statt der „Geheimnisse“ wird dem Individuum hier das Offenbare vermittelt: Information. Und statt der inneren Erfahrung, Dinge nicht nur „von seinem Sonderstandpunkte aus zu betrachten“ findet sich der Mensch als Teil eines globalisierten Netzwerks wieder, in dem sich allerdings eine kaum überschaubare Fülle von Standpunkten zu Wort meldet. Das Internet stellt in einer komplexen und wandelbaren, aber gleichwohl platten Frühform das vor den Menschen hin, was heute eine Möglichkeit der inneren Entwicklung darstellt: Die elektronische Stadt überragt ein kleines inneres Jerusalem.

Verfrühte technologische Manifestationen menschlicher Entwicklungsschritte haben zwangsläufig eine erhebliche suggestive Dynamik, was die Faszination und überstiegene Heilserwartungen der frühen Internetpropheten erklärt. Zahlreiche Agitatoren wie der späte Timothy Leary, aber vor allem materialistische Mystiker wie Moravec, die frohen Sinnes das Ende der Menschheit und ihr Weiterbestehen in der Maschine bejubelt haben [61] , zeugen von diesen Prophetien. Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, der die Suggestivkraft des Mediums beleuchtet, und das ist die Wirkung der globalen sofortigen Verfügbarkeit der Informationen selbst. Viele moderne spirituelle Lehrer wie Andrew Cohen machen darauf aufmerksam, wie weit das moderne Bewusstsein der westlichen Zivilisationen durch ein „starres, angstbesetztes und ichbezogenes Verhältnis zu unserem Erleben“ [62] determiniert ist. Aller scheinbaren Libertinität zum Trotz verlieren sich die meisten Zeitgenossen „in einem scheinbar endlosen Kampf,“ der es vor allem unmöglich macht, zuzulassen, „Raum zu schaffen für das, was wir nicht wissen. Wir müssen Raum schaffen für das Nichtwissen, was unsere innere Erfahrung und unser äußeres Leben betrifft.“ [63] Sich so auf wirklich neue Erfahrungen einzulassen wird vor allem durch den Reflex verhindert, sich mittels permanenter Informationsbröckchen durch die Print-, Massenmedien und das Internet zu vergewissern, dass die Katastrophen zwar irgendwo stattfinden, aber möglichst nicht in unserer nächsten Nähe. Der intellektuelle Klammerreflex erkämpft ein Stück Identitätsgefühl: „Wir kämpfen, um am Angenehmen festzuhalten, und wir kämpfen, um am Schmerzhaften festzuhalten“ [64] – die Hauptsache besteht darin, zu verhindern, ins Unbekannte, „voll ins Leben einzutauchen.“ [65] Die dauernde „Ablenkung für den Verstand“ gibt eine „Illusion von Sicherheit“ [66] und stützt damit die starren „Vorstellungen des Selbst.“ [67] . Für das konstruktivistisch erschaffene Selbst ist die Vorstellung unerträglich, „keinen Standpunkt zu haben, keinen Bezugspunkt, keinerlei Ahnung.“ [68]

Die Informationsgesellschaft mit ihren technischen Elaboraten konstituiert also mehr die individuelle Selbstbezüglichkeit- sie löst ihren Anspruch, grenzüberschreitend, global, transnational wirken zu können, nur bedingt ein. Sie ist ein Paraklet – ein Tröster -, der seine Jünger mit ständigen Informationshäppchen bei der angstbesetzten Stange hält.


