Rosa Mayreder | Die Egoisten
Rudolf Steiner und die Frauen
Rosa Mayreder

Dass sich jeder seinen höchst eigenen Steiner strickt, ist nun nichts neues. Man erlebt es an allen Ecken und Enden, besonders aber in einem vielstimmigen biografischen Rundumschlag wie „Der andere Rudolf Steiner“1. Das Schöne ist, dass sich die Annahmen, Urteile, Interpretationen selbst von Zeitgenossen und Freunden Steiners vollkommen widersprechen.
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Schwüle Andeutungen

Nehmen wir Steiners alte Freundin Rosa Mayreder, die als frühe Frauenrechtlerin gilt. Dass Steiner stets in „glowing terms 2“ von ihr sprach, hat sie nicht davon abgehalten, ihn immer wieder mit geradezu verächtlichen Bemerkungen herab zu würdigen. Sicherlich hatte ihre Freundschaft in gewisser Weise Bestand; sie besuchte ja auch in Steiners theosophischer Lebensphase Vorträge von ihm. Sie war offensichtlich „someone who really didn´t understand him“3. Dass Steiner ihr trotz aller Differenzen freundschaftliche Treue hielt, bringt Lachman zu der Spekulation, er sei wohl „incredibly lonely“ gewesen, „accepting whatever companionship he could find, eben if it was with someone incompatible“4. Lachman deutet immer wieder Steiners angebliches Faible für ältere Frauen an. Auch Rosa Mayreder „was an older, accomplished, and fiercely independant woman“5, die ihn - nach Lachmans Spekulationen - attraktiv fand und ihn an seine Mutter erinnerte: „Was he seeking acceptance?6“ Wer weiß.

Offensichtlich entspricht Steiner nicht Lachmans Vorstellungen von jemandem, der klare, eindimensionale und widerspruchsfreie Beziehungen pflegt. Mayreder schätzte immerhin mindestens eine Seite an Steiner, da er „zuerst meine literarische Begabung anerkannte“7. Er hat sie also entdeckt, und zwar mit den Worten: „Sie begehen eine Sünde, wenn Sie Ihrer schriftstellerischen Begabung auch nur eine Minute durch die Malerei entziehen“8.


Die aufgekündigte Freundschaft

Allerdings ging Steiner mit ihren Manuskripten schlampig um. Beide hielten sich in ihren ersten Begegnungen für Theosophen, und beide hielten davon wenig. Steiner erklärte Theosophie schlechthin für „Schwachgeistigkeit“, die zudem „Gefahren für die geistige Entwicklung mit sich bringe“9. Für Rosa Mayreder muss es ein erster Schock in der Freundschaft zu Steiner gewesen sein, dass dieser Mann sich nach der Jahrhundertwende „selbst der theosophischen Bewegung“10 anschloss. Da bestand die Freundschaft schon über 10 Jahre. Von Jahr zu Jahr werden Mayreders Bemerkungen in Bezug auf Steiner giftiger; 1918 vergleicht sie ihn mit dem Insassen einer Irrenanstalt, 1922 erlebt sie auf einem Vortrag von ihm nur „leeres Gerede, Phrasen und „Andeutungen übersinnlicher Fähigkeiten“11.
Nach seinem Tod aber legt sie erst richtig los; die „Bilanz“ dieser 35 Jahre währenden Beziehung „bleibt trotzdem nichtig“. Lag dieses verheerende Urteil tatsächlich nur an dem theosophisch- anthroposophischen Schwenk ihres alten Freundes? Gab es, wie Lachman anzudeuten geneigt ist, gewisse amouröse, aber unerfüllte Ambitionen von ihr? 1936 schreibt Mayreder nochmals von ihm. Ihre Wut hat sich offensichtlich eher gesteigert. Sie äußert nun aber auch den Grund: Steiner habe in Bezug auf „zweifelhafte
Damenbesuche“ (..) „den Zubringer“12 für einen in ihren Augen mindestens ebenso zweifelhaften Freund gemacht. Er war in ihren Augen also ein sittenloser moralischer Tunichtgut, dem sie einen „Sprung“ in seiner Weltanschauung unterstellte.


Lustige Kumpane

Die gewisse moralische Indifferenz vor der Jahrhundertwende war schon deshalb nicht ganz von der Hand zu weisen, da Steiner mit seinen lustigen Kumpanen wie Otto Erich Hartleben einen „Verbrechertisch“ in einer Kneipe mehr oder weniger zu seinem Zuhause gemacht hatte. Hartlebens Notizen vermerkten, dass Steiner „seine Schlüssel vergessen (hatte), ist mit W… noch ins Cafe gegangen, ist Sonntag betrunken „heimgekommen“..“13 Hartleben trifft eine ältere Prostituierte namens Mathilde neben Steiner auf dem Sofa des Lokals: „und er erzählte, Mathilde sei eine sehr anständige Dame, sie dulde an ihrem Tisch keine unpassenden Reden und beantworte diese wortlos dadurch, dass sie dem Betreffenden sein vor ihm stehendes diverses Getränk über den Schädel gieße“14.
Es muss lustig zugegangen sein.


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1 Vögele (Hrsg): „Der andere Rudolf Steiner“, Dornach 20052
Gary Lachman, „Rudolf Steiner An Introduction to His Life and Work“ New York 2007
3 Lachman, S. 71
4 Lachman, S. 71
5 Lachman, S. 71
6 Lachman, S. 71
7 Vögele (Hrsg), S. 47
8 Vögele (Hrsg(, S. 47
9 Vögele (Hrsg), S. 48
10 Vögele (Hrsg), S. 48
11 Vögele (Hrsg), S. 50
12 Vögele (Hrsg), S. 51
13 Vögele (Hrsg), S. 86
14 Vögele (Hrsg), S. 88