Online- Dschihad


Wie aber steht es mit dem Gewicht der Information selbst? Vielfach stößt man – neben Tratsch-, Gerüchte- und Schwafelseiten auf etwas, das eindeutig „mit Vorsicht zu genießen“ [69] ist, insbesondere wenn es um ein offensichtliches „Netz der Propaganda“ [70] geht. Denn seit dem 11. September findet man im Netz ein breites Spektrum von Domains, die als Koordinationsorgane und Sprachrohre der islamistischen und militanten Al-Qaida dienen. Die ursprüngliche Seite namens alneda.com ist allerdings seit Mitte 2002 von amerikanischen Händen gehackt worden und führt zu pro- westlichen Diskussionsforen. Seitdem ist der Propagandakrieg im Internet ausgebrochen. Denn die islamistischen Propagandaseiten ziehen unter wechselnden Domainnamen durch das Netz, häufig frequentiert vor allem deshalb, weil man auf diesen Seiten minutiös die Abschlachtung westlicher Geiseln betrachten kann. Die unter falschen Namen angemeldeten Domains finden offensichtlich immer wieder kooperationsbereite Provider, die den Terroristen diese Form von virtueller Werbeplattform zur Verfügung stellen. Im Widerspruch zu ihrer sonstigen anti- westlichen und anti- technologischen Einstellung haben die Terroristen keine Probleme mit der Nutzung des Internets.

Omar Bakri, ein „radikaler syrischer Geistlicher“ [71] aus Großbritannien predigt dann auch: „Andere Leute machen dumme Dinge im Web und verschwenden ihre Zeit. Wir nutzen es für ernsthafte Angelegenheiten.“ [72] Der Cyberterror dient dabei, wie Geheimdienstleute bestätigen, nicht nur der Propaganda, sondern auch der Spendensammlung, der Koordination von Anschlägen und dem Anwerben von Nachwuchsterroristen. Ein Zehntel aller „muslimischen Religionslehrer zwischen Paris und Marseille“ [73] nutzt nach Auskünften des französischen Außenministeriums diese Domains heute in ihrem Unterricht, vor allem die „eindrucksstarken Kriegsbilder.“ [74] Die Ermordung der amerikanischen Geisel Nicholas Bergs in einem drastischen Video ließen sich aber auch 30 Millionen US- Bürger allein in einem Monat nicht entgehen. Abgesehen von diesem obszönen Voyeurismus strotzen die Terrorseiten allerdings auch von Fehlinformationen, die das Ziel haben, Desinformationen in einem Cyber-Krieg zu verbreiten und im Westen kollektive Angst zu schüren. Gleichzeitig machen sich Cyberkrieger der Gegenseite auf [75] , die Internet- Quellen der islamistischen Terroristen zu entdecken und schließen zu lassen. Kein Wunder, wenn Terrorseiten doch öffentlich detaillierte Anleitungen für Nachwuchs- Mörder geben, wie man Entführungen durchexerzieren sollte. Andererseits lässt die Tatsache reichlich Raum für Spekulationen, dass ausgerechnet amerikanische Provider das Treiben solcher Terrornetzwerke auf ihren Servern dulden. Anscheinend liegt die eifrige Präsenz der Terroristen durchaus auch im Interesse der Geheimdienste.

Zwischen Doppelbödigkeiten, Cyberpropaganda und der widerlichen Faszination des Grauens ist der Informationsgehalt wie in jedem Krieg zu einem vertrocknenden Gehölz verkommen.


Neurobiologische Gottesbeweise im Brainscan


Die bildgebenden Verfahren, die seit einigen Jahren die Neurologie insofern revolutioniert haben, dass Prozesse, die sich im Gehirn abspielen, nunmehr am lebenden menschlichen Objekt verfolgt werden können, treiben auch allerlei Blüten. In einem Artikel im Feuilleton der FAZ [76] wird nun auch von einer aufkommenden Neurotheologie gesprochen, die sich bemüht, Transzendenzerfahrungen mit Hilfe moderner computergesteuerter Medizintechnik in ihren neurobiologischen Begleiterscheinungen zu erfassen. Was passiert in der meditativen Versenkung? Wird Gotteserfahrung oder das Erlebnis kosmischen „Einsseins“ im Kernspintomographen sichtbar? Natürlich wird Gott nicht im Bild der Hirnprozesse erlebbar, sondern „ allein neuronale Grundlagen mentaler Prozesse.“ [77] Rückschlüsse auf die „Existenz oder Nichtexistenz Gottes“ [78] sind natürlich vollkommen spekulativ. Es kann nicht wirklich um Gottesbeweise gehen, sondern um das Verständnis für intime innere Erlebnisse des Individuums.

So hat ein Radiologe namens Andrew Newberg Kernspin- Untersuchungen an Franziskaner- Nonnen und „acht meditierenden buddhistischer Mönche“ [79] publiziert: „Fühlten sie sich in mystischer Ekstase nahe bei ihrem Gott oder im Nirwana, zogen sie an einer Schnur, woraufhin ein schwach radioaktives Kontrastmittel in die Venen tröpfelte und Durchblutungsmuster im Gehirn sichtbar machte. Bei erfühlter Gottesnähe herrschte in den für Körperwahrnehmung zentralen Scheitellappen der Großhirnrinde weithin Funkstille.“ [80] In der meditativen Versenkung wird also – nun wissenschaftlich nachweisbar – die Unterscheidung „von innen und außen, Selbst und Welt“ aufgehoben – das Bewusstsein löst sich aus der Rückmeldung seiner Körperlichkeit heraus. Newberg bejubelt diese Untersuchung fälschlich als Gottesbeweis- andere Wissenschaftler dagegen unterstellen bei mystischem Erleben weiterhin pathologische Vorgänge des Hirns wie etwa eine „Schläfenlappenepilepsie.“ Eine weitere Gruppe geht in ihrer Skepsis noch weiter und will mystische Erfahrungen nicht durch elektrische Stimulation am offenen Hirn, sondern durch gezielte magnetische Impulse provozieren. Der kanadische Neuropsychologe Michael A. Persinger hat zu diesem Zweck sogar einen „gelben Religionsempfangshelm“ [81] gebastelt. Einige Probanden haben bei der Erprobung der durch diesen Helm erzeugten magnetischen Felder angeblich tatsächlich eine „offenbarungsgleiche Begegnung mit ihrem persönlichen Schutzengel“ erfahren- andere anscheinend dagegen unliebsame Konfrontationen mit ihrem Doppelgänger. Natürlich möchte Persinger jede mystische Erfahrung als Hirngespinst entlarven. Dem höchst komplexen Zusammenspiel zwischen hirnphysiologischen Prozessen und dem subjektiven Erleben des Individuums ist er in seinen Untersuchungen kaum nahe gekommen. Dennoch bleibt ein interessanter Zusammenhang bestehen: Auf der einen Seite steht das heute immer weiter erforschte Wissen darum, dass „alles menschliche Bewusstsein eine neuronal rekonstruierbare Grundlage“ [82] hat. Auf der anderen Seite stehen neue, computergestützte Untersuchungsmethoden, die diese Prozesse sichtbar machen. Der zynische „Religionsempfangshelm“ macht es erstmalig denkbar, dass auch eine direkte Interaktion zwischen Maschine und menschlichen Hirnaktivitäten möglich ein kann. Wenn dem so wäre, täten sich dahingehend Perspektiven auf, dass der Mensch in der nicht zu fernen Zukunft rein willentlich mit Maschinen, Computern und Netzwerken kommunizieren könnte. Eine heute magisch anmutende Perspektive, der wir noch ein wenig nachgehen wollen.


Die Maschine zieht in den Menschen ein


Die Entgrenzung im Verhältnis zwischen Mensch und Technik findet heute in zwei Richtungen statt: Das Internet ermöglicht die Überwindung von körperlichen und räumlichen Schranken nach außen. Kommunikation ist immer weniger an den Ort gebunden, an dem man sich leiblich befindet. Dazu tragen ebenso sehr Telefon und Handy bei. Gerade das Handy beleuchtet aber auch einen anderen Aspekt: Die Technik rückt immer näher an den Menschen heran. Musste der sehr junge Bill Gates [83] noch, um programmieren zu können, ins Rechenzentrum der Universität fahren, eroberten die Personal Computer einerseits durch die Miniaturisierung, andererseits durch die illusionären bildhaften Bedieneroberflächen massenhaft die Privathaushalte und wurden an fast jedem Ort verfügbar. Mit dem Siegeszug des Mobilfunks werden Minicomputer und Netzwerkzugänge nun zunehmend direkt am Leib getragen – sie sind immer, an jedem Ort verfügbar. Der logische nächste Schritt ist der direkte Einzug in den Körper. Dafür gibt es bereits eine Reihe von Hinweisen, ja von bereits funktionierenden Technologien, die erstaunlicher Weise noch wenig kontrovers diskutiert werden. Die „Macht,“ die der Mensch in Form von Technik aus sich heraus gesetzt hat, kehrt also wieder zu ihm zurück, ja sie zieht zunehmend in ihn ein. Auch diese kommende Entwicklung wird, im Sinne der Szenarien von Hans Jonas, kaum aufzuhalten sein – und auch sie kleidet sich zunächst in absolut nützliche und dann bald unentbehrliche Erscheinungsformen.

Ein Beispiel für solche ersten technischen Implantate ist das künstliche Innenohr (Cochlea- Implantat) bei tauben, möglichst jungen Patienten. Bei diesen elektronischen Geräten besteht einerseits eine Verbindung zu einem Mikrofon – andererseits ein verstärkter, „elektronisch in verschiedene Frequenzbänder“ [84] zerlegter Impuls. Kleine, vom Chip ausgehende Stromdrähte liegen direkt am Hörnerv an, damit dieser durch die Elektroden stimuliert wird. Diese elektronischen Impulse sind natürlich „völlig verschieden von denen des natürlichen Innenohres“ [85] – und so verwundert es auch nicht, dass zunächst vollkommen sinnlose, rumpelnde Geräusche, die den Patienten zutiefst irritieren, gehört werden. Die Stimulation erfolgt ja auch – im Gegensatz zum natürlichen Hören – nur an wenigen Stellen des Nervs und sie hat mit der normalen Art des Hörens denkbar wenig zu tun. Es stimmt eigentlich nichts: weder „die räumliche noch die zeitliche Ordnung der Impulse.“ [86]


Das Erfassen des Logos durch die Maschine


Und dennoch geschieht das Erstaunliche: Innerhalb eines Jahres wird für die meisten Patienten (die Fähigkeit der neuronalen Plastizität nimmt mit dem Alter ab, wie wir wissen) das rumpelnde, sinnlose Chaos nicht nur zu einem strukturierten Hörorgan- auch Sprache kann ganz normal verstanden werden. Das elektronische Gerät – ein Minicomputer- ersetzt das natürliche Organ. Wie ist das möglich? Offensichtlich haben im Laufe dieses Jahres „im Gehirn massive Umbauvorgänge stattgefunden.“ [87] Das Gehirn organisiert sich um, überträgt die Repräsentanzen, die für das Hören zuständig sind, auf die Impulse, die nun eintreffen und doch vollkommen verschieden sind: Kleine Stromschläge sind etwas anderes als Hörwellen. Natürlich haben diese elektrischen Impulse eine gewisse Regelhaftigkeit, weil diese aus der regelhaften Umwelt gewonnen werden – das Gehirn muss diese Sprache aber erst völlig neu erlernen. Der Kortex ist also eine „Regelextraktionsmaschine.“ Wenn etwas, was Sinn machen kann, ankommt, dann lernt das Gehirn, diesen Sinn zu verstehen. Entsprechend werden neue Verbindungen in den Synapsen und Repräsentationen im Kortex gebildet. Für das Verstehen von Worten sind dabei die höchsten kortikalen Areale involviert, denn der Sprachsinn ist noch höher entwickelt als der reine Hörsinn. Keinesfalls wird zuerst gehört und dann verstanden, denn dies ist ein integrativer, synthetischer Prozess: Es geschieht gleichzeitig.

Wir sind als wahrnehmende Menschen zutiefst bedeutungs-, sinn- und kontextorientiert. Das Hirn orientiert sich in einem Top- down- Prozess von oben nach unten, vom Sinnzusammenhang, vom verstehenden Ich her. Dieses baut sich sein Gehirn Sinn stiftend um und integriert dem Organismus fremde Impulse, wenn diese regelhaft sind. So wird „der akustische Input erst durch Sinnzuweisung zu dem, was er zu sein scheint.“ [88] Diese Tatsache gibt Hoffnung für zahlreiche – zunächst sensorische – Behinderungen, denn die direkte Implantation von Computerchips an Nerven sollte auch bei anderen Sinnen gelingen. Der Mensch kann auch ihm fremde Geräte dann in sein sensorisches Feld integrieren, wenn sie Sinn stiftend wirken. Der Forschung ist damit ein weites Feld eröffnet. Warum sollten nicht auch bestimmte Hormonausschüttungen durch elektronische Regler gesteuert werden? Warum sollte nicht- auf lange Sicht – ein Hirn-Interface direkten neuronalen Zugang zu komplexen Computern und Netzwerken eröffnen? Es scheint nach diesen Erfolg versprechenden Anfängen eine Frage der Zeit, bis die Verbindung von inneren neuronalen und externen elektronischen Netzwerken neu definiert werden kann.

Der Mensch hat eine virtuelle Stadt gebaut, indem er seine Fähigkeiten aus sich heraus gesetzt und in Technik wieder hat erstehen lassen. Seine innere Neuroplastizität – die nicht, wie man vor kurzem noch gedacht hat, kurz nach der Geburt ausklingt – macht es möglich, dass diese Technik wieder in ihn einzieht. Der Mensch baut sein Gehirn Sinn stiftend danach um. Der Mensch wird dabei nicht zur Maschine – er verleibt sie sich nur ein und integriert sie in seine zutiefst harmonische Sinneswelt, die ein Abbild des Logos, des sinnvollen Ganzen ist. Der Mensch bleibt in der Maschine nicht stecken; sie kann ihm nichts verstellen. Er greift durch die Kraft seines Ich durch sie hindurch auf die Wirklichkeit zu.


Digitaler Vorderhirnlappen und nächtliche Eskapaden


In der einen oder anderen Form holen uns unsere technischen Exkorporationen wieder ein. Vielleicht muss man nicht so weit gehen wie Rudolf Steiner, der in zukünftigen planetarischen Zuständen eine dämonische Auferstehung heutiger technischer Geräte visionierte: „Schaut Euch die riesenhaften Maschinen an, welche die menschliche Technik heute mit allem Scharfsinn konstruiert! In ihnen schafft sich der Mensch die Dämonen, die in Zukunft gegen ihn wüten werden. Alles, was der Mensch heute an technischen Apparaten und Maschinen sich erbaut, wird in Zukunft Leben gewinnen und sich dem Menschen in furchtbarer Weise feindlich entgegenstellen.“ [89]
Vielleicht muss man auch nicht so weit gehen wie Hans Jonas, der – nur zu verständlich in der Zeit des Kalten Krieges – eine erhebliche Gefährdung des ganzen Planeten heraufbeschwor. Vielleicht sind sogar unsere eigenen Befürchtungen überzogen, die einen baldigen Einzug der digitalen Apparate in den menschlichen Organismus beschrieben. Bleiben wir doch zum Schluss unserer Betrachtungen bei der „Instrumentierung der Lebenswelt,“ [90] wie sie sich heute darstellt.

Wie Richard Sietmann in seinem Aufsatz darstellt, sind heute „Heerscharen von Forschern“ [91] und Neuroinformatikern damit beschäftigt, in unsere Alltagsgegenstände intelligente Steuerungsmechanismen einzubauen. Die Neurotechnologie ist nur ein Spezialfall dieser Bemühungen; sie beschäftigt sich mit der Forschung an der „Schnittstelle zwischen Hirn und Computer.“ [92] Die Verschmelzung verschiedener Wissenschaftszweige (Nano- und Biotechnologie sowie Informationstechnik und Kognitionswissenschaft) nennt sich NBIC (Nano-Bio-Info-Cogno).

Zweifellos: Der Cyborg, das Zwitterwesen zwischen Maschine und Mensch, ist zumindest nicht mehr nur ein Thema für Science-Fiction Autoren.

Allerdings sind praktische Anwendungsmöglichkeiten noch rar gesät, wenn es um die Implantation der Mikrochips in den menschlichen Organismus geht. Interessanter sind Modelle des Ubiquitous [93] Computing, in denen die menschliche Umgebung mittels Computertechnik und vernetzter Rechner auf die individuellen menschlichen Bedürfnisse programmiert wird. So gibt es in den USA die Initiative Everyday Technologies for Alzheimer Care, wo es darum geht, dass „Menschen mit Gedächtnisstörungen (..) ihre Unabhängigkeit“ [94] behalten. Das bedeutet konkret, dass bei Alzheimer- Patienten in Zukunft ein erheblicher Teil einer zurückhaltenden Fürsorge, die dem Menschen seine Würde und Selbständigkeit lässt, von Netzwerken im Haus übernommen werden sollen. Dazu werden sämtliche Alltagsgegenstände wie Zuckerdosen, Tassen und Löffel mit Funketiketten versehen. Greift der Patient nach einer gewissen Anzahl solcher Gegenstände, folgert das Computernetzwerk daraus, was die Absicht des Patienten war. Und er wird durch eine Sprachausgabe daran erinnert, dass er sich gerade – beispielsweise - Tee machen wollte. Natürlich können zahlreiche Gefahrenelemente frühzeitig vom intelligenten Netzwerk vorhergesehen und vermieden werden. Unter dieser „voraussehenden Fürsorge“ wird möglicherweise auch für Demenzkranke ein erheblicher Teil selbständigen Lebens möglich werden. Forscher wie Müller-Schloer, Professor an der Universität Hannover, denken auch auf diesem Gebiet bereits an den Cyborg: Auch für ihn ist die sinnvolle Weiterentwicklung „der in den Körper implantierte Rechner.“ [95]

Und selbstverständlich soll das Projekt für Alzheimerpatienten nur der Anfang sein. Das Badezimmer soll unsere Gesundheit vollkommen überwachen, der Teppich soll durch die Schrittfolge die Bewohner des Hauses von eventuellen Einbrechern unterscheiden. Unsere Gefühle werden durch Atemfrequenz und Pulsschlag erfasst. Kein spontaner Wut- oder Freudeanfall, den das selbst lernende häusliche Netzwerk nicht registrieren würde! Schon reden die Wände beruhigend auf uns ein. Kein Tag, an dem wir unsere Blutdrucktabletten nicht nehmen, keine nicht angemeldeten Besuche von Freunden! Die freundliche Fürsorge unseres intelligenten Hauses wird uns „kafkaeske Kämpfe in der Alltagswelt“ bescheren, wir werden in einer nie geahnten Weise bevormundet werden, wenn unsere intelligente, lernfähige, aber nicht im Ansatz spontane Wohnumwelt nicht versteht, „dass der Popliebhaber vielleicht auch mal aus der Rolle fallen möchte und plötzlich Lust auf gregorianische Gesänge hat.“ [96]

Die Dämonen sind näher als wir glauben. Sie werden nicht zulassen, dass wir aus der Rolle fallen und nächtens die Fenster aufreißen wollen, um den Sternenhimmel zu betrachten. Wahrscheinlich lassen sie die Rollos herunter und verabreichen uns eine Schlaftablette.

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